Romeo und Julia auf dem Schlachtfeld vor Troja

Was Patroklos, einen der prominenten griechischen Kämpfer vor Troja, und Polyxena, die jüngste Tochter des Königs der belagerten Stadt, verbindet, ist die durch Teile der Mythologie voll und ganz verbürgte Tatsache, dass sie wahrscheinlich beide von einem gemeinsamen Dritten, nämlich von Achilleus, geliebt worden sind. Während an Achills Liebe zu Patroklos kaum gezweifelt werden kann, lässt die Beziehung zwischen dem Griechen und der trojanischen Prinzessin unterschiedliche Sichtweisen zu oder, richtiger gesagt, je nach Sichtweise stellt sich diese Beziehung entweder als mehr oder weniger große Liebe oder als nicht existent dar.

Einem Mythen-Kolporteur unserer Tage dürfte es in Anlehnung an kursierende Gerüchte nicht schwer fallen, sich festzulegen und zu fabulieren: Achill war zwar ein monströser Schlächter, aber Polyxena hat ihn rätselhafterweise geliebt und er liebte sie. Und wer eine Tochter des Erzfeinds in sein Herz schließt, kann kein ganz schlechter Mensch sein. Homer dagegen kennt nicht einmal den Namen der Prinzessin und erst recht weiß er nichts von einer Liebe seines Haupt- und Parade-Helden Achilleus zu ihr. Seine Geschichte des trojanischen Kriegs beginnt mit einem Fanfarenstoß, der den Zorn des Achill ob der Tötung seines geliebten Freundes Patroklos annonciert. Die ganze Ilias ist, wenn man so will, nichts anderes als die Transformation dieses initialen Signals einer Zorn gewordenen Freundes-Liebe in episch sich fortpflanzende Hexameter-Wellen.

Betrachtet man demgegenüber die detailreichen paramythologischen Geschichten und bildlichen Darstellungen, die von dem erzählen, was sich zwischen Polyxena und Achill vor, bei und nach dessen Tod abgespielt haben soll, dann drängt sich der Verdacht auf, dass es sich beim Schweigen Homers in Bezug auf Polyxena um ein gleichermaßen beredtes wie poetologisch weises Schweigen handelte, um ein Tot- und Verschweigen von etwas, das nicht sein konnte, weil es (noch) nicht sein durfte. Romeo und Julia auf dem Schlachtfeld vor Troja: Der Konflikt zwischen dem Ethos des heroischen Sippen-Krieges und der höheren Moral der Liebe war für Homer, so wird man vermuten dürfen, ein Stoff, für dessen inhaltliche Auf- und formale Zubereitung er die Zeit noch nicht für gekommen hielt.

„Willst du schon gehn, Achill? Der Tag ist ja noch fern. / Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche, / Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang; / Sie singt des Nachts auf dem Oliv’baum dort. / Glaub‘, Lieber, mir: es war die Nachtigall.“ Um solches oder ähnliches aus dem Munde einer Polyxena zu vernehmen, mussten, das war Homer klar, erst noch etliche Sänger- und andere Kriege gewonnen und verloren werden.

Indem Herakles Podarkes alias Priamos verschonte, war das Schicksal Trojas so gut wie besiegelt

Als Knabe hieß er der Schnellfüßige, später der Freigekaufte, noch später hätte er eigentlich der mit den aberwitzig vielen Kindern heißen müssen. Priamos (von priasthai für kaufen) war der jüngste Sohn von Laomedon, dem zweiten König von Troja. Laomedon hatte die potentiell selbstzerstörerische Angewohnheit, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen und die Dienstleister um den vorher vereinbarten Lohn zu prellen. So weigerte sich Laomedon unter anderem, Herakles die ihm versprochenen Pferde zu überlassen. Die standen dem zufällig Vorbeigekommenen zu, weil er ein Seeungeheuer getötet hatte, dem Laomedons Tochter Hesione geopfert werden sollte. Das Seeungeheuer war von Poseidon geschickt worden, aber nur, weil Laomedon ihn für den Bau einer kompletten Stadtmauer partout nicht hatte bezahlen wollte.

Priamos hieß damals noch Podarkes, also der Schnellfüßige. Zur Umbenennung kam es erst einige Zeit später, als Herakles nach Erledigung seines Pflichtprogramms zurückkam, um sich in Troja um die Begleichung der noch offenen Rechnung zu kümmern. Statt mit Podarkes‘ Vater Laomedon zu verhandeln, schuf Herakles gleich vollendete Tatsachen und tötete nicht nur den König, sondern auch des Königs Kinder mit Ausnahme von Hesione, die er nach dem erzwungenen Verzicht auf die Pferde zu seiner Geliebten gemacht hatte, und deren Brüder Tithonos und Podarkes. Dass Herakles Tithonos verschonte, war ein mythologisch notwendiger Akt der reinen Willkür: Tithonos wurde noch als Liebhaber von Eos, der Göttin der Morgenröte benötigt. Podarkes dagegen kam nur deswegen mit dem Leben davon, weil Hesione ihn gewissermaßen loskaufte. „Da hast du deinen Priamos“, sagte Herakles lachend, als Hesione ihren Gürtel löste und ihn Herakles als Lösegeld für den Lieblingsbruder anbot.

Dass Podarkes oder, wie er von nun an hieß, Priamos von Herakles verschont worden war, blieb für die demographische Entwicklung von Troja nicht ohne Folgen. Von seiner Gattin Hekabe und anderen Frauen hatte Priamos fünfzig Söhne und zwölf Töchter, darunter Paris, der durch die Entführung der schönen Helena Troja den Untergang brachte und Hektor, der diesen Untergang heldenhaft, aber letztlich ohne Erfolg, zu verhindern suchte. Die meisten der zweiundsechzig Kinder des Priamos kamen bei der Eroberung der Stadt durch die Griechen ums Leben: Wie gewonnen, so zerronnen, wie geboren, so verloren.

Die Gründung von Troja unter Zuhilfenahme einer ergaunerten Kuh

Dass eine hölzerne Statue in Gestalt einer Göttin beziehungsweise eine Göttin in Gestalt einer hölzernen Statue quasi aus dem Nichts vom Himmel fällt, war in jener Zeit, als zwischen dem naturgesetzlich Legalen und dem, was ganz gar nicht geht, noch nicht engstirnig-kompromisslos unterschieden wurde, beinahe eine Art Normal-Fall.

So begab es sich etwa auf der Halbinsel Tauris (heute Krim), dass unversehens eine in Holz geschnitzte Artemis durch die Wolkendecke brach. Da auch Frauen-, Kunst- und anderer Raub zu den landesüblichen Sitten und Gebräuchen gehörte, dachte Orest sich nichts dabei, als er die Hölzerne später nach Athen entführte – zumal er da gerade erst seine Mutter Klytaimnestra und deren Liebhaber getötet, um nicht zu sagen: ermordert hatte. Ein weiterer Figuren-Einschlag ereignete sich bei der Gründung von Troja alias Ilion, wovon im Folgenden berichtet werden soll.

Wahrscheinlich das wenigste von dem, was eine Elle lang ist, ist ellen-, also maßlos übertrieben lang. In der später so genannte Antike maß eine Elle knapp 50 Zentimeter. Die Pallas Athene in Holz, die anlässlich der Gründung der Stadt Ilion von Zeus abgeworfen oder gestiftet wurde, war drei Ellen oder eineinhalb Meter lang oder hoch – ein Standard-Figuren-Maß, dessen ästhetische Belastbarkeit mehr als zweitausend Jahre später von barbarischen Holzschnitzern in Hunderten, wenn nicht Tausenden von vergleichbaren Fällen bestätigt wurde. Nur dass die Göttinnen da nicht Athene oder Artemis, sondern Maria, Maria Magdalena, Anna, Barbara, Katharina oder Johannes Evangelist hießen.

Der Gründer von Ilion hieß Ilios, wobei schwer zu sagen ist, ob Ilios nach Ilion oder Ilion nach Ilios benannt wurde. In der Sphäre des Mythischen ist die Folge nicht selten die Ursache ihrer Ursache und die Ursache eine Folge ihrer Folge, was in der Ambivalenz von Implikation bis heute trefflich zum Ausdruck kommt. Ilios jedenfalls hatte beim Speerwerfen eine Kuh, fünfzig Frauen und fünfzig Männer gewonnen. Das Besondere an der Kuh war, dass man mit ihrer Hilfe eine Stadt mit einer großen Zukunft gründen können sollte. Man musste nur daran glauben, dass eben dort, wo sich die Kuh nach einer kürzeren oder längeren Wegstrecke niederließ, der Ort mit dem nicht zu übertreffenden Standortvorteil war.

Da aber Ilios beim Speerwerfen geschummelt hatte (sein Freund hatte das Wurfgerät nach dessen Aufschlagen versteckt und die offenbar plausible These vertreten, der Speer sei bis in den Himmel geflogen), wollte er sich vergewissern, dass die Götter ihm den Betrug nicht übel nahmen. Hätten sie der Stadtgründung ihren Segen verweigert, wäre die magische Wirkung der Kuh womöglich neutralisiert worden. Also bat Ilios Zeus um ein Zeichen seiner Gunst. Und Zeus antwortete ohne zu zögern mit dem Palladion, einem geschnitztes Abbild seiner Tochter Pallas Athene, „welches auf der Burg von Troja als Unterpfand der öffentlichen Wohlfahrt aufbewahrt wurde“, wie es in einem populären enzyklopädischen Netz-Werk heißt.

Dass Troja dennoch erobert wurde, ist bekannt. Zuvor musste aber erst noch Odysseus das Palladion in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in seinen Besitz bringen. Die in Holz geschnitzte Athene machte zwar die Stadt, in der sie sich befand, uneinnehmbar, nicht aber sich selbst immun gegen Diebstahl.

Ein mit dem Ende den Anfang machender grober Bericht über gröbste Schandtaten

Schließlich verwandelte Zeus, um der Sache ein Ende zu machen, die eine der beiden Schwestern in eine Nachtigall und die andere in eine Schwalbe, ihren Verfolger Tereus aber in einen Wiedehopf. Warum war Tereus mit gezogenem Schwert hinter den Weibsbildern her gewesen? Weil Philomela ihm den Kopf seines Sohns Itys zugeworfen und dabei gerufen hatte, hier sei noch der Rest vom Dionysos-Fest, die meisten der genießbaren Teile habe er ja schon brav aufgegessen.

Sohn Itys musste dran glauben, weil seine Mutter Prokne in ihm nur noch den Vater sah, auf den sie, gelinde gesagt, nicht gut zu sprechen war. Denn er hatte nicht nur zu Beginn ihrer Ehe regelmäßig sie selbst, sondern kürzlich auch mehrfach ihre Schwester Philomela vergewaltigt. Für den Sohn des Kriegsgotts Ares war das nur die im väterlichen Zweig der Familie übliche Art und Weise gewesen, mit dem anderen Geschlecht geschlechtlich zu verkehren.

Prokne, die spätere Mutter seines Sohns Itys, hatte Tereus geheiratet, weil sie ihm von deren Vater Pandion als Lohn für geleistete Kriegsdienste überlassen worden war. Und Philomela hatte er vor ein paar Wochen entführt und an einem geheimem Ort gefangen gehalten, nachdem sie bei ihrer psychisch angeschlagenen Schwester Prokne zu Besuch gewesen war. Obwohl Tereus ihr die Zunge abgeschnitten hatte, fand Philomela einen Weg, ihre Schwester wissen zu lassen, wo sie sich aufhielt und was ihr widerfahren war.

Denn eine verschlüsselte Nachricht, die Philomela in ein Gewand, welches sie ihrer Schwester durch eine Sklavin zukommen ließ, hineingeschneidert hatte, informierte Prokne über die groben Verfehlungen ihres Ehemanns und darüber, wo sie festgehalten wurde. Im bacchantischen Drunter und Drüber eines Dionysos-Fests kam es nach Philomelas Befreiung dann zu dem, wovon am Anfang bereits die Rede gewesen ist.

Lailaps oder: Warum Kunstwerke unsterblich sind

„Bei Fuß, Lailaps!“ Prokris hatte den bis dahin namenlosen Sturmwind von einem Hund von Minos, dem König von Kreta, geschenkt bekommen. Ein Hund, noch dazu ein unsterblicher, der schneller war als alles, was sonst noch vier Beine hatte, um von Zweibeinern und Tausendfüßlern nicht zu reden. Dazu einen Speer, der sein Ziel (also das der Werferin oder des Werfers, kurz: der oder des Werfenden) nie verfehlte. Dafür hatte sie, Prokris, König Minos von einem dubiosen Leiden befreit, falls man den Umstand, dass Minos‘ Körper beim Geschlechtsakt nicht nur das Übliche, sondern auch noch Schlangen, Skorpione und Tausendfüßler entströmten, ein Leiden nennen möchte. Man hätte darin auch eine Gabe oder Fähigkeit sehen können, wenn Minos dazu in der Lage gewesen wäre, diese exklusive Sonder-Begabung willentlich zu steuern.

Mit Lailaps an der Leine und dem Speer über der Schulter kehrte Prokris zu ihrem Mann Kephalos zurück, den sie ein paar Wochen zuvor schwer gekränkt verlassen hatte. Als kränkend hatte sie empfunden, dass Kephalos mit falschem Bart und verstellter Stimme ihre Treue auf die Probe stellen wollte, genauer gesagt: dass er es für möglich gehalten hatte, dass sie ihm, den sie schon von Kindesbeinen an kannte, jemals untreu werden könnte.

Tatsächlich wäre sie dem bärtigen Fremdling wohl auch zu willen gewesen, wenn dieser sich nicht im entscheidenden Moment als Kephalos entpuppt hätte. Aber dass Kephalos‘ Untreue-Bereitschafts-Verdacht begründet gewesen war, wog nach Prokris‘ Dafürhalten ehemoralisch weniger schwer als die Tatsache, dass Kephalos ihn gehabt hatte. Eine logisch wie psychologisch schwierige Situation, der sich Prokris schmollend entzog, indem sie für ein paar Wochen nach Kreta reiste, von wo sie nun mit einem Superdog und einer Wunderwaffe zurückkehrte.

Wie Prokris (die Auserwählte) und Kephalos (der Schönhäuptige) ihre logischen und psychologischen Eheprobleme lösten, ist weniger interessant als das, was später mit Lailaps passierte, der zunächst als Versöhnungsgeschenk von Frauchen zu Herrchen wechselte. Als nämlich eines Tages ein bösartiger Fuchs auftauchte, wurde Lailaps von der Leine gelassen, um diesem den Garaus zu machen, was ihm unter normal unnormalen Umständen auch gelungen wäre. Während aber Lailaps per definitionem deorum ein Jagdhund war, dem keine Beute entging, war der Fuchs nach dem Willen derselben Götter ein Fuchs, den nichts und niemand zu fassen bekam. Ein logisches, besser gesagt: ein ontologisches Dilemma! Zwei Wesen mit diesen einander widersprechenden Eigenschaften können und dürfen eigentlich nicht gleichzeitig existieren.

Solange Fuchs und Lailaps nicht in einen faktischen Interessenkonflikt gerieten, war das Problem zwar theoretisch vorhanden, aber nicht real gegeben. Die onto-logische Implosion, die dem Kosmos nun jedoch drohte, konnte von Zeus, der die Gefahr blitzartig erkannte, im letzten Moment verhindert werden, indem er Jäger und Gejagten geistesgegenwärtig in Marmor-Skulpturen verwandelte.

Sublimation ist besser als Im- oder Explosion. In der Sphäre der Kunst, das war Zeus intuitiv klar, sind Unvereinbarkeiten das Normalste von der Welt, ohne dass deswegen irgendwelche praktischen Unannehmlichkeiten zu gewärtigen wären. Dass dabei Lailaps‘ apriorisch vorhandene Unsterblichkeit berücksichtigt werden musste, ist vermutlich der Grund dafür, dass Kunstwerke bis heute als unsterblich gelten.

Eos und Tithonos – eine nicht zu empfehlende Variante unsterblicher Liebe

„Das Laub wird welk, das Laub wird welk und fällt, / Der Regen weint der Wälder Last zu Boden, / Der Mensch gräbt Äcker um, liegt endlich selbst begraben, / Es stirbt nach vielen Sommern Greif und Schwan.“ So oder so ähnlich beginnt Alfred, Lord Tennysons Gedicht Tithonus. Aber nicht mit einer weiteren Vanitas-Betrachtung darüber, dass alles, was entsteht, Zeus sei’s geklagt, zugrunde geht, hat man es hier zu tun. Sondern, ganz im Gegenteil, mit einem Lob der Sterblichkeit: „Me only cruel immortality / Consumes: I wither slowly in thine arms“, fährt das lyrische Ich in den beiden nächsten Zeilen fort. Von grausamer Unsterblichkeit konsumiert, aufgebraucht, verzehrt und zugrunde gerichtet, wird Tithonos in ihren, Eos‘ Armen langsam aber sicher über die Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte immer weniger und weniger werden.

Denn Eos, die Göttin der Morgenröte, hatte nicht mit Zeus‘ plötzlicher Neigung zur Haarspalterei gerechnet. Als sie den ersten Vorsitzenden des Vereins der Olympier, der gerade wegen seiner Affäre mit Ganymed in die Kritik geraten war, darum bat, ihren sterblichen Liebhaber Tithonos unsterblich zu machen, war Eos davon ausgegangen, dass Immortalität ohne ein befriedigendes Maß an physiologischer Integrität nicht zu haben ist. Der wegen des erzwungenen Verzichts auf Ganymed verstimmte Zeus beschloss aber aus einer boshaften Laune heraus, zwischen Unsterblichkeit und dem Einfrieren sämtlicher Alterungsprozesse einen Unterschied zu machen. Warum sollte ER auf den schönen Schönling Ganymed verzichten müssen, während sich die Göttin des Tagesanbruchs in der Stunde vor dem Einsetzen der Dämmerung bis in alle Ewigkeit von dem gleichfalls (noch) nicht unattraktiven Tithonos die Wangen und anderes röten ließ?

Auf die unschönen Details soll hier nicht eingegangen werden. Nach und nach stellte sich heraus, dass Tithonos erkennbar immer älter und spürbar immer weniger wurde. Auf Nachfrage bei Zeus erklärte dieser, er habe Tithonos das verliehen, worum Eos ihn gebeten habe: Unsterblichkeit. Von ewiger Jugend sei nie die Rede gewesen. Grausam, wie Eos und ihr Freund Lord Tennyson behaupteten, sei das keineswegs, sondern professionell. Er, Zeus, habe genau das und nur das geliefert, was bei ihm bestellt worden sei. Und die Frist für Reklamationen sei im übrigen längst abgelaufen.

Das Ende vom Lied war, jedenfalls bei Alfred Tennyson, Tithonos‘ flehentliche Bitte um Sterblichkeit – dass es in Eos‘ Macht stand, ihm diese zu gewähren, ist allerdings durchaus zu bezweifeln: „Release me, and restore me to the ground; / Thou seëst all things, thou wilt see my grave: / Thou wilt renew thy beauty morn by morn; / I earth in earth forget these empty courts, / And thee returning on thy silver wheels.“

Der Jäger Orion – ein Götter-Cocktail der besonderen Art

Man muss sich das vorstellen: Drei Götter haben sich in Form eines gleichseitigen, man könnte auch sagen: sechsschenkligen Dreiecks aufgestellt und pinkeln auf eine Stier-Haut. Oder, noch grotesker, sie schlagen nicht ihr Wasser, sondern ihren ambrosischen Samen darauf ab. Natürlich ist Zeus mit von der Partie, ebenso sein immer zu Späßen aufgelegter Sohn Hermes. Aber auch Poseidon (was eher für die Variante mit dem Wasserlassen spricht), der Bruder von Zeus und Onkel von Hermes, trägt sein Teil dazu herbei.

Und warum und wozu das Ganze? Um auf diese Weise ein Misch- oder Mixtur-Wesen zu synthetisieren, das neun Monate später aus Mutter Erde und der in ihr vergrabenen Stier-Decke und Ersatz-Plazenta hervorbricht. Und in erstaunlicher Geschwindigkeit zum großformatigen Jäger Orion heranwächst. Nur ein weiterer Schuss aus Zeus‘ Pistole soll verhindert haben, dass der hypertrophierende zweibeinige Cocktail mit dem Kopf ans Himmelsgewölbe gestoßen ist. Damit ist offenbar zu rechnen, wenn drei Götter in Erinnerung an ihre jugendlich wilden Jahre gemeinsam urinieren oder masturbieren oder womöglich sogar beides.

Wie es mit Orion (als Jäger ein primär ergebnisorientierter Kollege der mehr am Wie des Jagens interessierten Göttin Artemis) weiterging, ist, verglichen mit diesem fulminanten Start ins Leben, eher banal. Das Übliche eben: viel töten, ein bisschen vergewaltigen, ein ständiger Wechsel zwischen Austeilen-Dürfen und Einstecken-Müssen. Und am Ende wurde er entweder von Artemis aus Versehen erschossen oder von einem hochgiftigen Skorpion gestochen – es gibt dazu erstaunlich viele, einander widersprechende Aussagen. Die Zahl derer, die ein Interesse daran hatten, Orion in den Hades zu schicken, scheint relativ groß gewesen zu sein.

Das mit dem Hades wurde dann aber doch nichts. In den Himmel kam Orion zwar auch nicht, dafür bekanntermaßen an den Himmel. Warum gerade ihm die Ehre zuteil wurde, als Sternbild zu enden und damit nicht ein für allemal, sondern (im Winter zumindest) jede Nacht erneut einen Abgang zu machen, lässt sich schwer sagen. Nicht nur Gottes Wege sind unergründlich, sondern auch die der Götter. Vielleicht kam man im Olymp zu dem Schluss, ein so spektakulärer Anfang verlange nach einem Ende, das etwas von einem Abschluss-Feuerwerk hat. Wer auf die Welt gepinkelt wurde, darf offenbar damit rechnen, dass er zuletzt an den Himmel gesternt wird.

In dubio pro Idomeneo und die Koloratur-Nudeln von Wolfgang Amadeus Mozart

Was klein geschnittene Nudeln mit dem Trojanischen Krieg zu tun haben? Wolfgang Amadeus Mozart hätte dazu einiges sagen können. Geschnittene Nudeln nannte der Fünfundzwanzigjährige die Koloraturen, die er dem Star-Tenor Anton Raaff, der in Mozarts Oper Idomeneo die Titelrolle singen sollte, sozusagen auf den Leib schneiderte, also in den Kehlkopf komponierte. Indem er den Sechsundsechzigjährigen nämlich das tun ließ, was der stimmlich ein wenig ausgeleierte Tenor noch mit am besten konnte: melismatisch kollern – in gebundenen Tonfolgen oder auch staccato.

Odysseus war nicht der einzige, der nach dem Ende des Trojanischen Kriegs (heldenhaft gesiegt hin, mit List und Tücke gerade so eben gewonnen her) im Verlauf der Heimreise und danach in Schwierigkeiten geriet. Neben einer Odyssee könnte es also zumindest noch eine Agamemnee, eine Diomedee (Diomedes war der Parapsychologe, der die Absichten der am Kampf beteiligten Götter durchschauen konnte) und eine Idomenee geben.

Idomeneus (er wurde in der Münchner Uraufführung von Mozarts ähnlichnamiger Oper 1781 gesungen von Anton Raaff) verlor auf der Rückfahrt von Troja nach Kreta in einem auch damals schon klimatisch bedingten Sturm nach und nach sage und schreibe 79 seiner 80 Schiffe und dann die Nerven. In seiner Not gab er Poseidon das Versprechen, ihm (dem potentiellen Retter) das erste Lebewesen als Opfer darzubringen, das ihm (dem dann Geretteten) auf Kreta begegnen würde. Wer den Göttern solche Blanko-Lizenzen zum Sich-Opfer-bringen-Lassen ausstellt, darf sich nicht wundern, wenn er sich am Tag der Schuldentilgung mit Forderungen konfrontiert sieht, die jedem vernünftigen Menschen maßlos und zynisch erscheinen müssen. Denn als Idomeneus im letzten Schiff seiner Flotte die kretische Heimat erreichte, war das erste Lebewesen, das er als solches wahrnahm (Seetang, Möwen und Strandkrabben hatte er offenbar übersehen), sein Sohn Idamantes (nach Mozarts Anweisung von einem Kastraten zu singen).

Giambattista Varescos Libretto führt die opernhafte Handlung der Oper nach der Tötung eines Ungeheuers durch den zwar testosteronfreien, aber anscheinend im Drachenkampf geübten Idamantes zielstrebig zum Happyend. Mythologisch belegbar ist die vermutlich kinderlose Ehe mit Ilia, einer Varesco zufolge aus Ilion (Troja) nach Kreta verschleppten Prinzessin, nicht. Dass Poseidon sich im letzten Moment umstimmen ließ, sagen allerdings auch andere. Wieder andere behaupten, Idomeneus habe, um seine Schuld bei Poseidon zu begleichen, Idamantes tatsächlich geopfert, sei aber anschließend von den Kretern als angeblicher Verursacher einer Grippe-Epidemie zur Flucht nach Italien gezwungen worden. Das Darbringen von Menschenopfern galt damals noch nicht als Straftat, sondern war anerkannter Bestandteil der religiöse Praxis, so dass Idomeneus, wenn diese Version den mythologischen Tatsachen entspräche, möglicherweise als politisch Verfolgter anerkannt worden wäre.

Aber da bekanntlich alle Kreter Lügner sind und die Geschichte von Idomeneus‘ Flucht nach Italien ebenso wie jede andere Geschichte zunächst nur von Kretern kolportiert worden sein kann, weiß man in Idomeneus‘ Fall noch weniger als sonst, was man glauben soll und was nicht. In dubio pro arte, würde ich sagen, also pro Idomeneo und die Konvergenz von künstlerischer und mythologischer Wahrheit.

À la recherche du père perdu

Telegonos, der in der Ferne Gezeugte,  hatte sich von Aiaia auf den Weg nach Ithaka gemacht, um seinen Vater zu finden und zur Rede zu stellen. Warum hatte er seine Mutter Kirke und damit auch ihn, den schon Gezeugten, aber noch nicht Geborenen, bereits nach einem Jahr wieder verlassen!? Nicht, um ihm sein Leid zu klagen, wie es der Insel-Tradition (nomen est omen) entsprochen hätte, sondern um ihn anzuklagen vor den Göttern und der ganzen alteuropäisch-kleinasiatischen Welt, wollte Telegonos Odysseus gegenübertreten.

In seiner schon auf Aiaia vorbereiteten und während der Reise mit asketischer Beharrlichkeit eingeübten Rede begannen die meisten Sätze mit Warum hast du oder Warum hast du nicht beziehungsweise mit Wie konntest du nur oder Warum konntest du nicht. Dabei stellte er sich als Gegenüber einen noch immer gutaussehenden, sportlich durchtrainierten Endfünfziger mit ein paar männlich-schmissigen Narben im Gesicht vor, der ihn erst geduldig anhören und dann mit einem verständnisvollen Lächeln tröstend in die Arme schließen würde. Komm mit mir ins Arbeitszimmer, mein Sohn, hatte er ihn immer wieder sagen hören, ich glaube, wir haben einander viel zu erzählen.

Als er dann aber am Strand von Ithaka jenen barfüßigen älteren Mann mit dem schütteren grauen Haar und den dünnen Armen sagen hörte, er sei derjenige, welcher hier das Sagen habe, war Telegonos sofort klar, dass es sich bei alledem nur um einen großen Irrtum handeln konnte. Worin genau der Irrtum und Fehler bestand und wem er unterlaufen war, wusste er nicht und wollte er nicht wissen. Jedenfalls durfte das alles nicht wahr sein. Und Telegonos beschloss, fortan keinem kein einziges Wort nicht zu glauben. Nicht seiner Mutter und auch nicht sich selbst. Und erst recht nicht dieser lächerlichen Figur von einem Möchtegern-König und Pseudo-Vater.

Also stellte Kirkes Sohn sich dem Alten in den Weg, zückte seinen Speer und fuhr dem Vater, der nie einer gewesen war und nie einer werden sollte, mit der Speerspitze einmal kreuz und quer durchs Gesicht, um ihm so wenigstens einen Ersatz für die Narben zu verpassen, die der peinliche Ex-Lover seiner Mutter sich im Trojanischen Krieg offensichtlich nicht geholt hatte. Die Folgen dieser Ritzungen sind bekannt. Odysseus starb vermutlich an einem allergischen Schock als Reaktion auf das für Menschen im allgemeinen und für Troja-Veteranen im besonderen relativ ungefährliche Stachelrochen-Gift, mit dem die Speerspitze präpariert worden war.

Jahre später, Telegonos war zusammen mit seinem Halbbruder Telemachos (nun der Ehemann seiner Mutter Kirke) und Penelope (die Witwe seines Vaters, die dann Telegonos‘ Frau geworden war) längst wieder nach Aiaia zurückgekehrt, dichtete der vor wie nach jener unglücklichen Episode auf Ithaka Vaterlose ein Poem, in dem er die Beziehung zu seinem Erzeuger aufzuarbeiten versuchte. Der Text wurde erst in den 1970er Jahren bei Ausgrabungen auf Aiaia gefunden. In der Übersetzung von Howard Carpendale und Thomas Horn lauten die Schlüssel-Zeilen des Werks mit dem Titel Lulelalelula folgendermaßen: „Deine Spuren im Sand, / Die ich gestern noch fand, / Hat die Flut mitgenommen. / Was gehört nur noch mir? / […] / Lu le lu le lu lei, / Lu le lu le lu lei, / Hat die Flut mitgenommen, / Lu le lu le lu lei. / Deine Liebe, sie schwand / Wie die Spuren im Sand. / Was ist mir nur geblieben? / Nur die Sehnsucht nach Dir.“

Der relativ leise Abgang eines alten Schlagetots

Von Odysseus weiß man nicht selten nicht viel mehr, als dass er zehn Jahre im Trojanischen Krieg war und dann noch einmal zehn Jahre gebraucht hat, um den Heimweg nach Ithaka zu finden und dort unter den Bewerbern um seine Nachfolge am Frühstückstisch und im Olivenbaum-Bett von Penelope ein Blutbad anzurichten.

Dass der Krieg zehn Jahre gedauert hat, daran sind die Troer schuld, die die schöne Helena nicht kampflos heraus- oder, wie Menelaos es sah, zurückgeben wollten. Für die schier endlos lange Heimreise macht man, selbst wenn man sie nicht namentlich kennt, automatisch die Kikonen, Lotophagen, Kyklopen, Laistrygonen, Sirenen und Phaiaken verantwortlich, mit denen es Odysseus und seine Gefährten auf die eine oder andere Weise zu tun bekamen. In Wahrheit, falls man das Wort in diesem Zusammenhang verwenden darf, sind es aber erst Kirke und dann vor allem Kalypso gewesen, die dafür sorgten, dass aus einer ebenso abwechslungs- wie verlustreichen Tour de Méditerranée (theoretisch zu bewältigen in mehreren Etappen von jeweils zwei bis drei Monaten Dauer) jene Grand Tour wurde, die, von Homer erzählt, als Odyssee bis vor kurzem zum Kernbestand des abendländischen Kulturguts gehörte.

Bei der zauberhaften Kirke verbrachte Odysseus zwar nur, wie er später zu Penelope sagte, „ein paar Tage oder Wochen“ (es waren genaugenommen zwölf Monate), doch blieb nach dieser ausgedehnten Rast auf der Klage-Insel Aiaia dort ein Sohn zurück, der den Namen Telegonos erhielt. Von dem in der Ferne Geborenen und in ihr Zurückgelassenen wurde Odysseus Jahre später auf schicksalhafte Weise eingeholt. Über die sieben mal zwölf Monate bei Kalypso, der Verborgenen, dagegen schweigt des Sängers Höflichkeit. Homer lässt Odysseus nur schmallippig resümieren: „Sieben Jahre blieb ich bei ihr, und netzte mit Tränen / Stets die ambrosischen Kleider, die mir Kalypso geschenket.“ Dass er die tränennassen ambrosischen (also eigentlich nur von Unsterblichen zu tragenden) Kleider niemals ausgezogen hat, ist nicht anzunehmen. Denn auch aus dieser Begegnung gingen zwei bis sechs Kinder hervor, deren Namen nicht überliefert sind.

Man hat von alledem dieses und jenes irgendwann und -wo einmal gehört oder gelesen. Wer aber kennt schon den alt gewordenen Odysseus, wer weiß schon, wie Odysseus gestorben ist? Auch nach seiner für viele tödlichen Rückkehr zu Penelope und seinem Sohn Telemachos fand der Kriegsveteran keine Ruhe. Vom Seher Teiresias stammte der Rat, Odysseus solle mit einem Ruder unterm Arm oder über der Schulter so lange ins Landesinnere wandern, bis er in eine Gegend komme, wo man ihn stirnrunzelnd frage, was das denn für ein Brett sei, das er da mit sich herumschleppe. Dort solle er Halt machen, das Ruder in den Boden rammen und, von der pathologischen inneren Unruhe befreit, wieder nach Hause zurück gehen.

Der nicht der Ataraxie fähige Wanderer tat, wie Teiresias ihm geraten hatte. Alles ging reibungslos vonstatten, bis Odysseus sich auf den Nachhauseweg machte. Im allgemeinen kommt einem der Hinweg länger vor als der Rückweg. Bei Odysseus verhielt es sich umgekehrt, ganz einfach deshalb, weil er für die Retouren de facto immer wesentlich länger brauchte als für die Anreisen. Dieses Mal war es eine schöne Witwe, bei und in der er hängenblieb. Erst Kirke, dann Kalypso, nun eine Königin namens Kallidike. Eine Dynastie wollte sie begründen – und en passant wurde Odysseus zu deren Stammvater.

Schließlich kam jener Tag, an dem der nach Ithaka Zurückgekehrte barfuß am Strand spazieren ging, dabei wiederholt aufs offene Meer hinaus sah und über die wirklich wichtigen Dinge nachdachte. Hat das Epos als literarische Form eine Zukunft? Ist die Lyra dazu in der Lage, den neuen musikalischen Herausforderungen gerecht zu werden? Wo er den Chef finde, hörte er plötzlich jemanden fragen. Wer das wissen wolle, fragte Odysseus zurück. Telegonos, antwortete Telegonos. Der Chef heißt bei uns nicht Chef, sondern König des Staatswesens, sagte Odysseus, und sowohl der König als auch l’état c’est moi. – Und ich bin die Lieblingstochter von Poseidon, höhnte der junge Angeber und stellte sich dem barfüßigen Ruheständler breitbeinig in den Weg.

Ja, er komme von der Insel Aiaia und er sei der Sohn der Kirke. Und mit der Speerspitze habe er den Toten nur aus Versehen geritzt, sagte Telegonos später aus. Und dass das Gift des Stachelrochens, das sich daran befunden habe, schon in geringer Konzentration tödlich wirke, wundere ihn. Aber ihr Ehemann war ja auch nicht mehr der Jüngste, sagte er zu Penelope, und dass er mein Vater war, konnte ich nicht wirklich wissen. Als ihm einige Jahre zuvor von Teiresias das Rezept für das zu erwandernde Beruhigungsmittel ausgestellt worden war, hatte Odysseus, als er sich schon zum Gehen wandte, eher beiläufig erfahren, sein Tod werde sanft sein und er werde aus dem Meer kommen.