Pan als Instrumentalist: Noch ein Beitrag zu einer mythologischen Musikgeschichte

Nicht an irgendeinem Bach namens Johann oder Sebastian, sondern am Fluss Ladon kam es dazu, dass die Najade Syrinx aus dem keuschen Gefolge der jungfräulichen Artemis ihre Verwandlung in Schilfrohr erwirkte, um sich durch diese Metamorphose der Zu- und Eindringlichkeit ihres Verfolgers nachhaltig zu entziehen. Der Namensgeber der Panik selbst war es gewesen, der sie in eine von diesen versetzt hatte. So leicht entkommst du mir nicht, knurrte Pan und schnitt und baute sich aus Schilfrohr eine andere Syrinx, vulgo: Panflöte, der er mit seinem heißen Atem die geilsten Töne entlockte. Jedenfalls fanden das viele der anderen Nymphen, von denen nicht wenige die Verfolgungsjagd ein wenig neidisch verfolgt hatten.

I am the god of hell and fire, prahlte Pan bei seinen Auftritten in ausverkauften Pan-Tempeln, and I bring you: Fire, I’ll take you to burn! Und dann versetzte er als Präfiguration des christlichen Gottseibeiuns‘ mit seiner Syrinx das Publikum ein ums andere Mal in Ekstase. Man musste lange warten, ehe man in der Crazy World des Arthur Brown Anno Domini 1968 Vergleichbares erneut erleben konnte.

Vor Nymphen bist du recht; allein, die Götter zu vergnügen, ist deine Flöte viel zu schlecht. Es war Phoebus, der Leuchtende, besser unter dem Namen Apoll bekannt, der Pan eines Tages mit diesen einer Bach-Kantate vorweg entnommenen Worten den Fehdehandschuh vor die Hufe warf. Sobald mein Ton die Luft erfüllt, so hüpfen die Berge, so tanzet das Wild, so müssen sich die Zweige biegen, und unter denen Sternen geht ein entzücktes Springen für: Die Vögel setzen sich zu mir und wollen von mir singen lernen, erwiderte Pan ein wenig spitz, indem er zugleich den Handschuh aufhob und seinen Herausforderer damit ohrfeigte.

Geschwinde, geschwinde, ihr wirbelnden Winde, sangen nun sensationslüstern die treulosen Nymphen im Chor, da sie sich schon darauf freuten zu sehen, wie bald wieder jemandem das Fell über die Ohren gezogen würde. Denn warum sollte es Pan mit seiner siebenrohrigen Syrinx anders ergehen als Marsyas mit der Doppelrohrflöte, dem bei lebendigem Leib die Haut abgezogen worden war, nachdem Apoll ihn musikalisch besiegt hatte.

Allein, auch im Mythos wiederholt sich Geschichte nur in Ausnahmefällen. Tmolos, den Apollon in die Jury beordert hatte, erklärte Apollon an der Kithara zum Sieger, Midas, der von Pan in die zweiköpfige Kommission gebeten worden war, meinte dagegen, dass Pan der bessere Instrumentalist sei. Woraufhin Apollon, der Jury-Entscheidungen ohnehin nur dann akzeptierte, wenn sie zu seinen Gunsten ausfielen, die Sache für entschieden und sich selbst zum Sieger erklärte.

Statt dass nun Pan oder Midas oder beiden die Haut abgezogen wurde, verlängerte Apoll eigenhändig die Ohren des Midas auf Esels-Maß, was wohl ironisch gemeint war und witzig sein sollte. Und weil die Willkür notorisch so tut, als gründe sie in Weisheit und Vernunft und sei alles andere als willkürlich, gab man dem Düpierten folgenden Merksatz mit auf den Weg zurück in sein angebliches Hinterwäldlertum: Der Unverstand und Unvernunft will jetzt der Weisheit Nachbar sein, man urteilt in den Tag hinein, und die so tun, gehören all in deine Zunft. Sonst noch jemand ohne Fahrkarte?

Attis und Kybele oder: Erste und letzte Zuckungen

Was Sigmund Freud den Mädchen im Vorschulalter unterstellte, nämlich das bange Leiden unter der furchtbaren Vermutung, sie seien womöglich kastriert worden, war für Kybele schmerzliche Gewissheit: Die Götter hatten sie entmannt, ihr also die Männlichkeit im physiologischen Sinn abgeschnitten – möglicherweise mit derselben Sichel, mit der schon Kronos seinen Vater Uranos kastriert hatte. Wobei man irritierender- aber korrekterweise sagen muss: Eigentlich war es der Hermaphrodit Agdistis gewesen, der von den Olympiern entmannt worden war und hernach als disambiguiertes Wesen unter dem Namen Kybele postphallisch fortexistierte. Da es Agdistis nach der klärenden Operation wahrscheinlich im Wesentlichen nicht mehr gab, konnte allenfalls Kybele von sich sagen, dass sie ihres Gliedes beraubt worden sei, obwohl Kybele als Kybele nie eines besessen hatte. Hier tut sich ein logisch-aporetischer Ur- und Abgrund auf, in den wir lieber nicht blicken wollen, da in mythischen Zeiten das philosophische Organon zur Be- und Verarbeitung der damit einhergehenden gedanklichen Produktion noch nicht zur Verfügung stand.

Agdistis war übrigens durch einen im eigentlichen Wortsinn feuchten Traum des Zeus entstanden. Denn als es Zeus von dem erotisch unwiderstehlichen Zwitterwesen Agdistis träumte, ging ihm (mindestens) einer ab, um es einmal, und warum auch nicht, volkstümlich zu formulieren. So wurde aus dem geträumten utopischen Agdistis unversehens der im damaligen Hier und Jetzt eine Zeitlang real existierende. Bis er sich postoperativ und posthum in Kybele und einen herrenlosen Penis aufgliederte. Letzerer fiel auf fruchtbaren Boden und wurde zum Mandelbaum, der dann die in seinem Schatten ruhende Nana mit einer Mandel befiel und somit schwängerte, wonach dann Attis, welcher alsbald zum schönen Jüngling heranwuchs, geboren wurde – noch einen Moment Geduld bitte, dann schließt sich hoffentlich der Kreis.

Als nämlich Kybele auf der Suche nach dem ungeteilten Selbst eines Tages ihrem verlorenen Gemächt in Gestalt des Attis wiederbegegnete, wähnte sie spontan, dass durch eine Vereinigung mit Attis alles wieder gut werden würde. Attis aber, dem es an nichts mangelte, sträubte sich und wollte seine Familie nicht im Stich lassen, wobei ihm die Beziehung zu seinem Schwiegervater Midas noch wichtiger zu sein schien, als die zu seiner Ehefrau Ia. Kybele trieb daraufhin in ihrem Neid und in ihrer Eifersucht beide, Attis und Midas, in den Wahnsinn und entweder kastrierten die sich dann gegenseitig oder Attis entmannte sich eigenhändig selbst – was so oder so dazu führte, dass er starb, wodurch Agdistis alias Kybele abermals das Nachsehen hatte.

Zeus wollte Kybele und Attis anscheinend keine zweite Chance geben, denn er weigerte sich, Attis vollständig zu reanimieren. Fast könnte man meinen, er wollte die schon wieder um den Penis gebrachte Kybele verhöhnen, als Zeus entschied, Attis in einem auf Dauer gestellten Wachkoma gelegentlich mit dem kleinen Finger zucken zu lassen – mal mit dem der rechten, mal mit dem der linken Hand.

Hypermestra oder: Kleinfamilie statt genealogischer Hypertrophie

Vorbemerkung: Zu den populären mythische Personen-Konstellation gehören die verfeindeten Zwillingsbrüder. Atreus und Thyestes waren so ein prekäres Pärchen, aber auch Danaos und Aigyptos, bei denen das Antipodische darin gipfelte, dass der eine, Danaos, es irgendwann auf fünfzig Töchter und der andere, Aigyptos, auf fünfzig Söhne gebracht hatte. Um eine nachhaltige Versöhnung beziehungsweise Vertöchterung herbeizuführen, schlug Aigyptos vor, die beiden Großfamilien miteinander zu verheiraten, ein genealogisches Zukunftsprojekt mit gigantomanischen Zügen, auf das sich Danaos nach längerem Sträuben doch noch, aber, wie sich herausstellte, nur zum Schein einließ.

Sieben auf einen Streich – der märchenhafte Gruppen-Totschlag des sogenannt tapferen Schneiderleins ist nichts gegen den von Danaos befohlenen Massenmord an den Söhnen seines ihm verhassten Zwillingsbruders Aigyptos, dem König von, ja genau: Ägypten. Sieben mal Sieben in einer Nacht! Und runde Fünfzig wären es gewesen, wenn sich Hypermestra wie ihre neununddvierzig Schwestern an die Weisung ihres Vaters gehalten und ihrem Ehemann Lynkeus in der Hochzeitsnacht vor, während oder nach dem Liebestod den Garaus gemacht hätte – im Falle des während ein Koitus interruptus der besonderen Art.

„Dreimal erhob meine Hand das spitze Schwert, dreimal fiel sie zurück, nachdem sie das Schwert in schlimmer Absicht erhoben hatte“, schrieb Hypermestra in einem von Publius Ovidius Naso erst viele Jahrhunderte später veröffentlichten Brief an ihren gerade noch dem Tode entronnenen Ehemann. Aus dem etwas verworrenen Schreiben geht nicht eindeutig hervor, ob sie Danaos, ihrem Vater und König von Argos, den Gehorsam aus Liebe zu Lynkeus verweigerte, oder weil sie der Meinung war, „aptior est digitis lana colusque meis“, also dass Wolle und Rocken als Waffen des Friedens für ihre Finger angemessener seien als eine Kriegswaffe.

Hypermestras wie auch immer motivierte Kriegsdienstverweigerung führte jedenfalls dazu, dass Lynkeus die Hochzeitsnacht der langen Messer anders als seine neundundvierzig Brüder und Halbbrüder unbeschadet überstand, während Hypermestra wegen ihrer Treue zum falschen Mann zunächst in Ketten gelegt und vor Gericht gestellt wurde. Sehr wahrscheinlich war es die Fürsprache Aphrodites, die zu ihrem Freispruch führte. Da man zwischen Korruption und Götterverehrung schon und gerade in mythischen Zeiten nicht klar unterscheiden konnte noch wollte, ließ Hypermestra im Gegenzug zu Ehren der Liebes-Göttin von einem damals namhaften Bildhauer eine Statue anfertigen und im Tempel des Apollon aufstellen. Anschließend dauerte es dann auch nur noch ein paar Jahre, bis Danaos seinen Schwiegersohn Lynkeus als solchen anerkannte und ihn zu seinem offiziellen Nachfolger auf dem Thron von Argos erklärte.

In einem Gedicht von Horaz wird Hypermestra wegen ihres Verrats am Vater als splendide mendax, als bewundernswert heuchlerisch gepriesen, doch ist das ein Ehrentitel, auf den in diesem wie in anderen Mythen-Thrillern beinahe jeder Akteur und jede Aktrice Anspruch erheben könnte.

Am Wadi Inachos: Ios mythographische Spuren im Sand

Now you say you’re lonely, you cried a long night through. Well, you can cry me a river, cry me a river: I cried a river over you – schrieb der amerikanische Songwriter Arthur Hamilton, der eigentlich Stern hieß, 1953. Ein Song, der dann von Julie London zwei Jahre später populär gemacht wurde. Die Sängerin und Schauspielerin hatte ihre Karriere als Fahrstuhlführerin, also quasi als Tellerwäscher begonnen.

Der erste, der einen Fluss zusammengeheult hat, war aber nicht der reuig gewordene Ex-Lover des lyrischen Ichs von Hamilton und London, sondern Inachos, der König von Argos, nachdem er von Zeus aus Mitleid in ein trockenes Flussbett verwandelt worden war. Mitleid oder eine göttliche Geste der Menschlichkeit war die absonderliche Metamorphose deshalb, weil Inachos zuvor unter schweren Anfällen von Angina Pectoris gelitten hatte, angeblich ausgelöst durch einen um sein Herz gewundenen Strick. Den hatte sich Inachos letztlich selbst gedreht, indem er Gott und die Welt und schon im voraus Teile seiner Nachkommenschaft zu verfluchen nicht müde geworden war. Dass die Rachegöttin Tisiphone es gewesen sei, die aus zusammengetragenen Partikeln des von Inachos verfluchten Kosmos‘ ein Seil verfertigt und selbiges dem von Hass Erfüllten ums Herz gelegt habe, ist eine Theorie, die mit dem Fortschritt der medizinischen Aufklärung eigentlich obsolet geworden ist, die aber von ewig Mythologischen bis heute vertreten wird.

Seine Umwandlung in ein Flussbett ohne Fluss war aber nicht der Grund dafür, dass Inachos weinte und, indem er weinte und weinte, in einem Akt autopoietischer Selbstverwirklichung zum fließenden Gewässer mutierte. Nein, seine Tochter Io in Gestalt einer weißen Kuh war es, die ihn zu Tränen rührte. Zur Kuh war sie wegen und durch Zeus geworden. Wenn Zeus jemanden, häufig sich selbst, verwandelte, dann war das nicht selten erotisch motiviert. In Ios Fall wollte er verhindern, dass seine Gemahlin Hera auf die Idee kam, er wolle etwas mit ihr, also mit Io, anfangen. Als ob er noch nie Bock auf eine Kuh gehabt hätte, aber daran wollte Zeus in diesem Moment auch und gerade durch sich selbst nicht erinnert werden. Hera, die im Verdrängen von peinlichen Erinnerungen nicht so routiniert war wie ihr Gemahl, schickte sicherheitshalber eine Bremse los, damit sie die weiße Kuh, die angeblich nicht Io war, fortan vor sich her treibe.

So kamen Io und die Bremse eines Tages auch an ein trockenes Flussbett, das ihrem Vater Inachos zum Verwechseln ähnlich sah. Da sie nicht sprechen und das Flussbett wahrscheinlich nicht hören und antworten, aber möglicherweise lesen konnte, schrieb sie mit ihrer linken Rinder-Klaue, Io war Linkshuferin, die ganze tragische Geschichte von ihrer Zwangsverpflichtung zur Tempel-Priesterin der Hera, ihrer sexuellen Belästigung durch einen Traum, in dem Zeus sie möglicherweise sexuell belästigen wollte, ihrer erzwungenen Um-die-Welt-Flucht nach der Verwandlung in eine Kuh, mithin all das, worüber ihr Vater so allumfassend in Rage geraten war, in den Sand am Rand und also in Sichtweite des Flussbetts. Um ihrem Vater Inachos ein Lebenszeichen zu hinterlassen, hätte ein schlichtes Io was here ja genügt. Aber sie wollte sich das alles einmal von der Seele schreiben und auch ihrer Bremse kam, nach kurzer Rücksprache, eine Verschnaufpause nicht ungelegen.

Nachdem Io den langen Brief zur Erklärung ihres damals überstürzten Abschieds mit einem liebe Grüße, Deine Io beendet hatte, weckte sie die Bremse aus ihrem Schlummer und ließ sich von ihr nach Ägypten treiben, um dort ihren Anspruch auf die noch unbesetzte Stelle der Göttin Isis anzumelden. Wegen des Mythographs im Sand, das mittlerweile von den Tränenfluten des durch seinen Inhalt gerührten Inachos fortgespült worden war, waren sie spät dran und mussten sich, in Ägypten angekommen, hinten anstellen. Direkt vor Io warteten Demeter und Aphrodite, vor diesen Pallas Athene, Artemis und, ausgerechnet, Hera. Die anderen Aspirantinnen waren Io namentlich nicht bekannt.

Wer die Stelle bekommen hat, ist mythologisch umstritten. Daraus, dass Isis häufig mit dem Kopf einer Kuh oder mit Kuhhörnern dargestellt wird, schließen einige, dass es wohl Io gewesen ist, welche die Jury am Ende überzeugen konnte. Zumal die Bewerbungen der oben genannten Göttinnen nur als uneigentliche Gesten zum Zeitvertreib, als eitle Launen ihrer olympischen Natur verstanden werden können. Sie wussten genau, dass Zeus sie niemals aus ihrem auf ewig und drei Tage geschlossenen Vertrag entlassen würde.

Nachbemerkung: Mythische Geschichten sind in der Regel inhaltlich komplex und psychologisch kompliziert. Sie möglichst einfach und der Reihe der Ereignisse nach zu erzählen, würde ihrer semantisch-symbolischen Tiefenstruktur auf der Ebene der äußeren Form durchaus nicht gerecht werden.

Die Geschichte von Amor und Psyche wie sie von Jupiter rekapituliert wurde, bevor er sie Apuleius in den Stilus diktiert hat

Dass Voluptas, deren Namen man je nach psycho-sozialer Befindlichkeit übersetzen wird oder wird übersetzen wollen mit Geilheit, Wollust oder Freuden beziehungsweise Wonnen der Liebe, dass also Voluptas eine Tochter des Liebes-Gottes und des schönsten aller schönen Seelchen ist, hätte man sich, wenn man es nicht immer schon gewusst oder geahnt hat, eigentlich denken können. Der bis dahin offenbar noch wollustlose und also irgendwie anders erregte und erigierte Amor zeugte Voluptas mit Psyche, spätestens nachdem Zeus alias Jupiter dieser einen Teller Ambrosia vorgesetzt und sie durch gutes Zureden dazu gebracht hatte, die für ihren noch allzu menschlichen Gaumen gewöhnungsbedürftige Götter-Suppe restlos auszulöffeln. Ohne Ambrosia gibt’s keinen Amor und ohne diesen kein Happyend, hatte Zeus lakonisch festgestellt. Nur durch die Einnahme des olympischen Antidots gegen den Tod erlangte Psyche jene göttliche Unsterblichkeit, die sich Amors Mutter Venus Aphrodite als Voraussetzung für ihre Zustimmung zur Verbindung ihres Sohnes mit einer rein von Menschen Geborenen angeblich ausbedungen hatte. Dass es sich in Wahrheit ein wenig anders verhielt, macht im Endeffekt keinen Unterschied. Aber eins nach dem anderen.

Am Anfang war der Neid, spottete Jupiter, daher als erstes ein Löffelchen für deine zukünftige Schwiegermutter Venus, die vor unserer Integration in den römischen Kult- und Kulturraum Aphrodite hieß, und die mit ihrer rasenden Eifersucht auf deine Schönheit die Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Als nächstes ein Löffelchen für Zephyr, der dich, als du nach einem Beschluss des delphischen Orakels angeblich einem Ungeheuer vermählt werden solltest, wie ein milder Westwind sanft vom Warte-Felsen geholt und in Amors Palast geweht hat. Auch je ein Löffelchen für deine beiden törichten Schwestern, ohne deren infektiöse Neugier du noch immer Nacht für Nacht mit Amor amore machen würdest ohne jemals zu erfahren, wer da alle vierundzwanzig Stunden zu sich selbst zu Besuch kommt, um noch vor Morgengrauen wieder zu entschwinden. Zum Glück war das die Nachtigall und nicht die Lerche, murmelte er einmal, bevor er sich aufrappelte und die Tür hinter sich ins Palast-Schloss zog. Aber schon in der nächsten Nacht hast du dem Drängen deiner Schwestern nachgegeben und im Licht einer Öllampe die Gesichtszüge des Schlafenden studiert, wobei ein Tropfen heißen Öls auf seine schöne Schulter gefallen war. Wortlos hatte Amor seine Sandalen angezogen und war für immer gegangen. Es heißt, du habest danach deine Schwestern umgebracht, was ich mir bei dir aber wirklich nicht vorstellen mag, weshalb ich den Gerüchten nie Glauben geschenkt habe.

Das viele Reden hatte Jupiter durstig gemacht. Er ließ sich eine Schale Nektar bringen und fuhr, an Psyche gewandt, fort: Nun aber unbedingt noch ein Löffelchen für die Ameisen, die dir geholfen haben, die schlechten Körner auszulesen, für das Schilf, mit dessen Hilfe du den menschenfressenden Schafen entkommen bist und für den Adler, der dir das Wasser vom Styx gebracht hat. Lauter vermeintlich unlösbare Aufgaben, die dir von der tobenden Venus gestellt worden waren, derweil sie ihren Sohn Amor mit Hausarrest bestraft hatte. Wie konntest du aber auch auf die Idee kommen, bei deiner Suche nach Amor ausgerechnet sie nach seinem Aufenthaltsort zu fragen!

Das vorletzte Löffelchen, sagte Jupiter dann, ist für Proserpina, die Göttin der Unterwelt, die dir bei der Erledigung des vierten und schwersten Auftrags mitleidig entgegengekommen ist. Die an ihrer Schönheit immer verzweifelter zweifelnde Venus hatte von dir verlangt, ihr mindestens sieben Kyathoi von der Schönheit der Proserpina zu bringen. Mit der Bemerkung, dass vier Kyathoi mehr als genug sein dürften, hatte dir Proserpina einen verschließbaren Taschen-Krater in die Hand gedrückt. Wenn du geahnt hättest, dass sich in dem Tongefäß nicht Schönheit, sondern eine große Müdigkeit befand, hättest du auf dem Rückweg der Versuchung, den Krater zu öffnen, vielleicht widerstanden. Du hattest Glück, dass Amor nach Missachtung des ihm auferlegten Hausarrests dich fand und wachküsste, noch bevor die Heckenrosen, in die du gesunken warst, über dir zusammenwachsen konnten. Er hat mich dann gebeten, ein Machtwort zu sprechen und seiner Mutter ein Angebot zu machen, das sie nicht würde ablehnen können. Also schlug ich Venus, von der ja einige sagen, dass sie meine Tochter sei, vor, dich durch das Verabreichen von Ambrosia unsterblich zu machen, damit sie an ihrer Schwiegertochter wenigstens in puncto Unsterblichkeit nichts auszusetzen hätte. Erst genauso schön wie ich und jetzt auch noch unsterblich, zeterte Venus, sah dann aber ein, dass jeder weitere Widerstand zwecklos gewesen wäre.

So, sagte Jupiter, indem er die noch im Teller befindlichen Ambrosia-Reste zusammenkratzte. Und dieses letzte Löffelchen ist für einen, den du noch nicht kennst, aber, da du jetzt unsterblich geworden bist, zu gegebener Zeit kennenlernen wirst. Er wird Apuleius heißen und ein römischer Dichter sein. Ihm werde ich die Geschichte von Amor und Psyche in den Stilus diktieren, während es ihm so vorkommen wird, als würde sie ihm eben gerade einfallen. Dann wird es auch seine Erzählung sein und nicht mehr nur die unsere. Denn nur die Geschichten gehören einem wirklich, die man selbst nacherzählt hat.

Das Ende des irdischen Herakles – ein nicht beabsichtigter Selbstmord

Auf dem mehr als zweitausend Meter hohen Gipfel des Oita, welcher zu einem südöstlichen Ausläufer des Pindos-Gebirges gehört, wehte ein kalter Wind. Unter unsäglichen Schmerzen hatte Herakles alles, was er in der näheren und weiteren Umgebung an brennbarem Material finden konnte, zu einer Art Scheiterhaufen zusammengetragen. Sein Jugendfreund Philoktetes, den die Götter gesandt haben mussten, hatte ihm dabei geholfen. Einige Fetzen des Hemdes, das seine mehr oder weniger ahnungslose Ehefrau Deianeira für ihn genäht und mit dem Blut des Kentauren Nessos beträufelt hatte, klebten noch an Herakles‘ Haut. Lieber wollte er sterben, als diese durch nichts zu lindernden Schmerzen länger ertragen zu müssen. Eine innere Stimme sagte ihm, dass das Brennen am nachhaltigsten homöopathisch, also durch einen anderen Brand zum Verschwinden gebracht werden konnte.

Tue mir bitte einen letzten Gefallen und setze diesen Stapel aus trockenen Ästen und Dornengestrüpp mit einer Fackel in Brand, sobald ich mich der Länge nach auf ihm ausgestreckt habe, sagte Herakles zu Philoktet, nachdem er seinem finalen Lager noch ein paar Kiefernzapfen hinzugefügt hatte. Ich vermache dir dafür meine Keule nebst meinem Bogen mit dem Köcher und den äußerst wirkungsvollen Giftpfeilen darin. Mit einem von ihnen habe ich den Kentauren Nassos oder Nessos oder wie er hieß an seinem linken Pferdefuß erwischt, als er versuchte, meine zukünftige Frau Deianeira zu entführen. Der Sterbende muss ihr dann wohl wahrheitsgemäß weisgemacht haben, ein paar bei Bedarf auf meine Kleidung geträufelte Tropfen seines Blutes würden mir den Appetit auf andere Frauen für immer verderben. Als ich neulich in einem Anfall von Torschlusspanik dieser kleinen Idole oder Iole oder wie sie hieß den Hof machte, hielt Deianeira es offenbar für angezeigt, ihre Geheimwaffe zum Einsatz zu bringen. So wurde sie zum Medium meiner Selbsttötung, da es ja mein eigenes Pfeilgift ist, welches mir nun das Weiterleben unerträglich macht. Auf dem Umweg über Nessos und Deianeira habe ich mich quasi selbst erschossen. Es wäre zum Lachen, wenn es zum Lachen wäre.

Nachdem Philoktet dieser relativ langen und verhältnismäßig tief- und scharfsinnigen Rede seines alten Freundes verwundert gelauscht und endlich den Scheiterhaufen entzündet hatte, mischte sich das Brennen der Flammen mit dem des vergifteten Nessos-Hemdes wie das Wasser eines Rinnsals sich mit den Fluten eines reißenden Stromes mischt. Und als die Sonne hinter den Gipfeln des Pindos-Gebirges verschwand, teilte oder verdoppelte sich Herakles in einen ewig olympischen und einen unendlich astralen Herak- oder Herkules. Der eine wurde zum unsterblichen Halbgott unter Göttern, der andere atypischerweise zu einem eher unauffälligen Sternbild unter Sternbildern.

Haupt-Sache Schädel oder High Noon an der Straße zwischen Tempe und Thermopylai

Wie ein Aquarium mit aqua, also mit Wasser gefüllt ist, so ein Ossuarium mit dem Plural von os, also cum oribus, das heißt: mit Knochen. Beinhäuser, in denen die aus Platzgründen exhumierten Knochen der Verstorbenen ihre zweite und gewiss nicht letzte Letzte Ruhestätte fanden, gab und gibt es wahrscheinlich nicht nur in ganz Europa.

Das Gebeinhaus, das Herakles schon von weitem in der Mittagssonne leuchten sah, war aber von ganz anderer und durchaus eigenartiger Natur. Diese Schädel- und Knochen-Kathedrale an der Landstraße von Tempe nach Thermopylai hatte es in sich. Was sie in sich hatte und woraus sie bestand, war das, was von den Reisenden übrig geblieben war, nachdem ein wilder Mann namens Kyknos sie überfallen, ermordet und ausgeraubt hatte. Dabei waren es vor allem die Schädel, auf die Kyknos es abgesehen hatte. Das Beutegut im herkömmlichen Sinn nahm der Kopfjäger nur deshalb an sich, weil sonst niemand da war, der das hätte tun wollen. Die Wertgegenstände eines erschlagenen Wanderers zu missachten und zusammen mit allen anderen für den Bau des Schädel-Monuments irrelevanten Teilen desselben, also des Wanderers, auf den Müll zu werfen, wäre Kyknos irgendwie frevelhaft und undankbar vorgekommen.

Indem Herakles sich dem Turmbau näherte, versuchte er, die von der Sonne gebleichten Gehirn-Zellen zu zählen, doch ließ er von dem für ihn schwierigen Unterfangen beinahe erleichtert ab, als er feststellte, dass die Zahl der bizarren Bausteine um ein Vielfaches höher war, als die höchste Zahl, die ihm sein Lehrer zuletzt noch hatte einbläuen können, bevor Herakles ihn erschlagen hatte. Der Sohn von Zeus und Alkmene war kein einfacher Schüler gewesen.

Nun also kam Herakles dieser Kyknos in die Quere, der von seiner Schädel-Stätte behauptete, es handele sich um ein Bauwerk zum höheren Ruhme des Gottes Ares, welcher ein großer und schrecklicher Kriegsgott sei und von ihm Vater genannt werde. Um den Tempelbau zu vollenden, benötige er nur noch einen letzten Schädel und da komme ihm der des Herakles gerade zupass.

Als der Kampf begann, stand die Sonne im Zenit, warf aber schon lange Schatten, als er endlich entschieden war und nicht Herakles‘, sondern Kyknos‘ Kopf den höchsten Punkt des mythischen Ossuariums an der jetzt ein wenig gefahrloser zu befahrenden Fernstraße zwischen Thermopylai und Tempe bildete – wahrscheinlich halb zu Ehren und halb zur Besänftigung einer Furcht und Schrecken verbreitenden Gottheit, dachten nicht wenige Reisende, während andere meinten, es handele sich womöglich um ein Kunstwerk. Land-Art oder Skulpturen-Weg hätten sie vielleicht gesagt, wenn sie davon schon eine Ahnung gehabt hätten.

Schuld und Sühne als biographisches Muster bei Herakles

Schuld und Sühne, man könnte auch sagen Verbrechen und Strafe, sind die ethisch-kriminologischen Horizonte, zwischen denen sich Herakles‘ Biographie ein gutes Stück weit mäandernd hin und her bewegt. Nachdem er in paranoider Verkennung der Realität seine Frau Megara und die mit ihr gezeugten Kinder erschlagen hatte, sühnte Herakles auf dringende Empfehlung des delphischen Orakels die Tat, indem er zwölf Jahre lang im Dienste des Eurystheus in zehn plus zwei Fällen scheinbar Unmögliches möglich machte. Seinem biographischen Muster folgend, lud Herakles nach Ablauf der Duodekade jedoch erneut Schuld auf sich, als er spontan einen gewissen Iphtios oder Eurytos oder auch beide ans Ufer des Styx sandte, wo Charon immer schon wartete.

Die ungute Rolle, die Hera bei all diesen Bluttaten spielte, wurde als mildernder Umstand erneut in Rechnung gestellt, führte aber auch dieses Mal weder zu einem moralischen noch zu einem delphisch-juridischen Freispruch. Weitere drei Jahre der Unterordnung unter einen fremden Willen waren die Konsequenz, die Herakles zu tragen hatte.

Dass ihm die sechsunddreißig Monate unter der lydischen Königin Omphale in gleicher Weise sauer wurden wie die zwölf Jahre bei Eurystheus, darf allerdings bezweifelt werden. Denn im mythologischen Klatsch und Tratsch wollen die Gerüchte nicht verstummen, wonach Omphale an Herakles im hormonell gesteuerten Rhythmus Forderungen stellte, denen ihr Sklave ohne eine psychophysisch positive Einstellung zum Inhalt des dominalen Begehrens gar nicht hätte nachkommen können.

Manege frei für die Psychopompoi

„Farewell the neighing steed, and the shrill trump, / The spirit-stirring drum, th‘ ear-piercing fife; / The royal banner, and all quality, / Pride, pomp, and circumstance of glorious war!“ Mit diesen Worten verabschiedet sich Othello in der dritten Szene des dritten Aktes des nach ihm benannten Shakespeare-Dramas nicht nur von seinem fassungslos aufwiehernden Ross, sondern er verzichtet zugleich auf alles, was sein ruhmreiches Kriegshandwerk an Stolz, Pomp und sonstigem Drumherum bisher für ihn bereitgehalten hat. Wenn Desdemona ihn betrogen hat, wie der ausgekochte Jago dem Feldherrn weismachen konnte, verliert alles seinen Wert, was Othellos Dasein bis jetzt Sinn und Glanz verliehen hat – last not least eben auch der militärische Pomp und dessen Begleitumstände.

Pompös im abschätzigen Sinn ist der Pomp nur für den, der festlichen Auf- und Geleitzügen, noch dazu im militärischen Rahmen, beispielsweise dem eines sogenannten Großen Zapfenstreich, nichts Erhebendes abgewinnen kann. Sieht man von den negativen Bedeutungsanteilen des Wortes ab, bedeutet Pomp soviel wie Sendung, Geleit, feierlicher Aufzug. Ein Psychopompos ist daher kein Gemütsprotz, sondern ein Seelenführer oder feierlicher, um nicht zu sagen pompöser: ein Seelengeleiter.

Hermes war beispielsweise einer. Als Psychopompos bestand seine Aufgabe darin, die Seelen der Verstorbenen ins Totenreich zu führen. Da er auch der Schutzgott der Reisenden war, entsprach dieser Spezial-Service seinen hermetisch-natürlichen Neigungen und Fähigkeiten. Werfen wir im folgenden aber ausnahmsweise einen kurzen Blick auf Hermes‘ Kolleginnen und Kollegen in den anderen Mythen-Kreisen.

Bevor Anubis im Neuen Reich des Alten Ägypten zum hauptamtlichen Totengeleiter ernannt wurde, waren es die Caniden, insbesondere die Schakale, die als kreatürliche Seelenführer ins Land der Toten, welches übrigens im Westen lag, fungierten. Davon übrig blieb Anubis‘ äußere Gestalt, denn man muss sich den ägyptischen Gott als Hund oder Schakal oder als eine Art Mensch mit Caniden-Kopf vorstellen.

Im mittleren und höheren Norden übernahmen oder übernehmen es die Walküren, die Schlacht- und Schild-Jungfern, die auf dem Schlachtfeld ehrenvoll Gefallenen, man nennt sie die Einherjer, nach Walhall zu bringen. Dort dürfen die Toten dann bis in alle Ewigkeit und jeweils bis zum erneuten Umfallen tagsüber weiterkämpfen und abends Met trinken. Die geschlechtlich-erotischen Beziehungen zwischen Einherjern und Walküren beschränken sich auf einen sachlich motivierten Kuss zum Zweck der rechtzeitigen Wiederbelebung vor dem allabendlichen Zechgelage. Mehr wäre der Erhaltung der Kampfkraft hier und der Jungfräulichkeit dort nicht zuträglich.

In der christlichen Mythologie wird anscheinend derjenige zum Seelen- oder Totenführer, der gerade zur Verfügung steht. In der Apokalypse des Moses etwa, die nicht Teil des biblischen Kanons ist, erhält der Erzengel Michael von Gott den Auftrag, Adam in den dritten Himmel zu bringen und ihn dort mit einem bequemen Hausanzug und Toilettenartikeln zu versehen. Eine eher umstrittene Geleit-Figur ist dagegen diejenige des Christophorus, des Christus-Trägers. Wie eine Mischung aus Hermes und dem ägyptischen Anubis kommt er einem vor, wenn man erfährt, dass er nicht nur als Schutzheiliger der Reisenden gilt, sondern im Bereich der Ostkirche als Kynokephalos, als Hundsköpfiger, dargestellt wurde. Dass er anbetungswürdig sei, wurde wiederholt negiert oder zumindest infrage gestellt. Wer die Seelen zwar nicht ans Himmelstor geleitet, dort aber empfängt und nach ihrem Begehr fragt, ist bekanntlich der mit dem Schlüssel aller Schlüssel ausgestattete Simon Petrus. Zwar ist ein Türsteher kein Fremdenführer, aber wer, nachdem er Zutritt zum Paradies erhalten hat, von Petrus wissen möchte, wo es denn nun zum Baum der Erkenntnis und zum Schlangen-Terrarium gehe, dem wird der um Auskunft Gebetene diese sicher nicht verweigern.

Im Fall jenes tödlich getroffenen Sheriffs in Bob Dylans Song „Knocking on Heaven’s Door“ scheint es dessen eigene Frau gewesen zu sein, die den Dahinscheidenden bis an die Himmelstür begleitet hat. An sie wendet er sich mit der letzten Bitte, ihn von seiner Dienstmarke und seiner Waffe zu befreien. Die säkular-menschlichen Seelengeleiter und -geleiterinnen sind am Ende womöglich die, auf die man sich bei aller Unzulänglichkeit noch am zuverlässigsten verlassen kann.

Wer bitte ist Alkeides oder: Wie einer durch Hera vom Paulus zum Saulus wurde

Alkeides, hol jetzt bitte die Kuh vom Dach und danach pflanzt du die Olivenbäume wieder ein, die du beim Nachbarn gestern ausgerissen hast. Und du weißt selbst, wie lächerlich es ist zu behaupten, das seist nicht du, sondern dein Bruder Iphikles gewesen. Die so zu ihrem achtjährigen Sohn sprach, war Alkmene, deren Name soviel wie „die Starke“ bedeutete. Womit nach Lage der Dinge nur ihre stoische Ruhe, in der ja bekanntlich jede Menge Kraft liegt, gemeint sein konnte, mit welcher sie die angeborene physische Anomalie ihres Sohnes Alkeides seit seiner Geburt hinnahm, da an dieser nun einmal nichts zu ändern war.

Wenn sich der kindliche Kraftprotz bei Alkmene zuhause aufhielt, was allerdings nur selten vorkam, machte sie sich seine Sonderbegabung zunutze, indem sie ihn zum Beispiel bat, die schweren, aus böotischer Eiche gefertigten Wäsche- und Waffenschränke anzuheben, damit sie darunter saubermachen konnte. Oder Alkeides half seiner Mutter beim Ausmisten der Ställe, ohne zu ahnen, dass er bei dieser agrikulturellen Übung etwas für sein späteres Leben lernte.

Dass Alkeides ein Sohn des Zeus war, wussten außer Zeus und der zwar chronisch, doch niemals grundlos eifersüchtigen Hera nur seine Mutter Alkmene und ihr Ehemann Amphitryon, als dessen Sohn Alkeides offiziell galt. Der genealogischen Camouflage diente es auch, dass man den neugeborenen Halbgott nach Amphitryons Vater Alkaios Alkeides oder Alcides und nicht nach Zeus‘ Vater Kronos Krontiados oder Kronides nannte. Erst Jahre später, als sich längst herumgesprochen hatte, wer Alkeides in Wahrheit war, taufte ihn Pythia, die Priesterin des delphischen Orakels, auf seinen eigentlichen, mythologisch korrekten Namen, dessen Sinn umschrieben werden kann mit „der durch seine Verfolgung durch Hera Ruhm erlangt“, also auf den Namen Herakles. Der Umbenennung waren dramatische und folgenreiche Ereignisse vorausgegangen, die eine nominelle Aufrechterhaltung des Scheins bürgerlicher Normalität und Harmlosigkeit nach Pythias Dafürhalten nicht mehr zuließen. Wo ein berechtigtes Interesse am Schutz persönlicher Daten in Zynismus umschlägt, wird es Zeit, dass man die Dinge, sprich: den Heroen beim Namen nennt, soll sie gegenüber Apollon geäußert haben. Was war geschehen?

Nachdem Herakles alias Alkeides im Zuge seiner ontogenetischen Virilisierung in fünfzig aufeinanderfolgenden Nächten fünfzig Jungfrauen, allesamt Töchter von Thespios und Megamede, nicht nur defloriert, sondern bei dieser Gelegenheit auch noch geschwängert hatte, glaubte er, sich das Horn soweit abgestoßen zu haben, dass er desillusioniert genug sein würde, um eine halbwegs normale Ehe führen zu können. Da kam es ihm gerade recht, dass Kreon, König von Theben, ihn aus Dankbarkeit für die rabiate Schlichtung eines alten Streits – eine Schlächterei, die Kreon unterm Strich um ein paar Tausend Rinder reicher machte – seine Tochter Megara zur Gattin gab. Und weil doppelt genäht und geehelicht besser halten soll, heiratete Iphikles, Herakles‘ oben bereits kurz erwähnter Halb-Zwillingsbruder, im festlichen Rahmen einer Doppelhochzeit Kreons jüngste Tochter, deren mythologische Akte wohl verloren gegangen ist, da ihr Name nirgends Erwähnung findet.

Alkeides alias Herakles zeugte mit Megara fürs erste die drei Söhne Therimachos, Kreontiades und Deikoon. Dann aber begab es sich, dass die nach wie vor grollend eifersüchtige Hera das Familienglück, das mit dem Seitensprung ihres Gatten Zeus seinen Ur-Anfang genommen hatte, nicht länger ertragen zu können glaubte. Bevor ich wahnsinnig werde, soll lieber dein Bastard es werden, sagte sie zu Zeus, woraufhin besagter Bastard im Wahn der Hera seine eigenen Kinder und die des Iphikles ins ewig lodernde Feuer der halb-olympischen Kochstelle warf.

Als sich der paranoide Kindsmörder wenig später an das delphische Orakel wandte, um zu erfahren, wie er den Schaden wiedergutmachen könne, bekam er von der Apollon-Priesterin Pythia die erstaunlich unmissverständliche Auskunft, Absolution könne ihm erst erteilt werden, wenn er fortan auf den Namen Herakles höre, und wenn er außerdem und vor allem nach Tiryns in der Nähe von Mykene gehe, um dort im Dienst des Eurystheus zwölf Jahre lang alles zu erledigen, was dieser von ihm verlange, und zwar unverzüglich und ohne Widerrede, selbst wenn er die Aufträge im ersten Moment für unausführbar halte. Für einen Sohn des Zeus sei nichts unmöglich, sagte Pythia, indem sie Herakles zum Abschied auf die starke Schulter klopfte und ihm mit einem Never say never again! den Weg nach Tiryns wies.