Marsyas oder: Die Gnadenlosigkeit der zu frühen Geburt

Im Katalog eines Schweizer Blockflöten-Herstellers werden die Flöten der Baureihe Marsyas folgendermaßen beschrieben: „Die Sopranflöten Marsyas sind fein und elegant klingende Instrumente, die eine erstaunliche Flexibilität und Klangstärke aufweisen. Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang. Das Spektrum reicht von warm bis brillant, der Klang bleibt aber immer elegant.“

Der Satyr Marsyas, Namenspatron dieser Schaffhausener Instrumenten-Baureihe, spielte zwar nicht wirklich auf einer Blockflöte, aber unter Berücksichtigung der zeitlichen und räumlichen Distanz mag seine gleichfalls aus Holz gefertigte Doppelflöte auch eine Art Blockflöte (nur eben ohne Block oder Blöcke) gewesen sein. Zudem gilt: Bei Nacht sind alle Katzen grau und in die Sphäre der Mythen und Legenden entrückt, sind alle Flöten in ihrer äußeren Erscheinung wie auch in Bezug auf ihr Hör-Bild universell flautomorph.

Ursprünglich hatte Marsyas‘ Flöte Pallas Athene gehört und war von dieser wohl auch angefertigt worden. Warum Athene sich von ihr trennte, klingt für den intimen Kenner der griechischen Mythologie ebenso fein wie unverkennbar an, wenn es im Katalogtext heißt: „Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang.“ Das Spielen auf der Flöte hatte ihr nicht gut zu Gesicht gestanden, wie Athene bei einem Blick in den Spiegel eines Teichs feststellen musste. Man darf vermuten, dass die Flötenbauer- und -spielerin wegen des erforderlichen hohen Blasdrucks rot anlief und ihre Augen ein wenig hervorquollen. Nicht nur der Blockflötenbau im engeren Sinn von Blockflöte will eben gelernt sein.

Als Marsyas die von Pallas Athene weggeworfene Flöte fand, hielt er das zunächst für einen Glücksfall. Einen Satyr entstellt so leicht nichts und Marsyas hatte nicht nur kräftige Lungen, sondern offenbar auch musikalisches Talent. Als er in Kleinasien weltberühmt geworden war, kam es zu einem musikalischen Wettstreit zwischen ihm und Apollon. Ob der Gott den vielleicht allzu sehr von sich eingenommenen Satyr oder dieser den Gott herausgefordert hat, wissen die Götter.

Das Ende vom Lied war, dass die Jury, die nur aus Musen bestand, Apollon zum Sieger erklären musste, nachdem dieser seine Lyra oder Kithara umgedreht gespielt hatte und Marsyas es ihm bei aller Virtuosität als Flötist nicht gleichtun konnte. Zur Strafe, wofür auch immer, wurde dem angeblich unterlegenen Marsyas bei lebendigem Leib die Haut abgezogen – das grausame Ende eines der größten antiken Flöten-Talente mit oder ohne Block.

Ein Nachtrag: Neue Musik-Zeiten, andere Spieltechniken. Würde es heute zu einem Wettstreit zwischen Apollon und einem Blockflöten-Virtuosen kommen, hätte letzterer gute Chancen, mit heiler Haut die Arena wieder zu verlassen. Denn im Zuge der Wiederentdeckung der Blockflöte für die missbräuchlichen Zwecke der sogenannten Neuen Musik ist das Spiel auf der umgedrehten Blockflöte eine der leichteren Übungen.

Wie es kam, dass Erichthonios den Rollstuhl erfinden musste

Mater semper certa est, pater numquam – frei übersetzt: Es steht zweifelsfrei fest, wer deine Mutter ist, aber im Hinblick auf die Vaterschaft deines Vaters kannst du dir nie ganz sicher sein. Wer in der Schule Lateinunterricht hatte, wird sich an diese genealogische Regel Nummer eins wahrscheinlich erinnern. Für Erichthonios gilt, dass die Überlieferer (Hesiod, Homer, Herodot, Pausanias, Köhlmeier) sich weitgehend einig sind, dass Hephaistos sein Vater war. Wer aber war Erichs Mutter? Entweder war es eine Königstochter namens Atthis oder Gaia selbst. Ovid nennt ihn prolem sine mater creatam, einen Nachkommen ohne Mutter, also eine Art Komplement zu Jesus Christus.

Wäre Erichthonios, ohne dass man seinen Namen tatsächlich so übersetzen könnte, der von Gaia Geborene, dann erwiese sich sein Zweitname als kompatibel mit einer halb delikaten, halb unappetitlichen Geschichte, wonach Hephaistos bei Gelegenheit einer Waffenbestellung der Pallas Athene bei ihm ein „wollüstiges Verlangen nach Athena“ (so Apollodor in seiner Mythologischen Bibliothek) ergriffen habe. Die Pallas konnte ihm zwar entwischen, aber nicht verhindern, dass etwas von seinem praecoxitorisch herausspritzenden Ejakulat ihr linkes Bein traf. Angeekelt wischte sie den Lendensaft mit einem Stück Wolle ab, das sie dann auf die Erde, mit anderen Worten: auf Gaia warf. Apollodor: „Jetzt ergriff sie die Flucht, und aus dem zu Boden Geworfenen entstand Erichthonios“, der letztlich, um es kurz zu machen, von Pallas Athene aufgezogen und zum König von Athen gemacht wurde.

Und als wäre das nicht schon Grund genug, sich seiner zu erinnern, erfand Erichthonios nicht nur das Rad, sondern im selben kreativen Akt den für ihn noch wichtigeren Rollstuhl. Denn der von Hephaistos mit Gaia Gezeugte und von Pallas Athene an Kindes statt Großgezogene war zu hundert Prozent gehbehindert. Er war der Mann ohne Unterleib, das heißt: oben Mann, unten Schlange (wobei man sich natürlich fragt, wo genau „oben“ aufhörte und „unten“ anfing). Dass sich das mit den Pflichten eines Königs zu Athen nicht vereinbaren ließ, liegt auf der Hand. Klar sein dürfte auch, dass sein Erzeuger Hephaistos, der olympische Schmied und göttliche Handwerker, ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite stand, auch wenn davon weder bei Hesiod noch bei Apollodor etwas zu lesen, ja noch nicht einmal aus dem Munde von Michael Köhlmeier etwas zu hören ist.

Die Logik der Rache und wie das Leben so spielt

Man muss kein Holzbildhauer oder Antiquitätenhändler sein, um sich für eine Geschichte zu interessieren, in der eine hölzerne Statue vom Himmel fällt oder schon gefallen ist. Solches soll der Fall gewesen sein auf der Krim, damals noch Tauris genannt. Der literarhistorisch reale Kontext des mythisch-fiktiven Ereignisses ist die im fünften vorchristlichen Jahrhundert entstandene Tragödie Iphigenie bei den Taurern des zu seiner Zeit mit Literaturpreisen überhäuften Dichters Euripides.

Rache-Morde und zunächst kein Ende: Agamemnon opfert aus, wenn man so will, meteorologischen Gründen in Aulis seine Tochter Iphigenie, weshalb ihn seine Gattin Klytaimnestra, als er zehn Jahre später aus dem Trojanischen Krieg heimkehrt, mit dem Beil erschlägt. Klytaimnestra wird dafür ihrerseits von ihrem Sohn Orestes mit demselben Schwert getötet, mit dem Orest kurz zuvor Klytaimnestras Liebhaber Aigisthos den Kopf abgeschlagen hat. Dabei hatte Orest seinen Vater Agamemnon nie wirklich kennengelernt. Als er geboren wurde, kämpfte sein Erzeuger schon seit ein paar Wochen oder Monaten in Kleinasien, um die Herausgabe seiner Schwägerin Helena zu erzwingen – und in den wenigen Stunden, die zwischen der Heimkehr Agamemnons und seiner Ermordung durch Klytaimnestra lagen, wird für die Entwicklung einer Vater-Sohn-Beziehung kaum genügend Zeit gewesen sein.

Tu‘ es nicht, hatte Pylades seinen Freund Orest beschworen. Du musst es tun und du wirst es tun, hatte dagegen das Orakel in Delphi apodiktisch verkündet. Was blieb Orestes anderes übrig, als es zu tun, zumal das Orakel nur das bestätigt hatte, was ihm auch von seiner Schwester Elektra mehr be- als empfohlen worden war. Aber kaum hatte Orest seine Mutter mit dem Schwert ins Jenseits befördert, fuhren von dort kommend die Erinnyen in ihn ein und der Mutter-Mörder wurde die Rache-Furien fürs erste nicht wieder los. Erst als er zusammen mit Pylades die eingangs erwähnte Holzfigur, übrigens eine Darstellung der Göttin Artemis, nach Athen ent- und überführt hatte, entspannte sich die Lage.

Um alle Aspekte dieser komplexen Tragödie, die Züge einer schaurigen Rache-Komödie nicht ganz verbergen kann, gebührend zu würdigen, müsste natürlich zumindest noch erwähnt werden, dass in Tauris die tot geglaubte Iphigenie ironischerweise als opfer-wütige Artemis-Priesterin tätig war. Die Göttin hatte vor Jahr und Tag auf Iphigenies Schlachtung im letzten Moment verzichtet und sie von Aulis nach Tauris teleportiert. Hätte der Rache-Reigen im Sinne des Rache-Gedankens seinen Sinn behalten sollen, hätte Orestes dort auf jeden und jedes treffen dürfen, nur nicht auf Iphigenie. In Tauris schloss sich ein Kreis, der sich nicht hätte schließen dürfen, falls die Logik der Rache nicht allen Orakel-Sprüchen zum Trotz einer peinlichen Befragung durch die unberechenbare Wirklichkeit hätte unterzogen werden sollen – hätte, hätte, Totschlag-Kette. Aber das nur nebenbei.

Es hieß dann, ein Messer habe die Flaute vor Aulis beendet

Sie hatten sich in Aulis versammelt und nun warteten sie auf Wind. Denn ohne Wind keine Überfahrt nach Kleinasien, um Helena zu befreien, wie es offiziell hieß – man kommt der Wahrheit möglicherweise ein gutes Stück näher, wenn man sagt: um Menelaos‘ Frau zurückzuholen, denn so ganz unfreiwillig war die schönste Frau der Mythen-Welt ihrem Prinzen, dem als Entführer getarnten Trojaner Paris, wohl nicht gefolgt.

Wer sich mit Google-Street-View durch Aulis und Umgebung klickt, bekommt eine Ahnung davon, wie das gewesen sein könnte: Die hochgerüsteten und zunächst auch noch mittelhoch motivierten Kämpfer waren gekommen, um den düpierten Menelaos zu rehabilitierten, und nicht um heldenhaft der Hitze und der Langeweile zu trotzen. Noch drei, vier Tage Flaute und die ersten wären wieder nach Hause gefahren. Allen voran wahrscheinlich Odysseus, der sich auf das trojanische Abenteuer ohnehin nur widerstrebend eingelassen hatte. Als seine zukünftigen Kampfgefährten kamen, um ihn abzuholen, wollte er sie glauben machen, er habe nicht mehr alle Amphoren in der Speisekammer, war mit Ochs und Esel vor dem Plug durch den Sand gestolpert und hatte Salzkörner gesät. Doch wurde der dann doch noch nicht ganz so Listenreiche von Palmedes umstandslos als wortbrüchiger Drückeberger enttarnt und, wenn schon nicht mit gezogenem Schwert, so doch mit geschwungener Ethos-Keule zum Kriegsdienst überredet.

Was also tun? Agamemnon, bei dem die oberste Heeres- und Marineleitung lag, sah nur noch einen Ausweg – es musste jetzt schon Blut fließen, und zwar Menschenblut. Die in Aulis verehrte Göttin war Artemis, ihr wollte Agamemnon, da zeigte er sich großzügig, seine Tochter Iphigenie im Tausch gegen eine frische Brise anbieten. In der vom Militär-Seher Kalchas verbreiteten Version des Handels hieß es, Agamemnon habe beim Jagen mehr oder weniger aus Versehen einen Hirsch der Artemis erwischt und die habe dann in Absprache mit Poseidon ein Segelverbot erlassen, daher die Windstille. Seefahrt werde es erst wieder geben, wenn Agamemnon ihr seine Tochter Iphigenie als Opfer darbringe. Was bleibe Agamemnon, so Kalchas, also anderes übrig, als der Göttin um des lieben Krieges willen den Gefallen zu tun. Punkt, kein Fragezeichen.

Das Menschenopfer verfehlte die vermeintliche Wirkung nicht. Kaum war das Mädchen tot, erhob sich ein leichter Westwind. Einige sagten später hinter vorgehaltener Hand, der habe schon zu wehen begonnen, noch bevor der Priester das Messer an Iphigeniens Kehle setzte.

Damit Hemera werden konnte, musste Nyx gewesen sein

Wenn man uns nicht in einem gewissen Alter darüber aufgeklärt hätte, woher wir stammen, und wenn wir dann nicht aufgrund eigener Recherchen zu der Ansicht gelangt wären, dass an dieser Theorie etwas dran sein muss – wir hätten keine Ahnung, wann, wie und warum wir zur Welt gekommen sind. Da wir weder physisch noch psychisch außer in einem absoluten Sinn singulär sind, gilt ergänzend dazu: Die Ontogenese ist empirischer Forschung zugänglich, die Phylogenese nicht oder doch nur bedingt, denn die Gattung Mensch entsteht nicht täglich in gut einer Drittelmillion Exemplaren neu. Gleiches gilt für den Kosmos insgesamt – am Ende, also am Anfang, wird die Sache, wenn man ehrlich ist, undurchschaubar, um nicht zu sagen: chaotisch.

Chaos und nochmals Chaos. Und dann aus dem Chaos zunächst und vor allem anderen die primäre Dunkelheit Erebos und die postchaotisch-uranfängliche Nacht Nyx. So jedenfalls Hesiod. Das Chaos ist demnach so unsäglich chaotisch, dass man in ihm nicht einmal zwischen Hell und Dunkel unterscheiden kann – Chaos ist im Grunde ein Synonym für das, worüber man nichts sagen kann, außer dass es nicht nichts ist.

Damit es aber hell werden kann, muss es zuvor dunkel gewesen sein: „Komm mach mal Licht, damit man sehen kann, ob was da ist“, sang Bertolt Brecht 1928 auf eine Melodie von Kurt Weill und einige tanzten Foxtrott dazu. Erebos, die Dunkelheit, kommt vor Aether (oder Aither), dem Licht – die Nacht Nyx vor dem Tag Hemera. Der Tag und das Licht sind Kinder (übrigens die einzigen gemeinsamen außer vielleicht noch Charon) der Finsternis und der Nacht. Wo die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten, heißt es – das heißt: erst Erebos, dann Aether.

So sollte es sein und so war es wohl auch, jedenfalls nach Hesiod. Andere haben später anderes behauptet. Das können nur Nachkommen von Momos, dem ewigen Besserwisser gewesen sein. Auch er war ein Sohn der Nacht, ein vaterlos erschaffenes Kind der Nyx, eines von Dutzenden. Während Hemera und Aether, die Personifikationen von Tag und Licht, mytho-genealogisch folgenlos geblieben sind.

Wer hat da mit wem (und warum) – eine Zwischenprüfungsfrage

Eine Klausurfrage zum Abschluss einer Einführung in die Genealogie der griechischen Mythologie könnte beispielsweise lauten: Mit welchen möglichen familiären Hintergründen ist zu rechnen, wenn Atreus seine Nichte Pelopeia und deren Sohn Aigisthos bei sich aufnimmt, und dieser Sohn zugleich der Neffe von Atreus ist?

Antwort: Entweder ist Pelopeia die Tochter einer Schwester oder eines Bruders von Atreus, sonst wäre sie nicht seine Nichte. Wenn sie die Tochter einer Schwester ist, dann muss (Inzest-Fall Nr. 1) Atreus einen Bruder haben, der mit Pelopeia, also seiner und Atreus‘ Nichte, Aigisthos gezeugt hat, sonst wäre dieser nicht der Neffe (der Geschwister-Sohn) von Atreus. Wenn Pelopeia dagegen die Tochter eines Bruders von Atreus ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens (Inzest-Fall Nr. 2): Ein dritter Bruder hat mit seiner Nichte Pelopeia (der Tochter seines Bruders, der nicht Atreus ist) Aigisthos gezeugt. Zweitens (Inzest-Fall Nr. 3): Der Bruder, dessen Tochter Pelopeia ist, hat selbst mit dieser seiner Tochter einen Sohn (Aigisthos) gezeugt, der als sein Sohn der Neffe seines Bruders Atreus ist.

Mythologisch verbürgt ist bekanntlich Inzest-Fall Nr. 3, der gravierendste von allen. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Atreus‘ Zwillingsbruder Thyestes, der Vater von Pelopeia und von deren Sohn Aigisthos, die Vergewaltigung seiner Tochter auch als vorweggenommenen Brudermord erlebt haben muss. Der zukünftige Sohn sollte, wie es vom Delphischen Orakel auf Thyestes‘ Anfrage vorhergesagt worden war, zu Ende bringen, was schon im Mutterleib als unversöhnlicher Streit zwischen den heil- und gnadenlosen Zwillingen begonnen hatte. An die zwanzig Jahre Kerkerhaft des Thyestes bei Atreus in Mykene und die vorübergehende, scheinbare Wendung der Prophezeiung in ihr Gegenteil konnten daran am Ende nichts ändern. Wie einer, der am Beginn seiner Karriere wie Orpheus singen wollte, später zu den Klängen seiner spanischen Lyra kantatorisch festgestellt hat: „Alles kommt, wie’s wohl kommen muss.“

Blutige Blutsbande oder Rücksturz ins Chaos

Es waren zwei Königskinder, Atreus und Thyestes, die hatten einander überhaupt nicht lieb. Und hätten sie nicht doch immer wieder beisammen kommen können, wie es in der bekannten Ballade heißt, wären ihrer familiären Umgebung etliche Un- und Gräueltaten erspart geblieben. Aber von Anfang an waren A&T ebenso unzertrennlich wie einander unsterblich (mithin mythologisch) verhasst.

Ihr Aufeinander-fixiert-Sein ergab sich zunächst aus der trivialen Tatsache, dass sie Zwillinge waren. Wer weiß, was in der Psyche eines Embryos vor sich geht. Im Fall von Atreus und Thyestes kann es nichts Gutes gewesen sein, denn bei ihrer Geburt sollen sie wie zwei Ringer ineinander verkrallt gewesen sein, so dass man Mühe hatte, sie zu trennen.

Wie es danach mit den pervers altruistisch Begabten weiterging, ist im Detail nicht zweifelsfrei rekonstruierbar. Dass man sie räumlich voneinander getrennt aufgezogen hat, scheint nichts genützt zu haben. Postnatal gingen sie sich zwar nie wieder unmittelbar an die Gurgel, mittelbar ließen sie aber keine Gelegenheit aus, um einander Ungutes zu tun. Thyestes betrog, wenn man so will, Atreus mit dessen Frau Aërope und stahl ihm darüber hinaus ein goldenes Lammfell, das er dann für einen weiteren Verrat an seinem Zwillingsbruder einsetzte – mit dem Resultat, dass zunächst er, Thyestes, und nicht Atreus König von Mykene wurde. Nachdem Atreus mit Hilfe von Zeus dann seinerseits die Herrschaft ertrickst und Thyestes das Land verlassen hatte, kehrte für kurze Zeit Ruhe ein.

Als Atreus aber, spät genug, dahinterkam, dass seine Frau Aërope ein Verhältnis mit seinem Zwillingsbruder gehabt hatte, war ihm das ein willkommener Anlass, um die pränatale Feindschaft wieder aufleben zu lassen. Angeblich um sich mit ihm zu versöhnen, lud Atreus Thyestes zu einem intimen Mahl der Verbrüderung ein. Aufgetragen und von Thyestes unwissentlich verspeist wurden Thyestes‘ Söhne, die den Vater nach Mykene begleitet hatten. Das Servieren von Jüngling-Fleisch hatte in der Familie Tradition. Schon Pelops, der Vater von Atreus und Thyestes, Großvater der Aufgetischten, war von seinem Vater Tantalos den Göttern kredenzt, von diesen aber nicht verzehrt, sondern repariert worden. Im Falle von Thyestes‘ Söhnen war der Schaden jedoch irreparabel.

Statt seinem Bruder an die Kehle, ging Thyestes nach Delphi, um sich dort von Pythia beraten zu lassen. Und statt zu orakeln, sagte die leitende Priesterin klipp und klar, es wäre wohl das beste, wenn Thyestes mit seiner Tochter Pelopeia einen Sohn zeugte, der werde dann mit Atreus abrechnen, was Aigisthos, wie der geborene Rächer hieß, zu guter oder schlechter Letzt auch tat.

Es war der römische Philosoph und Schriftsteller, der Nero-Berater Seneca, der angesichts der von Atreus und Thyestes zu verantwortenden Gräueltaten in seinem Drama Thyestes einen Rückfall in den Naturzustand vor der Natur, ins noch vorbarbarische Chaos sich abzeichnen sah: „Es zittern, zittern die Herzen, von großer Furcht durchbebt: daß in schicksalhaftem Einsturz das All erschüttert wanke und abermals über Götter und Menschen komme das gestaltlose Chaos, daß abermals Erde, Meer und Feuer und die kreisenden Gestirne des sternenbestickten Firmamentes die Natur überflute.“

Wer Laios tötet, weiß niemals wirklich, was er tut

Wie Christus kein Christ und Marx kein Marxist war, so hatte Ödipus keinen Ödipuskomplex. Wenn im Anfang das Wort war, dann war aber schon vor dem Anfang die noch namenlose Tat, und wo keine Tat war, das Chaos. Die chaotische Tat des Ödipus, deren psychischen Hintergrund Sigmund Freud ein paar Generationen später einen Ödipuskomplex nannte, bestand aus zwei Komponenten: aus einem Totschlag und einem Beischlaf. Es liegt in der Natur der Sache, also des Menschen, dass der eine singulär blieb, während der andere notorisch wurde.

Beschlafen wurde von Ödipus seine Mutter Iokaste, totgeschlagen sein Vater Laios. Bekanntermaßen wusste Ödipus in beiden Fällen nicht wirklich, was er tat. Zum vollen Bewusstsein der Wirklichkeit seines Handelns hätte es gehört, dass Ödipus sich beim Vollzug der Taten darüber im klaren gewesen wäre, in welchem genealogischen Verhältnis er zu seinem jeweiligen Gegenüber stand. Auf einer sehr abstrakten Ebene läge ein Ödipuskomplex also immer dann vor, wenn eine handelnde Person nicht im vollen Bewusstsein der situativ-kontextuellen Implikationen agiert – also praktisch immer und überall. Obwohl Freud es wohl etwas anders gemeint hat.

Um wirklich zu wissen, was er tat, als er jenen älteren Mann, mit dem er bei der Überquerung eines Wasserlaufs in Streit geriet, kurzerhand totschlug, hätte Ödipus nicht nur wissen müssen, dass der Mann Laios hieß und sein Vater war. Sondern es hätte ihm zumindest auch noch bekannt und bewusst sein sollen, dass der Vater ihn vor Jahren nur widerwillig gezeugt hatte, weil sein erotisch-sexuelles Hauptinteresse damals dem schönen Jüngling Chrysippos, dem Sohn von Pelops, König von Pisa, galt. Den hatte Laios mit Pelops‘ Einverständnis mit nach Theben genommen, da in Pisa dicke Luft war. Denn Atreus und Thyestes, die beiden älteren Halbbrüder von Chrysippos (dessen Mutter eine Baum-Nymphe war), machten dem von Pelops Bevorzugten das Leben zum Hades. Und so weiter und so fort. Einmal mehr wird deutlich, dass und wie alles mit allem zusammenhängt, anders gesagt: dass ein (wenigstens männliches) Dasein ohne Ödipuskomplex (wenigstens im abstrakten Sinn) praktisch nicht möglich ist.

Wenn er die Wette verloren hätte, hießen die Pelops-Inseln nicht die Peloponnes

Dass es eigentlich die Peloponnes beziehungsweise die Peloponnesos heißen muss, wissen die wenigsten, wobei der Artikel nicht das grammatische Geschlecht im Singular anzeigt, sondern den geschlechtsneutralen Plural. Denn Peloponnes heißt soviel wie Pelops-Inseln, also die Inseln des Pelops, Sohn des Tantalos. Der hatte, warum auch immer, seinen Sohn und späteren Namensgeber des südlichen Teils von Griechenland den Göttern aufgetischt, als diese zum ersten und letzten Mal bei ihm eingeladen waren. Bis auf Demeter, die gedankenverloren ein Schulterstück verzehrte, nahm aber keiner der olympischen Gäste einen einzigen Bissen zu sich. Stattdessen verbannte man Tantalos in den Tartaros und rekonstruierte Pelops als schönen Jüngling mit einer Schulterprothese aus Elfenbein. Offenbar waren die nicht zum möglichen Verzehr vorgesehenen Teile in der Küche oder wo auch immer wiedergefunden worden.

Es ist nicht zu leugnen, dass Pelops von seinem Vater übel mitgespielt worden war. Dies allein rechtfertigt jedoch kaum, dass der von den Göttern Wiederbelebte Jahre später einen üblen Trick anwandte, um Oinomaos, seinen Schwiegervater in spe, bei einem Wagenrennen zu besiegen und damit in den Besitz von dessen Tochter Hippodameia samt Königreich zu gelangen. Ohne die unsportliche Manipulation des königlichen Streitwagens wäre Pelops Kopf aber sehr wahrscheinlich der dreizehnte gewesen, der, an Oinomaos‘ Haustür genagelt, signalisiert hätte: Hier wohnt einer, mit dem man besser nicht um die Wette fährt, falls es sich bei dem, was man bei dieser Wettfahrt aufs Spiel zu setzen bereit ist, um das eigene Leben handelt.

Tantalos – mit den Göttern vermeintlich auf Augenhöhe

An Tantalos scheiden sich die Geister. Sicher scheint nur, dass die Götter an ihm ein Exempel statuiert haben. Im Tartaros, dem Hades im Hades, leidet er an ewig unstillbarem Hunger und Durst, obwohl Wasser und Brot in Reichweite zu sein scheinen – aber nur, solange Tantalos von der scheinbaren Möglichkeit des Essens und Trinkens keinen Gebrauch zu machen sucht. Will er trinken, verschwindet das feuchte Nass, will er essen, entziehen die Früchte sich seinem Zugriff. Dazu leidet er unter der ständigen Angst, von einem über ihm hängenden Stein erschlagen zu werden, weil er nicht weiß, dass die Götter ihn unsterblich gemacht haben. Denn wie alle Lust, so will auch alle Qual, sofern sie von einem Gott herrührt, Ewigkeit.

Worin bestand Tantalos‘ Vergehen? Die einen sagen, er habe mit seinem Reichtum als König von Lydien (an der Westküste Kleinasiens, gegenüber von Lesbos, Chios und Samos) zu sehr angegeben und zu allem Überfluss noch behauptet, sein Vater sei Gott Zeus persönlich. Der sei nämlich, habe Tanatalos nämlich behauptet, seiner Mutter im Traum erschienen und habe sie bei dieser Gelegenheit geschwängert. Andere meinen achselzuckend, wer Herakles beim wettkampfmäßigen Fang den Stein austrickse, brauche sich nicht zu wundern, wenn dessen Vater Zeus ihm bis in alle Ewigkeit zeige, wo der Hammer hängt.

Eine dritte Gruppe von gelehrten Kennern der Götter- und Menschen-Psyche vertritt die zunehmend unpopuläre Ansicht, es könne nicht gutgehen, wenn einer versuche, dem oder den Erhabenen auf Augenhöhe zu begegnen. Sich von den Göttern einladen und bewirten zu lassen, sei fragwürdig genug, sie dann im Gegenzug zu sich einzuladen, der reine Größenwahnsinn. Wenn Tantalos im späteren Verlauf der Gegeneinladung seinen Sohn Pelops für eine geeignete Götterspeise gehalten habe, dann erhärte das den Verdacht, dass er als einer der ersten Modernen ontologische Unterschiede für bloße Konstrukte hielt. Die berühmt-berüchtigten Tantalos-Qualen sind im Lichte dieser Deutung der Ereignisse die göttliche Strafe für die Leugnung des Unterschieds zwischen dem Realen und dem Hypostasierten oder bloß Konstruierten.