Franz Schubert: Amphiaraos (D 166)

Vor Thebens siebenfach gähnenden Toren
Lag im furchtbaren Brüderstreit
Das Heer der Fürsten zum Schlagen bereit,
Im heiligen Eide zum Morde verschworen.
Und mit des Panzers blendendem Licht
Gerüstet, als gält‘ es, die Welt zu bekriegen,
Träumen sie jauchzend von Kämpfen und Siegen,
Nur Amphiaraos, der Herrliche, nicht.

Denn er liest in dem ewigen Kreise der Sterne,
Wen die kommenden Stunden feindlich bedrohn.
Des Sonnenlenkers gewaltiger Sohn
Sieht klar in der Zukunft nebelnde Ferne.
Er kennt des Schicksals verderblichen Bund,
Er weiß, wie die Würfel, die eisernen, fallen,
Er sieht die Moira mit blutigen Krallen;
Doch die Helden verschmähen den heiligen Mund.

Er sah des Mordes gewaltsame Taten,
Er wußte, was ihm die Parze spann.
So ging er zum Kampf, ein verlor’ner Mann,
Von dem eig’nen Weibe schmählich verraten.
Er war sich der himmlischen Flamme bewußt,
Die heiß die kräftige Seele durchglühte;
Der Stolze nannte sich Apolloide,
Es schlug ihm ein göttliches Herz in der Brust.

„Wie? – ich, zu dem die Götter geredet,
Den der Weisheit heilige Düfte umwehn,
Ich soll in gemeiner Schlacht vergehn,
Von Periklymenos‘ Hand getötet?
Verderben will ich durch eigene Macht,
Und staunend vernehm‘ es die kommende Stunde
Aus künftiger Sänger geheiligtem Munde,
Wie ich kühn mich gestürzt in die ewige Nacht.“

Und als der blutige Kampf begonnen,
Und die Eb’ne vom Mordgeschrei widerhallt,
So ruft er verzweifelnd: „Es naht mit Gewalt,
Was mir die untrügliche Parze gesponnen.
Doch wogt in der Brust mir ein göttliches Blut,
Drum will ich auch, wert des Erzeugers, verderben.“
Und wandte die Rosse auf Leben und Sterben,
Und jagt zu des Stromes hochbrausender Flut.

Wild schnauben die Hengste, laut rasselt der Wagen,
Das Stampfen der Hufe zermalmet die Bahn.
Und schneller und schneller noch rast es heran,
Als gält‘ es, die flüchtige Zeit zu erjagen.
Wie wenn er die Leuchte des Himmels geraubt,
Kommt er in Wirbeln der Windsbraut geflogen;
Erschrocken heben die Götter der Wogen
Aus schäumenden Fluten das schilfichte Haupt.

Doch plötzlich, als wenn der Himmel erglühte,
Stürzet ein Blitz aus der heitern Luft,
Und die Erde zerreißt sich zur furchtbaren Kluft;
Da rief laut jauchzend der Apolloide:
„Dank dir, Gewaltiger, fest steht mir der Bund.
Dein Blitz ist mir der Unsterblichkeit Siegel;
Ich folge dir, Zeus!“ – und er faßte die Zügel
Und jagte die Rosse hinab in den Schlund.

Theodor Körner (1791-1813)

Aphrodite kam zu spät

Beim Gang durch die ineinander verschachtelten Räume des Mythologischen begegnen einem immer wieder Akteure, über die man allein schon ihres Namens wegen eine, also ihre Geschichte erzählen möchte. Amphiaraos ist so ein Fall oder, beinahe verheißungsvoller noch: Parthenopaios. Beide Namensträger gehörten zu den Sieben gegen Theben. Und für beide nahm das von Polyneikes, einem der unseligen, da inzestuös gezeugten Söhne des Ödipus, angezettelte thebanische Abenteuer kein gutes Ende.

Weil sie ihn nach seiner Selbst-Blendung und seiner anschließend verfügten Verbannung aus Theben schmählich im Stich gelassen hatten, verfluchte Ödipus seine beiden Söhne Eteokles und Polyneikes: Durch das Schwert des jeweils anderen sollten sie nach Ödipus‘ rachsüchtigem Willen zu Tode kommen. Der Versuch des Polyneikes, mit der Unterstützung der sechs anderen altgriechischen Samurai die Herrschaft in Theben an sich zu reißen, schuf also nur die äußeren Rahmenbedingungen für die Möglichkeit der Realisierung dieser unväterlichen Option. Mitgegangen, mitgehangen: Warum Parthenopaios als einer von sieben Verlierern mit in den Krieg gegen Theben gezogen ist? Eine perikonzeptionale Traumatisierung wäre womöglich ein triftiger Grund, warum einer ein dubioses Angebot wie dieses nicht ablehnen konnte: Komm mit, sagte Polyneikes zu Parthenopaios, etwas besseres als das, was wir gleich zu Beginn unseres Daseins erleben mussten, werden wir überall finden.

Die Zeugungs-Schande des Polyneikes ist hinreichend erörtert worden, ohne sie wäre die Psychotherapie heute nicht das, was sie ist. Worin aber bestand die Schmach bei der Entstehung des Parthenopaios? Auch in seinem Fall wurde eine Grenze überschritten – nicht die zwischen den Generationen, sondern die zwischen den Arten. Wenn ein Löwe eine Löwin begattet, sollte dabei kein Mensch gezeugt werden, was bei Parthenopaios aber quasi geschehen ist.

Mit Hilfe der Aphrodite war es Parthenopaios‘ zu diesem Zeitpunkt noch zweibeinigem Vater gelungen, schneller zu laufen als seine zukünftige Gemahlin Atalante, zu deren Gewohnheiten es gehörte, Heiratskandidaten erst beim Wettrennen zu schlagen und anschließend zu töten. Als Atalante sich gleich nach ihrer Niederlage ein wenig überstürzt im Tempel der Aphrodite von ihrem Bezwinger übermannen ließ, bestrafte die eben noch wohlwollende Aphrodite diesen Verstoß gegen ihre Hausordnung mit Verwandlung in eine andere Spezies. Da sie wie alle antiken Griechinnen und Griechen noch wusste, dass ein Löwe nur mit einer Leopardin kann, fiel ihr trotz der damals noch viel größeren Artenvielfalt die Wahl nicht schwer – bestand Aphroditens perfide Absicht doch darin, das Paar, dessen Paarung sie eben erst ermöglicht hatte, im nächsten Moment erotisch-sexuell für immer getrennte Wege gehen zu lassen und dabei wie zum Hohn den äußeren Schein der Zusammengehörigkeit zu wahren.

Jedoch: Der spätere Mitstreiter des Polyneikes kam zur Welt – psychisch schwer angeschlagen, aber in menschlicher Gestalt. Wofür es nur eine Erklärung gibt: Parthenopaios‘ Vater war noch früh genug und Aphrodite zu spät gekommen.