Wer hat da mit wem (und warum) – eine Zwischenprüfungsfrage

Eine Klausurfrage zum Abschluss einer Einführung in die Genealogie der griechischen Mythologie könnte beispielsweise lauten: Mit welchen möglichen familiären Hintergründen ist zu rechnen, wenn Atreus seine Nichte Pelopeia und deren Sohn Aigisthos bei sich aufnimmt, und dieser Sohn zugleich der Neffe von Atreus ist?

Antwort: Entweder ist Pelopeia die Tochter einer Schwester oder eines Bruders von Atreus, sonst wäre sie nicht seine Nichte. Wenn sie die Tochter einer Schwester ist, dann muss (Inzest-Fall Nr. 1) Atreus einen Bruder haben, der mit Pelopeia, also seiner und Atreus‘ Nichte, Aigisthos gezeugt hat, sonst wäre dieser nicht der Neffe (der Geschwister-Sohn) von Atreus. Wenn Pelopeia dagegen die Tochter eines Bruders von Atreus ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens (Inzest-Fall Nr. 2): Ein dritter Bruder hat mit seiner Nichte Pelopeia (der Tochter seines Bruders, der nicht Atreus ist) Aigisthos gezeugt. Zweitens (Inzest-Fall Nr. 3): Der Bruder, dessen Tochter Pelopeia ist, hat selbst mit dieser seiner Tochter einen Sohn (Aigisthos) gezeugt, der als sein Sohn der Neffe seines Bruders Atreus ist.

Mythologisch verbürgt ist bekanntlich Inzest-Fall Nr. 3, der gravierendste von allen. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Atreus‘ Zwillingsbruder Thyestes, der Vater von Pelopeia und von deren Sohn Aigisthos, die Vergewaltigung seiner Tochter auch als vorweggenommenen Brudermord erlebt haben muss. Der zukünftige Sohn sollte, wie es vom Delphischen Orakel auf Thyestes‘ Anfrage vorhergesagt worden war, zu Ende bringen, was schon im Mutterleib als unversöhnlicher Streit zwischen den heil- und gnadenlosen Zwillingen begonnen hatte. An die zwanzig Jahre Kerkerhaft des Thyestes bei Atreus in Mykene und die vorübergehende, scheinbare Wendung der Prophezeiung in ihr Gegenteil konnten daran am Ende nichts ändern. Wie einer, der am Beginn seiner Karriere wie Orpheus singen wollte, später zu den Klängen seiner spanischen Lyra kantatorisch festgestellt hat: „Alles kommt, wie’s wohl kommen muss.“

Blutige Blutsbande oder Rücksturz ins Chaos

Es waren zwei Königskinder, Atreus und Thyestes, die hatten einander überhaupt nicht lieb. Und hätten sie nicht doch immer wieder beisammen kommen können, wie es in der bekannten Ballade heißt, wären ihrer familiären Umgebung etliche Un- und Gräueltaten erspart geblieben. Aber von Anfang an waren A&T ebenso unzertrennlich wie einander unsterblich (mithin mythologisch) verhasst.

Ihr Aufeinander-fixiert-Sein ergab sich zunächst aus der trivialen Tatsache, dass sie Zwillinge waren. Wer weiß, was in der Psyche eines Embryos vor sich geht. Im Fall von Atreus und Thyestes kann es nichts Gutes gewesen sein, denn bei ihrer Geburt sollen sie wie zwei Ringer ineinander verkrallt gewesen sein, so dass man Mühe hatte, sie zu trennen.

Wie es danach mit den pervers altruistisch Begabten weiterging, ist im Detail nicht zweifelsfrei rekonstruierbar. Dass man sie räumlich voneinander getrennt aufgezogen hat, scheint nichts genützt zu haben. Postnatal gingen sie sich zwar nie wieder unmittelbar an die Gurgel, mittelbar ließen sie aber keine Gelegenheit aus, um einander Ungutes zu tun. Thyestes betrog, wenn man so will, Atreus mit dessen Frau Aërope und stahl ihm darüber hinaus ein goldenes Lammfell, das er dann für einen weiteren Verrat an seinem Zwillingsbruder einsetzte – mit dem Resultat, dass zunächst er, Thyestes, und nicht Atreus König von Mykene wurde. Nachdem Atreus mit Hilfe von Zeus dann seinerseits die Herrschaft ertrickst und Thyestes das Land verlassen hatte, kehrte für kurze Zeit Ruhe ein.

Als Atreus aber, spät genug, dahinterkam, dass seine Frau Aërope ein Verhältnis mit seinem Zwillingsbruder gehabt hatte, war ihm das ein willkommener Anlass, um die pränatale Feindschaft wieder aufleben zu lassen. Angeblich um sich mit ihm zu versöhnen, lud Atreus Thyestes zu einem intimen Mahl der Verbrüderung ein. Aufgetragen und von Thyestes unwissentlich verspeist wurden Thyestes‘ Söhne, die den Vater nach Mykene begleitet hatten. Das Servieren von Jüngling-Fleisch hatte in der Familie Tradition. Schon Pelops, der Vater von Atreus und Thyestes, Großvater der Aufgetischten, war von seinem Vater Tantalos den Göttern kredenzt, von diesen aber nicht verzehrt, sondern repariert worden. Im Falle von Thyestes‘ Söhnen war der Schaden jedoch irreparabel.

Statt seinem Bruder an die Kehle, ging Thyestes nach Delphi, um sich dort von Pythia beraten zu lassen. Und statt zu orakeln, sagte die leitende Priesterin klipp und klar, es wäre wohl das beste, wenn Thyestes mit seiner Tochter Pelopeia einen Sohn zeugte, der werde dann mit Atreus abrechnen, was Aigisthos, wie der geborene Rächer hieß, zu guter oder schlechter Letzt auch tat.

Es war der römische Philosoph und Schriftsteller, der Nero-Berater Seneca, der angesichts der von Atreus und Thyestes zu verantwortenden Gräueltaten in seinem Drama Thyestes einen Rückfall in den Naturzustand vor der Natur, ins noch vorbarbarische Chaos sich abzeichnen sah: „Es zittern, zittern die Herzen, von großer Furcht durchbebt: daß in schicksalhaftem Einsturz das All erschüttert wanke und abermals über Götter und Menschen komme das gestaltlose Chaos, daß abermals Erde, Meer und Feuer und die kreisenden Gestirne des sternenbestickten Firmamentes die Natur überflute.“

Wer Laios tötet, weiß niemals wirklich, was er tut

Wie Christus kein Christ und Marx kein Marxist war, so hatte Ödipus keinen Ödipuskomplex. Wenn im Anfang das Wort war, dann war aber schon vor dem Anfang die noch namenlose Tat, und wo keine Tat war, das Chaos. Die chaotische Tat des Ödipus, deren psychischen Hintergrund Sigmund Freud ein paar Generationen später einen Ödipuskomplex nannte, bestand aus zwei Komponenten: aus einem Totschlag und einem Beischlaf. Es liegt in der Natur der Sache, also des Menschen, dass der eine singulär blieb, während der andere notorisch wurde.

Beschlafen wurde von Ödipus seine Mutter Iokaste, totgeschlagen sein Vater Laios. Bekanntermaßen wusste Ödipus in beiden Fällen nicht wirklich, was er tat. Zum vollen Bewusstsein der Wirklichkeit seines Handelns hätte es gehört, dass Ödipus sich beim Vollzug der Taten darüber im klaren gewesen wäre, in welchem genealogischen Verhältnis er zu seinem jeweiligen Gegenüber stand. Auf einer sehr abstrakten Ebene läge ein Ödipuskomplex also immer dann vor, wenn eine handelnde Person nicht im vollen Bewusstsein der situativ-kontextuellen Implikationen agiert – also praktisch immer und überall. Obwohl Freud es wohl etwas anders gemeint hat.

Um wirklich zu wissen, was er tat, als er jenen älteren Mann, mit dem er bei der Überquerung eines Wasserlaufs in Streit geriet, kurzerhand totschlug, hätte Ödipus nicht nur wissen müssen, dass der Mann Laios hieß und sein Vater war. Sondern es hätte ihm zumindest auch noch bekannt und bewusst sein sollen, dass der Vater ihn vor Jahren nur widerwillig gezeugt hatte, weil sein erotisch-sexuelles Hauptinteresse damals dem schönen Jüngling Chrysippos, dem Sohn von Pelops, König von Pisa, galt. Den hatte Laios mit Pelops‘ Einverständnis mit nach Theben genommen, da in Pisa dicke Luft war. Denn Atreus und Thyestes, die beiden älteren Halbbrüder von Chrysippos (dessen Mutter eine Baum-Nymphe war), machten dem von Pelops Bevorzugten das Leben zum Hades. Und so weiter und so fort. Einmal mehr wird deutlich, dass und wie alles mit allem zusammenhängt, anders gesagt: dass ein (wenigstens männliches) Dasein ohne Ödipuskomplex (wenigstens im abstrakten Sinn) praktisch nicht möglich ist.