Ein irischer Mythos

Hätten die alte oder uralten Griechen schon das Kartenspiel gekannt, wäre uns wahrscheinlich ein Mythos überliefert worden, bei dem es darum gehen würde, dass ein Götter-Trio, sagen wir: Zeus, Poseidon und Hermes, beim Kartenspiel sitzt und plötzlich, aus welchen Gründen auch immer, aus dem Stapel Karten ein Hase, gefolgt von einem Jagdhund, hervorspringt, wobei der Hase einer zu sein hätte, den kein Jagdhund erjagen und der Jagdhund einer wäre, dem kein Hase entwischen kann – wir kennen das Dilemma aus einer anderen, tatsächlich tradierten Geschichte. Wegen der zivilisations- und kulturhistorischen Entwicklung der Spiele-Hardware war es aber erst dem irischen Schriftsteller W. B. Yeats vergönnt, die Geschichte vom Hasen und dem Hund zu notieren und in einem Sammelband mit dem Titel Mythologies zu veröffentlichen. Aber kann man eine von einem kauzig-exzentrischen, in Armut dahinvegetierenden irischen Häusler gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts erzählte Geschichte einen Mythos nennen? Wenn es für Yeats Mythen waren, warum nicht auch für uns.

Salmoneus, der sich für Gott Zeus hielt

Wie es in postnapoleonischen Zeiten Menschen gab, die sich für Napoleon hielten, so kam es in mythischen Zeiten vor, dass Männer auftraten, die vorgaben, Zeus zu sein. Apollodors Mythologische Bibliothek gibt dafür ein Beispiel.

Ein gewisser Salmoneus, der über seinen Großvater Hellen, nach dem die Griechen von diesem selbst Hellenen genannt wurden, möglicherweise von Zeus abstammte, gab sich, wie es in der Mythologischen Bibliothek heißt, als Zeus aus und verlangte, dass ihm zu Ehren geopfert werden solle: „Er schleppte an seinem Wagen ausgetrocknete Felle und eherne Kessel nach und nannte das ‚donnern‘, warf brennende Kerzen in die Luft und nannte das ‚blitzen‘. Zeus aber erschlug ihn mit dem Donner und vertilgte die von ihm erbaute Stadt mit allen ihren Bewohnern.“ Und soll danach etwas gebrummt haben wie: „Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen, denn Zeus wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“

Wir legen uns ein Adonisgärtchen an

Wer übrigens nach Anfang Juni, also vor der sogenannten Sommersonnenwende, noch kein Adonisgärtchen hat, sollte sich umgehend eines anlegen. Man benötigt dazu nur einen mit Erde gefüllten Blumentopf oder Balkonkasten. Dahinein säe man die rasch keimenden Samen einiger schnell ins Kraut schießender und alsbald wieder vergehender Pflänzlein – in jedem Baumarkt kann man sie bekommen. (Man sage aber der Verkäuferin, falls man eine findet, nicht, dass man die Samen in einem Adonisgärtlein aussäen wolle. Sie würde einen nur verständnislos ansehen oder, so man männlichen Geschlechts und nicht ihr Typ ist, Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten.) Die symbolische Bedeutung eines Adonis-Topf-Gartens liegt ebenso auf der Hand wie auf der Zunge, ich sage hier nur: Werden und Vergehen.

Der bildhübsche Adonis war nämlich auch kaum geworden, als er schon wieder verging, jedoch nicht ohne dass Aphrodite und Persephone Gelegenheit gefunden hätten, sich in ihn zu verlieben und um ihn zu zanken. Zeus sprach ein Machtwort und sagte zu dem frühreifen Bürschlein: Bis drei wirst du ja wohl schon zählen können. Also verbringst du ein Drittel des Monats bei Aphrodite im siebten Himmel der Liebe, während des zweiten Drittels lässt du dir von Persephone die lauschigsten Winkel des Hades zeigen und im letzten Drittel machst du, was du willst. Aber geh nicht in den Garten des Ares, denn das wäre für dich mit Einsichten und Erkenntnissen verbunden, die du dir so lange wie möglich ersparen solltest.

Nachdem Adonis wie befohlen erst zehn Tage und Nächte bei Aphrodite und dann von ihm geschätzte 240 Schäfer-Stunden im Halbdunkel der Herrin der Unterwelt verbracht hatte, ging er natürlich schnurstracks in den verbotenen Garten des Kriegsgotts Ares, wo dieser als der gehörnte Ehemann der Aphrodite in Gestalt eines wilden Gärtners hinter einer Eberesche auf den Liebhaber seiner Gattin wartete und diesen erst niedermähte und anschließend durch den Häcksler schickte.

Poseidon – zwischen Mythos und kafkaesker Wirklichkeit

Amphitrite wollte ihn erst nicht haben und lief vor ihm davon zu Atlas, dem Träger der Himmels-Kugel, oder vielleicht auch nur ins Atlas-Gebirge. Als dann ein Delphin oder ein gewisser Delphinos sie zu ihm zurück brachte, überlegte Amphitrite es sich anders und wurde seine Frau. Mag sein, dass der poppig gelbe, submarine Kristallpalast, in dem er wohnte, bei ihrem Sinneswandel eine Rolle gespielt hat.

Die kryptische Rede ist oder war von Poseidon, dem Gott des Meeres, der als großer Pferde-Freund den Beinamen Hippios trug. Derart ausgeprägt war seine Hippophilie, dass er sogar zwei Pferde gezeugt hat, eines davon quasi natürlich in Gestalt eines Hengstes und, wie es sich gehört, mit einer Stute, die aber eigentlich seine Schwester-Göttin Demeter war, möglicherweise auch seine Gattin Amphitrite – als Stuten betrachtet, sehen Frauen, insbesondere aus der Sicht eines Hengstes, einander sehr ähnlich. Areion oder Arion, der aus dieser Besamung hervorging, hätte eigentlich sagen können müssen, wer seine Mutter war, denn es handelte sich bei ihm um ein Pferde-Wunder oder Wunder-Pferd, das sprechen und bis hundert zählen konnte. Wahrscheinlich hat ihn einfach niemand danach gefragt.

Mit Amphitrite, die Poseidons Dreizack nach der Eheschließung nur noch aus der Hand gab, wenn ihr Gemahl von einem Maler oder Bildhauer porträtiert werden sollte, hatte Poseidon den Sohn Triton, man nannte ihn einen Kentauren des Meeres, und die Töchter Rhode und Benthesikyme. Mit dem Dreizack konnte man oder frau übrigens Blitze, Erdbeben und kleinere Sintfluten machen.

Liebschaften hatte Poseidon wie sein Bruder Zeus jede Menge, wobei eine amouröse Drift ins Monströse nicht zu übersehen ist. So zeugte er in einem Tempel der Pallas Athene mit Medusa den Pferde-Vogel Pegasus, der allerdings erst zur Welt kam, nachdem die beim Liebesakt noch schöne Schwangere von Athene, der Herrin der Liebeslaube, wegen deren Verunreinigung in ein Ungeheuer verwandelt worden war, welchem dann Perseus, um Pegasus‘ Geburt einzuleiten, noch den Kopf abschlagen musste.

Mit der Meeresnymphe Thoosa zeugte Poseidon den einäugigen Riesen Polyphem, mit seiner Großmutter Gaia den an die dreißig Meter hohen Riesen Antaios, mit oder ohne Euryale den riesenhaften Jäger Orion, bei dessen Erzeugung neben Poseidon auch noch Zeus und Hermes, vielleicht auch Ares beteiligt gewesen sein sollen.

Als Atlantis noch nicht Atlantis hieß, machte Poseidon dort eine Entdeckung namens Kleito, die ihm danach eine Fünfer-Serie von Zwillingspärchen gebar. Atlas, ein Namensvetter des Sphären-Trägers, wurde als Erstgeborener König des Inselreichs, das von da an den wohlklingenden Namen Atlasantis trug. Was Platon, der mit der Kunst und dem Schönen bekanntlich ein Problem hatte, nicht gefiel, weshalb er Atlasantis zu Atlantis verschliff, eine angeblich sprachergonomisch gebotene Verunstaltung, die bis heute nicht korrigiert worden ist.

Die Affären, die Poseidon darüber hinaus und nebenbei mit etwelchen namenlosen Nymphen hatte, sind Legion und können hier unter ferner liefen rubriziert werden. Noch erwähnenswert ist dagegen vielleicht eine homoerotische Beziehung zu Pelops, den Poseidon als Kleinkind beinahe verspeist hätte, weil sein Vater Tantalos ihn anlässlich einer Einladung der Götter zu sich nach Hause aus dubiosen Gründen als Vorspeise servieren ließ.

Nach Franz Kafka sind diese Amouren, oder wie man es nennen will, frei erfunden, wie auch die Vorstellung, dass Poseidon „immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere“, nichts mit der Wirklichkeit zu tun habe. In Wahrheit nämlich sitzt Kafkas Poseidon in der Tiefe des Meeres und ist mit Berechnungen und der Erstellung von neuerdings vorwiegend klimatologischen Statistiken im Rahmen der Gewässerverwaltung beschäftigt. Unterbrochen wird dieses eintönige Leben nur von gelegentlichen Dienstreisen zu Zeus, von denen er fast immer wütend zurückkehrt. So habe er „die Meere kaum gesehn, nur flüchtig beim eiligen Aufstieg zum Olymp, und niemals wirklich durchfahren.“ Und er pflege zu sagen, sagt Kafka, „er warte damit bis zum Weltuntergang, dann werde sich wohl noch ein stiller Augenblick ergeben, wo er knapp vor dem Ende nach Durchsicht der letzten Rechnung noch schnell eine kleine Rundfahrt werde machen können.“

Attis und Kybele oder: Erste und letzte Zuckungen

Was Sigmund Freud den Mädchen im Vorschulalter unterstellte, nämlich das bange Leiden unter der furchtbaren Vermutung, sie seien womöglich kastriert worden, war für Kybele schmerzliche Gewissheit: Die Götter hatten sie entmannt, ihr also die Männlichkeit im physiologischen Sinn abgeschnitten – möglicherweise mit derselben Sichel, mit der schon Kronos seinen Vater Uranos kastriert hatte. Wobei man irritierender- aber korrekterweise sagen muss: Eigentlich war es der Hermaphrodit Agdistis gewesen, der von den Olympiern entmannt worden war und hernach als disambiguiertes Wesen unter dem Namen Kybele postphallisch fortexistierte. Da es Agdistis nach der klärenden Operation wahrscheinlich im Wesentlichen nicht mehr gab, konnte allenfalls Kybele von sich sagen, dass sie ihres Gliedes beraubt worden sei, obwohl Kybele als Kybele nie eines besessen hatte. Hier tut sich ein logisch-aporetischer Ur- und Abgrund auf, in den wir lieber nicht blicken wollen, da in mythischen Zeiten das philosophische Organon zur Be- und Verarbeitung der damit einhergehenden gedanklichen Produktion noch nicht zur Verfügung stand.

Agdistis war übrigens durch einen im eigentlichen Wortsinn feuchten Traum des Zeus entstanden. Denn als es Zeus von dem erotisch unwiderstehlichen Zwitterwesen Agdistis träumte, ging ihm (mindestens) einer ab, um es einmal, und warum auch nicht, volkstümlich zu formulieren. So wurde aus dem geträumten utopischen Agdistis unversehens der im damaligen Hier und Jetzt eine Zeitlang real existierende. Bis er sich postoperativ und posthum in Kybele und einen herrenlosen Penis aufgliederte. Letzerer fiel auf fruchtbaren Boden und wurde zum Mandelbaum, der dann die in seinem Schatten ruhende Nana mit einer Mandel befiel und somit schwängerte, wonach dann Attis, welcher alsbald zum schönen Jüngling heranwuchs, geboren wurde – noch einen Moment Geduld bitte, dann schließt sich hoffentlich der Kreis.

Als nämlich Kybele auf der Suche nach dem ungeteilten Selbst eines Tages ihrem verlorenen Gemächt in Gestalt des Attis wiederbegegnete, wähnte sie spontan, dass durch eine Vereinigung mit Attis alles wieder gut werden würde. Attis aber, dem es an nichts mangelte, sträubte sich und wollte seine Familie nicht im Stich lassen, wobei ihm die Beziehung zu seinem Schwiegervater Midas noch wichtiger zu sein schien, als die zu seiner Ehefrau Ia. Kybele trieb daraufhin in ihrem Neid und in ihrer Eifersucht beide, Attis und Midas, in den Wahnsinn und entweder kastrierten die sich dann gegenseitig oder Attis entmannte sich eigenhändig selbst – was so oder so dazu führte, dass er starb, wodurch Agdistis alias Kybele abermals das Nachsehen hatte.

Zeus wollte Kybele und Attis anscheinend keine zweite Chance geben, denn er weigerte sich, Attis vollständig zu reanimieren. Fast könnte man meinen, er wollte die schon wieder um den Penis gebrachte Kybele verhöhnen, als Zeus entschied, Attis in einem auf Dauer gestellten Wachkoma gelegentlich mit dem kleinen Finger zucken zu lassen – mal mit dem der rechten, mal mit dem der linken Hand.