Jahrzehnte nach dem Ende des Trojanischen Krieges

Leonardo da Vinci notiert frei nach Ovids Metamorphosen: „Als Helena in den Spiegel blickte und ihre welke Haut mit den Falten sah, die das Alter in ihr Gesicht gegraben hatte, weinte sie und konnte kaum glauben, dass sie in ihrem Leben zweimal entführt worden war.“

Hypermestra oder: Kleinfamilie statt genealogischer Hypertrophie

Vorbemerkung: Zu den populären mythische Personen-Konstellation gehören die verfeindeten Zwillingsbrüder. Atreus und Thyestes waren so ein prekäres Pärchen, aber auch Danaos und Aigyptos, bei denen das Antipodische darin gipfelte, dass der eine, Danaos, es irgendwann auf fünfzig Töchter und der andere, Aigyptos, auf fünfzig Söhne gebracht hatte. Um eine nachhaltige Versöhnung beziehungsweise Vertöchterung herbeizuführen, schlug Aigyptos vor, die beiden Großfamilien miteinander zu verheiraten, ein genealogisches Zukunftsprojekt mit gigantomanischen Zügen, auf das sich Danaos nach längerem Sträuben doch noch, aber, wie sich herausstellte, nur zum Schein einließ.

Sieben auf einen Streich – der märchenhafte Gruppen-Totschlag des sogenannt tapferen Schneiderleins ist nichts gegen den von Danaos befohlenen Massenmord an den Söhnen seines ihm verhassten Zwillingsbruders Aigyptos, dem König von, ja genau: Ägypten. Sieben mal Sieben in einer Nacht! Und runde Fünfzig wären es gewesen, wenn sich Hypermestra wie ihre neununddvierzig Schwestern an die Weisung ihres Vaters gehalten und ihrem Ehemann Lynkeus in der Hochzeitsnacht vor, während oder nach dem Liebestod den Garaus gemacht hätte – im Falle des während ein Koitus interruptus der besonderen Art.

„Dreimal erhob meine Hand das spitze Schwert, dreimal fiel sie zurück, nachdem sie das Schwert in schlimmer Absicht erhoben hatte“, schrieb Hypermestra in einem von Publius Ovidius Naso erst viele Jahrhunderte später veröffentlichten Brief an ihren gerade noch dem Tode entronnenen Ehemann. Aus dem etwas verworrenen Schreiben geht nicht eindeutig hervor, ob sie Danaos, ihrem Vater und König von Argos, den Gehorsam aus Liebe zu Lynkeus verweigerte, oder weil sie der Meinung war, „aptior est digitis lana colusque meis“, also dass Wolle und Rocken als Waffen des Friedens für ihre Finger angemessener seien als eine Kriegswaffe.

Hypermestras wie auch immer motivierte Kriegsdienstverweigerung führte jedenfalls dazu, dass Lynkeus die Hochzeitsnacht der langen Messer anders als seine neundundvierzig Brüder und Halbbrüder unbeschadet überstand, während Hypermestra wegen ihrer Treue zum falschen Mann zunächst in Ketten gelegt und vor Gericht gestellt wurde. Sehr wahrscheinlich war es die Fürsprache Aphrodites, die zu ihrem Freispruch führte. Da man zwischen Korruption und Götterverehrung schon und gerade in mythischen Zeiten nicht klar unterscheiden konnte noch wollte, ließ Hypermestra im Gegenzug zu Ehren der Liebes-Göttin von einem damals namhaften Bildhauer eine Statue anfertigen und im Tempel des Apollon aufstellen. Anschließend dauerte es dann auch nur noch ein paar Jahre, bis Danaos seinen Schwiegersohn Lynkeus als solchen anerkannte und ihn zu seinem offiziellen Nachfolger auf dem Thron von Argos erklärte.

In einem Gedicht von Horaz wird Hypermestra wegen ihres Verrats am Vater als splendide mendax, als bewundernswert heuchlerisch gepriesen, doch ist das ein Ehrentitel, auf den in diesem wie in anderen Mythen-Thrillern beinahe jeder Akteur und jede Aktrice Anspruch erheben könnte.

Penelope coniunx semper Ulixis ero

„Als Penelope werde ich immer die Gattin des Odysseus sein“, schrieb der Frauen-Versteher Ovid noch zu Lebzeiten von Jesus Christus in der Maske des mythischen Vor- und Urbilds der beharrlich Ausharrenden, um nicht zu sagen: der eisern Wartenden. „Liebe ist eine Angelegenheit der Sorge und der Angst“, lässt er Penelope an den von ihr wiederholt saumselig Genannten schreiben. Und lässt für seine realen Leser im fingierten Brief der mythologisch verbürgten Verfasserin den Kampf um Troja, im Brief auch Ilion genannt, in prominenten Szenen Revue passieren.

Denn obschon sie von ihrem Mann selbst seit dessen Abreise aus Ithaka keine Nachricht mehr erhalten hatte, war die Witwe, die keine war, durch die Berichte anderer, also aus zweiter Hand und drittem Mund, auf dem Laufenden gehalten worden: „Aber was nützt es mir, dass Ilion durch euch zerstört wurde, und dass seine Mauern nun dem Erdboden gleichgemacht sind, wenn ich immer noch warte, wie ich schon wartete, als Troja noch standhielt, und mein Mann in der Ferne bleibt, so dass ich ihn nachhaltig entbehren muss“?

Da wäre es doch beinahe besser, schreibt Penelope, wenn der Krieg noch andauern würde: „Dann wüsste ich, wo du dich mit wem schlägst und fürchtete nur den Ausgang der Kämpfe.“ Also lieber um sein Leben bangen, als nicht wissen, wo er sich herumtreibt. Testosteron gesteuert, wie die Männer sind, werde er womöglich von einer Affäre in der Fremde an die Fremde gefesselt sein, mutmaßt Penelope vor allem deshalb, weil Ovid wusste, dass sie damit vollkommen richtig lag. Hinter Ovid dem Frauen-Versteher wird Ovid der Männer-Experte erkennbar, der noch dazu mythologisch informiert gewesen ist.

Über einen noch nicht vorhandenen Brief und ein nicht mehr zustande gekommenes Gerichtsverfahren

Vor dem falschen Vorwurf der sexuellen Belästigung oder der versuchten, wenn nicht vollzogenen Vergewaltigung sind nicht nur Wetter-Moderatoren nicht sicher. Das mythologische Urbild des zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs Bezichtigten ist Hippolytos, Sohn des Theseus und der Amazone Hippolyte oder auch deren Amazonen-Schwester, -Tochter oder -Freundin Antiope. Etwas von einer Amazone hatte auch die Göttin der Jagd Artemis, zu der sich Hippolytos in quasi ödipaler, doch ganz und gar platonischer Verehrung entschieden stärker hingezogen fühlte als zu seiner Stiefmutter Phaidra, von der er so gar und ganz nichts wissen wollte.

Phaidra, die gebürtige Kreterin, war die Schwester von Ariadne, die Theseus, damals noch Prinz von Athen, dabei geholfen hatte, den Minotauros unschädlich zu machen. Anstatt Ariadne, wie es sich wohl gehört hätte, zu heiraten, fuhr Theseus nach einem Halt auf der Insel Naxos ohne die zunächst mit an Bord genommene Tochter des Minos auf und davon.

Zur Hochzeit mit Ariadnes Schwester Phaidra, sie war wohl aus freien Stücken das, was man ein Mauerblümchen nennt, kam es später wahrscheinlich aufgrund außenpolitischer Erwägungen, das heißt, um Feindseligkeiten zwischen Kreta und Athen eher unwahrscheinlich oder doch wenigstens etwas weniger wahrscheinlich zu machen.

Dann aber begegnet Phaidra Hippolytos, Theseus‘ Sohn aus seiner ersten Ehe mit der einen oder der anderen Amazone. Und da ihr die passenden Worte nicht über die Lippen kommen wollen, schreibt sie ihm einen der von Publius Ovidius Naso um die vorvorletzte Jahrtausendwende erfundenen Heroinen-Briefe. Vielleicht ahnte Phaidra immer schon, dass ihre Liebe nicht auf Gegenliebe stoßen würde, da sie gleich in der Einleitung zu bedenken gibt: „Der Feind sieht sich auch ein Schreiben an, das er von einem Feind erhalten hat“ und diagnostiziert gleichwohl bei sich selbst „eine heftige Liebe“, die ihr „tief in den Knochen“ sitze. Hippolyts für andere „hartes und grimmiges Gesicht“ sei in ihren Augen „nicht hart, sondern kraftvoll“. Und: „Fern bleiben sollen mir die wie eine Frau frisierten jungen Männer! Männliche Schönheit verlangt danach, nur in Grenzen gepflegt zu werden. Dir steht deine Strenge und die unordentlich fallenden Haare und der leichte Staub auf deinem erlesenen Gesicht.“

Die, wenn man so will, inzestuös anmutende Mutter-Sohn-Beziehung zwischen ihr und dem unehelichen Sohn ihres Ehemanns hält Phaidra zum einen für moralisch vertretbar und zum anderen für einen Camouflage-Vorteil: „Unsere Schuld wird unter dem Deckmantel der Verwandtschaft verborgen werden können. Selbst wenn jemand unsere Umarmungen sieht, werden wir beide gelobt werden und ich werde eine meinem Stiefsohn in Treue ergebene Stiefmutter genannt werden.“ Ihr neuer, verbotener Verkehr würde dem alten, sozial akzeptierten Umgang zum verwechseln ähnlich sehen: „Wie ein und dasselbe Haus uns beherbergt hat, so wird ein und dasselbe Haus uns weiter beherbergen. Du gabst mir unverhohlene Küsse und du wirst mir weiterhin unverhohlene Küsse geben.“ Die zum Ehebruch Entschlossene geht sogar so weit, ihrem Liebhaber in spe anzukündigen: „Du wirst zusammen mit mir sicher sein und wirst dir noch durch deine Schuld Lob verdienen, selbst wenn man dich in meinem Bett erblicken wird.“

Doch für Phaidra und Hippolyt galt nun einmal nicht, dass sein Anker ihrem Strand versprochen war, wie es in einem anderen Ovid-Brief heißt. Als Phaidra feststellen muss, dass weder ihre (also Ovids) werbenden Worte noch die Aussicht auf einen kretischen Insel-Palast Hippolytos dazu bewegen können, dem erotischen Begehren seiner Stiefmutter leiblich und seelisch entgegen zu kommen, bringt sie sich kurzerhand um – nicht ohne zuvor in einem finalen Brief, adressiert an ihren, Eros oder Amor sei’s geklagt, nicht gehörnten Ehemann, Hippolytos des unziemlichen Verhaltens ihr gegenüber bezichtigt zu haben.

Auf der Flucht vor seinem Vater hat Hippolytos dann zur kreativen Schaden-Freude späterer Maler und Bildhauer einen tragischen Unfall mit seinem Pferde-Rennwagen. Wäre es, wie im Fall des eingangs erwähnten TV-Moderators, stattdessen zu einem Prozess wegen Vergewaltigung oder sexueller Belästigung gekommen, hätte Ovids Brief den Angeklagten entlasten und zu seinem Freispruch führen können. Vorausgesetzt, Hippolyt wäre noch im Besitz des Briefes gewesen und er, der Brief, hätte zum fraglichen Zeitpunkt bereits existiert und wäre nicht erst ein paar hundert Jahre später nicht aus erotischen, sondern aus literarischen oder ero-literarischen Gründen geschrieben worden.

Apoll wollte Daphne und bekam einen Lorbeerkranz

Als Jerry alias Jack Lemmon alias Daphne am Ende von Billy Wilders Filmklassiker Some Like It Hot die Perrücke abnimmt und sich als Mann zu erkennen gibt, damit der in Liebe zur vermeintlichen Daphne entbrannte Millionär Osgood Fielding III. endlich von ihr, also von ihm ablassen möge, zeigt Osgood sich keineswegs desillusioniert und erotisch ernüchtert, sondern kommentiert die neue Lage nur relativ unbeeindruckt mit dem Satz: „Well, nobody’s perfect!“

Nicht viel anders reagiert Apollon, als Daphne, die Tochter eines Flussgotts, sich vor seinen Augen und unter seinen Händen in einen Lorbeerbaum verwandelt: „An den Stamm hält er die Rechte / und fühlt noch unter der neuen Rinde die zitternde Brust. / Die Zweige, wie Glieder, mit seinen Armen umschlingend / küsst er das Holz, doch das Holz weicht vor den Küssen zurück.“ So schildert Ovid den Moment, in dem der mit einer plötzlich anderen Daphne konfrontierte Gott keineswegs daran denkt, aus seinem jagdfiebrigen Liebes-Traum zu erwachen und unter der kalten Dusche einer veränderten Realität emotional und genital (oder umgekehrt) zu erschlaffen.

Apollons Wolllust würde wohl auch vor einer floralen Daphne nicht Halt gemacht haben, hätte diese sich ihm nicht auch noch als Holz Gewordene konsequent verweigert. An Daphnes entschiedenem Nein wie an Apolls nicht minder entschiedenem Ja waren die Pfeile des Eros schuld, wobei der goldene Pfeil den einen zum Jäger und der bleierne die andere zur Fliehenden und Gejagten machte. Eros ist nämlich nicht nur der Gott des Haben-Wollens, sondern auch der des Sich-nicht-hingeben-Mögens, also der anti-erotischen transitiven Frustration. Transitiv deshalb, weil nicht die vom bleiernen Pfeil der Verneinung Getroffenen die Frustrierten sind, sondern diejenigen, die das Pech haben, sich zu den Bleiernen hingezogen zu fühlen.

Warum überhaupt hat aber Eros das volatile Viagra in Apollon und den Liebes-Töter in Daphne geschossen? Weil Apoll ihn als schlechten Schützen verhöhnt hat, heißt es. Doch vielleicht wollte der ewige Unruhestifter, der zusammen mit Gaia (der Erde), Nyx (der Nacht) und Tartaros (der Unterwelt noch unter der Unterwelt) unmittelbar dem Chaos entstammte, aus einer nostalgischen Laune heraus für eine Renaissance des Chaotischen sorgen. Da das Chaos aber nicht geboren wurde, konnte es auch nicht wiedergeboren werden. Das Ergebnis des erotischen Experiments mit den kontra-versen Pfeilen war dann auch kein neues altes Chaos, sondern eine so noch nicht dagewesene, symbolträchtige und kulinarisch wertvolle Pflanze. Denn Lorbeerbäume gab es erst, nachdem Daphne sich in deren Prototyp verwandelt hatte.

Wir müssen uns den Verlierer vielleicht nicht als glücklichen Menschen, aber doch als eine andere Art von Sieger, den sexuell Frustrierten als einen sublim Erhöhten vorstellen. Sublimation ist Lorbeer statt Liebesakt. Apollon beschloss, das daphnische Blattwerk umzudeuten und von nun an bis in Ewigkeit einen Lorbeerkranz nicht zum Zeichen seiner Niederlage, sondern als Symbol für das Obsiegen der höheren Werte auf dem Haupt zu tragen. Dass er damit einem weit verbreiteten (offenbar rein männlichen) Bedürfnis Ausdruck verliehen hat, belegen die vielen Lorbeerkranz-Träger (Caesar, Dante, Napoleon, Goethe, die Fußball-Ultras, um nur einige zu nennen), die seinem Beispiel seither gefolgt sind.