Herakles – drei Nächte lang gezeugt und dann durch den Mund einer Dienerin geboren

Sowohl die Zeugung als auch die Geburt des Herakles dauerten länger als selbst in mythischen Zeiten üblich. Zur Begattung der Alkmene nahm sich Zeus, der bei dieser Verrichtung Alkmenens rechtmäßigem Gatten zum Verwechseln ähnlich sah, drei pausenlos aufeinander folgende Nächte, also etwa vierundzwanzig Stunden, Zeit. Dass der olympische Liebhaber während der triadischen Nacht wie Amphitryons Zwilling aussah, diente weniger der Täuschung der Empfängerin des göttlichen Samens, als vielmehr ihrer moralischen Entlastung. Ohne die Unwahrheit sagen zu müssen, konnte Alkmene später zu Protokoll geben, der Mann in ihrem Bett habe genau wie ihr Mann ausgesehen. Dass sie dabei nicht rot wurde, war ein kleines Kunststück, welches sie vollbrachte, indem sie die auratische Differenz, die von ihr sofort bemerkt worden war, konsequent außer Acht und unerwähnt ließ und so tat, als wären es nur die Form der Nase, die Farbe der Augen und die Länge des Bartes, die einen Mann vom anderen unterscheidbar machen.

Der von einem kurzen Auslandsaufenthalt zurückgekehrte Amphitryon tat anderntags seinerseits so, als würde ihn Alkmenes Erklärung überzeugen und zeugte in der darauffolgenden Nacht zur symbolischen Wiederherstellung seines Begattungsmonopols und als reales Gegengewicht zu Herakles dessen Bruder Iphikles. Dass sich die Knaben, obwohl sie ja keine echten Zwillinge waren, nach der Geburt zum Verwechseln ähnlich sahen, wunderte weder ihre Mutter Alkmene noch Amphitryon, den Vater und Stiefvater der beiden.

Bevor es aber zur doppelten Niederkunft kam, musste Alkmene, so wollten es die mit anwesenden schicksalsmächtigen Moiren, neun Tage und Nächte lang in den Wehen liegen. Wer darin eine kollektiv verhängte Strafe der Götter für Alkmenens verdeckten Ehebruch mit Zeus sehen will, neigt wohl auch sonst zu Verschwörungstheorien. Nein, es war Heras Schuld und die ihrer Helferin und deren Helfershelferinnen, dass die Mutter des Helden der Helden und seines relativ unbedeutenden und später im Kampf eher glücklosen Halb-Zwillingsbruders fast eineinhalb Wochen lang kreißen musste.

Hera war natürlich nicht entgangen, mit welcher Endlos-Serie von Geschlechtsakten ihr Götter-Gatte während dieser auffallend langen Nacht zeugend tätig gewesen war. Zumal er anschließend damit geprahlt hatte, nun werde einer zur Welt kommen, der als Stellvertreter Zeusens unter den Erdlingen diesen einmal zeigen werde, wo der Hammer hängt und was ein richtiger Kerl ist. Um der Gespielin ihres Mannes nun doch noch übel mitzuspielen und dem Zeugling von Anfang an zu demonstrieren, dass er unerwünscht war und es immer sein würde, beauftragte Hera ihre Tochter Eileithyia, die Geburt der beiden Uterus-Genossen so lange wie möglich hinauszuzögern. Dazu setzte sich Eileithyia, die für das Ge- oder Misslingen von Geburten zuständige Gottheit, mit ihren Freundinnen, den Morien, und mit gekreuzten Armen und Beinen vor die Tür der Wöchnerin, was dann auch die von Hera gewünschte kontra-natale Wirkung hatte.

Als nach neun Tagen und Nächten die Lage unerträglich geworden war und vollends zu eskalieren drohte, kam endlich Galinthias, eine Hausangestellte Alkmenes, auf die Idee, dass mit den seltsamen Frauen, die in merkwürdig in sich gekrümmter Haltung schon Gott weiß wie lange vor dem Kreißsaal saßen, etwas nicht stimmen könnte. Um die verdächtigen Gestalten aufzuscheuchen, rief sie laut, ihre Brotgeberin habe nun endlich, endlich einem Sohn das Leben geschenkt, was, kurz nachdem sich Eileithyia erstaunt und ungläubig erhoben hatte, auch den Tatsachen entsprach.

Dass Galinthias, die Erlöserin, schon eine Schrecksekunde später von der rachsüchtigen Hera in ein Wiesel verwandelt worden sei, ist wohl ein Ammen- oder Hebammen-Märchen, das auf dem volkszoologischen Irrtum basiert, Wiesel würden ihren Nachwuchs durch das Maul gebären. Herakles wäre demnach nicht nur aus dem Schoß der Alkmene, sondern auch aus dem Mund der Galinthias hervorgegangen.

Über einen noch nicht vorhandenen Brief und ein nicht mehr zustande gekommenes Gerichtsverfahren

Vor dem falschen Vorwurf der sexuellen Belästigung oder der versuchten, wenn nicht vollzogenen Vergewaltigung sind nicht nur Wetter-Moderatoren nicht sicher. Das mythologische Urbild des zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs Bezichtigten ist Hippolytos, Sohn des Theseus und der Amazone Hippolyte oder auch deren Amazonen-Schwester, -Tochter oder -Freundin Antiope. Etwas von einer Amazone hatte auch die Göttin der Jagd Artemis, zu der sich Hippolytos in quasi ödipaler, doch ganz und gar platonischer Verehrung entschieden stärker hingezogen fühlte als zu seiner Stiefmutter Phaidra, von der er so gar und ganz nichts wissen wollte.

Phaidra, die gebürtige Kreterin, war die Schwester von Ariadne, die Theseus, damals noch Prinz von Athen, dabei geholfen hatte, den Minotauros unschädlich zu machen. Anstatt Ariadne, wie es sich wohl gehört hätte, zu heiraten, fuhr Theseus nach einem Halt auf der Insel Naxos ohne die zunächst mit an Bord genommene Tochter des Minos auf und davon.

Zur Hochzeit mit Ariadnes Schwester Phaidra, sie war wohl aus freien Stücken das, was man ein Mauerblümchen nennt, kam es später wahrscheinlich aufgrund außenpolitischer Erwägungen, das heißt, um Feindseligkeiten zwischen Kreta und Athen eher unwahrscheinlich oder doch wenigstens etwas weniger wahrscheinlich zu machen.

Dann aber begegnet Phaidra Hippolytos, Theseus‘ Sohn aus seiner ersten Ehe mit der einen oder der anderen Amazone. Und da ihr die passenden Worte nicht über die Lippen kommen wollen, schreibt sie ihm einen der von Publius Ovidius Naso um die vorvorletzte Jahrtausendwende erfundenen Heroinen-Briefe. Vielleicht ahnte Phaidra immer schon, dass ihre Liebe nicht auf Gegenliebe stoßen würde, da sie gleich in der Einleitung zu bedenken gibt: „Der Feind sieht sich auch ein Schreiben an, das er von einem Feind erhalten hat“ und diagnostiziert gleichwohl bei sich selbst „eine heftige Liebe“, die ihr „tief in den Knochen“ sitze. Hippolyts für andere „hartes und grimmiges Gesicht“ sei in ihren Augen „nicht hart, sondern kraftvoll“. Und: „Fern bleiben sollen mir die wie eine Frau frisierten jungen Männer! Männliche Schönheit verlangt danach, nur in Grenzen gepflegt zu werden. Dir steht deine Strenge und die unordentlich fallenden Haare und der leichte Staub auf deinem erlesenen Gesicht.“

Die, wenn man so will, inzestuös anmutende Mutter-Sohn-Beziehung zwischen ihr und dem unehelichen Sohn ihres Ehemanns hält Phaidra zum einen für moralisch vertretbar und zum anderen für einen Camouflage-Vorteil: „Unsere Schuld wird unter dem Deckmantel der Verwandtschaft verborgen werden können. Selbst wenn jemand unsere Umarmungen sieht, werden wir beide gelobt werden und ich werde eine meinem Stiefsohn in Treue ergebene Stiefmutter genannt werden.“ Ihr neuer, verbotener Verkehr würde dem alten, sozial akzeptierten Umgang zum verwechseln ähnlich sehen: „Wie ein und dasselbe Haus uns beherbergt hat, so wird ein und dasselbe Haus uns weiter beherbergen. Du gabst mir unverhohlene Küsse und du wirst mir weiterhin unverhohlene Küsse geben.“ Die zum Ehebruch Entschlossene geht sogar so weit, ihrem Liebhaber in spe anzukündigen: „Du wirst zusammen mit mir sicher sein und wirst dir noch durch deine Schuld Lob verdienen, selbst wenn man dich in meinem Bett erblicken wird.“

Doch für Phaidra und Hippolyt galt nun einmal nicht, dass sein Anker ihrem Strand versprochen war, wie es in einem anderen Ovid-Brief heißt. Als Phaidra feststellen muss, dass weder ihre (also Ovids) werbenden Worte noch die Aussicht auf einen kretischen Insel-Palast Hippolytos dazu bewegen können, dem erotischen Begehren seiner Stiefmutter leiblich und seelisch entgegen zu kommen, bringt sie sich kurzerhand um – nicht ohne zuvor in einem finalen Brief, adressiert an ihren, Eros oder Amor sei’s geklagt, nicht gehörnten Ehemann, Hippolytos des unziemlichen Verhaltens ihr gegenüber bezichtigt zu haben.

Auf der Flucht vor seinem Vater hat Hippolytos dann zur kreativen Schaden-Freude späterer Maler und Bildhauer einen tragischen Unfall mit seinem Pferde-Rennwagen. Wäre es, wie im Fall des eingangs erwähnten TV-Moderators, stattdessen zu einem Prozess wegen Vergewaltigung oder sexueller Belästigung gekommen, hätte Ovids Brief den Angeklagten entlasten und zu seinem Freispruch führen können. Vorausgesetzt, Hippolyt wäre noch im Besitz des Briefes gewesen und er, der Brief, hätte zum fraglichen Zeitpunkt bereits existiert und wäre nicht erst ein paar hundert Jahre später nicht aus erotischen, sondern aus literarischen oder ero-literarischen Gründen geschrieben worden.

Von Vätern, die ihre eigene Söhne erst am eigenen Schwert erkennen, und anderen Merkwürdigkeiten

Wenn du dein vermisstes oder verlegtes Schwert in der Hand eines Fremden wiedersiehst, dann geh davon aus, dass der, der die Waffe besitzt, dein eigener Sohn ist! An zwei Beispielen soll dieser mythologische Grund- und Haupt-Satz der Dreiecks-Beziehung zwischen Vater, Sohn und Kriegsgerät erläutert und illustriert werden.

Was beiden Fällen gemeinsam ist: Die Ahnentafeln der involvierten Söhne weist diese zunächst einmal als Nachkommen von Tantalos, als sogenannte Tantaliden aus. Besonders bemerkenswert an den Tantaliden war und ist, dass bei ihnen das durchaus nicht unübliche innerfamiliäre Morden nicht mehr normal zu nennen war. Das frevelhaft häufige und frevelhaft abscheuliche Freveln der Tantaliden begann damit, dass Tantalos seinen jüngsten Sohn Pelops den Göttern, als diese einmal (und nie wieder) bei ihm zum Essen eingeladen waren, als Spezialität des Hauses vorsetzte. Der Fauxpas endete halbwegs glimpflich, da die Götter, als sie an dem Braten rochen, bis auf die zerstreute Demeter allesamt gleich bemerkten, dass es sich nicht um Lamm, Ziege oder Rind, sondern um Mensch handelte. Ein grober Verstoß gegen die olympischen Konsumptionsregeln: Mensch nahm man als
Gott (oder Göttin) nicht oral zu sich, sondern Menschen wurden inhaliert, nachdem sie von einer Priesterin (oder einem Priester) am Altar geopfert, also zeremoniell geschlachtet, und anschließend verbrannt worden waren.

Als ob ein Fluch nicht genug gewesen wäre, war es der durch Hermes wiederhergestellte Pelops selbst, der seinen Nachfahren einen zweiten einbrockte, als er den Wagenlenker Myrtilos nicht nur um den verdienten Lohn für den Verrat an seinem Arbeitgeber Oinomaos, sondern auch ums Leben brachte. Im Sterben hat Myrtilos noch Gelegenheit gefunden, den Nachkommen des Pelops, den Pelopiden, alles erdenklich Schlechte zu wünschen.

Einer der Pelops-Nachkommen war Pelops Sohn Thyestes. Als Tantalide und Pelopide zugleich musste er, genau wie sein Zwillingsbruder Atreus, von Anfang an mit dem Schlimmsten rechnen. Und der Anfang war schon schlimm genug, aber es kam noch schlimmer. Um sich (aus Gründen, auf die hier nicht eingegangen werden kann) an seinem Bruder Atreus zu rächen, wusste Thyestes nichts Schicksalhafteres zu tun, als seine Tochter zu schwängern, damit der gemeinsame Sohn Aigisthos seinen Onkel Atreus eines Tages zur Strecke bringen würde. Das Kalkül ging auf und der zum Zweck des Onkel-Mords im Rahmen einer Notzucht gezeugte Pfeil traf Jahre später ins Schwarze.

Das Schwert, dessen Aigisthos sich bei der Bluttat bediente, war das Schwert seines Vaters Thyestes. An seinem (also an seinem) Schwert hatte Thyestes den Sohn zuvor erkannt und dessen mörderischen Zorn, der zunächst ungerechterweise ihm selbst gegolten hatte, auf seinen Zwillingsbruder Atreus gelenkt. Dass der Sohn in den Besitz der väterlichen oder auch großväterlichen Waffe gelangt war, hat etwas mit den Ereignissen bei der erwähnten Freveltat an Aigisthos‘ Mutter zu tun. Hier ist nur festzuhalten: Als Thyestes das Schwert erkannte, erkannte er an diesem seinen Sohn und Enkel und war sich sicher, dass nun Atreus‘ letztes Viertelstündchen geschlagen hatte.

Der zweite Fall von Erkennen des Sohns durch Wiedererkennen des eigenen Schwerts ereignete sich, genealogisch gesehen, nicht all zu weit entfernt von den oben mehr angedeuteten als geschilderten Ereignissen. Die unglückseligen Zwillinge Thyestes und Atreus hatten einen Bruder namens Pittheus. Der war Besitzer eines weltbekannten Weinguts und einer Tochter, die Aithra hieß. Diese verkuppelte er bei sich bietender Gelegenheit mit seinem Freund Aigeus, dem König von Attika, dem es bislang nicht vergönnt gewesen war, einen Nachfolger zu zeugen, weshalb an allen vier Beinen seines Thronsessels jeweils ein gutes Dutzend Neffen gleichzeitig zu sägen begonnen hatte. Als Aigeus nach der von Pittheus arrangierten Liebesnacht mit Aithra selbige wieder verließ, deponierte er sein Schwert und ein Paar Sandalen unter einem Felsen. Falls Aithra von ihm schwanger war (woran Aigeus keinen Zweifel hatte), solle ihr Sohn Theseus (dass Aithra eine Tochter gebären würde, schloss Aigeus kategorisch aus) damit zu ihm nach Athen kommen, sobald er stark genug war, um den Felsbrocken beiseite zu wälzen. Insbesondere an seinem Schwert würde er Theseus dann erkennen und zu seinem legitimen Nachfolger erklären. Theseus wuchs heran, wälzte den Stein zur Seite, zog die Sandalen an, ging mit dem Schwert in der Hand nach Athen, wurde von Aigeus am Schwert erkannte, besiegte dessen Feinde und fürs erste war damit alles gut.

Da er aber nicht nur ein Held, sondern auch ein Schussel war, vergaß Theseus Jahre später bei seiner Rückkehr von Kreta (wo er den Minotaurus besiegt hatte), die weißen anstelle der üblichen schwarzen Segel zu setzen, was Vater Aigeus zu der falschen Annahme verleitete, Theseus sei ums Leben gekommen, worauf er sich ins Meer stürzte, das von nun an das Aigeuische oder Ägäische Meer hieß. Wer weiß, wie die Ägäis sonst heißen würde.

Apoll wollte Daphne und bekam einen Lorbeerkranz

Als Jerry alias Jack Lemmon alias Daphne am Ende von Billy Wilders Filmklassiker Some Like It Hot die Perrücke abnimmt und sich als Mann zu erkennen gibt, damit der in Liebe zur vermeintlichen Daphne entbrannte Millionär Osgood Fielding III. endlich von ihr, also von ihm ablassen möge, zeigt Osgood sich keineswegs desillusioniert und erotisch ernüchtert, sondern kommentiert die neue Lage nur relativ unbeeindruckt mit dem Satz: „Well, nobody’s perfect!“

Nicht viel anders reagiert Apollon, als Daphne, die Tochter eines Flussgotts, sich vor seinen Augen und unter seinen Händen in einen Lorbeerbaum verwandelt: „An den Stamm hält er die Rechte / und fühlt noch unter der neuen Rinde die zitternde Brust. / Die Zweige, wie Glieder, mit seinen Armen umschlingend / küsst er das Holz, doch das Holz weicht vor den Küssen zurück.“ So schildert Ovid den Moment, in dem der mit einer plötzlich anderen Daphne konfrontierte Gott keineswegs daran denkt, aus seinem jagdfiebrigen Liebes-Traum zu erwachen und unter der kalten Dusche einer veränderten Realität emotional und genital (oder umgekehrt) zu erschlaffen.

Apollons Wolllust würde wohl auch vor einer floralen Daphne nicht Halt gemacht haben, hätte diese sich ihm nicht auch noch als Holz Gewordene konsequent verweigert. An Daphnes entschiedenem Nein wie an Apolls nicht minder entschiedenem Ja waren die Pfeile des Eros schuld, wobei der goldene Pfeil den einen zum Jäger und der bleierne die andere zur Fliehenden und Gejagten machte. Eros ist nämlich nicht nur der Gott des Haben-Wollens, sondern auch der des Sich-nicht-hingeben-Mögens, also der anti-erotischen transitiven Frustration. Transitiv deshalb, weil nicht die vom bleiernen Pfeil der Verneinung Getroffenen die Frustrierten sind, sondern diejenigen, die das Pech haben, sich zu den Bleiernen hingezogen zu fühlen.

Warum überhaupt hat aber Eros das volatile Viagra in Apollon und den Liebes-Töter in Daphne geschossen? Weil Apoll ihn als schlechten Schützen verhöhnt hat, heißt es. Doch vielleicht wollte der ewige Unruhestifter, der zusammen mit Gaia (der Erde), Nyx (der Nacht) und Tartaros (der Unterwelt noch unter der Unterwelt) unmittelbar dem Chaos entstammte, aus einer nostalgischen Laune heraus für eine Renaissance des Chaotischen sorgen. Da das Chaos aber nicht geboren wurde, konnte es auch nicht wiedergeboren werden. Das Ergebnis des erotischen Experiments mit den kontra-versen Pfeilen war dann auch kein neues altes Chaos, sondern eine so noch nicht dagewesene, symbolträchtige und kulinarisch wertvolle Pflanze. Denn Lorbeerbäume gab es erst, nachdem Daphne sich in deren Prototyp verwandelt hatte.

Wir müssen uns den Verlierer vielleicht nicht als glücklichen Menschen, aber doch als eine andere Art von Sieger, den sexuell Frustrierten als einen sublim Erhöhten vorstellen. Sublimation ist Lorbeer statt Liebesakt. Apollon beschloss, das daphnische Blattwerk umzudeuten und von nun an bis in Ewigkeit einen Lorbeerkranz nicht zum Zeichen seiner Niederlage, sondern als Symbol für das Obsiegen der höheren Werte auf dem Haupt zu tragen. Dass er damit einem weit verbreiteten (offenbar rein männlichen) Bedürfnis Ausdruck verliehen hat, belegen die vielen Lorbeerkranz-Träger (Caesar, Dante, Napoleon, Goethe, die Fußball-Ultras, um nur einige zu nennen), die seinem Beispiel seither gefolgt sind.

Das Problem der Dido oder: Wie mit Hilfe einer Kuhhaut Karthago gegründet wurde

Was tun, wenn man als Heimatvertriebene nur eine nicht mehr ganz neue Kuhhaut im Gepäck und ein paar Kupfermünzen im Beutel hat, aber dennoch ein Stück Land zwecks Gründung einer Stadt erwerben möchte? Diese Frage stellte sich der aus dem Libanon stammenden Königstochter Dido, nachdem ihr Bruder Pygmalion (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Bildhauer, dessen Brunst eine von ihm geschaffene weibliche Statue zum Leben erweckte) sie um das väterliche Erbe geprellt hatte.

Dido oder Elyssa, wie sie von ihren griechisch stämmigen Freundinnen genannt wurde, war mit dem ihr treu gebliebenen Teil der Diener- und Sklavenschaft auf dem sogenannten Seeweg, man lese und staune, über Zypern an ganz Kreta, Malta und Süd-Sizilien vorbei in den Norden Tunesiens gelangt. Dort wollte sie sich niederlassen und Karthago gründen. Mit dem Bau einer Burg auf einem Felsen am Meer sollte der Anfang gemacht werden.

Aller Anfang ist leicht, wenn er nicht schwer ist. Für Dido bestand, wie schon gesagt, die anfängliche Hauptschwierigkeit darin, dass sie nicht genug Geld dabei hatte, um den Numidiern ein Stück Land und vielleicht auch noch ein paar Ziegen und Schafe abkaufen zu können. Leider zeigte sich König Iarbas, der vor Ort das Sagen hatte, nicht besonders entgegenkommend.

Die alte Kuhhaut, sagte der Numidier, könne sie behalten, aber für ihre Kupferlinge gebe er ihr großzügigerweise so viel Land, wie mit Hilfe der Kuhhaut umrissen werden könne. Dido nahm Iarbas beim Wort und zerschnitt die Tierhaut in möglichst schmale Streifen, die sie aneinandernähte und von einem Punkt A am Strand des zukünftigen Karthago in möglichst weitem Bogen zu einem Strand-Punkt B führte. Für den Bau einer Behelfs-Burg würde der traumhaft schöne Platz am Mittelmeer flächenmäßig zunächst einmal reichen und danach würde man weitersehen.

Natürlich stellte sich die Frage, welche geometrische Form das mit Hilfe der Kuhhaut-Streifen eingefasste Territorium genau haben musste, damit seine Fläche so groß wie möglich war. Zwischen dem Geometer und dem Mathematiker, die Dido ins Exil gefolgt waren, entbrannte darüber ein heftiger Streit. Einig waren sich die beiden nur darin, dass es sich bei der Lösung des Problems der Dido in fachsprachlicher Terminologie um die Lösung des isoperimetrischen Problems handeln würde. Doch eine Lösung des Dido-Problems war nicht in Sicht, wenigstens keine theoretische.

Wäre der ehemaligen Prinzessin und zukünftigen Königin nicht irgendwann der Geduldsfaden gerissen und hätte sie dann nicht, ihrer Intuition folgend, mit dem Kuhhaut-Band eine Art Halbkreis geschlagen, wäre Karthago nie gegründet worden und kein Cato hätte je Gelegenheit gehabt zu sagen: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam. Denn erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelang es Friedrich Edler zu beweisen, dass Dido mit ihrer Halbkreis-Hypothese vollkommen richtig gelegen hat.

Der Fall Dido und sein Wie und Warum

Hat Dido Selbstmord begangen und, wenn ja, wie und warum? Wer sich mit Krimis ein wenig auskennt, und für wen träfe das heute nicht zu, weiß, dass die meisten Selbstmorde keine Suizide, sondern Zide, also Fälle von Mord oder Totschlag sind. Im Fall Dido, der Gründerin und Königin von Karthago, ist alles schon so lange her, dass längst keine Spuren mehr gesichert, geschweige denn Zeugen befragt werden können. Es hätte also nicht viel Sinn, wenn wir Zweifel anmelden würden an dem, was von sämtlichen Quellen übereinstimmend behauptet wird: Dido selbst war es, die ihrem Leben ein Ende gesetzt hat.

Vor der Frage nach dem Wie, die nach dem Warum. Weil wegen Aeneas, tönt die Antwort aus mindestens 90 Opern, darunter Dido and Aeneas von Henry Purcell, nachweislich uraufgeführt Ende der 1680er Jahre in einem Londoner Mädchenpensionat. Schon als die jungen Damen im Programmheft den Titel von Didos Arie When I am laid in earth im dritten und letzten Akt lasen, wussten sie, dass sie sich die Hoffnung auf ein happy ending abschminken konnten, falls so etwas wie Schminke in diesem Institut erlaubt war. Wie konnte es dazu kommen?

Unter Aeneas‘ Führung hatte sich eine Gruppe von Troern nach der Eroberung ihrer Stadt durch die Griechen per Schiff auf den Weg zu neuen Ufern gemacht. Ein Sturm verschlug sie an die Küste von Nordafrika, wo sie sich, von Königin Dido gastfreundlich aufgenommen, eine Erholungspause gönnten und ihre Schiffe reparierten. Als die Pause vorbei war, löste sich Aeneas aus Didos Armen und meinte, er müsse jetzt mal weiter, nachdem ihn zuvor der Götter-Kurier Hermes im Auftrag von Zeus daran erinnert hatte, dass, historisch gesehen, seine eigentliche Aufgabe darin bestand, die Vorbereitungen zur Gründung des neuen Ilion in Gestalt der Stadt Rom zu treffen.

In Purcells Oper entschließt sich Aeneas im letzten Moment, die Sache mit Rom einem anderen zu überlassen und bis auf weiteres bei Dido in Karthago zu bleiben. Die will aber jetzt nichts mehr von ihm wissen und bringt sich lieber um, als an der Seite eines Mannes zu leben, dessen Urteil in erster Instanz zugunsten der Italienerin ausgefallen war: You never get a second chance to make a first impression, wie man in Karthago sagte.

Wer die Geschichte bis hierher unaufmerksam verfolgt hat, hat wahrscheinlich nicht bemerkt, dass die Frage nach dem Wie der Selbsttötung noch nicht beantwortet worden ist. Die phallophobe oder auch phallophile Antwort lautet: Dido stürzte sich in Aeneas‘ Schwert. Dass es dabei, psychologisch gesehen, um Übertragung geht, ist unschwer erkennbar. Wer nach dem Phallus greift, soll durch den Phallus umkommen. Andere berichten von einer feministisch inspirierten Selbstverbrennung: Dido habe alle Gegenstände, die sie an Aeneas erinnerten, also Tisch, Bett, Zahnbürste und so weiter, auf einen Haufen geworfen und angezündet. Zuletzt fiel ihr auf, dass auch ihr eigener Körper unter dinglichem Aspekt als Erinnerungsträger und -speicher fungierte. Da sie keine Frau war, die halbe Sachen machte, zog sie die Konsequenz und ließ auch ihn zum Raub der Flammen werden.

Aineias als Pontifex Primus

Wenn es eine Brücke zwischen der griechischen und der römischen Mythologie gibt, so ist Aeneas alias Aineias derjenige, der sie in Begleitung seines Vaters Anchises und seines Sohns Askanios als erster betreten und überschritten hat. Falls man nicht sogar so weit gehen will zu sagen, dass Aineias selbst der Pontifex, also der Erbauer jener Brücke gewesen ist, über die dann nicht nur er selbst, sondern auch das olympische Personal zu gehen hatte, um vom griechisch zum römisch benannten obskuren Objekt der religiösen Routinen zu konvertieren.

Auf der römischen Seite angelangt, hieß Aineias‘ Mutter nicht mehr Aphrodite, sondern Venus, seinen Sohn nannte Aeneas fortan Ascanius und sich selbst nicht mehr Aineias, sondern Aeneas. Auch stammte er nicht mehr von Zeus, sondern von Jupiter ab. Und es war nicht mehr Hera, vor der sich die Exil-Trojaner unter Aeneas‘ Führung in Acht nehmen mussten, sondern Juno. Auch wenn es vor Beginn des Trojanischen Kriegs nicht Juno gewesen war, welcher der Trojaner Paris den goldenen Schönheits-Apfel nicht gegeben hatte, sondern Hera. Allein Aineias‘ oder Aeneas‘ Vater Anchises blieb nach wie vor Anchises. Aber der war ja ein Sterblicher durch und durch, woran auch der Umstand nichts änderte, dass sich Aphrodite alias Juno vorübergehend unsterblich in den schönen Hirten verliebt hatte.

Die Ausnahme-Göttin Hekate

Triforma war einer der vielen Beinamen der Göttin Hekate. Dreifaltigkeit ist demnach kein exklusives Privileg von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dass Hekate als Göttin respektiert wurde, eher zuerst als zuletzt auch von Zeus, steht außer Frage – „höchste Achtung genießt sie im Kreis der unsterblichen Götter“, schreibt Hesiod. Und doch scheint sie mythologisch eine Außenseiterin gewesen zu sein. Wichtiger als die Kolleginnen und Kollegen Götter und Göttinnen waren ihr die Menschen, von denen sie sich am liebsten junge Hunde als Opfer darbringen ließ. Doch begnügte sie sich ansonsten auch mit einfachen Rauch-Gaben: Man verbrannte, was man beim Kehren zusammengefegt hatte, auf einer Tonscherbe, die man anschließend wegwarf.

Es war Hekate, an die sich viele Menschen in erster Linie wandten, wenn es darum ging, sportliche oder kriegerische Siege zu erringen, große Fische zu fangen, die Oliven wachsen und das Vieh gedeihen zu lassen oder auf andere Weise sein Glück zu machen. Eigentlich logisch, dass eine Göttin, die vom Handel und Wandel mit den Menschen so in Anspruch genommen wird, nur wenig Zeit und Lust hat, sich für die Liebesaffären und Machtkämpfe des Olymps zu interessieren, geschweige denn, sich in diese verwickeln zu lassen, auch wenn solches in Ausnahmefällen vorkam.

Zeus scheint großen Respekt davor gehabt zu haben, dass Hekate ihren göttlichen Beruf als Berufung verstand, jedenfalls liest man bei Hesiod: „Niemals übte Gewalt gegen sie der Kronide, nie rührte er an die Macht, die ihr zukam unter den früheren Göttern“, womit insbesondere die Titanen gemeint sind, von denen sie unmittelbar abstammte.

Denn das Einzelkind Hekate war die Tochter der Titanide Asteria und des Titanen Perses. Wie Zeus war sie ein Enkelkind von Gaia und Uranos, also war das Chaos beider Urgroßvater und -mutter. Nur dass Zeus zu jener Fraktion der Titanen-Sprösslinge gehörte, die den Machtkampf um den Olymp für sich entscheiden konnten und sich anschließend als die eigentlichen und wahren Götter ausgaben – von Einzelfällen wie der Ausnahme-Göttin Hekate einmal abgesehen.

Worin Hekates Triformität, die sie unter anderem zur Göttin der Weggabelungen machte, bestand, ist im Nachhinein nicht eindeutig zu klären. Die bildlichen Darstellungen, die es von ihr gibt, helfen da kaum weiter. William Blake zeigt nur eines ihrer drei Gesichter, auf älteren, schon etwas verblichenen Bildern sieht man junge Frauen, von denen wahrscheinlich eine so schön war wie die andere. Da fällt es nicht leicht zu glauben, dass, wie behauptet wird, in einem ihrer Gesichter das Vergehen, im zweiten die Leere und in ihrem dritten Gesicht das Entstehen zu sehen sei. Oder dass in Hekate die jungfräulich frühen, die reifen mittleren und die ebenso weißen wie weisen Jahre selbdritt präsent sein sollen.

Last not least ist es William Shakespeare, der eine weitere Deutungsmöglichkeit andeutet, wenn er in seinem Macbeth die Trinität von Donner, Blitz und Regenguss ins Spiel bringt, indem er gleich zu Beginn des mörderischen Dramas eine der drei Hexen, die aus drei verschiedenen Richtungen zusammengekommen sind, fragen lässt: „When shall we three meet again / In thunder, lightning, or in rain?“ Auf einer abstrakten Ebene lässt sich daraus womöglich schließen: Wenn sich eine Dreiheit hekatisch zur Einheit amalgamiert, verdient das Phänomen, sei es nun Gott, Göttin oder Drama, unsere besondere Aufmerksamkeit.

Romeo und Julia auf dem Schlachtfeld vor Troja

Was Patroklos, einen der prominenten griechischen Kämpfer vor Troja, und Polyxena, die jüngste Tochter des Königs der belagerten Stadt, verbindet, ist die durch Teile der Mythologie voll und ganz verbürgte Tatsache, dass sie wahrscheinlich beide von einem gemeinsamen Dritten, nämlich von Achilleus, geliebt worden sind. Während an Achills Liebe zu Patroklos kaum gezweifelt werden kann, lässt die Beziehung zwischen dem Griechen und der trojanischen Prinzessin unterschiedliche Sichtweisen zu oder, richtiger gesagt, je nach Sichtweise stellt sich diese Beziehung entweder als mehr oder weniger große Liebe oder als nicht existent dar.

Einem Mythen-Kolporteur unserer Tage dürfte es in Anlehnung an kursierende Gerüchte nicht schwer fallen, sich festzulegen und zu fabulieren: Achill war zwar ein monströser Schlächter, aber Polyxena hat ihn rätselhafterweise geliebt und er liebte sie. Und wer eine Tochter des Erzfeinds in sein Herz schließt, kann kein ganz schlechter Mensch sein. Homer dagegen kennt nicht einmal den Namen der Prinzessin und erst recht weiß er nichts von einer Liebe seines Haupt- und Parade-Helden Achilleus zu ihr. Seine Geschichte des trojanischen Kriegs beginnt mit einem Fanfarenstoß, der den Zorn des Achill ob der Tötung seines geliebten Freundes Patroklos annonciert. Die ganze Ilias ist, wenn man so will, nichts anderes als die Transformation dieses initialen Signals einer Zorn gewordenen Freundes-Liebe in episch sich fortpflanzende Hexameter-Wellen.

Betrachtet man demgegenüber die detailreichen paramythologischen Geschichten und bildlichen Darstellungen, die von dem erzählen, was sich zwischen Polyxena und Achill vor, bei und nach dessen Tod abgespielt haben soll, dann drängt sich der Verdacht auf, dass es sich beim Schweigen Homers in Bezug auf Polyxena um ein gleichermaßen beredtes wie poetologisch weises Schweigen handelte, um ein Tot- und Verschweigen von etwas, das nicht sein konnte, weil es (noch) nicht sein durfte. Romeo und Julia auf dem Schlachtfeld vor Troja: Der Konflikt zwischen dem Ethos des heroischen Sippen-Krieges und der höheren Moral der Liebe war für Homer, so wird man vermuten dürfen, ein Stoff, für dessen inhaltliche Auf- und formale Zubereitung er die Zeit noch nicht für gekommen hielt.

„Willst du schon gehn, Achill? Der Tag ist ja noch fern. / Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche, / Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang; / Sie singt des Nachts auf dem Oliv’baum dort. / Glaub‘, Lieber, mir: es war die Nachtigall.“ Um solches oder ähnliches aus dem Munde einer Polyxena zu vernehmen, mussten, das war Homer klar, erst noch etliche Sänger- und andere Kriege gewonnen und verloren werden.

Indem Herakles Podarkes alias Priamos verschonte, war das Schicksal Trojas so gut wie besiegelt

Als Knabe hieß er der Schnellfüßige, später der Freigekaufte, noch später hätte er eigentlich der mit den aberwitzig vielen Kindern heißen müssen. Priamos (von priasthai für kaufen) war der jüngste Sohn von Laomedon, dem zweiten König von Troja. Laomedon hatte die potentiell selbstzerstörerische Angewohnheit, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen und die Dienstleister um den vorher vereinbarten Lohn zu prellen. So weigerte sich Laomedon unter anderem, Herakles die ihm versprochenen Pferde zu überlassen. Die standen dem zufällig Vorbeigekommenen zu, weil er ein Seeungeheuer getötet hatte, dem Laomedons Tochter Hesione geopfert werden sollte. Das Seeungeheuer war von Poseidon geschickt worden, aber nur, weil Laomedon ihn für den Bau einer kompletten Stadtmauer partout nicht hatte bezahlen wollte.

Priamos hieß damals noch Podarkes, also der Schnellfüßige. Zur Umbenennung kam es erst einige Zeit später, als Herakles nach Erledigung seines Pflichtprogramms zurückkam, um sich in Troja um die Begleichung der noch offenen Rechnung zu kümmern. Statt mit Podarkes‘ Vater Laomedon zu verhandeln, schuf Herakles gleich vollendete Tatsachen und tötete nicht nur den König, sondern auch des Königs Kinder mit Ausnahme von Hesione, die er nach dem erzwungenen Verzicht auf die Pferde zu seiner Geliebten gemacht hatte, und deren Brüder Tithonos und Podarkes. Dass Herakles Tithonos verschonte, war ein mythologisch notwendiger Akt der reinen Willkür: Tithonos wurde noch als Liebhaber von Eos, der Göttin der Morgenröte benötigt. Podarkes dagegen kam nur deswegen mit dem Leben davon, weil Hesione ihn gewissermaßen loskaufte. „Da hast du deinen Priamos“, sagte Herakles lachend, als Hesione ihren Gürtel löste und ihn Herakles als Lösegeld für den Lieblingsbruder anbot.

Dass Podarkes oder, wie er von nun an hieß, Priamos von Herakles verschont worden war, blieb für die demographische Entwicklung von Troja nicht ohne Folgen. Von seiner Gattin Hekabe und anderen Frauen hatte Priamos fünfzig Söhne und zwölf Töchter, darunter Paris, der durch die Entführung der schönen Helena Troja den Untergang brachte und Hektor, der diesen Untergang heldenhaft, aber letztlich ohne Erfolg, zu verhindern suchte. Die meisten der zweiundsechzig Kinder des Priamos kamen bei der Eroberung der Stadt durch die Griechen ums Leben: Wie gewonnen, so zerronnen, wie geboren, so verloren.