Von Vätern, die ihre eigene Söhne erst am eigenen Schwert erkennen, und anderen Merkwürdigkeiten

Wenn du dein vermisstes oder verlegtes Schwert in der Hand eines Fremden wiedersiehst, dann geh davon aus, dass der, der die Waffe besitzt, dein eigener Sohn ist! An zwei Beispielen soll dieser mythologische Grund- und Haupt-Satz der Dreiecks-Beziehung zwischen Vater, Sohn und Kriegsgerät erläutert und illustriert werden.

Was beiden Fällen gemeinsam ist: Die Ahnentafeln der involvierten Söhne weist diese zunächst einmal als Nachkommen von Tantalos, als sogenannte Tantaliden aus. Besonders bemerkenswert an den Tantaliden war und ist, dass bei ihnen das durchaus nicht unübliche innerfamiliäre Morden nicht mehr normal zu nennen war. Das frevelhaft häufige und frevelhaft abscheuliche Freveln der Tantaliden begann damit, dass Tantalos seinen jüngsten Sohn Pelops den Göttern, als diese einmal (und nie wieder) bei ihm zum Essen eingeladen waren, als Spezialität des Hauses vorsetzte. Der Fauxpas endete halbwegs glimpflich, da die Götter, als sie an dem Braten rochen, bis auf die zerstreute Demeter allesamt gleich bemerkten, dass es sich nicht um Lamm, Ziege oder Rind, sondern um Mensch handelte. Ein grober Verstoß gegen die olympischen Konsumptionsregeln: Mensch nahm man als
Gott (oder Göttin) nicht oral zu sich, sondern Menschen wurden inhaliert, nachdem sie von einer Priesterin (oder einem Priester) am Altar geopfert, also zeremoniell geschlachtet, und anschließend verbrannt worden waren.

Als ob ein Fluch nicht genug gewesen wäre, war es der durch Hermes wiederhergestellte Pelops selbst, der seinen Nachfahren einen zweiten einbrockte, als er den Wagenlenker Myrtilos nicht nur um den verdienten Lohn für den Verrat an seinem Arbeitgeber Oinomaos, sondern auch ums Leben brachte. Im Sterben hat Myrtilos noch Gelegenheit gefunden, den Nachkommen des Pelops, den Pelopiden, alles erdenklich Schlechte zu wünschen.

Einer der Pelops-Nachkommen war Pelops Sohn Thyestes. Als Tantalide und Pelopide zugleich musste er, genau wie sein Zwillingsbruder Atreus, von Anfang an mit dem Schlimmsten rechnen. Und der Anfang war schon schlimm genug, aber es kam noch schlimmer. Um sich (aus Gründen, auf die hier nicht eingegangen werden kann) an seinem Bruder Atreus zu rächen, wusste Thyestes nichts Schicksalhafteres zu tun, als seine Tochter zu schwängern, damit der gemeinsame Sohn Aigisthos seinen Onkel Atreus eines Tages zur Strecke bringen würde. Das Kalkül ging auf und der zum Zweck des Onkel-Mords im Rahmen einer Notzucht gezeugte Pfeil traf Jahre später ins Schwarze.

Das Schwert, dessen Aigisthos sich bei der Bluttat bediente, war das Schwert seines Vaters Thyestes. An seinem (also an seinem) Schwert hatte Thyestes den Sohn zuvor erkannt und dessen mörderischen Zorn, der zunächst ungerechterweise ihm selbst gegolten hatte, auf seinen Zwillingsbruder Atreus gelenkt. Dass der Sohn in den Besitz der väterlichen oder auch großväterlichen Waffe gelangt war, hat etwas mit den Ereignissen bei der erwähnten Freveltat an Aigisthos‘ Mutter zu tun. Hier ist nur festzuhalten: Als Thyestes das Schwert erkannte, erkannte er an diesem seinen Sohn und Enkel und war sich sicher, dass nun Atreus‘ letztes Viertelstündchen geschlagen hatte.

Der zweite Fall von Erkennen des Sohns durch Wiedererkennen des eigenen Schwerts ereignete sich, genealogisch gesehen, nicht all zu weit entfernt von den oben mehr angedeuteten als geschilderten Ereignissen. Die unglückseligen Zwillinge Thyestes und Atreus hatten einen Bruder namens Pittheus. Der war Besitzer eines weltbekannten Weinguts und einer Tochter, die Aithra hieß. Diese verkuppelte er bei sich bietender Gelegenheit mit seinem Freund Aigeus, dem König von Attika, dem es bislang nicht vergönnt gewesen war, einen Nachfolger zu zeugen, weshalb an allen vier Beinen seines Thronsessels jeweils ein gutes Dutzend Neffen gleichzeitig zu sägen begonnen hatte. Als Aigeus nach der von Pittheus arrangierten Liebesnacht mit Aithra selbige wieder verließ, deponierte er sein Schwert und ein Paar Sandalen unter einem Felsen. Falls Aithra von ihm schwanger war (woran Aigeus keinen Zweifel hatte), solle ihr Sohn Theseus (dass Aithra eine Tochter gebären würde, schloss Aigeus kategorisch aus) damit zu ihm nach Athen kommen, sobald er stark genug war, um den Felsbrocken beiseite zu wälzen. Insbesondere an seinem Schwert würde er Theseus dann erkennen und zu seinem legitimen Nachfolger erklären. Theseus wuchs heran, wälzte den Stein zur Seite, zog die Sandalen an, ging mit dem Schwert in der Hand nach Athen, wurde von Aigeus am Schwert erkannte, besiegte dessen Feinde und fürs erste war damit alles gut.

Da er aber nicht nur ein Held, sondern auch ein Schussel war, vergaß Theseus Jahre später bei seiner Rückkehr von Kreta (wo er den Minotaurus besiegt hatte), die weißen anstelle der üblichen schwarzen Segel zu setzen, was Vater Aigeus zu der falschen Annahme verleitete, Theseus sei ums Leben gekommen, worauf er sich ins Meer stürzte, das von nun an das Aigeuische oder Ägäische Meer hieß. Wer weiß, wie die Ägäis sonst heißen würde.

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