Am Wadi Inachos: Ios mythographische Spuren im Sand

Now you say you’re lonely, you cried a long night through. Well, you can cry me a river, cry me a river: I cried a river over you – schrieb der amerikanische Songwriter Arthur Hamilton, der eigentlich Stern hieß, 1953. Ein Song, der dann von Julie London zwei Jahre später populär gemacht wurde. Die Sängerin und Schauspielerin hatte ihre Karriere als Fahrstuhlführerin, also quasi als Tellerwäscher begonnen.

Der erste, der einen Fluss zusammengeheult hat, war aber nicht der reuig gewordene Ex-Lover des lyrischen Ichs von Hamilton und London, sondern Inachos, der König von Argos, nachdem er von Zeus aus Mitleid in ein trockenes Flussbett verwandelt worden war. Mitleid oder eine göttliche Geste der Menschlichkeit war die absonderliche Metamorphose deshalb, weil Inachos zuvor unter schweren Anfällen von Angina Pectoris gelitten hatte, angeblich ausgelöst durch einen um sein Herz gewundenen Strick. Den hatte sich Inachos letztlich selbst gedreht, indem er Gott und die Welt und schon im voraus Teile seiner Nachkommenschaft zu verfluchen nicht müde geworden war. Dass die Rachegöttin Tisiphone es gewesen sei, die aus zusammengetragenen Partikeln des von Inachos verfluchten Kosmos‘ ein Seil verfertigt und selbiges dem von Hass Erfüllten ums Herz gelegt habe, ist eine Theorie, die mit dem Fortschritt der medizinischen Aufklärung eigentlich obsolet geworden ist, die aber von ewig Mythologischen bis heute vertreten wird.

Seine Umwandlung in ein Flussbett ohne Fluss war aber nicht der Grund dafür, dass Inachos weinte und, indem er weinte und weinte, in einem Akt autopoietischer Selbstverwirklichung zum fließenden Gewässer mutierte. Nein, seine Tochter Io in Gestalt einer weißen Kuh war es, die ihn zu Tränen rührte. Zur Kuh war sie wegen und durch Zeus geworden. Wenn Zeus jemanden, häufig sich selbst, verwandelte, dann war das nicht selten erotisch motiviert. In Ios Fall wollte er verhindern, dass seine Gemahlin Hera auf die Idee kam, er wolle etwas mit ihr, also mit Io, anfangen. Als ob er noch nie Bock auf eine Kuh gehabt hätte, aber daran wollte Zeus in diesem Moment auch und gerade durch sich selbst nicht erinnert werden. Hera, die im Verdrängen von peinlichen Erinnerungen nicht so routiniert war wie ihr Gemahl, schickte sicherheitshalber eine Bremse los, damit sie die weiße Kuh, die angeblich nicht Io war, fortan vor sich her treibe.

So kamen Io und die Bremse eines Tages auch an ein trockenes Flussbett, das ihrem Vater Inachos zum Verwechseln ähnlich sah. Da sie nicht sprechen und das Flussbett wahrscheinlich nicht hören und antworten, aber möglicherweise lesen konnte, schrieb sie mit ihrer linken Rinder-Klaue, Io war Linkshuferin, die ganze tragische Geschichte von ihrer Zwangsverpflichtung zur Tempel-Priesterin der Hera, ihrer sexuellen Belästigung durch einen Traum, in dem Zeus sie möglicherweise sexuell belästigen wollte, ihrer erzwungenen Um-die-Welt-Flucht nach der Verwandlung in eine Kuh, mithin all das, worüber ihr Vater so allumfassend in Rage geraten war, in den Sand am Rand und also in Sichtweite des Flussbetts. Um ihrem Vater Inachos ein Lebenszeichen zu hinterlassen, hätte ein schlichtes Io was here ja genügt. Aber sie wollte sich das alles einmal von der Seele schreiben und auch ihrer Bremse kam, nach kurzer Rücksprache, eine Verschnaufpause nicht ungelegen.

Nachdem Io den langen Brief zur Erklärung ihres damals überstürzten Abschieds mit einem liebe Grüße, Deine Io beendet hatte, weckte sie die Bremse aus ihrem Schlummer und ließ sich von ihr nach Ägypten treiben, um dort ihren Anspruch auf die noch unbesetzte Stelle der Göttin Isis anzumelden. Wegen des Mythographs im Sand, das mittlerweile von den Tränenfluten des durch seinen Inhalt gerührten Inachos fortgespült worden war, waren sie spät dran und mussten sich, in Ägypten angekommen, hinten anstellen. Direkt vor Io warteten Demeter und Aphrodite, vor diesen Pallas Athene, Artemis und, ausgerechnet, Hera. Die anderen Aspirantinnen waren Io namentlich nicht bekannt.

Wer die Stelle bekommen hat, ist mythologisch umstritten. Daraus, dass Isis häufig mit dem Kopf einer Kuh oder mit Kuhhörnern dargestellt wird, schließen einige, dass es wohl Io gewesen ist, welche die Jury am Ende überzeugen konnte. Zumal die Bewerbungen der oben genannten Göttinnen nur als uneigentliche Gesten zum Zeitvertreib, als eitle Launen ihrer olympischen Natur verstanden werden können. Sie wussten genau, dass Zeus sie niemals aus ihrem auf ewig und drei Tage geschlossenen Vertrag entlassen würde.

Nachbemerkung: Mythische Geschichten sind in der Regel inhaltlich komplex und psychologisch kompliziert. Sie möglichst einfach und der Reihe der Ereignisse nach zu erzählen, würde ihrer semantisch-symbolischen Tiefenstruktur auf der Ebene der äußeren Form durchaus nicht gerecht werden.

Die Geschichte von Amor und Psyche wie sie von Jupiter rekapituliert wurde, bevor er sie Apuleius in den Stilus diktiert hat

Dass Voluptas, deren Namen man je nach psycho-sozialer Befindlichkeit übersetzen wird oder wird übersetzen wollen mit Geilheit, Wollust oder Freuden beziehungsweise Wonnen der Liebe, dass also Voluptas eine Tochter des Liebes-Gottes und des schönsten aller schönen Seelchen ist, hätte man sich, wenn man es nicht immer schon gewusst oder geahnt hat, eigentlich denken können. Der bis dahin offenbar noch wollustlose und also irgendwie anders erregte und erigierte Amor zeugte Voluptas mit Psyche, spätestens nachdem Zeus alias Jupiter dieser einen Teller Ambrosia vorgesetzt und sie durch gutes Zureden dazu gebracht hatte, die für ihren noch allzu menschlichen Gaumen gewöhnungsbedürftige Götter-Suppe restlos auszulöffeln. Ohne Ambrosia gibt’s keinen Amor und ohne diesen kein Happyend, hatte Zeus lakonisch festgestellt. Nur durch die Einnahme des olympischen Antidots gegen den Tod erlangte Psyche jene göttliche Unsterblichkeit, die sich Amors Mutter Venus Aphrodite als Voraussetzung für ihre Zustimmung zur Verbindung ihres Sohnes mit einer rein von Menschen Geborenen angeblich ausbedungen hatte. Dass es sich in Wahrheit ein wenig anders verhielt, macht im Endeffekt keinen Unterschied. Aber eins nach dem anderen.

Am Anfang war der Neid, spottete Jupiter, daher als erstes ein Löffelchen für deine zukünftige Schwiegermutter Venus, die vor unserer Integration in den römischen Kult- und Kulturraum Aphrodite hieß, und die mit ihrer rasenden Eifersucht auf deine Schönheit die Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Als nächstes ein Löffelchen für Zephyr, der dich, als du nach einem Beschluss des delphischen Orakels angeblich einem Ungeheuer vermählt werden solltest, wie ein milder Westwind sanft vom Warte-Felsen geholt und in Amors Palast geweht hat. Auch je ein Löffelchen für deine beiden törichten Schwestern, ohne deren infektiöse Neugier du noch immer Nacht für Nacht mit Amor amore machen würdest ohne jemals zu erfahren, wer da alle vierundzwanzig Stunden zu sich selbst zu Besuch kommt, um noch vor Morgengrauen wieder zu entschwinden. Zum Glück war das die Nachtigall und nicht die Lerche, murmelte er einmal, bevor er sich aufrappelte und die Tür hinter sich ins Palast-Schloss zog. Aber schon in der nächsten Nacht hast du dem Drängen deiner Schwestern nachgegeben und im Licht einer Öllampe die Gesichtszüge des Schlafenden studiert, wobei ein Tropfen heißen Öls auf seine schöne Schulter gefallen war. Wortlos hatte Amor seine Sandalen angezogen und war für immer gegangen. Es heißt, du habest danach deine Schwestern umgebracht, was ich mir bei dir aber wirklich nicht vorstellen mag, weshalb ich den Gerüchten nie Glauben geschenkt habe.

Das viele Reden hatte Jupiter durstig gemacht. Er ließ sich eine Schale Nektar bringen und fuhr, an Psyche gewandt, fort: Nun aber unbedingt noch ein Löffelchen für die Ameisen, die dir geholfen haben, die schlechten Körner auszulesen, für das Schilf, mit dessen Hilfe du den menschenfressenden Schafen entkommen bist und für den Adler, der dir das Wasser vom Styx gebracht hat. Lauter vermeintlich unlösbare Aufgaben, die dir von der tobenden Venus gestellt worden waren, derweil sie ihren Sohn Amor mit Hausarrest bestraft hatte. Wie konntest du aber auch auf die Idee kommen, bei deiner Suche nach Amor ausgerechnet sie nach seinem Aufenthaltsort zu fragen!

Das vorletzte Löffelchen, sagte Jupiter dann, ist für Proserpina, die Göttin der Unterwelt, die dir bei der Erledigung des vierten und schwersten Auftrags mitleidig entgegengekommen ist. Die an ihrer Schönheit immer verzweifelter zweifelnde Venus hatte von dir verlangt, ihr mindestens sieben Kyathoi von der Schönheit der Proserpina zu bringen. Mit der Bemerkung, dass vier Kyathoi mehr als genug sein dürften, hatte dir Proserpina einen verschließbaren Taschen-Krater in die Hand gedrückt. Wenn du geahnt hättest, dass sich in dem Tongefäß nicht Schönheit, sondern eine große Müdigkeit befand, hättest du auf dem Rückweg der Versuchung, den Krater zu öffnen, vielleicht widerstanden. Du hattest Glück, dass Amor nach Missachtung des ihm auferlegten Hausarrests dich fand und wachküsste, noch bevor die Heckenrosen, in die du gesunken warst, über dir zusammenwachsen konnten. Er hat mich dann gebeten, ein Machtwort zu sprechen und seiner Mutter ein Angebot zu machen, das sie nicht würde ablehnen können. Also schlug ich Venus, von der ja einige sagen, dass sie meine Tochter sei, vor, dich durch das Verabreichen von Ambrosia unsterblich zu machen, damit sie an ihrer Schwiegertochter wenigstens in puncto Unsterblichkeit nichts auszusetzen hätte. Erst genauso schön wie ich und jetzt auch noch unsterblich, zeterte Venus, sah dann aber ein, dass jeder weitere Widerstand zwecklos gewesen wäre.

So, sagte Jupiter, indem er die noch im Teller befindlichen Ambrosia-Reste zusammenkratzte. Und dieses letzte Löffelchen ist für einen, den du noch nicht kennst, aber, da du jetzt unsterblich geworden bist, zu gegebener Zeit kennenlernen wirst. Er wird Apuleius heißen und ein römischer Dichter sein. Ihm werde ich die Geschichte von Amor und Psyche in den Stilus diktieren, während es ihm so vorkommen wird, als würde sie ihm eben gerade einfallen. Dann wird es auch seine Erzählung sein und nicht mehr nur die unsere. Denn nur die Geschichten gehören einem wirklich, die man selbst nacherzählt hat.

Haupt-Sache Schädel oder High Noon an der Straße zwischen Tempe und Thermopylai

Wie ein Aquarium mit aqua, also mit Wasser gefüllt ist, so ein Ossuarium mit dem Plural von os, also cum oribus, das heißt: mit Knochen. Beinhäuser, in denen die aus Platzgründen exhumierten Knochen der Verstorbenen ihre zweite und gewiss nicht letzte Letzte Ruhestätte fanden, gab und gibt es wahrscheinlich nicht nur in ganz Europa.

Das Gebeinhaus, das Herakles schon von weitem in der Mittagssonne leuchten sah, war aber von ganz anderer und durchaus eigenartiger Natur. Diese Schädel- und Knochen-Kathedrale an der Landstraße von Tempe nach Thermopylai hatte es in sich. Was sie in sich hatte und woraus sie bestand, war das, was von den Reisenden übrig geblieben war, nachdem ein wilder Mann namens Kyknos sie überfallen, ermordet und ausgeraubt hatte. Dabei waren es vor allem die Schädel, auf die Kyknos es abgesehen hatte. Das Beutegut im herkömmlichen Sinn nahm der Kopfjäger nur deshalb an sich, weil sonst niemand da war, der das hätte tun wollen. Die Wertgegenstände eines erschlagenen Wanderers zu missachten und zusammen mit allen anderen für den Bau des Schädel-Monuments irrelevanten Teilen desselben, also des Wanderers, auf den Müll zu werfen, wäre Kyknos irgendwie frevelhaft und undankbar vorgekommen.

Indem Herakles sich dem Turmbau näherte, versuchte er, die von der Sonne gebleichten Gehirn-Zellen zu zählen, doch ließ er von dem für ihn schwierigen Unterfangen beinahe erleichtert ab, als er feststellte, dass die Zahl der bizarren Bausteine um ein Vielfaches höher war, als die höchste Zahl, die ihm sein Lehrer zuletzt noch hatte einbläuen können, bevor Herakles ihn erschlagen hatte. Der Sohn von Zeus und Alkmene war kein einfacher Schüler gewesen.

Nun also kam Herakles dieser Kyknos in die Quere, der von seiner Schädel-Stätte behauptete, es handele sich um ein Bauwerk zum höheren Ruhme des Gottes Ares, welcher ein großer und schrecklicher Kriegsgott sei und von ihm Vater genannt werde. Um den Tempelbau zu vollenden, benötige er nur noch einen letzten Schädel und da komme ihm der des Herakles gerade zupass.

Als der Kampf begann, stand die Sonne im Zenit, warf aber schon lange Schatten, als er endlich entschieden war und nicht Herakles‘, sondern Kyknos‘ Kopf den höchsten Punkt des mythischen Ossuariums an der jetzt ein wenig gefahrloser zu befahrenden Fernstraße zwischen Thermopylai und Tempe bildete – wahrscheinlich halb zu Ehren und halb zur Besänftigung einer Furcht und Schrecken verbreitenden Gottheit, dachten nicht wenige Reisende, während andere meinten, es handele sich womöglich um ein Kunstwerk. Land-Art oder Skulpturen-Weg hätten sie vielleicht gesagt, wenn sie davon schon eine Ahnung gehabt hätten.

Wer bitte ist Alkeides oder: Wie einer durch Hera vom Paulus zum Saulus wurde

Alkeides, hol jetzt bitte die Kuh vom Dach und danach pflanzt du die Olivenbäume wieder ein, die du beim Nachbarn gestern ausgerissen hast. Und du weißt selbst, wie lächerlich es ist zu behaupten, das seist nicht du, sondern dein Bruder Iphikles gewesen. Die so zu ihrem achtjährigen Sohn sprach, war Alkmene, deren Name soviel wie „die Starke“ bedeutete. Womit nach Lage der Dinge nur ihre stoische Ruhe, in der ja bekanntlich jede Menge Kraft liegt, gemeint sein konnte, mit welcher sie die angeborene physische Anomalie ihres Sohnes Alkeides seit seiner Geburt hinnahm, da an dieser nun einmal nichts zu ändern war.

Wenn sich der kindliche Kraftprotz bei Alkmene zuhause aufhielt, was allerdings nur selten vorkam, machte sie sich seine Sonderbegabung zunutze, indem sie ihn zum Beispiel bat, die schweren, aus böotischer Eiche gefertigten Wäsche- und Waffenschränke anzuheben, damit sie darunter saubermachen konnte. Oder Alkeides half seiner Mutter beim Ausmisten der Ställe, ohne zu ahnen, dass er bei dieser agrikulturellen Übung etwas für sein späteres Leben lernte.

Dass Alkeides ein Sohn des Zeus war, wussten außer Zeus und der zwar chronisch, doch niemals grundlos eifersüchtigen Hera nur seine Mutter Alkmene und ihr Ehemann Amphitryon, als dessen Sohn Alkeides offiziell galt. Der genealogischen Camouflage diente es auch, dass man den neugeborenen Halbgott nach Amphitryons Vater Alkaios Alkeides oder Alcides und nicht nach Zeus‘ Vater Kronos Krontiados oder Kronides nannte. Erst Jahre später, als sich längst herumgesprochen hatte, wer Alkeides in Wahrheit war, taufte ihn Pythia, die Priesterin des delphischen Orakels, auf seinen eigentlichen, mythologisch korrekten Namen, dessen Sinn umschrieben werden kann mit „der durch seine Verfolgung durch Hera Ruhm erlangt“, also auf den Namen Herakles. Der Umbenennung waren dramatische und folgenreiche Ereignisse vorausgegangen, die eine nominelle Aufrechterhaltung des Scheins bürgerlicher Normalität und Harmlosigkeit nach Pythias Dafürhalten nicht mehr zuließen. Wo ein berechtigtes Interesse am Schutz persönlicher Daten in Zynismus umschlägt, wird es Zeit, dass man die Dinge, sprich: den Heroen beim Namen nennt, soll sie gegenüber Apollon geäußert haben. Was war geschehen?

Nachdem Herakles alias Alkeides im Zuge seiner ontogenetischen Virilisierung in fünfzig aufeinanderfolgenden Nächten fünfzig Jungfrauen, allesamt Töchter von Thespios und Megamede, nicht nur defloriert, sondern bei dieser Gelegenheit auch noch geschwängert hatte, glaubte er, sich das Horn soweit abgestoßen zu haben, dass er desillusioniert genug sein würde, um eine halbwegs normale Ehe führen zu können. Da kam es ihm gerade recht, dass Kreon, König von Theben, ihn aus Dankbarkeit für die rabiate Schlichtung eines alten Streits – eine Schlächterei, die Kreon unterm Strich um ein paar Tausend Rinder reicher machte – seine Tochter Megara zur Gattin gab. Und weil doppelt genäht und geehelicht besser halten soll, heiratete Iphikles, Herakles‘ oben bereits kurz erwähnter Halb-Zwillingsbruder, im festlichen Rahmen einer Doppelhochzeit Kreons jüngste Tochter, deren mythologische Akte wohl verloren gegangen ist, da ihr Name nirgends Erwähnung findet.

Alkeides alias Herakles zeugte mit Megara fürs erste die drei Söhne Therimachos, Kreontiades und Deikoon. Dann aber begab es sich, dass die nach wie vor grollend eifersüchtige Hera das Familienglück, das mit dem Seitensprung ihres Gatten Zeus seinen Ur-Anfang genommen hatte, nicht länger ertragen zu können glaubte. Bevor ich wahnsinnig werde, soll lieber dein Bastard es werden, sagte sie zu Zeus, woraufhin besagter Bastard im Wahn der Hera seine eigenen Kinder und die des Iphikles ins ewig lodernde Feuer der halb-olympischen Kochstelle warf.

Als sich der paranoide Kindsmörder wenig später an das delphische Orakel wandte, um zu erfahren, wie er den Schaden wiedergutmachen könne, bekam er von der Apollon-Priesterin Pythia die erstaunlich unmissverständliche Auskunft, Absolution könne ihm erst erteilt werden, wenn er fortan auf den Namen Herakles höre, und wenn er außerdem und vor allem nach Tiryns in der Nähe von Mykene gehe, um dort im Dienst des Eurystheus zwölf Jahre lang alles zu erledigen, was dieser von ihm verlange, und zwar unverzüglich und ohne Widerrede, selbst wenn er die Aufträge im ersten Moment für unausführbar halte. Für einen Sohn des Zeus sei nichts unmöglich, sagte Pythia, indem sie Herakles zum Abschied auf die starke Schulter klopfte und ihm mit einem Never say never again! den Weg nach Tiryns wies.

Die zu erwartende Entscheidung des untersten Gerichts im Fall Linos: Kein Mord, sondern ein zu Recht erfolgter Totschlag

Vor die Wanderjahre haben die Götter und die Handwerkskammern bekanntlich die Lehrjahre gesetzt. Das galt nicht nur für diverse Hand- und Kunsthandwerker sowie für Goethes Wilhelm Meister, sondern auch für Herakles, dem mit mehrtägiger Verspätung von Alkmene geborenen Sohn des Zeus, Stiefsohn des Amphitryon, des „doppelt Geplagten“. Doppelt geplagt als Vater und Vater wider Willen, weil Alkmene zugleich mit Herakles dessen Pseudo-Zwillingsbruder Iphikles, den genetischen Sohn des Amphitryon, geboren hatte? Oder weil Alkmene in Zeus nicht nur Ampitryon erkannt zu haben wähnte, sondern sich quasi im Gegenzug, und wenigstens ohne mit der Wimper zu zucken, von diesem „erkennen“ ließ?

Wie dem auch sei, auch ein Herakles hat einmal klein und untrainiert angefangen. Zwar konnte er praktisch von Geburt an Schlangen erwürgen, woran man ihn unschwer als den von Zeus Gezeugten identifizierte, aber darüber hinaus fehlte es dem kraftstrotzenden Natur-Athleten an so gut wie allen damals für wichtig erachteten Kenntnissen und Fertigkeiten. So wurde er denn von seinem Ziehvater Amphitryon im Wagenlenken unterrichtet, vom Verwandlungskünstler Autolykos im Ringen und von Kastor in der Kunst, in schwerer Rüstung einigermaßen comme il faut zu fechten. Das Bogenschießen brachte ihm Eurytos bei, den Herakles dann Jahre später erschlug, weil er ihm den Hauptpreis in einem von seinem ehemaligen Schüler gewonnen Bogenschieß-Wettbewerb nicht überreichen wollte. Bei der verweigerten Trophäe handelte es sich um Eurytos‘ Tochter.

Aber schon vor Eurytos hatte Herakles einem anderen seiner Lehrer den Garaus gemacht. Linos, ein Bruder von keinem Geringeren als Orpheus selbst, hatte den verhängnisvollen Auftrag erhalten, dem pubertierenden Erz-Heroen das Spielen der Kithara und das Singen zu selbiger beizubringen. „Herakles schlug ihn mit der Kithara tot“, heißt es in der Bibliotheke des Apollodor kurz und bündig. „Jener erzürnte ihn nämlich durch heftiges Schulmeistern und führte so seinen“, also seinen eigenen „Tod herbei“, erläutert Apollodor weiter. Selber schuld, liest man unmissverständlich zwischen den Zeilen und so dachte auch der Untersuchungsrichter, der das Verfahren gegen den Beschuldigten gleich wieder einstellte, als „einige dem Herakles wegen des Mords einen Prozeß an den Hals hängen wollten“. Es greife hier, so die juristische Expertise, das Gesetz des Rhadamanthys, einst König von Kreta, nun neben Minos und Aiakos Richter im Hades, welches besage, dass derjenige, der sich an einem räche, der die Veranlassung zu Händeln gegeben habe, nicht zu bestrafen sei.

Nach seinem mythischen Tod wurde Linos anscheinend in Theben historisch beigesetzt. Denn im Anschluss an die Schlacht von Chaironeia (338 vor Christus) soll Philipp II. die Gebeine des Linos aufgrund eines Traums nach Makedonien überführt haben. Eine weitere, gewissermaßen revisionistische Vision veranlasste ihn jedoch dazu, die Knochen des Linos wieder nach Theben zurückbringen zu lassen. Im Musen-Heiligtum am Helikon wurden dem geradezu (selbst)mörderisch strengen Kithara-Lehrer des Herakles musische Opfer dargebracht. Hier gab es auch ein in den Fels gehauenes Porträt von ihm, das leider nicht erhalten ist.

Herakles – drei Nächte lang gezeugt und dann durch den Mund einer Dienerin geboren

Sowohl die Zeugung als auch die Geburt des Herakles dauerten länger als selbst in mythischen Zeiten üblich. Zur Begattung der Alkmene nahm sich Zeus, der bei dieser Verrichtung Alkmenens rechtmäßigem Gatten zum Verwechseln ähnlich sah, drei pausenlos aufeinander folgende Nächte, also etwa vierundzwanzig Stunden, Zeit. Dass der olympische Liebhaber während der triadischen Nacht wie Amphitryons Zwilling aussah, diente weniger der Täuschung der Empfängerin des göttlichen Samens, als vielmehr ihrer moralischen Entlastung. Ohne die Unwahrheit sagen zu müssen, konnte Alkmene später zu Protokoll geben, der Mann in ihrem Bett habe genau wie ihr Mann ausgesehen. Dass sie dabei nicht rot wurde, war ein kleines Kunststück, welches sie vollbrachte, indem sie die auratische Differenz, die von ihr sofort bemerkt worden war, konsequent außer Acht und unerwähnt ließ und so tat, als wären es nur die Form der Nase, die Farbe der Augen und die Länge des Bartes, die einen Mann vom anderen unterscheidbar machen.

Der von einem kurzen Auslandsaufenthalt zurückgekehrte Amphitryon tat anderntags seinerseits so, als würde ihn Alkmenes Erklärung überzeugen und zeugte in der darauffolgenden Nacht zur symbolischen Wiederherstellung seines Begattungsmonopols und als reales Gegengewicht zu Herakles dessen Bruder Iphikles. Dass sich die Knaben, obwohl sie ja keine echten Zwillinge waren, nach der Geburt zum Verwechseln ähnlich sahen, wunderte weder ihre Mutter Alkmene noch Amphitryon, den Vater und Stiefvater der beiden.

Bevor es aber zur doppelten Niederkunft kam, musste Alkmene, so wollten es die mit anwesenden schicksalsmächtigen Moiren, neun Tage und Nächte lang in den Wehen liegen. Wer darin eine kollektiv verhängte Strafe der Götter für Alkmenens verdeckten Ehebruch mit Zeus sehen will, neigt wohl auch sonst zu Verschwörungstheorien. Nein, es war Heras Schuld und die ihrer Helferin und deren Helfershelferinnen, dass die Mutter des Helden der Helden und seines relativ unbedeutenden und später im Kampf eher glücklosen Halb-Zwillingsbruders fast eineinhalb Wochen lang kreißen musste.

Hera war natürlich nicht entgangen, mit welcher Endlos-Serie von Geschlechtsakten ihr Götter-Gatte während dieser auffallend langen Nacht zeugend tätig gewesen war. Zumal er anschließend damit geprahlt hatte, nun werde einer zur Welt kommen, der als Stellvertreter Zeusens unter den Erdlingen diesen einmal zeigen werde, wo der Hammer hängt und was ein richtiger Kerl ist. Um der Gespielin ihres Mannes nun doch noch übel mitzuspielen und dem Zeugling von Anfang an zu demonstrieren, dass er unerwünscht war und es immer sein würde, beauftragte Hera ihre Tochter Eileithyia, die Geburt der beiden Uterus-Genossen so lange wie möglich hinauszuzögern. Dazu setzte sich Eileithyia, die für das Ge- oder Misslingen von Geburten zuständige Gottheit, mit ihren Freundinnen, den Morien, und mit gekreuzten Armen und Beinen vor die Tür der Wöchnerin, was dann auch die von Hera gewünschte kontra-natale Wirkung hatte.

Als nach neun Tagen und Nächten die Lage unerträglich geworden war und vollends zu eskalieren drohte, kam endlich Galinthias, eine Hausangestellte Alkmenes, auf die Idee, dass mit den seltsamen Frauen, die in merkwürdig in sich gekrümmter Haltung schon Gott weiß wie lange vor dem Kreißsaal saßen, etwas nicht stimmen könnte. Um die verdächtigen Gestalten aufzuscheuchen, rief sie laut, ihre Brotgeberin habe nun endlich, endlich einem Sohn das Leben geschenkt, was, kurz nachdem sich Eileithyia erstaunt und ungläubig erhoben hatte, auch den Tatsachen entsprach.

Dass Galinthias, die Erlöserin, schon eine Schrecksekunde später von der rachsüchtigen Hera in ein Wiesel verwandelt worden sei, ist wohl ein Ammen- oder Hebammen-Märchen, das auf dem volkszoologischen Irrtum basiert, Wiesel würden ihren Nachwuchs durch das Maul gebären. Herakles wäre demnach nicht nur aus dem Schoß der Alkmene, sondern auch aus dem Mund der Galinthias hervorgegangen.

Ein mörderischer Tanz ums goldene Haar des Pterelaos

Wenn schon ein einziges goldenes Haar unsterblich macht, dann muss die Loreley, die in Heinrich Heines Gedicht „mit goldenem Kamme“ ihr goldenes Haar kämmt, mehr als hunderttausendfach unsterblich gewesen sein, denn es ist kaum anzunehmen, dass mit dem Wort Haar am Ende der vierten Zeile der dritten Strophe jener bekannten Ballade ein einzelnes Haar der Loreley gemeint ist und nicht die blonde Gesamtfülle ihrer Lockenpracht.

Dass aber, wie gesagt, nicht nur eine herausragende künstlerische, wissenschaftliche oder sonstige Leistung, sondern schon das Herausragen eines einzigen goldenen Haares aus seiner Kopfhaut einen Mann unsterblich machen kann, ist eine mythologisch verbürgte Tatsache. Mit dem Vorhandensein eines singulären Gold-Haars waren nämlich im Falle des Pterelaos, König der Taphier, die Eigenschaften der Unbesiegbarkeit und der Immortalität leider Gottes nicht untrennbar, sondern, wie wir sehen werden, ausreißbar verbunden.

Die ganze Sache wäre trotz der üblichen populären Kampfszenen kaum des erzählerischen Hinsehens wert, wenn es sich bei den Mythen nicht um ein mafiöses und korruptionsverdächtiges Beziehungsgestrüpp handeln würde. Jeder kleinste Vorfall, und sei es auch nur der Verlust eines Haares, zieht Kreise, und zwar bis in die höchsten. So muss, wer Pterelaos sagt, eher früher als später auch Poseidon sagen und ihn Pterelaos‘ Vater oder auch Großvater nennen. Einig scheint man sich darüber zu sein, dass der Meeresgott selbst es war, der auf dem Kopf seines Sohns oder Enkels in einer Laune des Olymp das in Rede stehende goldene Haar wachsen ließ. Nicht ganz einig sind sich die Kolporteure, wenn es darum geht, unter welchen genealogischen Voraussetzungen Pterelaos das Haar und sein Leben wieder verloren hat.

Zweifellos war Amphitryon als einer der Haupttöter in den Fall verwickelt. Aber bei der Frage, wer Amphitryon in Wahrheit war, sagen die einen dies, die anderen etwas anderes. War er der Bruder von Elektryon, dem König von Mykene oder war er nicht vielmehr der Bruder von dessen Frau Anaxo, also sein Schwager? Als gesichert kann gelten, dass er irgendwann doch noch seine Nichte Alkmene geheiratet hat, die, auch darüber besteht Einigkeit, die Tochter von Elektryon gewesen ist. Strittig bleibt eben nur, ob Alkmene in der Gestalt ihres Onkels Amphitryon den Bruder ihrer Mutter oder den ihres Vaters zum Mann genommen hat. Ein Sowohl-als-auch kann ausnahmsweise ausgeschlossen werden.

Etwas verfrüht war gerade vom Heiraten die Rede. Verfrüht deshalb, weil zuvor noch Formalitäten zu erledigen waren. So musste eine von Pterelaos, dem Mann mit dem Gold-Haar, gestohlene Viehherde nach Mykene zurückgebracht und der Tod der im Kampf gegen nämlichen Pterelaos gefallenen Söhne des Brautvaters, bei denen es sich zugleich um die Brüder der Braut und die Neffen und zukünftigen verstorbenen Schwäger des Bräutigams handelte, gerächt werden. Ersteres ging dank einer Löse- oder Schmiergeldzahlung relativ reibungslos vonstatten, mit letzterem tat Amphitryon sich verständlicherweise schwer, denn sein Gegner Pterelaos war wegen des goldenen Haars, das ihm Sieg und Leben garantierte, unüberwindlich und unsterblich. Dass das störende Haar von selbst ausfiel, war erst mittel- bis langfristig zu erwarten, also musste es ihm jemand ausreißen.

Das Ausziehen oder Ausreißen oder Abschneiden von Haaren, man denke unter anderem an die etwa zur selben Zeit spielende biblische Geschichte von Samson und Delilah, war damals noch Frauensache. Zum Glück für Amphitryon hatte Pterelaos eine rothaarige Tochter namens Komaitho, das heißt nämlich soviel wie „flammendes Haar“, die sich in den Haupt- und Todfeind ihres Vaters verliebte. So kommst du mir nicht aufs Schlachtfeld, sagte Komaitho zu ihrem Vater Pterelaos, erst muss ich dir noch die Haare schneiden. Anstatt wie gewöhnlich am goldenen Haar der Haare nur die Spitze nachzuschneiden, riss sie es mitsamt der Wurzel aus und behauptete, es sei ein graues gewesen. Den Rest kann man sich denken, es war die übliche mythologische Mischung aus Blut und Schweiß, Sperma und Tränen.

Bleibt zu erwähnen, dass sich diese Ereignisse im Vorfeld der Geburt des Herakles abgespielt haben. Nur um Alkmene, die zukünftige Mutter des Schlagetots zur Frau zu bekommen, hatte Amphitryon den mörderischen Tanz ums goldene Haar des Pterelaos mitgetanzt und im Eifer des Gefechts auch noch die in ihn verschossene Komaitho erschlagen, wahrscheinlich ohne zu ahnen, dass er ihr, wenn nicht sein Leben, so doch den Tod seines Hauptwidersachers verdankte. Und dann geht Alkmene mit Zeus ins Bett, um am Ende der amerikanischen Filmindustrie die Vorlage für Superman zu liefern! Aber das ist eine andere Geschichte, die mit dem goldenen Haar des Pterelaos allenfalls beziehungsgestrüppmäßig etwas zu tun hat.

Wie die Oberen in einem gigantischen Gemetzel einmal mehr ihre Herrschaft behaupten konnten

Der Unterschied zwischen der Gigantomanie, von der einer befallen und einer Gigantomachie, in die er hineingeraten ist, gleicht dem zwischen dem Turmbau zu Babel und einem Sturz von der Aussichtsplattform des fertiggestellten Gebäudes. Gigantomachie! Was für ein klangvoller Name für den kläglichen Untergang einer ganzen mythologischen Spezies. Aber was bluttriefend begann, musste offenbar in einem Blutbad enden.

Als in vorolympischen Zeiten Kronos, der Titan, auf Geheiß seiner Erden-Mutter Gaia seinen Himmels-Vater Uranos mit einem Sichelschwert entmannte, tropfte das Blut (und es muss dabei viel Blut geflossen sein) der abgeschnittenen Begattungsteile auf die Erde, wurde von dieser empfangen und verwandelte sich, Ironie des Schicksals, in die Giganten. Merke: Bei empfängnisverhütenden Maßnahmen sollte man darauf achten, dass diese selbst nicht zur Ursache ungewollter Schwangerschaften werden. Andererseits kamen die gigantischen Giganten der Gaia gerade recht, denn, das wusst sie schon jetzt, sie würde mit den kommenden Olympiern eines Tages noch eine Rechnung zu begleichen haben.

Worin genau der Groll der Ge oder Gaia gegen ihre Götter-Kinder seinen Urgrund hatte, ist umstritten. Wahrscheinlich handelte es sich um einen veritablen Kränkungskomplex, dessen Analyse hier nicht geleistet werden kann. Üblicherweise wird behauptet, sie wollte sich rächen für die Verbannung der von den Göttern besiegten Titanen, welche gleichfalls ihre Kinder waren. Möglicherweise ging es auch um die Tötung eines ihr ans Herz gewachsenen Ungeheuers namens Aigis durch Pallas Athene. Oder, wofür psychologisch gesehen einiges spricht, sie konnte den Göttern nicht verzeihen, dass sie in kollektiver Nestflucht zuhause ausgezogen waren und ein Leben auf dem Olymp dem Verbleib bei und auf Mutter Erde vorgezogen hatten. Nicht ganz ausgeschlossen werden kann schließlich eine im Falle Gaias vorliegende Coelophobie, was bedeuten würde, dass alles, was wie der Himmel Uranos über und auf ihr lag, bei Mutter Erde eine Mischung aus Angst und aggressiver Aversion auslöste. Da die Götter nun den himmlischen Sphären angehörten, hätte dies auch für sie gegolten.

Fairerweise muss man zugeben, dass es nicht die Olympier gewesen sind, die den Streit mit den Giganten angezettelt haben. Es ist in mehrfacher Hinsicht eine Verdrehung der mythologischen Tatsachen, wenn der Schriftsteller Peter Weiss in seiner Ästhetik des Widerstands schreibt: „Mit Steinen nur können sie“, die Giganten, „sich wehren gegen die Gepanzerten und Schwerbewaffneten, sie knien, kriechen, sie zerbrechen und fallen ins aufgerissene Straßenpflaster, preisgegeben den Wasserkanonen, Gasgranaten und Maschinengewehren.“

So schwer bewaffnet und olymphoch überlegen wie der antikapitalistische Sänger in seinem pro-proletarischen Furor behauptet waren die Götter keineswegs. Als die Giganten unter Führung von Eurymedon losschlugen und damit die Gigantomachie ihren Anfang nahm, taten sie dies unter Verwendung von gewaltigen Felsbrocken und brennenden Eichen, was den Einsatz der von Peter Weiss monierten Wasserwerfer allemal rechtfertigen würde. Andere mythologische Kriegsberichterstatter wollen in den Händen der Giganten lange Speere gesehen haben, während die Göttinnen und Götter nur mit dem kämpften, was sie gewohnheitsmäßig mit sich führten, also Pfeil und Bogen, Fackeln, rotglühende Eisen und natürlich Blitz und Donner.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass auf Seiten der Götter der von Zeus inkognito gezeugte Herakles am Kampf teilnahm und den Giganten zusammen mit seinem Vater wahrscheinlich die entscheidenden Verluste beibrachte. Alkyoneus wurde von Herakles ebenso mit einem Pfeil niedergestreckt wie Porphyrion. Und zusammen mit Apollon tötete er Ephialtes, indem die beiden in einer Parallelaktion die Augen ihres Gegenübers mit Pfeilen durchbohrten. In einem Orakelspruch war den Göttern nämlich von den Göttern geweissagt worden, sie würden aus der Gigantenschlacht nur dann als Sieger hervorgehen, wenn sie Verstärkung durch einen Sterblichen erhielten, nicht zuletzt deshalb, weil Giganten von Göttern nicht getötet werden könnten, was sich dann aber nur in Einzelfällen als zutreffend erwies. Bei Peter Weiss ist Herakles übrigens ein früher Repräsentant des Proletariats, was bedeuten würde, dass er sich in der Gigantomachie von der herrschenden Götter-Klasse für ihre Zwecke hat korrumpieren und instrumentalisieren lassen – ein Verdacht, der durch Herakles‘ postmortale Entrückung in den Olymp und seine Vermählung mit Hebe, der Göttin der Jugend, bestätigt zu werden scheint.

Die Heilige mit den zwei Köpfen – ein Ausflug in die postmythische Mythologie

Bevor du dich mit deinen Freundinnen triffst, wischst du bitte noch die Tische ab und fegst die Scherben auf dem Boden zusammen, Helena. Der so sprach, war nicht König Tyndareos, der Adoptivvater jener aus einem Schwanen-, womöglich auch Gänseei geborenen Spartanerin, um die dann der Trojanische Krieg geführt werden sollte. Sondern es war ein heute namenloser Gastwirt im Weiler Drepanon, gelegen am östlichen Zipfel des Marmarameers, schräg gegenüber von Byzantion, dem späteren Constantinopolis und dem noch späteren Istanbul.

Als die Tochter des Kneipenbesitzers 249 Jahre nach Christi Geburt geboren wurde, deutete nichts darauf hin, dass sie einmal die Mutter des römischen Kaisers Konstantin I. oder des Großen sein würde, dem zu Ehren Byzantion 337, einige Jahre nach Helenas Tod, in Constantinopolis umbenannt werden sollte, und dass der Portugiese João da Nova im Jahr 1502 einer heute nur noch mit Gras, Büschen und ein paar Häusern bedeckten Insel im Südatlantik ihren Namen geben würde.

Vielleicht hat die Plünderung und Zerstörung Byzantions durch die Goten im Jahre des im Aufstieg begriffenen Herrn 258, also um Helenas neunten Geburtstag herum, ihre Eltern veranlasst, Drepanon zu verlassen und ins 800 Kilometer entfernte Naissus im heutigen Serbien überzusiedeln, um dort erneut gastronomisch tätig zu werden. In Naissus jedenfalls begegnete die gleichfalls schöne Helena als Betreiberin einer Herberge um das Jahr 275 herum dem Römer Constantius, der erst der Vater ihres Sohnes Constantinus und einige Jahre später römischer Kaiser wurde, weshalb er sich beizeiten nach einer standesgemäßeren Frau an seiner Seite umsehen musste. Das hinderte Helena aber nicht daran, mit ihm und ihrem gemeinsamen Sohn nach Trier zu gehen, wo sich heute noch (beziehungsweise wieder) ihr Kopf oder, wie es diskreter heißt, ihre Kopfreliquie befinden soll. Einen anderen ihrer Köpfe verehrt man seit dem neunten Jahrhundert in Hautevillers bei Epernay in der Diözese Reims. Heute ist Helena eine Heilige, ohne dass sie je heilig gesprochen worden wäre – im ersten Jahrtausend nach Christus war Heiligkeit noch etwas Naturwüchsiges: theomorph war, wer gewohnheitsmäßig angebetet wurde.

Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte, die hier nicht erzählt werden soll. Der bald nach Helenas Tod in Trier geborene Kirchenvater und Bischof von Mailand Ambrosius sagt, Christus habe sie „von der Miste auf den Thron erhoben“. Kam die profan geborene christliche Helena den höheren Sphären im Lauf ihres Lebens und erst recht nach ihrem Tod immer näher, kann bei ihrer mythologisch bezeugten Namensschwester eine Art Gegenbewegung nicht gänzlich in Abrede gestellt werden. Gezeugt von Zeus, dem Gott unter den Göttern, dann aufgewachsen als Königstochter, wurde sie schon bald zum umkämpften Beutegut im üblichen Rahmen viril-martialischer Auseinandersetzungen, um in späteren Jahren ein mythologisch unauffälliges Leben an der Seite ihres ersten Mannes Menelaos zu führen – sowohl in mythischen als auch in frühchristlichen Tagen wahrscheinlich nicht die schlechteste Art, die Zeit zu verbringen, die auf Erden uns gegeben ist.

Während die spartanische Helena anscheinend keine übernatürlichen Fähigkeiten besaß, geschweige denn besitzt, heißt es von der zur Halbgöttin avancierten Gastwirts-Tochter aus Drepanon in Melchers‘ Großem Buch der Heiligen: „Sie beschützt uns vor Blitz und Feuersgefahr; sie hilft bei der Entdeckung von Diebstählen.“

Kleine Musen-Kunde

Neun Nächte lang schwelgte Zeus an und in der Erinnerung, deren mythischer Name Mnemosyne lautete, und die eine Tochter von Uranos und Gaia, also eine Titanin und Schwester von Zeus‘ Vater Kronos war. Ein Jahr später gebar Mnemosyne ihrem Neffen, aber ebenso uns allen, die neun Musen, als da waren und sind: Klio („die Rühmende“), zuständig für Geschichtsschreibung im Allgemeinen und Helden-Gedenken im Besonderen; Euterpe („die Erfreuende“), Göttin der Lyrik und der Lyra, allgemeiner: der Tonkunst; Thalia („das blühende Glück“) war anscheinend die Komödiantin unter den Musen; Melpomene („die Singende“) hat viel Unglück und Leid gesehen und besungen, vorzugsweise als Tragödin auf der Bühne; Terpsichore („die Tanzfreudige“) – sie soll erst das Tanzen und später den Tanz ums Goldene Kalb der Wissenschaftlichkeit erfunden haben; Erato („die Liebreiche“) – Liebesgedichte, Lovesongs und Balz-Tänze fallen in ihr Resort (da scheinen Konflikte mit Euterpe und Terpsichore vorprogrammiert zu sein); Polyhymnia („die Hymnenreiche“) ist die Spezialistin für Hymnen, also für sakrale und profane Lobgesänge, unter den Musen; Urania ist nach ihrem Groß- und Urgroßvater Uranos (soviel wie „Himmelsgewölbe“) benannt, daher die Muse der Astronomie und damit womöglich auch der Astronomen; Kalliope („die Schönstimmige“) ist die Muse der Wissenschaft, der Philosophie, der Saiteninstrumente sowie der epischen und der elegischen Dichtung – vielleicht ein bisschen viel für eine einzige Muse, zumal schon einige ihrer Schwestern ähnliche Kompetenz-Felder für sich reklamieren. Aber für das Musische im engeren Sinn können niemals zu viele Musen zuständig sein – wenigstens eine wird dann hoffentlich bei Bedarf in Kuss-Laune sein.