Herakles – drei Nächte lang gezeugt und dann durch den Mund einer Dienerin geboren

Sowohl die Zeugung als auch die Geburt des Herakles dauerten länger als selbst in mythischen Zeiten üblich. Zur Begattung der Alkmene nahm sich Zeus, der bei dieser Verrichtung Alkmenens rechtmäßigem Gatten zum Verwechseln ähnlich sah, drei pausenlos aufeinander folgende Nächte, also etwa vierundzwanzig Stunden, Zeit. Dass der olympische Liebhaber während der triadischen Nacht wie Amphitryons Zwilling aussah, diente weniger der Täuschung der Empfängerin des göttlichen Samens, als vielmehr ihrer moralischen Entlastung. Ohne die Unwahrheit sagen zu müssen, konnte Alkmene später zu Protokoll geben, der Mann in ihrem Bett habe genau wie ihr Mann ausgesehen. Dass sie dabei nicht rot wurde, war ein kleines Kunststück, welches sie vollbrachte, indem sie die auratische Differenz, die von ihr sofort bemerkt worden war, konsequent außer Acht und unerwähnt ließ und so tat, als wären es nur die Form der Nase, die Farbe der Augen und die Länge des Bartes, die einen Mann vom anderen unterscheidbar machen.

Der von einem kurzen Auslandsaufenthalt zurückgekehrte Amphitryon tat anderntags seinerseits so, als würde ihn Alkmenes Erklärung überzeugen und zeugte in der darauffolgenden Nacht zur symbolischen Wiederherstellung seines Begattungsmonopols und als reales Gegengewicht zu Herakles dessen Bruder Iphikles. Dass sich die Knaben, obwohl sie ja keine echten Zwillinge waren, nach der Geburt zum Verwechseln ähnlich sahen, wunderte weder ihre Mutter Alkmene noch Amphitryon, den Vater und Stiefvater der beiden.

Bevor es aber zur doppelten Niederkunft kam, musste Alkmene, so wollten es die mit anwesenden schicksalsmächtigen Moiren, neun Tage und Nächte lang in den Wehen liegen. Wer darin eine kollektiv verhängte Strafe der Götter für Alkmenens verdeckten Ehebruch mit Zeus sehen will, neigt wohl auch sonst zu Verschwörungstheorien. Nein, es war Heras Schuld und die ihrer Helferin und deren Helfershelferinnen, dass die Mutter des Helden der Helden und seines relativ unbedeutenden und später im Kampf eher glücklosen Halb-Zwillingsbruders fast eineinhalb Wochen lang kreißen musste.

Hera war natürlich nicht entgangen, mit welcher Endlos-Serie von Geschlechtsakten ihr Götter-Gatte während dieser auffallend langen Nacht zeugend tätig gewesen war. Zumal er anschließend damit geprahlt hatte, nun werde einer zur Welt kommen, der als Stellvertreter Zeusens unter den Erdlingen diesen einmal zeigen werde, wo der Hammer hängt und was ein richtiger Kerl ist. Um der Gespielin ihres Mannes nun doch noch übel mitzuspielen und dem Zeugling von Anfang an zu demonstrieren, dass er unerwünscht war und es immer sein würde, beauftragte Hera ihre Tochter Eileithyia, die Geburt der beiden Uterus-Genossen so lange wie möglich hinauszuzögern. Dazu setzte sich Eileithyia, die für das Ge- oder Misslingen von Geburten zuständige Gottheit, mit ihren Freundinnen, den Morien, und mit gekreuzten Armen und Beinen vor die Tür der Wöchnerin, was dann auch die von Hera gewünschte kontra-natale Wirkung hatte.

Als nach neun Tagen und Nächten die Lage unerträglich geworden war und vollends zu eskalieren drohte, kam endlich Galinthias, eine Hausangestellte Alkmenes, auf die Idee, dass mit den seltsamen Frauen, die in merkwürdig in sich gekrümmter Haltung schon Gott weiß wie lange vor dem Kreißsaal saßen, etwas nicht stimmen könnte. Um die verdächtigen Gestalten aufzuscheuchen, rief sie laut, ihre Brotgeberin habe nun endlich, endlich einem Sohn das Leben geschenkt, was, kurz nachdem sich Eileithyia erstaunt und ungläubig erhoben hatte, auch den Tatsachen entsprach.

Dass Galinthias, die Erlöserin, schon eine Schrecksekunde später von der rachsüchtigen Hera in ein Wiesel verwandelt worden sei, ist wohl ein Ammen- oder Hebammen-Märchen, das auf dem volkszoologischen Irrtum basiert, Wiesel würden ihren Nachwuchs durch das Maul gebären. Herakles wäre demnach nicht nur aus dem Schoß der Alkmene, sondern auch aus dem Mund der Galinthias hervorgegangen.

Ein mörderischer Tanz ums goldene Haar des Pterelaos

Wenn schon ein einziges goldenes Haar unsterblich macht, dann muss die Loreley, die in Heinrich Heines Gedicht „mit goldenem Kamme“ ihr goldenes Haar kämmt, mehr als hunderttausendfach unsterblich gewesen sein, denn es ist kaum anzunehmen, dass mit dem Wort Haar am Ende der vierten Zeile der dritten Strophe jener bekannten Ballade ein einzelnes Haar der Loreley gemeint ist und nicht die blonde Gesamtfülle ihrer Lockenpracht.

Dass aber, wie gesagt, nicht nur eine herausragende künstlerische, wissenschaftliche oder sonstige Leistung, sondern schon das Herausragen eines einzigen goldenen Haares aus seiner Kopfhaut einen Mann unsterblich machen kann, ist eine mythologisch verbürgte Tatsache. Mit dem Vorhandensein eines singulären Gold-Haars waren nämlich im Falle des Pterelaos, König der Taphier, die Eigenschaften der Unbesiegbarkeit und der Immortalität leider Gottes nicht untrennbar, sondern, wie wir sehen werden, ausreißbar verbunden.

Die ganze Sache wäre trotz der üblichen populären Kampfszenen kaum des erzählerischen Hinsehens wert, wenn es sich bei den Mythen nicht um ein mafiöses und korruptionsverdächtiges Beziehungsgestrüpp handeln würde. Jeder kleinste Vorfall, und sei es auch nur der Verlust eines Haares, zieht Kreise, und zwar bis in die höchsten. So muss, wer Pterelaos sagt, eher früher als später auch Poseidon sagen und ihn Pterelaos‘ Vater oder auch Großvater nennen. Einig scheint man sich darüber zu sein, dass der Meeresgott selbst es war, der auf dem Kopf seines Sohns oder Enkels in einer Laune des Olymp das in Rede stehende goldene Haar wachsen ließ. Nicht ganz einig sind sich die Kolporteure, wenn es darum geht, unter welchen genealogischen Voraussetzungen Pterelaos das Haar und sein Leben wieder verloren hat.

Zweifellos war Amphitryon als einer der Haupttöter in den Fall verwickelt. Aber bei der Frage, wer Amphitryon in Wahrheit war, sagen die einen dies, die anderen etwas anderes. War er der Bruder von Elektryon, dem König von Mykene oder war er nicht vielmehr der Bruder von dessen Frau Anaxo, also sein Schwager? Als gesichert kann gelten, dass er irgendwann doch noch seine Nichte Alkmene geheiratet hat, die, auch darüber besteht Einigkeit, die Tochter von Elektryon gewesen ist. Strittig bleibt eben nur, ob Alkmene in der Gestalt ihres Onkels Amphitryon den Bruder ihrer Mutter oder den ihres Vaters zum Mann genommen hat. Ein Sowohl-als-auch kann ausnahmsweise ausgeschlossen werden.

Etwas verfrüht war gerade vom Heiraten die Rede. Verfrüht deshalb, weil zuvor noch Formalitäten zu erledigen waren. So musste eine von Pterelaos, dem Mann mit dem Gold-Haar, gestohlene Viehherde nach Mykene zurückgebracht und der Tod der im Kampf gegen nämlichen Pterelaos gefallenen Söhne des Brautvaters, bei denen es sich zugleich um die Brüder der Braut und die Neffen und zukünftigen verstorbenen Schwäger des Bräutigams handelte, gerächt werden. Ersteres ging dank einer Löse- oder Schmiergeldzahlung relativ reibungslos vonstatten, mit letzterem tat Amphitryon sich verständlicherweise schwer, denn sein Gegner Pterelaos war wegen des goldenen Haars, das ihm Sieg und Leben garantierte, unüberwindlich und unsterblich. Dass das störende Haar von selbst ausfiel, war erst mittel- bis langfristig zu erwarten, also musste es ihm jemand ausreißen.

Das Ausziehen oder Ausreißen oder Abschneiden von Haaren, man denke unter anderem an die etwa zur selben Zeit spielende biblische Geschichte von Samson und Delilah, war damals noch Frauensache. Zum Glück für Amphitryon hatte Pterelaos eine rothaarige Tochter namens Komaitho, das heißt nämlich soviel wie „flammendes Haar“, die sich in den Haupt- und Todfeind ihres Vaters verliebte. So kommst du mir nicht aufs Schlachtfeld, sagte Komaitho zu ihrem Vater Pterelaos, erst muss ich dir noch die Haare schneiden. Anstatt wie gewöhnlich am goldenen Haar der Haare nur die Spitze nachzuschneiden, riss sie es mitsamt der Wurzel aus und behauptete, es sei ein graues gewesen. Den Rest kann man sich denken, es war die übliche mythologische Mischung aus Blut und Schweiß, Sperma und Tränen.

Bleibt zu erwähnen, dass sich diese Ereignisse im Vorfeld der Geburt des Herakles abgespielt haben. Nur um Alkmene, die zukünftige Mutter des Schlagetots zur Frau zu bekommen, hatte Amphitryon den mörderischen Tanz ums goldene Haar des Pterelaos mitgetanzt und im Eifer des Gefechts auch noch die in ihn verschossene Komaitho erschlagen, wahrscheinlich ohne zu ahnen, dass er ihr, wenn nicht sein Leben, so doch den Tod seines Hauptwidersachers verdankte. Und dann geht Alkmene mit Zeus ins Bett, um am Ende der amerikanischen Filmindustrie die Vorlage für Superman zu liefern! Aber das ist eine andere Geschichte, die mit dem goldenen Haar des Pterelaos allenfalls beziehungsgestrüppmäßig etwas zu tun hat.

Wie die Oberen in einem gigantischen Gemetzel einmal mehr ihre Herrschaft behaupten konnten

Der Unterschied zwischen der Gigantomanie, von der einer befallen und einer Gigantomachie, in die er hineingeraten ist, gleicht dem zwischen dem Turmbau zu Babel und einem Sturz von der Aussichtsplattform des fertiggestellten Gebäudes. Gigantomachie! Was für ein klangvoller Name für den kläglichen Untergang einer ganzen mythologischen Spezies. Aber was bluttriefend begann, musste offenbar in einem Blutbad enden.

Als in vorolympischen Zeiten Kronos, der Titan, auf Geheiß seiner Erden-Mutter Gaia seinen Himmels-Vater Uranos mit einem Sichelschwert entmannte, tropfte das Blut (und es muss dabei viel Blut geflossen sein) der abgeschnittenen Begattungsteile auf die Erde, wurde von dieser empfangen und verwandelte sich, Ironie des Schicksals, in die Giganten. Merke: Bei empfängnisverhütenden Maßnahmen sollte man darauf achten, dass diese selbst nicht zur Ursache ungewollter Schwangerschaften werden. Andererseits kamen die gigantischen Giganten der Gaia gerade recht, denn, das wusst sie schon jetzt, sie würde mit den kommenden Olympiern eines Tages noch eine Rechnung zu begleichen haben.

Worin genau der Groll der Ge oder Gaia gegen ihre Götter-Kinder seinen Urgrund hatte, ist umstritten. Wahrscheinlich handelte es sich um einen veritablen Kränkungskomplex, dessen Analyse hier nicht geleistet werden kann. Üblicherweise wird behauptet, sie wollte sich rächen für die Verbannung der von den Göttern besiegten Titanen, welche gleichfalls ihre Kinder waren. Möglicherweise ging es auch um die Tötung eines ihr ans Herz gewachsenen Ungeheuers namens Aigis durch Pallas Athene. Oder, wofür psychologisch gesehen einiges spricht, sie konnte den Göttern nicht verzeihen, dass sie in kollektiver Nestflucht zuhause ausgezogen waren und ein Leben auf dem Olymp dem Verbleib bei und auf Mutter Erde vorgezogen hatten. Nicht ganz ausgeschlossen werden kann schließlich eine im Falle Gaias vorliegende Coelophobie, was bedeuten würde, dass alles, was wie der Himmel Uranos über und auf ihr lag, bei Mutter Erde eine Mischung aus Angst und aggressiver Aversion auslöste. Da die Götter nun den himmlischen Sphären angehörten, hätte dies auch für sie gegolten.

Fairerweise muss man zugeben, dass es nicht die Olympier gewesen sind, die den Streit mit den Giganten angezettelt haben. Es ist in mehrfacher Hinsicht eine Verdrehung der mythologischen Tatsachen, wenn der Schriftsteller Peter Weiss in seiner Ästhetik des Widerstands schreibt: „Mit Steinen nur können sie“, die Giganten, „sich wehren gegen die Gepanzerten und Schwerbewaffneten, sie knien, kriechen, sie zerbrechen und fallen ins aufgerissene Straßenpflaster, preisgegeben den Wasserkanonen, Gasgranaten und Maschinengewehren.“

So schwer bewaffnet und olymphoch überlegen wie der antikapitalistische Sänger in seinem pro-proletarischen Furor behauptet waren die Götter keineswegs. Als die Giganten unter Führung von Eurymedon losschlugen und damit die Gigantomachie ihren Anfang nahm, taten sie dies unter Verwendung von gewaltigen Felsbrocken und brennenden Eichen, was den Einsatz der von Peter Weiss monierten Wasserwerfer allemal rechtfertigen würde. Andere mythologische Kriegsberichterstatter wollen in den Händen der Giganten lange Speere gesehen haben, während die Göttinnen und Götter nur mit dem kämpften, was sie gewohnheitsmäßig mit sich führten, also Pfeil und Bogen, Fackeln, rotglühende Eisen und natürlich Blitz und Donner.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass auf Seiten der Götter der von Zeus inkognito gezeugte Herakles am Kampf teilnahm und den Giganten zusammen mit seinem Vater wahrscheinlich die entscheidenden Verluste beibrachte. Alkyoneus wurde von Herakles ebenso mit einem Pfeil niedergestreckt wie Porphyrion. Und zusammen mit Apollon tötete er Ephialtes, indem die beiden in einer Parallelaktion die Augen ihres Gegenübers mit Pfeilen durchbohrten. In einem Orakelspruch war den Göttern nämlich von den Göttern geweissagt worden, sie würden aus der Gigantenschlacht nur dann als Sieger hervorgehen, wenn sie Verstärkung durch einen Sterblichen erhielten, nicht zuletzt deshalb, weil Giganten von Göttern nicht getötet werden könnten, was sich dann aber nur in Einzelfällen als zutreffend erwies. Bei Peter Weiss ist Herakles übrigens ein früher Repräsentant des Proletariats, was bedeuten würde, dass er sich in der Gigantomachie von der herrschenden Götter-Klasse für ihre Zwecke hat korrumpieren und instrumentalisieren lassen – ein Verdacht, der durch Herakles‘ postmortale Entrückung in den Olymp und seine Vermählung mit Hebe, der Göttin der Jugend, bestätigt zu werden scheint.

Glaukos und Polyidos oder: Man sollte seinem Lehrer auch und gerade dann nicht in den Mund spucken, wenn dieser einen dazu auffordert

Damit er die von ihm erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten in der Kunst der Futurospektion niemals wieder vergessen und verlieren werde, müsse er, der Schüler, ihm, dem Lehrer, zu guter Letzt noch in den Mund spucken, sprach der Seher und Lehrer Polyidos zu seinem Adepten Glaukos. Und auch dieses Mal befolgte Glaukos folgsam die Anweisung seines Mentors und spuckte ihm aus geringer Entfernung in den weit geöffneten Mund. Erst als Polyidos schon wieder in seiner Heimatstadt Argos im Nordosten der Peloponnes angekommen war, bemerkten Minos, König von Kreta, und sein Sohn Glaukos, dass der zwangsverpflichtete Meister-Seher die gerade erst erworbenen prospektiven Fähigkeiten seines Schülers zusammen mit dessen Spucke in sich zurück genommen haben musste, denn bei Glaukos war davon keine Spur mehr vorhanden.

Alles hatte damit begonnen, dass der Knabe Glaukos eines Abends von seinen üblichen Streifzügen durch Knossos nicht wieder nach Hause gekommen war. Nachdem man lange vergeblich nach ihm gesucht hatte, ließ Apollon die Eltern – König Minos und seine Frau Pasiphaë – wissen: wer für die in Minos‘ Stall stehende kuriose Kuh, die dreimal am Tag die Farbe wechselte, einen treffenden Vergleich finde, werde auch den Vermissten finden und ihn letztlich unversehrt an seine Eltern zurückgeben.

Die ortsansässigen Schamanen, Veterinäre, Viehtreiber und Philologen zeigten sich der Aufgabe nicht gewachsen. Erst der im antiken Griechenland weltberühmte Geister- und In-die-Zukunft-Seher Polyidos aus dem fernen Argos verglich in einem gleichfalls weit hergeholten Vergleich die Trikolore-Kuh mit einer Brom- oder Maulbeere, was von Minos für treffend genug gehalten wurde, um Polyides in apodiktischer Manier mit der Wieder-Herbeischaffung seines Sohnes zu beauftragen.

Nachdem ein Seeadler und eine Eule ihm den Weg gewiesen hatten, fand der Seher Glaukos‘ leblosen Körper in einem mit Honig und Glaukos gefüllten Honig-Fass. Bei der Verfolgung seines Balls war der Junge erst in einen Keller und dann in das darin befindliche Fass geraten und einen ungeachtet seiner Süße unangenehmen Tod oder Scheintod gestorben. Alle Wiederbelebungsversuche blieben zunächst erfolglos.

Da ihm von Apollon prophezeit worden war, dass er seinen Sohn unversehrt zurückerhalten werde, war für Minos der Auftrag, den er Polyidos erteilt hatte, noch nicht ausgeführt. Um ihm Gelegenheit zu geben, die Sache ordnungsgemäß zu Ende zu bringen, ließ Minos den Seher zusammen mit seinem bis auf weiteres toten Sohn in die Grabkammer einmauern. Als eine von Polyidos im Halbdunkel der Gruft erschlagene Schlange durch eine zweite Schlange unter Verwendung einer Kräuter-Packung wiederbelebt wurde, gelang es Polyidos in analoger Weise auch den tot geglaubten Glaukos zu reanimieren.

Gewissermaßen zur Belohnung wurde Polyidos ein Ausbildungsvertrag zur Unterschrift vorgelegt. Innerhalb von drei Jahren sollte er Glaukos bei freier Kost und Logis zum Futurologen qualifizieren. Als Polyidos fragte, ob er stattdessen vielleicht auch nach Hause gehen dürfe, erhielt er zur Antwort, dies sei eines jener Angebote, die man nicht ablehnen könne. Polyidos schickte sich in sein Schicksal, aß während der Lehrzeit ein ganzes Fass Honig leer und freute sich auf seine Rache, die entweder süß oder Blutwurst, nach soviel Honig wahrscheinlich die bessere Alternative, sein würde.

Die Heilige mit den zwei Köpfen – ein Ausflug in die postmythische Mythologie

Bevor du dich mit deinen Freundinnen triffst, wischst du bitte noch die Tische ab und fegst die Scherben auf dem Boden zusammen, Helena. Der so sprach, war nicht König Tyndareos, der Adoptivvater jener aus einem Schwanen-, womöglich auch Gänseei geborenen Spartanerin, um die dann der Trojanische Krieg geführt werden sollte. Sondern es war ein heute namenloser Gastwirt im Weiler Drepanon, gelegen am östlichen Zipfel des Marmarameers, schräg gegenüber von Byzantion, dem späteren Constantinopolis und dem noch späteren Istanbul.

Als die Tochter des Kneipenbesitzers 249 Jahre nach Christi Geburt geboren wurde, deutete nichts darauf hin, dass sie einmal die Mutter des römischen Kaisers Konstantin I. oder des Großen sein würde, dem zu Ehren Byzantion 337, einige Jahre nach Helenas Tod, in Constantinopolis umbenannt werden sollte, und dass der Portugiese João da Nova im Jahr 1502 einer heute nur noch mit Gras, Büschen und ein paar Häusern bedeckten Insel im Südatlantik ihren Namen geben würde.

Vielleicht hat die Plünderung und Zerstörung Byzantions durch die Goten im Jahre des im Aufstieg begriffenen Herrn 258, also um Helenas neunten Geburtstag herum, ihre Eltern veranlasst, Drepanon zu verlassen und ins 800 Kilometer entfernte Naissus im heutigen Serbien überzusiedeln, um dort erneut gastronomisch tätig zu werden. In Naissus jedenfalls begegnete die gleichfalls schöne Helena als Betreiberin einer Herberge um das Jahr 275 herum dem Römer Constantius, der erst der Vater ihres Sohnes Constantinus und einige Jahre später römischer Kaiser wurde, weshalb er sich beizeiten nach einer standesgemäßeren Frau an seiner Seite umsehen musste. Das hinderte Helena aber nicht daran, mit ihm und ihrem gemeinsamen Sohn nach Trier zu gehen, wo sich heute noch (beziehungsweise wieder) ihr Kopf oder, wie es diskreter heißt, ihre Kopfreliquie befinden soll. Einen anderen ihrer Köpfe verehrt man seit dem neunten Jahrhundert in Hautevillers bei Epernay in der Diözese Reims. Heute ist Helena eine Heilige, ohne dass sie je heilig gesprochen worden wäre – im ersten Jahrtausend nach Christus war Heiligkeit noch etwas Naturwüchsiges: theomorph war, wer gewohnheitsmäßig angebetet wurde.

Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte, die hier nicht erzählt werden soll. Der bald nach Helenas Tod in Trier geborene Kirchenvater und Bischof von Mailand Ambrosius sagt, Christus habe sie „von der Miste auf den Thron erhoben“. Kam die profan geborene christliche Helena den höheren Sphären im Lauf ihres Lebens und erst recht nach ihrem Tod immer näher, kann bei ihrer mythologisch bezeugten Namensschwester eine Art Gegenbewegung nicht gänzlich in Abrede gestellt werden. Gezeugt von Zeus, dem Gott unter den Göttern, dann aufgewachsen als Königstochter, wurde sie schon bald zum umkämpften Beutegut im üblichen Rahmen viril-martialischer Auseinandersetzungen, um in späteren Jahren ein mythologisch unauffälliges Leben an der Seite ihres ersten Mannes Menelaos zu führen – sowohl in mythischen als auch in frühchristlichen Tagen wahrscheinlich nicht die schlechteste Art, die Zeit zu verbringen, die auf Erden uns gegeben ist.

Während die spartanische Helena anscheinend keine übernatürlichen Fähigkeiten besaß, geschweige denn besitzt, heißt es von der zur Halbgöttin avancierten Gastwirts-Tochter aus Drepanon in Melchers‘ Großem Buch der Heiligen: „Sie beschützt uns vor Blitz und Feuersgefahr; sie hilft bei der Entdeckung von Diebstählen.“

Zwei zeitweilige Entführungen und ein noch nicht diagnostizierbarer Fall von paranoider Schizophrenie

Kein Sitzfleisch hat, wie man so sagt, der oder die, die oder der es nicht lange im Sitzen aushält, weshalb die unter einem Mangel an Sitzfleisch Leidenden weder eine Karriere als Akademiker noch eine als Taxifahrer (was in bestimmten Studienfächern mitunter auf dasselbe hinausläuft) anstreben sollten.

Nicht mehr im vollen Besitz seines Sitzfleischs war im wörtlichen Sinn Peirithoos, nachdem er von Herakles unsanft, da notgedrungen gewaltsam von seiner Sitzgelegenheit getrennt, um nicht zu sagen: abgetrennt worden war. Peirithoos‘ halber Hintern blieb an der Meditations-Bank hängen, auf der er eine unbestimmbare Zeit lang neben seinem Freund Theseus gedankenverloren und in unterweltvergessener mentaler Leere gesessen hatte. Nun stand diese Bank aber nicht irgendwo, sondern der Sage und mancherlei Schreibe nach im Hades, gleich links jenseits der Eingangstür.

Herakles war jedoch nicht gekommen, um die beiden Angewachsenen aus Ihrer auf Dauer gestellten meditativen Zwangs-Lage zu befreien – das erledigte er en passant und für ein Vergelt’s Zeus. Der wahre Grund für seinen Abstieg in die Unterwelt war, dass er den dreiköpfigen Höllenhund Kerberos mitnehmen wollte. Hades, der Hundehalter, hatte sein Einverständnis gegeben, nachdem Herakles versprochen hatte, das Tier beziehungsweise Untier nach spätestens drei Tagen wieder zurückzubringen. Was das Ganze eigentlich sollte, war schwer zu sagen. Dass es als unmöglich galt, den Kerberos aus dem Hades zu holen, hatte den arglistigen Eurystheus, König von Argos, wahrscheinlich dazu veranlasst, eben dieses von Herakles zu verlangen.

In insgesamt zwölf Fällen das Unmöglich möglich zu machen, war das, was das Delphische Orakel Herakles in einer Sprechstunde geraten oder verordnet hatte. Konkret gesagt: Zwölf Jahre lang sollte er Eurystheus dienen und in diesem Jahrzwölft zwölfmal das tun, was dieser von ihm verlangte, nämlich einen kaum zu erlegenden Löwen erlegen, den damals schon sprichwörtlich gewordenen Rinder-Saustall des Augias ausmisten und so weiter und so fort bis hin zum Herbeischaffen von Kerberos, dem Wachhund am Eingang zur Unterwelt. Und das alles nur deshalb, weil Herakles in paranoider Verblendung seine Frau Megara und die gemeinsamen Kinder umgebracht hatte. Anstelle von Neuroleptika verschrieb Pythia, die Chef-Priesterin des Orakels, in Vorwegnahme der homöopathischen Behandlungsmethode absurde Taten als Mittel gegen die psychischen Folgen einer absurden Tat.

War es bei Herakles letztlich oder erstlich seine, wie man heute sagen würde, in wiederkehrenden Schüben zum Ausbruch kommende paranoide Schizophrenie gewesen, die ihn in den Hades geführt hatte, so waren Theseus und sein Freund Peirithoos im unterirdischen Jenseits nur deshalb mit dem Hintern an ihren Sitzplätzen angewachsen, weil Peirithoos sich ein Tête-à-Tête mit Persephone, der Gattin des Hades und Co-Göttin desselben, in denselben, also in den Kopf gesetzt hatte. Da der Freund dem Freunde zuvor dabei geholfen hatte, die noch nicht zur Miss Antike avancierte Helena zeitweise und wie zur Gewöhnung ans Entführt-Werden zu entführen, wollte nun auch Theseus Peirithoos zur Seite stehen, wenn dieser im Hades vor Hades trat, um ihn zu fragen, ob er ihm nicht seine Frau für ein oder zwei Stunden zur Verfügung stellen würde. Hades sagte weder ja noch nein, sondern bat die beiden präpotenten Knallköpfe, doch für einen Moment Platz zu nehmen, während er sich bei Persephone erkundigen wolle, was sie von Peirithoos‘ Ansinnen halte.

Aber was heißt es im Jenseits der Unterwelt schon, für einen Moment Platz zu nehmen. Tausend Jahre sind bekanntlich für (einen) Gott wie der gestrige Tag. Und da man im Hades nicht mehr sterben kann, säßen sie dort heute noch, wäre nicht zufällig mit Herakles ein dritter Irrer vorbeigekommen, um der Idiotie ein Ende zu bereiten, indem er die beiden vom Hocker riss. Peirithoos musste dabei Federn in Form von Sitzfleisch lassen, Theseus scheint die Operation unbeschadeter überstanden zu haben, wobei einige Märchenerzähler sagen, es sei genau anders herum gewesen.

Kleine Musen-Kunde

Neun Nächte lang schwelgte Zeus an und in der Erinnerung, deren mythischer Name Mnemosyne lautete, und die eine Tochter von Uranos und Gaia, also eine Titanin und Schwester von Zeus‘ Vater Kronos war. Ein Jahr später gebar Mnemosyne ihrem Neffen, aber ebenso uns allen, die neun Musen, als da waren und sind: Klio („die Rühmende“), zuständig für Geschichtsschreibung im Allgemeinen und Helden-Gedenken im Besonderen; Euterpe („die Erfreuende“), Göttin der Lyrik und der Lyra, allgemeiner: der Tonkunst; Thalia („das blühende Glück“) war anscheinend die Komödiantin unter den Musen; Melpomene („die Singende“) hat viel Unglück und Leid gesehen und besungen, vorzugsweise als Tragödin auf der Bühne; Terpsichore („die Tanzfreudige“) – sie soll erst das Tanzen und später den Tanz ums Goldene Kalb der Wissenschaftlichkeit erfunden haben; Erato („die Liebreiche“) – Liebesgedichte, Lovesongs und Balz-Tänze fallen in ihr Resort (da scheinen Konflikte mit Euterpe und Terpsichore vorprogrammiert zu sein); Polyhymnia („die Hymnenreiche“) ist die Spezialistin für Hymnen, also für sakrale und profane Lobgesänge, unter den Musen; Urania ist nach ihrem Groß- und Urgroßvater Uranos (soviel wie „Himmelsgewölbe“) benannt, daher die Muse der Astronomie und damit womöglich auch der Astronomen; Kalliope („die Schönstimmige“) ist die Muse der Wissenschaft, der Philosophie, der Saiteninstrumente sowie der epischen und der elegischen Dichtung – vielleicht ein bisschen viel für eine einzige Muse, zumal schon einige ihrer Schwestern ähnliche Kompetenz-Felder für sich reklamieren. Aber für das Musische im engeren Sinn können niemals zu viele Musen zuständig sein – wenigstens eine wird dann hoffentlich bei Bedarf in Kuss-Laune sein.

Penelope coniunx semper Ulixis ero

„Als Penelope werde ich immer die Gattin des Odysseus sein“, schrieb der Frauen-Versteher Ovid noch zu Lebzeiten von Jesus Christus in der Maske des mythischen Vor- und Urbilds der beharrlich Ausharrenden, um nicht zu sagen: der eisern Wartenden. „Liebe ist eine Angelegenheit der Sorge und der Angst“, lässt er Penelope an den von ihr wiederholt saumselig Genannten schreiben. Und lässt für seine realen Leser im fingierten Brief der mythologisch verbürgten Verfasserin den Kampf um Troja, im Brief auch Ilion genannt, in prominenten Szenen Revue passieren.

Denn obschon sie von ihrem Mann selbst seit dessen Abreise aus Ithaka keine Nachricht mehr erhalten hatte, war die Witwe, die keine war, durch die Berichte anderer, also aus zweiter Hand und drittem Mund, auf dem Laufenden gehalten worden: „Aber was nützt es mir, dass Ilion durch euch zerstört wurde, und dass seine Mauern nun dem Erdboden gleichgemacht sind, wenn ich immer noch warte, wie ich schon wartete, als Troja noch standhielt, und mein Mann in der Ferne bleibt, so dass ich ihn nachhaltig entbehren muss“?

Da wäre es doch beinahe besser, schreibt Penelope, wenn der Krieg noch andauern würde: „Dann wüsste ich, wo du dich mit wem schlägst und fürchtete nur den Ausgang der Kämpfe.“ Also lieber um sein Leben bangen, als nicht wissen, wo er sich herumtreibt. Testosteron gesteuert, wie die Männer sind, werde er womöglich von einer Affäre in der Fremde an die Fremde gefesselt sein, mutmaßt Penelope vor allem deshalb, weil Ovid wusste, dass sie damit vollkommen richtig lag. Hinter Ovid dem Frauen-Versteher wird Ovid der Männer-Experte erkennbar, der noch dazu mythologisch informiert gewesen ist.

Über einen noch nicht vorhandenen Brief und ein nicht mehr zustande gekommenes Gerichtsverfahren

Vor dem falschen Vorwurf der sexuellen Belästigung oder der versuchten, wenn nicht vollzogenen Vergewaltigung sind nicht nur Wetter-Moderatoren nicht sicher. Das mythologische Urbild des zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs Bezichtigten ist Hippolytos, Sohn des Theseus und der Amazone Hippolyte oder auch deren Amazonen-Schwester, -Tochter oder -Freundin Antiope. Etwas von einer Amazone hatte auch die Göttin der Jagd Artemis, zu der sich Hippolytos in quasi ödipaler, doch ganz und gar platonischer Verehrung entschieden stärker hingezogen fühlte als zu seiner Stiefmutter Phaidra, von der er so gar und ganz nichts wissen wollte.

Phaidra, die gebürtige Kreterin, war die Schwester von Ariadne, die Theseus, damals noch Prinz von Athen, dabei geholfen hatte, den Minotauros unschädlich zu machen. Anstatt Ariadne, wie es sich wohl gehört hätte, zu heiraten, fuhr Theseus nach einem Halt auf der Insel Naxos ohne die zunächst mit an Bord genommene Tochter des Minos auf und davon.

Zur Hochzeit mit Ariadnes Schwester Phaidra, sie war wohl aus freien Stücken das, was man ein Mauerblümchen nennt, kam es später wahrscheinlich aufgrund außenpolitischer Erwägungen, das heißt, um Feindseligkeiten zwischen Kreta und Athen eher unwahrscheinlich oder doch wenigstens etwas weniger wahrscheinlich zu machen.

Dann aber begegnet Phaidra Hippolytos, Theseus‘ Sohn aus seiner ersten Ehe mit der einen oder der anderen Amazone. Und da ihr die passenden Worte nicht über die Lippen kommen wollen, schreibt sie ihm einen der von Publius Ovidius Naso um die vorvorletzte Jahrtausendwende erfundenen Heroinen-Briefe. Vielleicht ahnte Phaidra immer schon, dass ihre Liebe nicht auf Gegenliebe stoßen würde, da sie gleich in der Einleitung zu bedenken gibt: „Der Feind sieht sich auch ein Schreiben an, das er von einem Feind erhalten hat“ und diagnostiziert gleichwohl bei sich selbst „eine heftige Liebe“, die ihr „tief in den Knochen“ sitze. Hippolyts für andere „hartes und grimmiges Gesicht“ sei in ihren Augen „nicht hart, sondern kraftvoll“. Und: „Fern bleiben sollen mir die wie eine Frau frisierten jungen Männer! Männliche Schönheit verlangt danach, nur in Grenzen gepflegt zu werden. Dir steht deine Strenge und die unordentlich fallenden Haare und der leichte Staub auf deinem erlesenen Gesicht.“

Die, wenn man so will, inzestuös anmutende Mutter-Sohn-Beziehung zwischen ihr und dem unehelichen Sohn ihres Ehemanns hält Phaidra zum einen für moralisch vertretbar und zum anderen für einen Camouflage-Vorteil: „Unsere Schuld wird unter dem Deckmantel der Verwandtschaft verborgen werden können. Selbst wenn jemand unsere Umarmungen sieht, werden wir beide gelobt werden und ich werde eine meinem Stiefsohn in Treue ergebene Stiefmutter genannt werden.“ Ihr neuer, verbotener Verkehr würde dem alten, sozial akzeptierten Umgang zum verwechseln ähnlich sehen: „Wie ein und dasselbe Haus uns beherbergt hat, so wird ein und dasselbe Haus uns weiter beherbergen. Du gabst mir unverhohlene Küsse und du wirst mir weiterhin unverhohlene Küsse geben.“ Die zum Ehebruch Entschlossene geht sogar so weit, ihrem Liebhaber in spe anzukündigen: „Du wirst zusammen mit mir sicher sein und wirst dir noch durch deine Schuld Lob verdienen, selbst wenn man dich in meinem Bett erblicken wird.“

Doch für Phaidra und Hippolyt galt nun einmal nicht, dass sein Anker ihrem Strand versprochen war, wie es in einem anderen Ovid-Brief heißt. Als Phaidra feststellen muss, dass weder ihre (also Ovids) werbenden Worte noch die Aussicht auf einen kretischen Insel-Palast Hippolytos dazu bewegen können, dem erotischen Begehren seiner Stiefmutter leiblich und seelisch entgegen zu kommen, bringt sie sich kurzerhand um – nicht ohne zuvor in einem finalen Brief, adressiert an ihren, Eros oder Amor sei’s geklagt, nicht gehörnten Ehemann, Hippolytos des unziemlichen Verhaltens ihr gegenüber bezichtigt zu haben.

Auf der Flucht vor seinem Vater hat Hippolytos dann zur kreativen Schaden-Freude späterer Maler und Bildhauer einen tragischen Unfall mit seinem Pferde-Rennwagen. Wäre es, wie im Fall des eingangs erwähnten TV-Moderators, stattdessen zu einem Prozess wegen Vergewaltigung oder sexueller Belästigung gekommen, hätte Ovids Brief den Angeklagten entlasten und zu seinem Freispruch führen können. Vorausgesetzt, Hippolyt wäre noch im Besitz des Briefes gewesen und er, der Brief, hätte zum fraglichen Zeitpunkt bereits existiert und wäre nicht erst ein paar hundert Jahre später nicht aus erotischen, sondern aus literarischen oder ero-literarischen Gründen geschrieben worden.

Wie aus einem Mythos durch Weglassen der Umbringerei eine Shakespeare-Komödie wurde

„Wir sollten die ganze Umbringerei weglassen“, sagt Puck, Hofnarr des Elfenkönigs Oberon, in der ersten Szene des dritten Akts von William Shakespeares Ein Sommernachtstraum und erweist damit seinem Zweitnamen Robin Goodfellow die ihm gebührende Ehre. Doch leichter gesagt als getan, wenn es sich bei dem Stoff, der zur Aufführung kommen soll, um einen mythologischen handelt.

Theseus, König oder (bei Shakespeare) Herzog von Athen, beabsichtigt, Hippolyte oder (bei Shakespeare) -ta zu ehelichen. Leichter annonciert als vollzogen, wenn es sich bei der Braut um eine Amazone handelt, könnte man meinen. Doch war von ihrer Seite weder in Shakespeares fiktivem Spiel noch in Wirklichkeit, also im Mythos, mit ernst gemeintem Widerstand zu rechnen. Im Gegenteil: Um Theseus nach Athen zu folgen, hatte Hippolyta oder -te ihre Lebensgefährtin Antiope verlassen. Was diese nicht einfach nur hinnehmen wollte. Denn Amazonen verlässt man oder frau nicht so ohne weiteres. Ob Antiope bei ihrer geplanten Strafaktion gegen Athen auf einen Sinneswandel Hippolytes hoffte, oder ob sie es ihr und ihrem Neuen einfach nur heimzahlen wollte, sei dahingestellt.

Da der Begriff des Mythos ein dehnbarer ist, der für inhaltliche Varianten viel bis allzu viel Spielraum lässt, sollte man weder Shakespeares Bühnen-Fassung noch das vom zeitgenössischen Zeitgeist durchwehte Narrativ von der homoerotischen Beziehung zwischen den streitbaren Damen für die mythologische Wahrheit halten. Wahr ist, was stimmig zu sein scheint.

Auch für wahr gehalten wurden Geschichten, in denen Antiope als Schwester oder Tochter von Hippolyte auftrat (was eine lesbische Verbindung natürlich nicht ausschloss) oder Antiope es war, die von Theseus nach Athen mitgenommen oder entführt wurde. In einem Artikel eines nicht mehr wegzudenkenden Online-Lexikons liest sich das unter der Überschrift „Antiope (Amazone)“ so: „Nach Pausanias ist sie die Schwester der Amazonenkönigin Hippolyte, der Gattin des Theseus. Nach Servius ist sie Hippolytes Tochter, nach Hyginus war sie eine Tochter des Ares und wurde wegen eines Orakelspruchs von Theseus getötet. Theseus überbrachte ihr ein Geschenk von Herakles, woraufhin sie später an seiner Seite gegen die in Attika einfallenden Amazonen kämpfte und ihren Tod fand“ – von wegen: die ganze Umbringerei weglassen.