Haupt-Sache Schädel oder High Noon an der Straße zwischen Tempe und Thermopylai

Wie ein Aquarium mit aqua, also mit Wasser gefüllt ist, so ein Ossuarium mit dem Plural von os, also cum oribus, das heißt: mit Knochen. Beinhäuser, in denen die aus Platzgründen exhumierten Knochen der Verstorbenen ihre zweite und gewiss nicht letzte Letzte Ruhestätte fanden, gab und gibt es wahrscheinlich nicht nur in ganz Europa.

Das Gebeinhaus, das Herakles schon von weitem in der Mittagssonne leuchten sah, war aber von ganz anderer und durchaus eigenartiger Natur. Diese Schädel- und Knochen-Kathedrale an der Landstraße von Tempe nach Thermopylai hatte es in sich. Was sie in sich hatte und woraus sie bestand, war das, was von den Reisenden übrig geblieben war, nachdem ein wilder Mann namens Kyknos sie überfallen, ermordet und ausgeraubt hatte. Dabei waren es vor allem die Schädel, auf die Kyknos es abgesehen hatte. Das Beutegut im herkömmlichen Sinn nahm der Kopfjäger nur deshalb an sich, weil sonst niemand da war, der das hätte tun wollen. Die Wertgegenstände eines erschlagenen Wanderers zu missachten und zusammen mit allen anderen für den Bau des Schädel-Monuments irrelevanten Teilen desselben, also des Wanderers, auf den Müll zu werfen, wäre Kyknos irgendwie frevelhaft und undankbar vorgekommen.

Indem Herakles sich dem Turmbau näherte, versuchte er, die von der Sonne gebleichten Gehirn-Zellen zu zählen, doch ließ er von dem für ihn schwierigen Unterfangen beinahe erleichtert ab, als er feststellte, dass die Zahl der bizarren Bausteine um ein Vielfaches höher war, als die höchste Zahl, die ihm sein Lehrer zuletzt noch hatte einbläuen können, bevor Herakles ihn erschlagen hatte. Der Sohn von Zeus und Alkmene war kein einfacher Schüler gewesen.

Nun also kam Herakles dieser Kyknos in die Quere, der von seiner Schädel-Stätte behauptete, es handele sich um ein Bauwerk zum höheren Ruhme des Gottes Ares, welcher ein großer und schrecklicher Kriegsgott sei und von ihm Vater genannt werde. Um den Tempelbau zu vollenden, benötige er nur noch einen letzten Schädel und da komme ihm der des Herakles gerade zupass.

Als der Kampf begann, stand die Sonne im Zenit, warf aber schon lange Schatten, als er endlich entschieden war und nicht Herakles‘, sondern Kyknos‘ Kopf den höchsten Punkt des mythischen Ossuariums an der jetzt ein wenig gefahrloser zu befahrenden Fernstraße zwischen Thermopylai und Tempe bildete – wahrscheinlich halb zu Ehren und halb zur Besänftigung einer Furcht und Schrecken verbreitenden Gottheit, dachten nicht wenige Reisende, während andere meinten, es handele sich womöglich um ein Kunstwerk. Land-Art oder Skulpturen-Weg hätten sie vielleicht gesagt, wenn sie davon schon eine Ahnung gehabt hätten.