Antiker Reliquien-Kult

Dass von den Knochen der Heroen, ganz gleich, ob es sich bei letzteren um die heiligen Helden des Krieges um die Seelen der Gläubigen oder um solche des profanen Kampfs um irdische Güter handelt, eine positive magische Wirkung ausgeht, derer man sich nach Möglichkeit versichern sollte, ist nicht erst eine Entdeckung der christlichen Reliquien-Kunde, sondern war schon jenen Athenern bekannt, die im fünften Jahrhundert vor Christus die mutmaßlichen Gebeine des Theseus von der Insel Skyros nach Athen überführten.

Denn kein Geringerer als der mythische Held Theseus, der den Minotauros getötet und möglicherweise Poseidon zum Vater oder Hephaistos zum Ururgroßvater hatte, war es nach Augenzeugenberichten gewesen, der den Griechen in der Schlacht bei Marathon 490 vor Christus in ihrem siegreichen Kampf gegen die Perser auf mysteriös-spukhafte Weise leibhaftig beigestanden hatte.

Poseidon – zwischen Mythos und kafkaesker Wirklichkeit

Amphitrite wollte ihn erst nicht haben und lief vor ihm davon zu Atlas, dem Träger der Himmels-Kugel, oder vielleicht auch nur ins Atlas-Gebirge. Als dann ein Delphin oder ein gewisser Delphinos sie zu ihm zurück brachte, überlegte Amphitrite es sich anders und wurde seine Frau. Mag sein, dass der poppig gelbe, submarine Kristallpalast, in dem er wohnte, bei ihrem Sinneswandel eine Rolle gespielt hat.

Die kryptische Rede ist oder war von Poseidon, dem Gott des Meeres, der als großer Pferde-Freund den Beinamen Hippios trug. Derart ausgeprägt war seine Hippophilie, dass er sogar zwei Pferde gezeugt hat, eines davon quasi natürlich in Gestalt eines Hengstes und, wie es sich gehört, mit einer Stute, die aber eigentlich seine Schwester-Göttin Demeter war, möglicherweise auch seine Gattin Amphitrite – als Stuten betrachtet, sehen Frauen, insbesondere aus der Sicht eines Hengstes, einander sehr ähnlich. Areion oder Arion, der aus dieser Besamung hervorging, hätte eigentlich sagen können müssen, wer seine Mutter war, denn es handelte sich bei ihm um ein Pferde-Wunder oder Wunder-Pferd, das sprechen und bis hundert zählen konnte. Wahrscheinlich hat ihn einfach niemand danach gefragt.

Mit Amphitrite, die Poseidons Dreizack nach der Eheschließung nur noch aus der Hand gab, wenn ihr Gemahl von einem Maler oder Bildhauer porträtiert werden sollte, hatte Poseidon den Sohn Triton, man nannte ihn einen Kentauren des Meeres, und die Töchter Rhode und Benthesikyme. Mit dem Dreizack konnte man oder frau übrigens Blitze, Erdbeben und kleinere Sintfluten machen.

Liebschaften hatte Poseidon wie sein Bruder Zeus jede Menge, wobei eine amouröse Drift ins Monströse nicht zu übersehen ist. So zeugte er in einem Tempel der Pallas Athene mit Medusa den Pferde-Vogel Pegasus, der allerdings erst zur Welt kam, nachdem die beim Liebesakt noch schöne Schwangere von Athene, der Herrin der Liebeslaube, wegen deren Verunreinigung in ein Ungeheuer verwandelt worden war, welchem dann Perseus, um Pegasus‘ Geburt einzuleiten, noch den Kopf abschlagen musste.

Mit der Meeresnymphe Thoosa zeugte Poseidon den einäugigen Riesen Polyphem, mit seiner Großmutter Gaia den an die dreißig Meter hohen Riesen Antaios, mit oder ohne Euryale den riesenhaften Jäger Orion, bei dessen Erzeugung neben Poseidon auch noch Zeus und Hermes, vielleicht auch Ares beteiligt gewesen sein sollen.

Als Atlantis noch nicht Atlantis hieß, machte Poseidon dort eine Entdeckung namens Kleito, die ihm danach eine Fünfer-Serie von Zwillingspärchen gebar. Atlas, ein Namensvetter des Sphären-Trägers, wurde als Erstgeborener König des Inselreichs, das von da an den wohlklingenden Namen Atlasantis trug. Was Platon, der mit der Kunst und dem Schönen bekanntlich ein Problem hatte, nicht gefiel, weshalb er Atlasantis zu Atlantis verschliff, eine angeblich sprachergonomisch gebotene Verunstaltung, die bis heute nicht korrigiert worden ist.

Die Affären, die Poseidon darüber hinaus und nebenbei mit etwelchen namenlosen Nymphen hatte, sind Legion und können hier unter ferner liefen rubriziert werden. Noch erwähnenswert ist dagegen vielleicht eine homoerotische Beziehung zu Pelops, den Poseidon als Kleinkind beinahe verspeist hätte, weil sein Vater Tantalos ihn anlässlich einer Einladung der Götter zu sich nach Hause aus dubiosen Gründen als Vorspeise servieren ließ.

Nach Franz Kafka sind diese Amouren, oder wie man es nennen will, frei erfunden, wie auch die Vorstellung, dass Poseidon „immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere“, nichts mit der Wirklichkeit zu tun habe. In Wahrheit nämlich sitzt Kafkas Poseidon in der Tiefe des Meeres und ist mit Berechnungen und der Erstellung von neuerdings vorwiegend klimatologischen Statistiken im Rahmen der Gewässerverwaltung beschäftigt. Unterbrochen wird dieses eintönige Leben nur von gelegentlichen Dienstreisen zu Zeus, von denen er fast immer wütend zurückkehrt. So habe er „die Meere kaum gesehn, nur flüchtig beim eiligen Aufstieg zum Olymp, und niemals wirklich durchfahren.“ Und er pflege zu sagen, sagt Kafka, „er warte damit bis zum Weltuntergang, dann werde sich wohl noch ein stiller Augenblick ergeben, wo er knapp vor dem Ende nach Durchsicht der letzten Rechnung noch schnell eine kleine Rundfahrt werde machen können.“

Ein mörderischer Tanz ums goldene Haar des Pterelaos

Wenn schon ein einziges goldenes Haar unsterblich macht, dann muss die Loreley, die in Heinrich Heines Gedicht „mit goldenem Kamme“ ihr goldenes Haar kämmt, mehr als hunderttausendfach unsterblich gewesen sein, denn es ist kaum anzunehmen, dass mit dem Wort Haar am Ende der vierten Zeile der dritten Strophe jener bekannten Ballade ein einzelnes Haar der Loreley gemeint ist und nicht die blonde Gesamtfülle ihrer Lockenpracht.

Dass aber, wie gesagt, nicht nur eine herausragende künstlerische, wissenschaftliche oder sonstige Leistung, sondern schon das Herausragen eines einzigen goldenen Haares aus seiner Kopfhaut einen Mann unsterblich machen kann, ist eine mythologisch verbürgte Tatsache. Mit dem Vorhandensein eines singulären Gold-Haars waren nämlich im Falle des Pterelaos, König der Taphier, die Eigenschaften der Unbesiegbarkeit und der Immortalität leider Gottes nicht untrennbar, sondern, wie wir sehen werden, ausreißbar verbunden.

Die ganze Sache wäre trotz der üblichen populären Kampfszenen kaum des erzählerischen Hinsehens wert, wenn es sich bei den Mythen nicht um ein mafiöses und korruptionsverdächtiges Beziehungsgestrüpp handeln würde. Jeder kleinste Vorfall, und sei es auch nur der Verlust eines Haares, zieht Kreise, und zwar bis in die höchsten. So muss, wer Pterelaos sagt, eher früher als später auch Poseidon sagen und ihn Pterelaos‘ Vater oder auch Großvater nennen. Einig scheint man sich darüber zu sein, dass der Meeresgott selbst es war, der auf dem Kopf seines Sohns oder Enkels in einer Laune des Olymp das in Rede stehende goldene Haar wachsen ließ. Nicht ganz einig sind sich die Kolporteure, wenn es darum geht, unter welchen genealogischen Voraussetzungen Pterelaos das Haar und sein Leben wieder verloren hat.

Zweifellos war Amphitryon als einer der Haupttöter in den Fall verwickelt. Aber bei der Frage, wer Amphitryon in Wahrheit war, sagen die einen dies, die anderen etwas anderes. War er der Bruder von Elektryon, dem König von Mykene oder war er nicht vielmehr der Bruder von dessen Frau Anaxo, also sein Schwager? Als gesichert kann gelten, dass er irgendwann doch noch seine Nichte Alkmene geheiratet hat, die, auch darüber besteht Einigkeit, die Tochter von Elektryon gewesen ist. Strittig bleibt eben nur, ob Alkmene in der Gestalt ihres Onkels Amphitryon den Bruder ihrer Mutter oder den ihres Vaters zum Mann genommen hat. Ein Sowohl-als-auch kann ausnahmsweise ausgeschlossen werden.

Etwas verfrüht war gerade vom Heiraten die Rede. Verfrüht deshalb, weil zuvor noch Formalitäten zu erledigen waren. So musste eine von Pterelaos, dem Mann mit dem Gold-Haar, gestohlene Viehherde nach Mykene zurückgebracht und der Tod der im Kampf gegen nämlichen Pterelaos gefallenen Söhne des Brautvaters, bei denen es sich zugleich um die Brüder der Braut und die Neffen und zukünftigen verstorbenen Schwäger des Bräutigams handelte, gerächt werden. Ersteres ging dank einer Löse- oder Schmiergeldzahlung relativ reibungslos vonstatten, mit letzterem tat Amphitryon sich verständlicherweise schwer, denn sein Gegner Pterelaos war wegen des goldenen Haars, das ihm Sieg und Leben garantierte, unüberwindlich und unsterblich. Dass das störende Haar von selbst ausfiel, war erst mittel- bis langfristig zu erwarten, also musste es ihm jemand ausreißen.

Das Ausziehen oder Ausreißen oder Abschneiden von Haaren, man denke unter anderem an die etwa zur selben Zeit spielende biblische Geschichte von Samson und Delilah, war damals noch Frauensache. Zum Glück für Amphitryon hatte Pterelaos eine rothaarige Tochter namens Komaitho, das heißt nämlich soviel wie „flammendes Haar“, die sich in den Haupt- und Todfeind ihres Vaters verliebte. So kommst du mir nicht aufs Schlachtfeld, sagte Komaitho zu ihrem Vater Pterelaos, erst muss ich dir noch die Haare schneiden. Anstatt wie gewöhnlich am goldenen Haar der Haare nur die Spitze nachzuschneiden, riss sie es mitsamt der Wurzel aus und behauptete, es sei ein graues gewesen. Den Rest kann man sich denken, es war die übliche mythologische Mischung aus Blut und Schweiß, Sperma und Tränen.

Bleibt zu erwähnen, dass sich diese Ereignisse im Vorfeld der Geburt des Herakles abgespielt haben. Nur um Alkmene, die zukünftige Mutter des Schlagetots zur Frau zu bekommen, hatte Amphitryon den mörderischen Tanz ums goldene Haar des Pterelaos mitgetanzt und im Eifer des Gefechts auch noch die in ihn verschossene Komaitho erschlagen, wahrscheinlich ohne zu ahnen, dass er ihr, wenn nicht sein Leben, so doch den Tod seines Hauptwidersachers verdankte. Und dann geht Alkmene mit Zeus ins Bett, um am Ende der amerikanischen Filmindustrie die Vorlage für Superman zu liefern! Aber das ist eine andere Geschichte, die mit dem goldenen Haar des Pterelaos allenfalls beziehungsgestrüppmäßig etwas zu tun hat.

Indem Herakles Podarkes alias Priamos verschonte, war das Schicksal Trojas so gut wie besiegelt

Als Knabe hieß er der Schnellfüßige, später der Freigekaufte, noch später hätte er eigentlich der mit den aberwitzig vielen Kindern heißen müssen. Priamos (von priasthai für kaufen) war der jüngste Sohn von Laomedon, dem zweiten König von Troja. Laomedon hatte die potentiell selbstzerstörerische Angewohnheit, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen und die Dienstleister um den vorher vereinbarten Lohn zu prellen. So weigerte sich Laomedon unter anderem, Herakles die ihm versprochenen Pferde zu überlassen. Die standen dem zufällig Vorbeigekommenen zu, weil er ein Seeungeheuer getötet hatte, dem Laomedons Tochter Hesione geopfert werden sollte. Das Seeungeheuer war von Poseidon geschickt worden, aber nur, weil Laomedon ihn für den Bau einer kompletten Stadtmauer partout nicht hatte bezahlen wollte.

Priamos hieß damals noch Podarkes, also der Schnellfüßige. Zur Umbenennung kam es erst einige Zeit später, als Herakles nach Erledigung seines Pflichtprogramms zurückkam, um sich in Troja um die Begleichung der noch offenen Rechnung zu kümmern. Statt mit Podarkes‘ Vater Laomedon zu verhandeln, schuf Herakles gleich vollendete Tatsachen und tötete nicht nur den König, sondern auch des Königs Kinder mit Ausnahme von Hesione, die er nach dem erzwungenen Verzicht auf die Pferde zu seiner Geliebten gemacht hatte, und deren Brüder Tithonos und Podarkes. Dass Herakles Tithonos verschonte, war ein mythologisch notwendiger Akt der reinen Willkür: Tithonos wurde noch als Liebhaber von Eos, der Göttin der Morgenröte benötigt. Podarkes dagegen kam nur deswegen mit dem Leben davon, weil Hesione ihn gewissermaßen loskaufte. „Da hast du deinen Priamos“, sagte Herakles lachend, als Hesione ihren Gürtel löste und ihn Herakles als Lösegeld für den Lieblingsbruder anbot.

Dass Podarkes oder, wie er von nun an hieß, Priamos von Herakles verschont worden war, blieb für die demographische Entwicklung von Troja nicht ohne Folgen. Von seiner Gattin Hekabe und anderen Frauen hatte Priamos fünfzig Söhne und zwölf Töchter, darunter Paris, der durch die Entführung der schönen Helena Troja den Untergang brachte und Hektor, der diesen Untergang heldenhaft, aber letztlich ohne Erfolg, zu verhindern suchte. Die meisten der zweiundsechzig Kinder des Priamos kamen bei der Eroberung der Stadt durch die Griechen ums Leben: Wie gewonnen, so zerronnen, wie geboren, so verloren.

Der Jäger Orion – ein Götter-Cocktail der besonderen Art

Man muss sich das vorstellen: Drei Götter haben sich in Form eines gleichseitigen, man könnte auch sagen: sechsschenkligen Dreiecks aufgestellt und pinkeln auf eine Stier-Haut. Oder, noch grotesker, sie schlagen nicht ihr Wasser, sondern ihren ambrosischen Samen darauf ab. Natürlich ist Zeus mit von der Partie, ebenso sein immer zu Späßen aufgelegter Sohn Hermes. Aber auch Poseidon (was eher für die Variante mit dem Wasserlassen spricht), der Bruder von Zeus und Onkel von Hermes, trägt sein Teil dazu herbei.

Und warum und wozu das Ganze? Um auf diese Weise ein Misch- oder Mixtur-Wesen zu synthetisieren, das neun Monate später aus Mutter Erde und der in ihr vergrabenen Stier-Decke und Ersatz-Plazenta hervorbricht. Und in erstaunlicher Geschwindigkeit zum großformatigen Jäger Orion heranwächst. Nur ein weiterer Schuss aus Zeus‘ Pistole soll verhindert haben, dass der hypertrophierende zweibeinige Cocktail mit dem Kopf ans Himmelsgewölbe gestoßen ist. Damit ist offenbar zu rechnen, wenn drei Götter in Erinnerung an ihre jugendlich wilden Jahre gemeinsam urinieren oder masturbieren oder womöglich sogar beides.

Wie es mit Orion (als Jäger ein primär ergebnisorientierter Kollege der mehr am Wie des Jagens interessierten Göttin Artemis) weiterging, ist, verglichen mit diesem fulminanten Start ins Leben, eher banal. Das Übliche eben: viel töten, ein bisschen vergewaltigen, ein ständiger Wechsel zwischen Austeilen-Dürfen und Einstecken-Müssen. Und am Ende wurde er entweder von Artemis aus Versehen erschossen oder von einem hochgiftigen Skorpion gestochen – es gibt dazu erstaunlich viele, einander widersprechende Aussagen. Die Zahl derer, die ein Interesse daran hatten, Orion in den Hades zu schicken, scheint relativ groß gewesen zu sein.

Das mit dem Hades wurde dann aber doch nichts. In den Himmel kam Orion zwar auch nicht, dafür bekanntermaßen an den Himmel. Warum gerade ihm die Ehre zuteil wurde, als Sternbild zu enden und damit nicht ein für allemal, sondern (im Winter zumindest) jede Nacht erneut einen Abgang zu machen, lässt sich schwer sagen. Nicht nur Gottes Wege sind unergründlich, sondern auch die der Götter. Vielleicht kam man im Olymp zu dem Schluss, ein so spektakulärer Anfang verlange nach einem Ende, das etwas von einem Abschluss-Feuerwerk hat. Wer auf die Welt gepinkelt wurde, darf offenbar damit rechnen, dass er zuletzt an den Himmel gesternt wird.

In dubio pro Idomeneo und die Koloratur-Nudeln von Wolfgang Amadeus Mozart

Was klein geschnittene Nudeln mit dem Trojanischen Krieg zu tun haben? Wolfgang Amadeus Mozart hätte dazu einiges sagen können. Geschnittene Nudeln nannte der Fünfundzwanzigjährige die Koloraturen, die er dem Star-Tenor Anton Raaff, der in Mozarts Oper Idomeneo die Titelrolle singen sollte, sozusagen auf den Leib schneiderte, also in den Kehlkopf komponierte. Indem er den Sechsundsechzigjährigen nämlich das tun ließ, was der stimmlich ein wenig ausgeleierte Tenor noch mit am besten konnte: melismatisch kollern – in gebundenen Tonfolgen oder auch staccato.

Odysseus war nicht der einzige, der nach dem Ende des Trojanischen Kriegs (heldenhaft gesiegt hin, mit List und Tücke gerade so eben gewonnen her) im Verlauf der Heimreise und danach in Schwierigkeiten geriet. Neben einer Odyssee könnte es also zumindest noch eine Agamemnee, eine Diomedee (Diomedes war der Parapsychologe, der die Absichten der am Kampf beteiligten Götter durchschauen konnte) und eine Idomenee geben.

Idomeneus (er wurde in der Münchner Uraufführung von Mozarts ähnlichnamiger Oper 1781 gesungen von Anton Raaff) verlor auf der Rückfahrt von Troja nach Kreta in einem auch damals schon klimatisch bedingten Sturm nach und nach sage und schreibe 79 seiner 80 Schiffe und dann die Nerven. In seiner Not gab er Poseidon das Versprechen, ihm (dem potentiellen Retter) das erste Lebewesen als Opfer darzubringen, das ihm (dem dann Geretteten) auf Kreta begegnen würde. Wer den Göttern solche Blanko-Lizenzen zum Sich-Opfer-bringen-Lassen ausstellt, darf sich nicht wundern, wenn er sich am Tag der Schuldentilgung mit Forderungen konfrontiert sieht, die jedem vernünftigen Menschen maßlos und zynisch erscheinen müssen. Denn als Idomeneus im letzten Schiff seiner Flotte die kretische Heimat erreichte, war das erste Lebewesen, das er als solches wahrnahm (Seetang, Möwen und Strandkrabben hatte er offenbar übersehen), sein Sohn Idamantes (nach Mozarts Anweisung von einem Kastraten zu singen).

Giambattista Varescos Libretto führt die opernhafte Handlung der Oper nach der Tötung eines Ungeheuers durch den zwar testosteronfreien, aber anscheinend im Drachenkampf geübten Idamantes zielstrebig zum Happyend. Mythologisch belegbar ist die vermutlich kinderlose Ehe mit Ilia, einer Varesco zufolge aus Ilion (Troja) nach Kreta verschleppten Prinzessin, nicht. Dass Poseidon sich im letzten Moment umstimmen ließ, sagen allerdings auch andere. Wieder andere behaupten, Idomeneus habe, um seine Schuld bei Poseidon zu begleichen, Idamantes tatsächlich geopfert, sei aber anschließend von den Kretern als angeblicher Verursacher einer Grippe-Epidemie zur Flucht nach Italien gezwungen worden. Das Darbringen von Menschenopfern galt damals noch nicht als Straftat, sondern war anerkannter Bestandteil der religiöse Praxis, so dass Idomeneus, wenn diese Version den mythologischen Tatsachen entspräche, möglicherweise als politisch Verfolgter anerkannt worden wäre.

Aber da bekanntlich alle Kreter Lügner sind und die Geschichte von Idomeneus‘ Flucht nach Italien ebenso wie jede andere Geschichte zunächst nur von Kretern kolportiert worden sein kann, weiß man in Idomeneus‘ Fall noch weniger als sonst, was man glauben soll und was nicht. In dubio pro arte, würde ich sagen, also pro Idomeneo und die Konvergenz von künstlerischer und mythologischer Wahrheit.