Apoll wollte Daphne und bekam einen Lorbeerkranz

Als Jerry alias Jack Lemmon alias Daphne am Ende von Billy Wilders Filmklassiker Some Like It Hot die Perrücke abnimmt und sich als Mann zu erkennen gibt, damit der in Liebe zur vermeintlichen Daphne entbrannte Millionär Osgood Fielding III. endlich von ihr, also von ihm ablassen möge, zeigt Osgood sich keineswegs desillusioniert und erotisch ernüchtert, sondern kommentiert die neue Lage nur relativ unbeeindruckt mit dem Satz: „Well, nobody’s perfect!“

Nicht viel anders reagiert Apollon, als Daphne, die Tochter eines Flussgotts, sich vor seinen Augen und unter seinen Händen in einen Lorbeerbaum verwandelt: „An den Stamm hält er die Rechte / und fühlt noch unter der neuen Rinde die zitternde Brust. / Die Zweige, wie Glieder, mit seinen Armen umschlingend / küsst er das Holz, doch das Holz weicht vor den Küssen zurück.“ So schildert Ovid den Moment, in dem der mit einer plötzlich anderen Daphne konfrontierte Gott keineswegs daran denkt, aus seinem jagdfiebrigen Liebes-Traum zu erwachen und unter der kalten Dusche einer veränderten Realität emotional und genital (oder umgekehrt) zu erschlaffen.

Apollons Wolllust würde wohl auch vor einer floralen Daphne nicht Halt gemacht haben, hätte diese sich ihm nicht auch noch als Holz Gewordene konsequent verweigert. An Daphnes entschiedenem Nein wie an Apolls nicht minder entschiedenem Ja waren die Pfeile des Eros schuld, wobei der goldene Pfeil den einen zum Jäger und der bleierne die andere zur Fliehenden und Gejagten machte. Eros ist nämlich nicht nur der Gott des Haben-Wollens, sondern auch der des Sich-nicht-hingeben-Mögens, also der anti-erotischen transitiven Frustration. Transitiv deshalb, weil nicht die vom bleiernen Pfeil der Verneinung Getroffenen die Frustrierten sind, sondern diejenigen, die das Pech haben, sich zu den Bleiernen hingezogen zu fühlen.

Warum überhaupt hat aber Eros das volatile Viagra in Apollon und den Liebes-Töter in Daphne geschossen? Weil Apoll ihn als schlechten Schützen verhöhnt hat, heißt es. Doch vielleicht wollte der ewige Unruhestifter, der zusammen mit Gaia (der Erde), Nyx (der Nacht) und Tartaros (der Unterwelt noch unter der Unterwelt) unmittelbar dem Chaos entstammte, aus einer nostalgischen Laune heraus für eine Renaissance des Chaotischen sorgen. Da das Chaos aber nicht geboren wurde, konnte es auch nicht wiedergeboren werden. Das Ergebnis des erotischen Experiments mit den kontra-versen Pfeilen war dann auch kein neues altes Chaos, sondern eine so noch nicht dagewesene, symbolträchtige und kulinarisch wertvolle Pflanze. Denn Lorbeerbäume gab es erst, nachdem Daphne sich in deren Prototyp verwandelt hatte.

Wir müssen uns den Verlierer vielleicht nicht als glücklichen Menschen, aber doch als eine andere Art von Sieger, den sexuell Frustrierten als einen sublim Erhöhten vorstellen. Sublimation ist Lorbeer statt Liebesakt. Apollon beschloss, das daphnische Blattwerk umzudeuten und von nun an bis in Ewigkeit einen Lorbeerkranz nicht zum Zeichen seiner Niederlage, sondern als Symbol für das Obsiegen der höheren Werte auf dem Haupt zu tragen. Dass er damit einem weit verbreiteten (offenbar rein männlichen) Bedürfnis Ausdruck verliehen hat, belegen die vielen Lorbeerkranz-Träger (Caesar, Dante, Napoleon, Goethe, die Fußball-Ultras, um nur einige zu nennen), die seinem Beispiel seither gefolgt sind.

Eris und kein Ende

Steh auf, Männchen, sagte Thetis zu Peleus, die ersten Götter werden gleich da sein. Und du weißt ja: keiner hat abgesagt. Tatsächlich kamen alle bis auf die eine, die nicht zur Hochzeit eingeladen worden war: Eris, die Göttin der Zwietracht, Tochter der Nacht Nyx. So sah es jedenfalls eine Zeitlang aus, bis sie dann doch noch aufkreuzte. Offenbar hatte jemand den Mund nicht halten können oder wollen.

Dass die Braut eine Nymphe war, auf die Zeus zu Gunsten von Nemesis, der leiblichen Mutter Helenas, verzichtet hatte, tut eigentlich nichts zur Sache. Erklärt aber, warum Thetis ihren Bräutigam zu dessen Leidwesen eingangs als Männchen angesprochen hat. Verglichen mit Zeus war er für sie ein Mann im Diminutiv, da konnte Peleus sein und haben wie und was er wollte.

Als Göttin der Zwietracht führte Eris stets mindestens einen Zankapfel mit sich. So auch an diesem Abend. Der Apfel war aus Gold und trug die Gravur Für die Schönste. Eris hatte auch welche aus Silber, aber die waren nicht so wirkungsvoll und liefen ständig an. Sie hatte es schon erleben müssen, dass die Leute, anstatt sich um einen ihrer silbernen Äpfel zu zanken, voller Eifer aber durchaus gesittet darüber diskutierten, wie man ihn am besten reinigen könne.

Bei Eris‘ Eintreffen war das Hochzeitsfest in vollem Gang und bei Nektar und Abrosia unterhielt man sich angeregt. Höchste Zeit, für ein wenig böses Blut zu sorgen, was für „die rastlos lechzende Eris“, wie es bei Homer heißt, „wandelnd von Schar zu Schar“ kein Problem war. Hera (der sie es, wie sie ahnte, zu verdanken hatte, dass sie nicht eingeladen worden war), Pallas Athene und Aphrodite – diese drei waren Eris schon immer gegen den Strich gegangen. Als sie das Trio als kleinstmögliche Schar beisammenstehen und ihr wegen ihrer hinkend-kümmerlichen Gestalt abschätzige Blicke zuwerfen sah, ließ sie wie aus Versehen den folgenreich beschrifteten (Für die Schönste) goldenen Apfel fallen. Er rollte vor die Füße der Grazien und blieb mit der Gravur nach oben liegen.

Schon damals galt, was die nicht an Eris glaubenden Eris-Gläubigen, die sogenannten Diskordier, kürzlich in einem ihrer Gebote so formuliert haben: „Jeder goldene Apfel ist das geliebte Heim eines goldenen Wurms.“ Doch sollte, da Zeus es so wollte, erst einige Zeit später der Trojaner Paris den Gold-Wurm stichigen Gold-Apfel in die seiner Meinung nach richtigen Hände legen. Das waren die der Aphrodite, aber nicht, weil Paris diese für die Schönste hielt, sondern weil ihr Bestechungsangebot für ihn das verlockendste war: Die schönste Frau der Welt gegen die Verleihung des Titels einer Miss Olymp.

Zank und Streit waren mit dem Urteil des Paris natürlich nicht beigelegt, sondern erreichten im nun kaum noch vermeidbaren Trojanischen Krieg (Helena, die schönste Frau der Welt, war nämlich schon mit Menelaos verheiratet) einen Höhepunkt nach dem anderen. Demgegenüber ist der astronomische Kategorien-Streit über die Frage, ob Pluto ein Planet „ist“ oder nicht, vergleichsweise harmlos. Der neulich neu entdeckte Himmelskörper, der die Kontroverse ausgelöst hat, erhielt völlig zu Recht den Namen Eris.

Damit Hemera werden konnte, musste Nyx gewesen sein

Wenn man uns nicht in einem gewissen Alter darüber aufgeklärt hätte, woher wir stammen, und wenn wir dann nicht aufgrund eigener Recherchen zu der Ansicht gelangt wären, dass an dieser Theorie etwas dran sein muss – wir hätten keine Ahnung, wann, wie und warum wir zur Welt gekommen sind. Da wir weder physisch noch psychisch außer in einem absoluten Sinn singulär sind, gilt ergänzend dazu: Die Ontogenese ist empirischer Forschung zugänglich, die Phylogenese nicht oder doch nur bedingt, denn die Gattung Mensch entsteht nicht täglich in gut einer Drittelmillion Exemplaren neu. Gleiches gilt für den Kosmos insgesamt – am Ende, also am Anfang, wird die Sache, wenn man ehrlich ist, undurchschaubar, um nicht zu sagen: chaotisch.

Chaos und nochmals Chaos. Und dann aus dem Chaos zunächst und vor allem anderen die primäre Dunkelheit Erebos und die postchaotisch-uranfängliche Nacht Nyx. So jedenfalls Hesiod. Das Chaos ist demnach so unsäglich chaotisch, dass man in ihm nicht einmal zwischen Hell und Dunkel unterscheiden kann – Chaos ist im Grunde ein Synonym für das, worüber man nichts sagen kann, außer dass es nicht nichts ist.

Damit es aber hell werden kann, muss es zuvor dunkel gewesen sein: „Komm mach mal Licht, damit man sehen kann, ob was da ist“, sang Bertolt Brecht 1928 auf eine Melodie von Kurt Weill und einige tanzten Foxtrott dazu. Erebos, die Dunkelheit, kommt vor Aether (oder Aither), dem Licht – die Nacht Nyx vor dem Tag Hemera. Der Tag und das Licht sind Kinder (übrigens die einzigen gemeinsamen außer vielleicht noch Charon) der Finsternis und der Nacht. Wo die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten, heißt es – das heißt: erst Erebos, dann Aether.

So sollte es sein und so war es wohl auch, jedenfalls nach Hesiod. Andere haben später anderes behauptet. Das können nur Nachkommen von Momos, dem ewigen Besserwisser gewesen sein. Auch er war ein Sohn der Nacht, ein vaterlos erschaffenes Kind der Nyx, eines von Dutzenden. Während Hemera und Aether, die Personifikationen von Tag und Licht, mytho-genealogisch folgenlos geblieben sind.

Wer, bei Zeus, ist Momos?

„Momos (griechisch Μῶμος Mṓmos) ist gemäß der Theogonie Hesiods einer der vielen Söhne der Nyx und die Personifikation des Tadels und der Schmähsucht, ein Meister scharfzüngiger Kritik, der auch vor den Göttern nicht haltmachte. Seine Entsprechung in der römischen Mythologie ist Querella.

Laut Äsop wählten, nachdem Zeus den Stier, Prometheus den Menschen und Athene das Haus geschaffen hatten, die drei für den Wettstreit ihrer Kunstfertigkeiten Momos als Schiedsrichter. Dieser hatte jedoch an allen Werken etwas auszusetzen: Warum der Stier nicht die Hörner unterhalb der Augen habe, damit er besser sehe, wohin er stößt, warum der Mensch nicht das Herz außen am Körper trage, damit man ihm seine eventuelle Schlechtigkeit ansehe, und warum das Haus nicht Räder habe, damit man sich im Falle eines missleidigen Nachbarn einfacher entfernen könne. Aufgrund von so viel Mäkelei wurde er schließlich von Zeus aus dem Olymp geworfen.

Selbst Aphrodite, an der er sonst nichts auszusetzen fand, schmähte er ob ihrer klappernden Schuhe.“

So steht es (stand es heute) bei Wikipedia, mehr über Momos hier.