Wir legen uns ein Adonisgärtchen an

Wer übrigens nach Anfang Juni, also vor der sogenannten Sommersonnenwende, noch kein Adonisgärtchen hat, sollte sich umgehend eines anlegen. Man benötigt dazu nur einen mit Erde gefüllten Blumentopf oder Balkonkasten. Dahinein säe man die rasch keimenden Samen einiger schnell ins Kraut schießender und alsbald wieder vergehender Pflänzlein – in jedem Baumarkt kann man sie bekommen. (Man sage aber der Verkäuferin, falls man eine findet, nicht, dass man die Samen in einem Adonisgärtlein aussäen wolle. Sie würde einen nur verständnislos ansehen oder, so man männlichen Geschlechts und nicht ihr Typ ist, Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten.) Die symbolische Bedeutung eines Adonis-Topf-Gartens liegt ebenso auf der Hand wie auf der Zunge, ich sage hier nur: Werden und Vergehen.

Der bildhübsche Adonis war nämlich auch kaum geworden, als er schon wieder verging, jedoch nicht ohne dass Aphrodite und Persephone Gelegenheit gefunden hätten, sich in ihn zu verlieben und um ihn zu zanken. Zeus sprach ein Machtwort und sagte zu dem frühreifen Bürschlein: Bis drei wirst du ja wohl schon zählen können. Also verbringst du ein Drittel des Monats bei Aphrodite im siebten Himmel der Liebe, während des zweiten Drittels lässt du dir von Persephone die lauschigsten Winkel des Hades zeigen und im letzten Drittel machst du, was du willst. Aber geh nicht in den Garten des Ares, denn das wäre für dich mit Einsichten und Erkenntnissen verbunden, die du dir so lange wie möglich ersparen solltest.

Nachdem Adonis wie befohlen erst zehn Tage und Nächte bei Aphrodite und dann von ihm geschätzte 240 Schäfer-Stunden im Halbdunkel der Herrin der Unterwelt verbracht hatte, ging er natürlich schnurstracks in den verbotenen Garten des Kriegsgotts Ares, wo dieser als der gehörnte Beischläfer der Aphrodite (welche bekanntlich dem Hephaistos vermählt war) in Gestalt eines wilden Gärtners hinter einer Eberesche auf den Liebhaber seiner Geliebten wartete, um diesen erst niederzumähen und anschließend durch den Häcksler zu jagen.

Zwei zeitweilige Entführungen und ein noch nicht diagnostizierbarer Fall von paranoider Schizophrenie

Kein Sitzfleisch hat, wie man so sagt, der oder die, die oder der es nicht lange im Sitzen aushält, weshalb die unter einem Mangel an Sitzfleisch Leidenden weder eine Karriere als Akademiker noch eine als Taxifahrer (was in bestimmten Studienfächern mitunter auf dasselbe hinausläuft) anstreben sollten.

Nicht mehr im vollen Besitz seines Sitzfleischs war im wörtlichen Sinn Peirithoos, nachdem er von Herakles unsanft, da notgedrungen gewaltsam von seiner Sitzgelegenheit getrennt, um nicht zu sagen: abgetrennt worden war. Peirithoos‘ halber Hintern blieb an der Meditations-Bank hängen, auf der er eine unbestimmbare Zeit lang neben seinem Freund Theseus gedankenverloren und in unterweltvergessener mentaler Leere gesessen hatte. Nun stand diese Bank aber nicht irgendwo, sondern der Sage und mancherlei Schreibe nach im Hades, gleich links jenseits der Eingangstür.

Herakles war jedoch nicht gekommen, um die beiden Angewachsenen aus Ihrer auf Dauer gestellten meditativen Zwangs-Lage zu befreien – das erledigte er en passant und für ein Vergelt’s Zeus. Der wahre Grund für seinen Abstieg in die Unterwelt war, dass er den dreiköpfigen Höllenhund Kerberos mitnehmen wollte. Hades, der Hundehalter, hatte sein Einverständnis gegeben, nachdem Herakles versprochen hatte, das Tier beziehungsweise Untier nach spätestens drei Tagen wieder zurückzubringen. Was das Ganze eigentlich sollte, war schwer zu sagen. Dass es als unmöglich galt, den Kerberos aus dem Hades zu holen, hatte den arglistigen Eurystheus, König von Argos, wahrscheinlich dazu veranlasst, eben dieses von Herakles zu verlangen.

In insgesamt zwölf Fällen das Unmöglich möglich zu machen, war das, was das Delphische Orakel Herakles in einer Sprechstunde geraten oder verordnet hatte. Konkret gesagt: Zwölf Jahre lang sollte er Eurystheus dienen und in diesem Jahrzwölft zwölfmal das tun, was dieser von ihm verlangte, nämlich einen kaum zu erlegenden Löwen erlegen, den damals schon sprichwörtlich gewordenen Rinder-Saustall des Augias ausmisten und so weiter und so fort bis hin zum Herbeischaffen von Kerberos, dem Wachhund am Eingang zur Unterwelt. Und das alles nur deshalb, weil Herakles in paranoider Verblendung seine Frau Megara und die gemeinsamen Kinder umgebracht hatte. Anstelle von Neuroleptika verschrieb Pythia, die Chef-Priesterin des Orakels, in Vorwegnahme der homöopathischen Behandlungsmethode absurde Taten als Mittel gegen die psychischen Folgen einer absurden Tat.

War es bei Herakles letztlich oder erstlich seine, wie man heute sagen würde, in wiederkehrenden Schüben zum Ausbruch kommende paranoide Schizophrenie gewesen, die ihn in den Hades geführt hatte, so waren Theseus und sein Freund Peirithoos im unterirdischen Jenseits nur deshalb mit dem Hintern an ihren Sitzplätzen angewachsen, weil Peirithoos sich ein Tête-à-Tête mit Persephone, der Gattin des Hades und Co-Göttin desselben, in denselben, also in den Kopf gesetzt hatte. Da der Freund dem Freunde zuvor dabei geholfen hatte, die noch nicht zur Miss Antike avancierte Helena zeitweise und wie zur Gewöhnung ans Entführt-Werden zu entführen, wollte nun auch Theseus Peirithoos zur Seite stehen, wenn dieser im Hades vor Hades trat, um ihn zu fragen, ob er ihm nicht seine Frau für ein oder zwei Stunden zur Verfügung stellen würde. Hades sagte weder ja noch nein, sondern bat die beiden präpotenten Knallköpfe, doch für einen Moment Platz zu nehmen, während er sich bei Persephone erkundigen wolle, was sie von Peirithoos‘ Ansinnen halte.

Aber was heißt es im Jenseits der Unterwelt schon, für einen Moment Platz zu nehmen. Tausend Jahre sind bekanntlich für (einen) Gott wie der gestrige Tag. Und da man im Hades nicht mehr sterben kann, säßen sie dort heute noch, wäre nicht zufällig mit Herakles ein dritter Irrer vorbeigekommen, um der Idiotie ein Ende zu bereiten, indem er die beiden vom Hocker riss. Peirithoos musste dabei Federn in Form von Sitzfleisch lassen, Theseus scheint die Operation unbeschadeter überstanden zu haben, wobei einige Märchenerzähler sagen, es sei genau anders herum gewesen.