Ein irischer Mythos

Hätten die alte oder uralten Griechen schon das Kartenspiel gekannt, wäre uns wahrscheinlich ein Mythos überliefert worden, bei dem es darum gehen würde, dass ein Götter-Trio, sagen wir: Zeus, Poseidon und Hermes, beim Kartenspiel sitzt und plötzlich, aus welchen Gründen auch immer, aus dem Stapel Karten ein Hase, gefolgt von einem Jagdhund, hervorspringt, wobei der Hase einer zu sein hätte, den kein Jagdhund erjagen und der Jagdhund einer wäre, dem kein Hase entwischen kann – wir kennen das Dilemma aus einer anderen, tatsächlich tradierten Geschichte. Wegen der zivilisations- und kulturhistorischen Entwicklung der Spiele-Hardware war es aber erst dem irischen Schriftsteller W. B. Yeats vergönnt, die Geschichte vom Hasen und dem Hund zu notieren und in einem Sammelband mit dem Titel Mythologies zu veröffentlichen. Aber kann man eine von einem kauzig-exzentrischen, in Armut dahinvegetierenden irischen Häusler gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts erzählte Geschichte einen Mythos nennen? Wenn es für Yeats Mythen waren, warum nicht auch für uns.

Manege frei für die Psychopompoi

„Farewell the neighing steed, and the shrill trump, / The spirit-stirring drum, th‘ ear-piercing fife; / The royal banner, and all quality, / Pride, pomp, and circumstance of glorious war!“ Mit diesen Worten verabschiedet sich Othello in der dritten Szene des dritten Aktes des nach ihm benannten Shakespeare-Dramas nicht nur von seinem fassungslos aufwiehernden Ross, sondern er verzichtet zugleich auf alles, was sein ruhmreiches Kriegshandwerk an Stolz, Pomp und sonstigem Drumherum bisher für ihn bereitgehalten hat. Wenn Desdemona ihn betrogen hat, wie der ausgekochte Jago dem Feldherrn weismachen konnte, verliert alles seinen Wert, was Othellos Dasein bis jetzt Sinn und Glanz verliehen hat – last not least eben auch der militärische Pomp und dessen Begleitumstände.

Pompös im abschätzigen Sinn ist der Pomp nur für den, der festlichen Auf- und Geleitzügen, noch dazu im militärischen Rahmen, beispielsweise dem eines sogenannten Großen Zapfenstreich, nichts Erhebendes abgewinnen kann. Sieht man von den negativen Bedeutungsanteilen des Wortes ab, bedeutet Pomp soviel wie Sendung, Geleit, feierlicher Aufzug. Ein Psychopompos ist daher kein Gemütsprotz, sondern ein Seelenführer oder feierlicher, um nicht zu sagen pompöser: ein Seelengeleiter.

Hermes war beispielsweise einer. Als Psychopompos bestand seine Aufgabe darin, die Seelen der Verstorbenen ins Totenreich zu führen. Da er auch der Schutzgott der Reisenden war, entsprach dieser Spezial-Service seinen hermetisch-natürlichen Neigungen und Fähigkeiten. Werfen wir im folgenden aber ausnahmsweise einen kurzen Blick auf Hermes‘ Kolleginnen und Kollegen in den anderen Mythen-Kreisen.

Bevor Anubis im Neuen Reich des Alten Ägypten zum hauptamtlichen Totengeleiter ernannt wurde, waren es die Caniden, insbesondere die Schakale, die als kreatürliche Seelenführer ins Land der Toten, welches übrigens im Westen lag, fungierten. Davon übrig blieb Anubis‘ äußere Gestalt, denn man muss sich den ägyptischen Gott als Hund oder Schakal oder als eine Art Mensch mit Caniden-Kopf vorstellen.

Im mittleren und höheren Norden übernahmen oder übernehmen es die Walküren, die Schlacht- und Schild-Jungfern, die auf dem Schlachtfeld ehrenvoll Gefallenen, man nennt sie die Einherjer, nach Walhall zu bringen. Dort dürfen die Toten dann bis in alle Ewigkeit und jeweils bis zum erneuten Umfallen tagsüber weiterkämpfen und abends Met trinken. Die geschlechtlich-erotischen Beziehungen zwischen Einherjern und Walküren beschränken sich auf einen sachlich motivierten Kuss zum Zweck der rechtzeitigen Wiederbelebung vor dem allabendlichen Zechgelage. Mehr wäre der Erhaltung der Kampfkraft hier und der Jungfräulichkeit dort nicht zuträglich.

In der christlichen Mythologie wird anscheinend derjenige zum Seelen- oder Totenführer, der gerade zur Verfügung steht. In der Apokalypse des Moses etwa, die nicht Teil des biblischen Kanons ist, erhält der Erzengel Michael von Gott den Auftrag, Adam in den dritten Himmel zu bringen und ihn dort mit einem bequemen Hausanzug und Toilettenartikeln zu versehen. Eine eher umstrittene Geleit-Figur ist dagegen diejenige des Christophorus, des Christus-Trägers. Wie eine Mischung aus Hermes und dem ägyptischen Anubis kommt er einem vor, wenn man erfährt, dass er nicht nur als Schutzheiliger der Reisenden gilt, sondern im Bereich der Ostkirche als Kynokephalos, als Hundsköpfiger, dargestellt wurde. Dass er anbetungswürdig sei, wurde wiederholt negiert oder zumindest infrage gestellt. Wer die Seelen zwar nicht ans Himmelstor geleitet, dort aber empfängt und nach ihrem Begehr fragt, ist bekanntlich der mit dem Schlüssel aller Schlüssel ausgestattete Simon Petrus. Zwar ist ein Türsteher kein Fremdenführer, aber wer, nachdem er Zutritt zum Paradies erhalten hat, von Petrus wissen möchte, wo es denn nun zum Baum der Erkenntnis und zum Schlangen-Terrarium gehe, dem wird der um Auskunft Gebetene diese sicher nicht verweigern.

Im Fall jenes tödlich getroffenen Sheriffs in Bob Dylans Song „Knocking on Heaven’s Door“ scheint es dessen eigene Frau gewesen zu sein, die den Dahinscheidenden bis an die Himmelstür begleitet hat. An sie wendet er sich mit der letzten Bitte, ihn von seiner Dienstmarke und seiner Waffe zu befreien. Die säkular-menschlichen Seelengeleiter und -geleiterinnen sind am Ende womöglich die, auf die man sich bei aller Unzulänglichkeit noch am zuverlässigsten verlassen kann.

Chlamys und Hut standen ihm gut: Theseus auf dem Weg nach Athen

Odysseus bevorzugte den kuppelförmigen Pilos, ebenso Hephaistos und Charon. Hermes dagegen trug einen sportiver wirkenden, breitkrempig flachen Petasos, in seinem Fall eine wahrlich exklusive Sonderanfertigung mit seitlichem Geflügel. Wahrlich exklusiv hieß: Wenn einer mit so einem, genau gesagt: mit diesem Hut gesichtet wurde, konnte man ausschließen, dass es sich bei ihm nicht um Hermes handelte. Auch Paris soll bei seiner zwangsläufig fatalen Entscheidung für Aphrodite als Schönste der Schönen einen in den Nacken geschobenen Petasos als kleidsames Accessoire mit sich geführt haben. Während Götter und Heroen nicht selten Hüte trugen, scheint selbiges bei Heroinen und Göttinnen nicht der Fall gewesen zu sein.

Wilde Männer mit schwarz-dichtem Haupt- und Barthaar samt hervortretender Nase trugen in der Regel weder einen Hut (nicht Pilos noch Petasos) noch eine Chlamys oder sonst einen Umhang. So ein wilder Mann (übrigens ein Sohn von Poseidon) war beispielsweise Sinis, einer der fünf Wegelagerer, die vom jugendlichen Theseus auf seinem Weg in die Hauptstadt von Attika aus Gründen der Imagepflege und der Mythenbildung unter dem Applaus der Umstehenden in den Hades geschickt wurden.

Theseus seinerseits trug beides: einen Petasos und eine Chlamys – einen ärmellosen kurzen Mantel, der über die linke Schulter geworfen und über der rechten mit einer Spange zusammengehalten wurde. Da er als Enkel eines reichen Weinbauern (Pittheus) aufgewachsen war, wird seine Chlamys nicht aus naturfarbener Schafwolle, sondern aus einem bedenklich feinen Tuch in Schwarz oder Purpur gewesen sein. Und als Sohn aus gutem Hause verstand Theseus es gewiss, den Umhang so über die Schulter zu werfen, dass dieser dabei nicht mit dem Boden und auch nicht mit irgend etwas anderem unstandesgemäß in Berührung kam.

An den Füßen aber trug Theseus jene Sandalen, die sein Erzeuger Aigeus nach der Liebesnacht mit Aithra für den Fall der Fälle zusammen mit seinem Schwert unter einem Felsen deponiert hatte. Schwert und Sandalen sollten dem etwa gezeugten Nachkommen zu gegebener Zeit als Vater- beziehungsweise Sohnschaftsnachweis dienen. An seiner Waffe und an seinem Schuhwerk meinte der angehende König von Athen den rechtmäßigen Thronfolger dereinst zweifelsfrei erkennen zu können. Dass Aigeus nicht auch noch seinen Pilos oder Petasos als dritten Ausweis mit unter den Felsen gelegt hatte, ist nachvollziehbar. Wenn so ein Filz- oder Strohhut eine ganze Kindheit und Pubertät lang plattgedrückt unter einem Felsen gelegen hatte, würde er, das war Aigeus klar, einen so jämmerlichen Anblick bieten, dass dieser weder dem Sohn noch dem Vater zugemutet werden konnte.

Um nun aber auf den erwähnten Sinis zurückzukommen: der wilde Mann ohne Hut und Mantel machte sich ein makaberes Vergnügen daraus, harmlose Wanderer oder andere Reisende erst dazu zu bewegen, die Wipfel von Nadelbäumen (Fichten, Pinien oder Kiefern) zu Boden zu biegen und sich dann von diesen in die Luft und in den Tod schleudern zu lassen. Wie ihm dieser Trick gelang, weiß man nicht so genau, aber er scheint zuverlässig funktioniert zu haben. Nur bei Theseus muss dann etwas schiefgegangen sein. Denn plötzlich war Sinis selbst derjenige, der mit dem zurückschnellenden Wipfel in die Höhe katapultiert wurde. What goes up must come down: Dem Lehrsatz von Isaac Newton folgend kam auch Sinis wieder herunter. Und da der Baum ein kräftiger und hoher gewesen war, war Sinis‘ Fall ein tiefer und der Bodenkontakt ein auf der Stelle tödlicher.

In der letzten Einstellung sehen wir, wie Theseus sich einmal mehr geschickt die Chlamys über die Schulter wirft, mit dem Petasos ins Publikum winkt und seinen Siegeszug nach Athen fortsetzt. Die etwas Älteren unter den Zuschauern und Mitlesern werden sich erinnern: Falls die Sandalen, die Aigeus für seinen Sohn in spe unter dem Felsen hinterlegt hatte, Schuhe der Marke Salamander waren, dann hört man jetzt aus dem Off den (ein weiteres gutes Ende besiegelnden) Satz: Und lange tönt’s im Walde noch – Salamander lebe hoch!

Der Fall Dido und sein Wie und Warum

Hat Dido Selbstmord begangen und, wenn ja, wie und warum? Wer sich mit Krimis ein wenig auskennt, und für wen träfe das heute nicht zu, weiß, dass die meisten Selbstmorde keine Suizide, sondern Zide, also Fälle von Mord oder Totschlag sind. Im Fall Dido, der Gründerin und Königin von Karthago, ist alles schon so lange her, dass längst keine Spuren mehr gesichert, geschweige denn Zeugen befragt werden können. Es hätte also nicht viel Sinn, wenn wir Zweifel anmelden würden an dem, was von sämtlichen Quellen übereinstimmend behauptet wird: Dido selbst war es, die ihrem Leben ein Ende gesetzt hat.

Vor der Frage nach dem Wie, die nach dem Warum. Weil wegen Aeneas, tönt die Antwort aus mindestens 90 Opern, darunter Dido and Aeneas von Henry Purcell, nachweislich uraufgeführt Ende der 1680er Jahre in einem Londoner Mädchenpensionat. Schon als die jungen Damen im Programmheft den Titel von Didos Arie When I am laid in earth im dritten und letzten Akt lasen, wussten sie, dass sie sich die Hoffnung auf ein happy ending abschminken konnten, falls so etwas wie Schminke in diesem Institut erlaubt war. Wie konnte es dazu kommen?

Unter Aeneas‘ Führung hatte sich eine Gruppe von Troern nach der Eroberung ihrer Stadt durch die Griechen per Schiff auf den Weg zu neuen Ufern gemacht. Ein Sturm verschlug sie an die Küste von Nordafrika, wo sie sich, von Königin Dido gastfreundlich aufgenommen, eine Erholungspause gönnten und ihre Schiffe reparierten. Als die Pause vorbei war, löste sich Aeneas aus Didos Armen und meinte, er müsse jetzt mal weiter, nachdem ihn zuvor der Götter-Kurier Hermes im Auftrag von Zeus daran erinnert hatte, dass, historisch gesehen, seine eigentliche Aufgabe darin bestand, die Vorbereitungen zur Gründung des neuen Ilion in Gestalt der Stadt Rom zu treffen.

In Purcells Oper entschließt sich Aeneas im letzten Moment, die Sache mit Rom einem anderen zu überlassen und bis auf weiteres bei Dido in Karthago zu bleiben. Die will aber jetzt nichts mehr von ihm wissen und bringt sich lieber um, als an der Seite eines Mannes zu leben, dessen Urteil in erster Instanz zugunsten der Italienerin ausgefallen war: You never get a second chance to make a first impression, wie man in Karthago sagte.

Wer die Geschichte bis hierher unaufmerksam verfolgt hat, hat wahrscheinlich nicht bemerkt, dass die Frage nach dem Wie der Selbsttötung noch nicht beantwortet worden ist. Die phallophobe oder auch phallophile Antwort lautet: Dido stürzte sich in Aeneas‘ Schwert. Dass es dabei, psychologisch gesehen, um Übertragung geht, ist unschwer erkennbar. Wer nach dem Phallus greift, soll durch den Phallus umkommen. Andere berichten von einer feministisch inspirierten Selbstverbrennung: Dido habe alle Gegenstände, die sie an Aeneas erinnerten, also Tisch, Bett, Zahnbürste und so weiter, auf einen Haufen geworfen und angezündet. Zuletzt fiel ihr auf, dass auch ihr eigener Körper unter dinglichem Aspekt als Erinnerungsträger und -speicher fungierte. Da sie keine Frau war, die halbe Sachen machte, zog sie die Konsequenz und ließ auch ihn zum Raub der Flammen werden.

Der Jäger Orion – ein Götter-Cocktail der besonderen Art

Man muss sich das vorstellen: Drei Götter haben sich in Form eines gleichseitigen, man könnte auch sagen: sechsschenkligen Dreiecks aufgestellt und pinkeln auf eine Stier-Haut. Oder, noch grotesker, sie schlagen nicht ihr Wasser, sondern ihren ambrosischen Samen darauf ab. Natürlich ist Zeus mit von der Partie, ebenso sein immer zu Späßen aufgelegter Sohn Hermes. Aber auch Poseidon (was eher für die Variante mit dem Wasserlassen spricht), der Bruder von Zeus und Onkel von Hermes, trägt sein Teil dazu herbei.

Und warum und wozu das Ganze? Um auf diese Weise ein Misch- oder Mixtur-Wesen zu synthetisieren, das neun Monate später aus Mutter Erde und der in ihr vergrabenen Stier-Decke und Ersatz-Plazenta hervorbricht. Und in erstaunlicher Geschwindigkeit zum großformatigen Jäger Orion heranwächst. Nur ein weiterer Schuss aus Zeus‘ Pistole soll verhindert haben, dass der hypertrophierende zweibeinige Cocktail mit dem Kopf ans Himmelsgewölbe gestoßen ist. Damit ist offenbar zu rechnen, wenn drei Götter in Erinnerung an ihre jugendlich wilden Jahre gemeinsam urinieren oder masturbieren oder womöglich sogar beides.

Wie es mit Orion (als Jäger ein primär ergebnisorientierter Kollege der mehr am Wie des Jagens interessierten Göttin Artemis) weiterging, ist, verglichen mit diesem fulminanten Start ins Leben, eher banal. Das Übliche eben: viel töten, ein bisschen vergewaltigen, ein ständiger Wechsel zwischen Austeilen-Dürfen und Einstecken-Müssen. Und am Ende wurde er entweder von Artemis aus Versehen erschossen oder von einem hochgiftigen Skorpion gestochen – es gibt dazu erstaunlich viele, einander widersprechende Aussagen. Die Zahl derer, die ein Interesse daran hatten, Orion in den Hades zu schicken, scheint relativ groß gewesen zu sein.

Das mit dem Hades wurde dann aber doch nichts. In den Himmel kam Orion zwar auch nicht, dafür bekanntermaßen an den Himmel. Warum gerade ihm die Ehre zuteil wurde, als Sternbild zu enden und damit nicht ein für allemal, sondern (im Winter zumindest) jede Nacht erneut einen Abgang zu machen, lässt sich schwer sagen. Nicht nur Gottes Wege sind unergründlich, sondern auch die der Götter. Vielleicht kam man im Olymp zu dem Schluss, ein so spektakulärer Anfang verlange nach einem Ende, das etwas von einem Abschluss-Feuerwerk hat. Wer auf die Welt gepinkelt wurde, darf offenbar damit rechnen, dass er zuletzt an den Himmel gesternt wird.

Seine Mutter war eine Urenkelin von Zeus – und wer war sein Vater?

Wie schon gesagt: mater semper certa est, pater numquam. Bei Odysseus ist man sich ziemlich sicher, dass seine Mutter die Tochter des Meisterdiebs Autolykos war, der sein Handwerk von keinem Geringeren als seinem Vater Hermes gelernt oder geerbt (oder beides) hatte. Hermes zeigte seinem Sohn außerdem einen Trick, wie man das Diebesgut anschließend in etwas anderes verwandeln kann, um so beim Klauen nicht erwischt oder doch wenigstens nicht als Dieb überführt zu werden. Das heißt, immer wenn Autolykos die von ihm geklauten Äpfel auf der Flucht vor dem Apfelbaum-Besitzer in Birnen verwandeln musste, konnte er von Glück sagen, wenn er eigentlich Birnen hatte klauen wollen und nur deshalb Äpfel geklaut hatte, weil er prima vista weder Äpfel von Birnen noch Apfelbäume von Birnbäumen unterscheiden konnte. Aber zurück zu Odysseus.

Autolykos‘ Tochter Antikleia war also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Mutter von Odysseus, in welchen damit mütterlicherseits die Gerissenheits-Gene zweier Trickbetrüger eingeboren waren. Was er von väterlicher Seite mitbekommen hat, könnte man nur dann mit ähnlich hoher Wahrscheinlichkeit sagen, wenn man certa wüsste, wer sein Vater war.

Homer nennt als Odysseus‘ Vater Laertes, König von Ithaka, Sohn des Arkeisios und damit (nach einer Sage) Enkel von Zeus. Odysseus wäre dann einerseits durch seinen Vater Laertes ein Urenkel von Zeus, durch seine Mutter Antikleia aber ein Ururenkel desselben Zeus – falls Zeus jemals ein und derselbe gewesen ist. Vielleicht ist dies, nebenbei bemerkt, einer der fundamentalen Unterschiede zwischen Zeus und dem monolithischen Gott des Alten Testaments. Während Jahwe von sich sagen konnte und wollte: Ich bin, der ich bin, sagte Zeus ein ums andere Mal: Je suis un autre! Ich bin, der ich nicht bin. Und ward Schwan, Schlange, Stier, Adler und weiß Gott, was sonst noch alles.

Alternativ zu Laertes käme als Vater von Odysseus auch noch Sisyphos in Betracht. Es gab und gibt nämlich Gerüchte, dass Antikleias diebischer Vater Autolykos bei dem Versuch, Sisyphos‘ Vieh zu stehlen, kläglich gescheitert ist und sich in einem Anflug von Reue dazu hinreißen ließ, dem nur beinahe Bestohlenen zur moralischen Wiedergutmachung und getreu dem Motto einmal ist keinmal seine schon mit Laertes verlobte Tochter für eine Nacht zur freien Verfügung zu überlassen. Einmal wäre dann aber nicht keinmal, sondern einmal zu viel gewesen.

Nicht diese eine, ebenso ephemere wie folgenreiche Odysseus-Nacht mit Antikleia, falls es sie denn tatsächlich gegeben hat, ist nach Albert Camus der Grund, weshalb wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen. Sondern die Sache mit dem bis in alle Ewigkeit den Berg hinauf zu rollenden Stein. Aber das ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte.

Von Zeus gezeugt, von Nemesis gelegt, aber von Leda ausgebrütet

Was machst du, wenn es klingelt und einer von Hermes bringt dir ein Päckchen, in dem sich ein in Noppenfolie eingewickeltes XXL-großes Ei befindet? Als Absender ist nur Olymp angegeben. Woher wissen die, wo ich wohne, wunderst du dich. Denn obwohl die sympathische Dame, bei der du neulich das weiße Olymp-Hemd mit dem aufsehenerregenden Innen-Stoff gekauft hast, sich sehr um dich bemüht und dich ebenso fachkundig wie freundlich bedient hat, wolltest du ihr deine Adresse zwecks regelmäßiger Zusendung von Informationsmaterial dennoch nicht mitteilen. Und hast stattdessen ihren Vorschlag, da er nach deinem Eindruck rein geschäftlich motiviert war, höflich, aber bestimmt abgelehnt. Und warum schicken die mir jetzt trotzdem ein Ei, und noch dazu so ein dickes?

Wenn du dich in der griechischen Mythologie etwas besser auskennen würdest und nicht nur die dubiosen, kaum authentisch zu nennenden Plots aus zweiter und dritter Nachdichter- und -malerhand rezipiert hättest, wüsstest du, was du jetzt zu tun hast: Mit dem Ei ins Bett gehen und mehr oder weniger geduldig darauf warten, dass sich aus ihm, dem Ei, eine schöne Helena herausschält.

Zeus persönlich brachte nämlich ein Ei wie dieses, das Nemesis, die Titanin, schließlich als Gans gelegt hatte, nachdem sie von Zeus in Gestalt eines Schwans, mit Verlaub: gevögelt worden war – Zeus also brachte solch ein Ei nach Lakedaimon (besser unter dem Namen Sparta bekannt) und ließ es vor den Toren der Stadt am Wegrand liegen. Er vertraute darauf, dass binnen kurzem jemand vorbeikommen, das Ei finden und zu Leda, der Gemahlin des spartanischen Königs Tyndareos, bringen würde. Die Moiren gingen mit Zeus d’accord und so fand das Ei seinen Weg in Ledas Haute Cuisine.

Was sie denn mit dem Straußenei vorhabe, fragte Tyndareos, der gerade auf der Suche nach so etwas wie einem Horsd’œuvre war. Das habe bestimmt kein Strauß, sondern wahrscheinlich ein Geier gelegt, mutmaßte Leda, die zu drastischen Vergleichen und gewagten Hypothesen neigte. Sie wolle es mal ausbrüten, dann werde man ja sehen. Leda verzog sich mit der Fundsache ins Bett und gebar, wenn man so will, bereits nach wenigen Tagen das schönste Kleinkind der Welt. Helena, sagte Tyndareos, ohne zu wissen, wie er darauf kam. Unsere Tochter soll Helena heißen.

Hermes auf dem Weg zum Bahnhof

Auf dem Weg zum Bahnhof wackelte unlängst vor mir so ein göttliches kleines Menschlein einher. Es bewegte sich ungefähr in dieselbe Richtung wie ich. Denn so etwas wie Richtung scheint es zunächst bei allem Fleiß des anfänglichen Strebens nur als vage Tendenz zu geben. Hinter ihm schritt achtsam lenkend eine andere Mama Maia. Noch so ein Hermes, dachte ich, als ich das Blut von seinen, des Menschleins Händen tropfen sah. Wo mag er seine Lyra gelassen haben? Hat er sie schon an seinen großen, wenn auch nur halben Bruder Apollon als musisches Entgelt für die getöteten Rinder überwiesen? Von denen weit und breit nichts zu sehen war. Nur zwei Bullen in einem Streifenwagen fuhren vorbei. Aber die lebten offensichtlich noch. Uns entgegen eilte Papa Zeus, die Augen stur geradeaus. Für dieses Mal hatte er sich in einen Hochgeschwindigkeits-Biker in voller Straßenkampf-Montur verwandelt. Gehweg hieß für ihn nur geh weg. Und er kannte weder Hermes noch Maia. Erkennen, indem er sich quasi in sie hineinschlängelte, wollte er heute einzig Persephone, seine und seiner Schwester Demeter Tochter. Aber davon ein andermal.