Wir legen uns ein Adonisgärtchen an

Wer übrigens nach Anfang Juni, also vor der sogenannten Sommersonnenwende, noch kein Adonisgärtchen hat, sollte sich umgehend eines anlegen. Man benötigt dazu nur einen mit Erde gefüllten Blumentopf oder Balkonkasten. Dahinein säe man die rasch keimenden Samen einiger schnell ins Kraut schießender und alsbald wieder vergehender Pflänzlein – in jedem Baumarkt kann man sie bekommen. (Man sage aber der Verkäuferin, falls man eine findet, nicht, dass man die Samen in einem Adonisgärtlein aussäen wolle. Sie würde einen nur verständnislos ansehen oder, so man männlichen Geschlechts und nicht ihr Typ ist, Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten.) Die symbolische Bedeutung eines Adonis-Topf-Gartens liegt ebenso auf der Hand wie auf der Zunge, ich sage hier nur: Werden und Vergehen.

Der bildhübsche Adonis war nämlich auch kaum geworden, als er schon wieder verging, jedoch nicht ohne dass Aphrodite und Persephone Gelegenheit gefunden hätten, sich in ihn zu verlieben und um ihn zu zanken. Zeus sprach ein Machtwort und sagte zu dem frühreifen Bürschlein: Bis drei wirst du ja wohl schon zählen können. Also verbringst du ein Drittel des Monats bei Aphrodite im siebten Himmel der Liebe, während des zweiten Drittels lässt du dir von Persephone die lauschigsten Winkel des Hades zeigen und im letzten Drittel machst du, was du willst. Aber geh nicht in den Garten des Ares, denn das wäre für dich mit Einsichten und Erkenntnissen verbunden, die du dir so lange wie möglich ersparen solltest.

Nachdem Adonis wie befohlen erst zehn Tage und Nächte bei Aphrodite und dann von ihm geschätzte 240 Schäfer-Stunden im Halbdunkel der Herrin der Unterwelt verbracht hatte, ging er natürlich schnurstracks in den verbotenen Garten des Kriegsgotts Ares, wo dieser als der gehörnte Ehemann der Aphrodite in Gestalt eines wilden Gärtners hinter einer Eberesche auf den Liebhaber seiner Gattin wartete und diesen erst niedermähte und anschließend durch den Häcksler schickte.

Poseidon – zwischen Mythos und kafkaesker Wirklichkeit

Amphitrite wollte ihn erst nicht haben und lief vor ihm davon zu Atlas, dem Träger der Himmels-Kugel, oder vielleicht auch nur ins Atlas-Gebirge. Als dann ein Delphin oder ein gewisser Delphinos sie zu ihm zurück brachte, überlegte Amphitrite es sich anders und wurde seine Frau. Mag sein, dass der poppig gelbe, submarine Kristallpalast, in dem er wohnte, bei ihrem Sinneswandel eine Rolle gespielt hat.

Die kryptische Rede ist oder war von Poseidon, dem Gott des Meeres, der als großer Pferde-Freund den Beinamen Hippios trug. Derart ausgeprägt war seine Hippophilie, dass er sogar zwei Pferde gezeugt hat, eines davon quasi natürlich in Gestalt eines Hengstes und, wie es sich gehört, mit einer Stute, die aber eigentlich seine Schwester-Göttin Demeter war, möglicherweise auch seine Gattin Amphitrite – als Stuten betrachtet, sehen Frauen, insbesondere aus der Sicht eines Hengstes, einander sehr ähnlich. Areion oder Arion, der aus dieser Besamung hervorging, hätte eigentlich sagen können müssen, wer seine Mutter war, denn es handelte sich bei ihm um ein Pferde-Wunder oder Wunder-Pferd, das sprechen und bis hundert zählen konnte. Wahrscheinlich hat ihn einfach niemand danach gefragt.

Mit Amphitrite, die Poseidons Dreizack nach der Eheschließung nur noch aus der Hand gab, wenn ihr Gemahl von einem Maler oder Bildhauer porträtiert werden sollte, hatte Poseidon den Sohn Triton, man nannte ihn einen Kentauren des Meeres, und die Töchter Rhode und Benthesikyme. Mit dem Dreizack konnte man oder frau übrigens Blitze, Erdbeben und kleinere Sintfluten machen.

Liebschaften hatte Poseidon wie sein Bruder Zeus jede Menge, wobei eine amouröse Drift ins Monströse nicht zu übersehen ist. So zeugte er in einem Tempel der Pallas Athene mit Medusa den Pferde-Vogel Pegasus, der allerdings erst zur Welt kam, nachdem die beim Liebesakt noch schöne Schwangere von Athene, der Herrin der Liebeslaube, wegen deren Verunreinigung in ein Ungeheuer verwandelt worden war, welchem dann Perseus, um Pegasus‘ Geburt einzuleiten, noch den Kopf abschlagen musste.

Mit der Meeresnymphe Thoosa zeugte Poseidon den einäugigen Riesen Polyphem, mit seiner Großmutter Gaia den an die dreißig Meter hohen Riesen Antaios, mit oder ohne Euryale den riesenhaften Jäger Orion, bei dessen Erzeugung neben Poseidon auch noch Zeus und Hermes, vielleicht auch Ares beteiligt gewesen sein sollen.

Als Atlantis noch nicht Atlantis hieß, machte Poseidon dort eine Entdeckung namens Kleito, die ihm danach eine Fünfer-Serie von Zwillingspärchen gebar. Atlas, ein Namensvetter des Sphären-Trägers, wurde als Erstgeborener König des Inselreichs, das von da an den wohlklingenden Namen Atlasantis trug. Was Platon, der mit der Kunst und dem Schönen bekanntlich ein Problem hatte, nicht gefiel, weshalb er Atlasantis zu Atlantis verschliff, eine angeblich sprachergonomisch gebotene Verunstaltung, die bis heute nicht korrigiert worden ist.

Die Affären, die Poseidon darüber hinaus und nebenbei mit etwelchen namenlosen Nymphen hatte, sind Legion und können hier unter ferner liefen rubriziert werden. Noch erwähnenswert ist dagegen vielleicht eine homoerotische Beziehung zu Pelops, den Poseidon als Kleinkind beinahe verspeist hätte, weil sein Vater Tantalos ihn anlässlich einer Einladung der Götter zu sich nach Hause aus dubiosen Gründen als Vorspeise servieren ließ.

Nach Franz Kafka sind diese Amouren, oder wie man es nennen will, frei erfunden, wie auch die Vorstellung, dass Poseidon „immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere“, nichts mit der Wirklichkeit zu tun habe. In Wahrheit nämlich sitzt Kafkas Poseidon in der Tiefe des Meeres und ist mit Berechnungen und der Erstellung von neuerdings vorwiegend klimatologischen Statistiken im Rahmen der Gewässerverwaltung beschäftigt. Unterbrochen wird dieses eintönige Leben nur von gelegentlichen Dienstreisen zu Zeus, von denen er fast immer wütend zurückkehrt. So habe er „die Meere kaum gesehn, nur flüchtig beim eiligen Aufstieg zum Olymp, und niemals wirklich durchfahren.“ Und er pflege zu sagen, sagt Kafka, „er warte damit bis zum Weltuntergang, dann werde sich wohl noch ein stiller Augenblick ergeben, wo er knapp vor dem Ende nach Durchsicht der letzten Rechnung noch schnell eine kleine Rundfahrt werde machen können.“

Pan als Instrumentalist: Noch ein Beitrag zu einer mythologischen Musikgeschichte

Nicht an irgendeinem Bach namens Johann oder Sebastian, sondern am Fluss Ladon kam es dazu, dass die Najade Syrinx aus dem keuschen Gefolge der jungfräulichen Artemis ihre Verwandlung in Schilfrohr erwirkte, um sich durch diese Metamorphose der Zu- und Eindringlichkeit ihres Verfolgers nachhaltig zu entziehen. Der Namensgeber der Panik selbst war es gewesen, der sie in eine von diesen versetzt hatte. So leicht entkommst du mir nicht, knurrte Pan und schnitt und baute sich aus Schilfrohr eine andere Syrinx, vulgo: Panflöte, der er mit seinem heißen Atem die geilsten Töne entlockte. Jedenfalls fanden das viele der anderen Nymphen, von denen nicht wenige die Verfolgungsjagd ein wenig neidisch verfolgt hatten.

I am the god of hell and fire, prahlte Pan bei seinen Auftritten in ausverkauften Pan-Tempeln, and I bring you: Fire, I’ll take you to burn! Und dann versetzte er als Präfiguration des christlichen Gottseibeiuns‘ mit seiner Syrinx das Publikum ein ums andere Mal in Ekstase. Man musste lange warten, ehe man in der Crazy World des Arthur Brown Anno Domini 1968 Vergleichbares erneut erleben konnte.

Vor Nymphen bist du recht; allein, die Götter zu vergnügen, ist deine Flöte viel zu schlecht. Es war Phoebus, der Leuchtende, besser unter dem Namen Apoll bekannt, der Pan eines Tages mit diesen einer Bach-Kantate vorweg entnommenen Worten den Fehdehandschuh vor die Hufe warf. Sobald mein Ton die Luft erfüllt, so hüpfen die Berge, so tanzet das Wild, so müssen sich die Zweige biegen, und unter denen Sternen geht ein entzücktes Springen für: Die Vögel setzen sich zu mir und wollen von mir singen lernen, erwiderte Pan ein wenig spitz, indem er zugleich den Handschuh aufhob und seinen Herausforderer damit ohrfeigte.

Geschwinde, geschwinde, ihr wirbelnden Winde, sangen nun sensationslüstern die treulosen Nymphen im Chor, da sie sich schon darauf freuten zu sehen, wie bald wieder jemandem das Fell über die Ohren gezogen würde. Denn warum sollte es Pan mit seiner siebenrohrigen Syrinx anders ergehen als Marsyas mit der Doppelrohrflöte, dem bei lebendigem Leib die Haut abgezogen worden war, nachdem Apoll ihn musikalisch besiegt hatte.

Allein, auch im Mythos wiederholt sich Geschichte nur in Ausnahmefällen. Tmolos, den Apollon in die Jury beordert hatte, erklärte Apollon an der Kithara zum Sieger, Midas, der von Pan in die zweiköpfige Kommission gebeten worden war, meinte dagegen, dass Pan der bessere Instrumentalist sei. Woraufhin Apollon, der Jury-Entscheidungen ohnehin nur dann akzeptierte, wenn sie zu seinen Gunsten ausfielen, die Sache für entschieden und sich selbst zum Sieger erklärte.

Statt dass nun Pan oder Midas oder beiden die Haut abgezogen wurde, verlängerte Apoll eigenhändig die Ohren des Midas auf Esels-Maß, was wohl ironisch gemeint war und witzig sein sollte. Und weil die Willkür notorisch so tut, als gründe sie in Weisheit und Vernunft und sei alles andere als willkürlich, gab man dem Düpierten folgenden Merksatz mit auf den Weg zurück in sein angebliches Hinterwäldlertum: Der Unverstand und Unvernunft will jetzt der Weisheit Nachbar sein, man urteilt in den Tag hinein, und die so tun, gehören all in deine Zunft. Sonst noch jemand ohne Fahrkarte?

Attis und Kybele oder: Erste und letzte Zuckungen

Was Sigmund Freud den Mädchen im Vorschulalter unterstellte, nämlich das bange Leiden unter der furchtbaren Vermutung, sie seien womöglich kastriert worden, war für Kybele schmerzliche Gewissheit: Die Götter hatten sie entmannt, ihr also die Männlichkeit im physiologischen Sinn abgeschnitten – möglicherweise mit derselben Sichel, mit der schon Kronos seinen Vater Uranos kastriert hatte. Wobei man irritierender- aber korrekterweise sagen muss: Eigentlich war es der Hermaphrodit Agdistis gewesen, der von den Olympiern entmannt worden war und hernach als disambiguiertes Wesen unter dem Namen Kybele postphallisch fortexistierte. Da es Agdistis nach der klärenden Operation wahrscheinlich im Wesentlichen nicht mehr gab, konnte allenfalls Kybele von sich sagen, dass sie ihres Gliedes beraubt worden sei, obwohl Kybele als Kybele nie eines besessen hatte. Hier tut sich ein logisch-aporetischer Ur- und Abgrund auf, in den wir lieber nicht blicken wollen, da in mythischen Zeiten das philosophische Organon zur Be- und Verarbeitung der damit einhergehenden gedanklichen Produktion noch nicht zur Verfügung stand.

Agdistis war übrigens durch einen im eigentlichen Wortsinn feuchten Traum des Zeus entstanden. Denn als es Zeus von dem erotisch unwiderstehlichen Zwitterwesen Agdistis träumte, ging ihm (mindestens) einer ab, um es einmal, und warum auch nicht, volkstümlich zu formulieren. So wurde aus dem geträumten utopischen Agdistis unversehens der im damaligen Hier und Jetzt eine Zeitlang real existierende. Bis er sich postoperativ und posthum in Kybele und einen herrenlosen Penis aufgliederte. Letzerer fiel auf fruchtbaren Boden und wurde zum Mandelbaum, der dann die in seinem Schatten ruhende Nana mit einer Mandel befiel und somit schwängerte, wonach dann Attis, welcher alsbald zum schönen Jüngling heranwuchs, geboren wurde – noch einen Moment Geduld bitte, dann schließt sich hoffentlich der Kreis.

Als nämlich Kybele auf der Suche nach dem ungeteilten Selbst eines Tages ihrem verlorenen Gemächt in Gestalt des Attis wiederbegegnete, wähnte sie spontan, dass durch eine Vereinigung mit Attis alles wieder gut werden würde. Attis aber, dem es an nichts mangelte, sträubte sich und wollte seine Familie nicht im Stich lassen, wobei ihm die Beziehung zu seinem Schwiegervater Midas noch wichtiger zu sein schien, als die zu seiner Ehefrau Ia. Kybele trieb daraufhin in ihrem Neid und in ihrer Eifersucht beide, Attis und Midas, in den Wahnsinn und entweder kastrierten die sich dann gegenseitig oder Attis entmannte sich eigenhändig selbst – was so oder so dazu führte, dass er starb, wodurch Agdistis alias Kybele abermals das Nachsehen hatte.

Zeus wollte Kybele und Attis anscheinend keine zweite Chance geben, denn er weigerte sich, Attis vollständig zu reanimieren. Fast könnte man meinen, er wollte die schon wieder um den Penis gebrachte Kybele verhöhnen, als Zeus entschied, Attis in einem auf Dauer gestellten Wachkoma gelegentlich mit dem kleinen Finger zucken zu lassen – mal mit dem der rechten, mal mit dem der linken Hand.

Hypermestra oder: Kleinfamilie statt genealogischer Hypertrophie

Vorbemerkung: Zu den populären mythische Personen-Konstellation gehören die verfeindeten Zwillingsbrüder. Atreus und Thyestes waren so ein prekäres Pärchen, aber auch Danaos und Aigyptos, bei denen das Antipodische darin gipfelte, dass der eine, Danaos, es irgendwann auf fünfzig Töchter und der andere, Aigyptos, auf fünfzig Söhne gebracht hatte. Um eine nachhaltige Versöhnung beziehungsweise Vertöchterung herbeizuführen, schlug Aigyptos vor, die beiden Großfamilien miteinander zu verheiraten, ein genealogisches Zukunftsprojekt mit gigantomanischen Zügen, auf das sich Danaos nach längerem Sträuben doch noch, aber, wie sich herausstellte, nur zum Schein einließ.

Sieben auf einen Streich – der märchenhafte Gruppen-Totschlag des sogenannt tapferen Schneiderleins ist nichts gegen den von Danaos befohlenen Massenmord an den Söhnen seines ihm verhassten Zwillingsbruders Aigyptos, dem König von, ja genau: Ägypten. Sieben mal Sieben in einer Nacht! Und runde Fünfzig wären es gewesen, wenn sich Hypermestra wie ihre neununddvierzig Schwestern an die Weisung ihres Vaters gehalten und ihrem Ehemann Lynkeus in der Hochzeitsnacht vor, während oder nach dem Liebestod den Garaus gemacht hätte – im Falle des während ein Koitus interruptus der besonderen Art.

„Dreimal erhob meine Hand das spitze Schwert, dreimal fiel sie zurück, nachdem sie das Schwert in schlimmer Absicht erhoben hatte“, schrieb Hypermestra in einem von Publius Ovidius Naso erst viele Jahrhunderte später veröffentlichten Brief an ihren gerade noch dem Tode entronnenen Ehemann. Aus dem etwas verworrenen Schreiben geht nicht eindeutig hervor, ob sie Danaos, ihrem Vater und König von Argos, den Gehorsam aus Liebe zu Lynkeus verweigerte, oder weil sie der Meinung war, „aptior est digitis lana colusque meis“, also dass Wolle und Rocken als Waffen des Friedens für ihre Finger angemessener seien als eine Kriegswaffe.

Hypermestras wie auch immer motivierte Kriegsdienstverweigerung führte jedenfalls dazu, dass Lynkeus die Hochzeitsnacht der langen Messer anders als seine neundundvierzig Brüder und Halbbrüder unbeschadet überstand, während Hypermestra wegen ihrer Treue zum falschen Mann zunächst in Ketten gelegt und vor Gericht gestellt wurde. Sehr wahrscheinlich war es die Fürsprache Aphrodites, die zu ihrem Freispruch führte. Da man zwischen Korruption und Götterverehrung schon und gerade in mythischen Zeiten nicht klar unterscheiden konnte noch wollte, ließ Hypermestra im Gegenzug zu Ehren der Liebes-Göttin von einem damals namhaften Bildhauer eine Statue anfertigen und im Tempel des Apollon aufstellen. Anschließend dauerte es dann auch nur noch ein paar Jahre, bis Danaos seinen Schwiegersohn Lynkeus als solchen anerkannte und ihn zu seinem offiziellen Nachfolger auf dem Thron von Argos erklärte.

In einem Gedicht von Horaz wird Hypermestra wegen ihres Verrats am Vater als splendide mendax, als bewundernswert heuchlerisch gepriesen, doch ist das ein Ehrentitel, auf den in diesem wie in anderen Mythen-Thrillern beinahe jeder Akteur und jede Aktrice Anspruch erheben könnte.

Am Wadi Inachos: Ios mythographische Spuren im Sand

Now you say you’re lonely, you cried a long night through. Well, you can cry me a river, cry me a river: I cried a river over you – schrieb der amerikanische Songwriter Arthur Hamilton, der eigentlich Stern hieß, 1953. Ein Song, der dann von Julie London zwei Jahre später populär gemacht wurde. Die Sängerin und Schauspielerin hatte ihre Karriere als Fahrstuhlführerin, also quasi als Tellerwäscher begonnen.

Der erste, der einen Fluss zusammengeheult hat, war aber nicht der reuig gewordene Ex-Lover des lyrischen Ichs von Hamilton und London, sondern Inachos, der König von Argos, nachdem er von Zeus aus Mitleid in ein trockenes Flussbett verwandelt worden war. Mitleid oder eine göttliche Geste der Menschlichkeit war die absonderliche Metamorphose deshalb, weil Inachos zuvor unter schweren Anfällen von Angina Pectoris gelitten hatte, angeblich ausgelöst durch einen um sein Herz gewundenen Strick. Den hatte sich Inachos letztlich selbst gedreht, indem er Gott und die Welt und schon im voraus Teile seiner Nachkommenschaft zu verfluchen nicht müde geworden war. Dass die Rachegöttin Tisiphone es gewesen sei, die aus zusammengetragenen Partikeln des von Inachos verfluchten Kosmos‘ ein Seil verfertigt und selbiges dem von Hass Erfüllten ums Herz gelegt habe, ist eine Theorie, die mit dem Fortschritt der medizinischen Aufklärung eigentlich obsolet geworden ist, die aber von ewig Mythologischen bis heute vertreten wird.

Seine Umwandlung in ein Flussbett ohne Fluss war aber nicht der Grund dafür, dass Inachos weinte und, indem er weinte und weinte, in einem Akt autopoietischer Selbstverwirklichung zum fließenden Gewässer mutierte. Nein, seine Tochter Io in Gestalt einer weißen Kuh war es, die ihn zu Tränen rührte. Zur Kuh war sie wegen und durch Zeus geworden. Wenn Zeus jemanden, häufig sich selbst, verwandelte, dann war das nicht selten erotisch motiviert. In Ios Fall wollte er verhindern, dass seine Gemahlin Hera auf die Idee kam, er wolle etwas mit ihr, also mit Io, anfangen. Als ob er noch nie Bock auf eine Kuh gehabt hätte, aber daran wollte Zeus in diesem Moment auch und gerade durch sich selbst nicht erinnert werden. Hera, die im Verdrängen von peinlichen Erinnerungen nicht so routiniert war wie ihr Gemahl, schickte sicherheitshalber eine Bremse los, damit sie die weiße Kuh, die angeblich nicht Io war, fortan vor sich her treibe.

So kamen Io und die Bremse eines Tages auch an ein trockenes Flussbett, das ihrem Vater Inachos zum Verwechseln ähnlich sah. Da sie nicht sprechen und das Flussbett wahrscheinlich nicht hören und antworten, aber möglicherweise lesen konnte, schrieb sie mit ihrer linken Rinder-Klaue, Io war Linkshuferin, die ganze tragische Geschichte von ihrer Zwangsverpflichtung zur Tempel-Priesterin der Hera, ihrer sexuellen Belästigung durch einen Traum, in dem Zeus sie möglicherweise sexuell belästigen wollte, ihrer erzwungenen Um-die-Welt-Flucht nach der Verwandlung in eine Kuh, mithin all das, worüber ihr Vater so allumfassend in Rage geraten war, in den Sand am Rand und also in Sichtweite des Flussbetts. Um ihrem Vater Inachos ein Lebenszeichen zu hinterlassen, hätte ein schlichtes Io was here ja genügt. Aber sie wollte sich das alles einmal von der Seele schreiben und auch ihrer Bremse kam, nach kurzer Rücksprache, eine Verschnaufpause nicht ungelegen.

Nachdem Io den langen Brief zur Erklärung ihres damals überstürzten Abschieds mit einem liebe Grüße, Deine Io beendet hatte, weckte sie die Bremse aus ihrem Schlummer und ließ sich von ihr nach Ägypten treiben, um dort ihren Anspruch auf die noch unbesetzte Stelle der Göttin Isis anzumelden. Wegen des Mythographs im Sand, das mittlerweile von den Tränenfluten des durch seinen Inhalt gerührten Inachos fortgespült worden war, waren sie spät dran und mussten sich, in Ägypten angekommen, hinten anstellen. Direkt vor Io warteten Demeter und Aphrodite, vor diesen Pallas Athene, Artemis und, ausgerechnet, Hera. Die anderen Aspirantinnen waren Io namentlich nicht bekannt.

Wer die Stelle bekommen hat, ist mythologisch umstritten. Daraus, dass Isis häufig mit dem Kopf einer Kuh oder mit Kuhhörnern dargestellt wird, schließen einige, dass es wohl Io gewesen ist, welche die Jury am Ende überzeugen konnte. Zumal die Bewerbungen der oben genannten Göttinnen nur als uneigentliche Gesten zum Zeitvertreib, als eitle Launen ihrer olympischen Natur verstanden werden können. Sie wussten genau, dass Zeus sie niemals aus ihrem auf ewig und drei Tage geschlossenen Vertrag entlassen würde.

Nachbemerkung: Mythische Geschichten sind in der Regel inhaltlich komplex und psychologisch kompliziert. Sie möglichst einfach und der Reihe der Ereignisse nach zu erzählen, würde ihrer semantisch-symbolischen Tiefenstruktur auf der Ebene der äußeren Form durchaus nicht gerecht werden.

Die Geschichte von Amor und Psyche wie sie von Jupiter rekapituliert wurde, bevor er sie Apuleius in den Stilus diktiert hat

Dass Voluptas, deren Namen man je nach psycho-sozialer Befindlichkeit übersetzen wird oder wird übersetzen wollen mit Geilheit, Wollust oder Freuden beziehungsweise Wonnen der Liebe, dass also Voluptas eine Tochter des Liebes-Gottes und des schönsten aller schönen Seelchen ist, hätte man sich, wenn man es nicht immer schon gewusst oder geahnt hat, eigentlich denken können. Der bis dahin offenbar noch wollustlose und also irgendwie anders erregte und erigierte Amor zeugte Voluptas mit Psyche, spätestens nachdem Zeus alias Jupiter dieser einen Teller Ambrosia vorgesetzt und sie durch gutes Zureden dazu gebracht hatte, die für ihren noch allzu menschlichen Gaumen gewöhnungsbedürftige Götter-Suppe restlos auszulöffeln. Ohne Ambrosia gibt’s keinen Amor und ohne diesen kein Happyend, hatte Zeus lakonisch festgestellt. Nur durch die Einnahme des olympischen Antidots gegen den Tod erlangte Psyche jene göttliche Unsterblichkeit, die sich Amors Mutter Venus Aphrodite als Voraussetzung für ihre Zustimmung zur Verbindung ihres Sohnes mit einer rein von Menschen Geborenen angeblich ausbedungen hatte. Dass es sich in Wahrheit ein wenig anders verhielt, macht im Endeffekt keinen Unterschied. Aber eins nach dem anderen.

Am Anfang war der Neid, spottete Jupiter, daher als erstes ein Löffelchen für deine zukünftige Schwiegermutter Venus, die vor unserer Integration in den römischen Kult- und Kulturraum Aphrodite hieß, und die mit ihrer rasenden Eifersucht auf deine Schönheit die Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Als nächstes ein Löffelchen für Zephyr, der dich, als du nach einem Beschluss des delphischen Orakels angeblich einem Ungeheuer vermählt werden solltest, wie ein milder Westwind sanft vom Warte-Felsen geholt und in Amors Palast geweht hat. Auch je ein Löffelchen für deine beiden törichten Schwestern, ohne deren infektiöse Neugier du noch immer Nacht für Nacht mit Amor amore machen würdest ohne jemals zu erfahren, wer da alle vierundzwanzig Stunden zu sich selbst zu Besuch kommt, um noch vor Morgengrauen wieder zu entschwinden. Zum Glück war das die Nachtigall und nicht die Lerche, murmelte er einmal, bevor er sich aufrappelte und die Tür hinter sich ins Palast-Schloss zog. Aber schon in der nächsten Nacht hast du dem Drängen deiner Schwestern nachgegeben und im Licht einer Öllampe die Gesichtszüge des Schlafenden studiert, wobei ein Tropfen heißen Öls auf seine schöne Schulter gefallen war. Wortlos hatte Amor seine Sandalen angezogen und war für immer gegangen. Es heißt, du habest danach deine Schwestern umgebracht, was ich mir bei dir aber wirklich nicht vorstellen mag, weshalb ich den Gerüchten nie Glauben geschenkt habe.

Das viele Reden hatte Jupiter durstig gemacht. Er ließ sich eine Schale Nektar bringen und fuhr, an Psyche gewandt, fort: Nun aber unbedingt noch ein Löffelchen für die Ameisen, die dir geholfen haben, die schlechten Körner auszulesen, für das Schilf, mit dessen Hilfe du den menschenfressenden Schafen entkommen bist und für den Adler, der dir das Wasser vom Styx gebracht hat. Lauter vermeintlich unlösbare Aufgaben, die dir von der tobenden Venus gestellt worden waren, derweil sie ihren Sohn Amor mit Hausarrest bestraft hatte. Wie konntest du aber auch auf die Idee kommen, bei deiner Suche nach Amor ausgerechnet sie nach seinem Aufenthaltsort zu fragen!

Das vorletzte Löffelchen, sagte Jupiter dann, ist für Proserpina, die Göttin der Unterwelt, die dir bei der Erledigung des vierten und schwersten Auftrags mitleidig entgegengekommen ist. Die an ihrer Schönheit immer verzweifelter zweifelnde Venus hatte von dir verlangt, ihr mindestens sieben Kyathoi von der Schönheit der Proserpina zu bringen. Mit der Bemerkung, dass vier Kyathoi mehr als genug sein dürften, hatte dir Proserpina einen verschließbaren Taschen-Krater in die Hand gedrückt. Wenn du geahnt hättest, dass sich in dem Tongefäß nicht Schönheit, sondern eine große Müdigkeit befand, hättest du auf dem Rückweg der Versuchung, den Krater zu öffnen, vielleicht widerstanden. Du hattest Glück, dass Amor nach Missachtung des ihm auferlegten Hausarrests dich fand und wachküsste, noch bevor die Heckenrosen, in die du gesunken warst, über dir zusammenwachsen konnten. Er hat mich dann gebeten, ein Machtwort zu sprechen und seiner Mutter ein Angebot zu machen, das sie nicht würde ablehnen können. Also schlug ich Venus, von der ja einige sagen, dass sie meine Tochter sei, vor, dich durch das Verabreichen von Ambrosia unsterblich zu machen, damit sie an ihrer Schwiegertochter wenigstens in puncto Unsterblichkeit nichts auszusetzen hätte. Erst genauso schön wie ich und jetzt auch noch unsterblich, zeterte Venus, sah dann aber ein, dass jeder weitere Widerstand zwecklos gewesen wäre.

So, sagte Jupiter, indem er die noch im Teller befindlichen Ambrosia-Reste zusammenkratzte. Und dieses letzte Löffelchen ist für einen, den du noch nicht kennst, aber, da du jetzt unsterblich geworden bist, zu gegebener Zeit kennenlernen wirst. Er wird Apuleius heißen und ein römischer Dichter sein. Ihm werde ich die Geschichte von Amor und Psyche in den Stilus diktieren, während es ihm so vorkommen wird, als würde sie ihm eben gerade einfallen. Dann wird es auch seine Erzählung sein und nicht mehr nur die unsere. Denn nur die Geschichten gehören einem wirklich, die man selbst nacherzählt hat.

Das Ende des irdischen Herakles – ein nicht beabsichtigter Selbstmord

Auf dem mehr als zweitausend Meter hohen Gipfel des Oita, welcher zu einem südöstlichen Ausläufer des Pindos-Gebirges gehört, wehte ein kalter Wind. Unter unsäglichen Schmerzen hatte Herakles alles, was er in der näheren und weiteren Umgebung an brennbarem Material finden konnte, zu einer Art Scheiterhaufen zusammengetragen. Sein Jugendfreund Philoktetes, den die Götter gesandt haben mussten, hatte ihm dabei geholfen. Einige Fetzen des Hemdes, das seine mehr oder weniger ahnungslose Ehefrau Deianeira für ihn genäht und mit dem Blut des Kentauren Nessos beträufelt hatte, klebten noch an Herakles‘ Haut. Lieber wollte er sterben, als diese durch nichts zu lindernden Schmerzen länger ertragen zu müssen. Eine innere Stimme sagte ihm, dass das Brennen am nachhaltigsten homöopathisch, also durch einen anderen Brand zum Verschwinden gebracht werden konnte.

Tue mir bitte einen letzten Gefallen und setze diesen Stapel aus trockenen Ästen und Dornengestrüpp mit einer Fackel in Brand, sobald ich mich der Länge nach auf ihm ausgestreckt habe, sagte Herakles zu Philoktet, nachdem er seinem finalen Lager noch ein paar Kiefernzapfen hinzugefügt hatte. Ich vermache dir dafür meine Keule nebst meinem Bogen mit dem Köcher und den äußerst wirkungsvollen Giftpfeilen darin. Mit einem von ihnen habe ich den Kentauren Nassos oder Nessos oder wie er hieß an seinem linken Pferdefuß erwischt, als er versuchte, meine zukünftige Frau Deianeira zu entführen. Der Sterbende muss ihr dann wohl wahrheitsgemäß weisgemacht haben, ein paar bei Bedarf auf meine Kleidung geträufelte Tropfen seines Blutes würden mir den Appetit auf andere Frauen für immer verderben. Als ich neulich in einem Anfall von Torschlusspanik dieser kleinen Idole oder Iole oder wie sie hieß den Hof machte, hielt Deianeira es offenbar für angezeigt, ihre Geheimwaffe zum Einsatz zu bringen. So wurde sie zum Medium meiner Selbsttötung, da es ja mein eigenes Pfeilgift ist, welches mir nun das Weiterleben unerträglich macht. Auf dem Umweg über Nessos und Deianeira habe ich mich quasi selbst erschossen. Es wäre zum Lachen, wenn es zum Lachen wäre.

Nachdem Philoktet dieser relativ langen und verhältnismäßig tief- und scharfsinnigen Rede seines alten Freundes verwundert gelauscht und endlich den Scheiterhaufen entzündet hatte, mischte sich das Brennen der Flammen mit dem des vergifteten Nessos-Hemdes wie das Wasser eines Rinnsals sich mit den Fluten eines reißenden Stromes mischt. Und als die Sonne hinter den Gipfeln des Pindos-Gebirges verschwand, teilte oder verdoppelte sich Herakles in einen ewig olympischen und einen unendlich astralen Herak- oder Herkules. Der eine wurde zum unsterblichen Halbgott unter Göttern, der andere atypischerweise zu einem eher unauffälligen Sternbild unter Sternbildern.

Haupt-Sache Schädel oder High Noon an der Straße zwischen Tempe und Thermopylai

Wie ein Aquarium mit aqua, also mit Wasser gefüllt ist, so ein Ossuarium mit dem Plural von os, also cum oribus, das heißt: mit Knochen. Beinhäuser, in denen die aus Platzgründen exhumierten Knochen der Verstorbenen ihre zweite und gewiss nicht letzte Letzte Ruhestätte fanden, gab und gibt es wahrscheinlich nicht nur in ganz Europa.

Das Gebeinhaus, das Herakles schon von weitem in der Mittagssonne leuchten sah, war aber von ganz anderer und durchaus eigenartiger Natur. Diese Schädel- und Knochen-Kathedrale an der Landstraße von Tempe nach Thermopylai hatte es in sich. Was sie in sich hatte und woraus sie bestand, war das, was von den Reisenden übrig geblieben war, nachdem ein wilder Mann namens Kyknos sie überfallen, ermordet und ausgeraubt hatte. Dabei waren es vor allem die Schädel, auf die Kyknos es abgesehen hatte. Das Beutegut im herkömmlichen Sinn nahm der Kopfjäger nur deshalb an sich, weil sonst niemand da war, der das hätte tun wollen. Die Wertgegenstände eines erschlagenen Wanderers zu missachten und zusammen mit allen anderen für den Bau des Schädel-Monuments irrelevanten Teilen desselben, also des Wanderers, auf den Müll zu werfen, wäre Kyknos irgendwie frevelhaft und undankbar vorgekommen.

Indem Herakles sich dem Turmbau näherte, versuchte er, die von der Sonne gebleichten Gehirn-Zellen zu zählen, doch ließ er von dem für ihn schwierigen Unterfangen beinahe erleichtert ab, als er feststellte, dass die Zahl der bizarren Bausteine um ein Vielfaches höher war, als die höchste Zahl, die ihm sein Lehrer zuletzt noch hatte einbläuen können, bevor Herakles ihn erschlagen hatte. Der Sohn von Zeus und Alkmene war kein einfacher Schüler gewesen.

Nun also kam Herakles dieser Kyknos in die Quere, der von seiner Schädel-Stätte behauptete, es handele sich um ein Bauwerk zum höheren Ruhme des Gottes Ares, welcher ein großer und schrecklicher Kriegsgott sei und von ihm Vater genannt werde. Um den Tempelbau zu vollenden, benötige er nur noch einen letzten Schädel und da komme ihm der des Herakles gerade zupass.

Als der Kampf begann, stand die Sonne im Zenit, warf aber schon lange Schatten, als er endlich entschieden war und nicht Herakles‘, sondern Kyknos‘ Kopf den höchsten Punkt des mythischen Ossuariums an der jetzt ein wenig gefahrloser zu befahrenden Fernstraße zwischen Thermopylai und Tempe bildete – wahrscheinlich halb zu Ehren und halb zur Besänftigung einer Furcht und Schrecken verbreitenden Gottheit, dachten nicht wenige Reisende, während andere meinten, es handele sich womöglich um ein Kunstwerk. Land-Art oder Skulpturen-Weg hätten sie vielleicht gesagt, wenn sie davon schon eine Ahnung gehabt hätten.

Schuld und Sühne als biographisches Muster bei Herakles

Schuld und Sühne, man könnte auch sagen Verbrechen und Strafe, sind die ethisch-kriminologischen Horizonte, zwischen denen sich Herakles‘ Biographie ein gutes Stück weit mäandernd hin und her bewegt. Nachdem er in paranoider Verkennung der Realität seine Frau Megara und die mit ihr gezeugten Kinder erschlagen hatte, sühnte Herakles auf dringende Empfehlung des delphischen Orakels die Tat, indem er zwölf Jahre lang im Dienste des Eurystheus in zehn plus zwei Fällen scheinbar Unmögliches möglich machte. Seinem biographischen Muster folgend, lud Herakles nach Ablauf der Duodekade jedoch erneut Schuld auf sich, als er spontan einen gewissen Iphtios oder Eurytos oder auch beide ans Ufer des Styx sandte, wo Charon immer schon wartete.

Die ungute Rolle, die Hera bei all diesen Bluttaten spielte, wurde als mildernder Umstand erneut in Rechnung gestellt, führte aber auch dieses Mal weder zu einem moralischen noch zu einem delphisch-juridischen Freispruch. Weitere drei Jahre der Unterordnung unter einen fremden Willen waren die Konsequenz, die Herakles zu tragen hatte.

Dass ihm die sechsunddreißig Monate unter der lydischen Königin Omphale in gleicher Weise sauer wurden wie die zwölf Jahre bei Eurystheus, darf allerdings bezweifelt werden. Denn im mythologischen Klatsch und Tratsch wollen die Gerüchte nicht verstummen, wonach Omphale an Herakles im hormonell gesteuerten Rhythmus Forderungen stellte, denen ihr Sklave ohne eine psychophysisch positive Einstellung zum Inhalt des dominalen Begehrens gar nicht hätte nachkommen können.