Warum Ödipus das Rätsel der Sphinx lösen musste, ob er konnte oder nicht

Als Ödipus auf dem Weg nach Theben an der Sphinx vorbei musste, blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als die rätselhafte Frage, die sie ihm stellte, richtig zu beantworten. Denn die Prophezeiung des apollinischen Orakels zu Delphi war erst zur Hälfte in Erfüllung gegangen. Schon (und eben erst) hatte Ödipus, freilich ohne zu wissen, was er tat, seinen Vater Laios erschlagen. Doch noch hatte er nicht versehentlich (auch vorsehentlich) mit seiner Mutter zwei Söhne und zwei Töchter als die eigenen Halbbrüder und -schwestern gezeugt.

Wer oder was das wohl sein könne, welches, mit einer Stimme begabt, erst vierbeinig sich fortbewege, bald darauf zweibeinig und dreibeinig werde, wollte die Sphinx von ihm wissen. Der Mensch, hörte Ödipus sich sagen, während er sich fragte, wen oder was er da eigentlich vor sich hatte: Eine leomorphe Femme fatale? Eine vom Aussterben bedrohte Großkatze? Einen misslungenen Vogel Greif? Am Anfang krabbelt er auf allen Vieren, dann geht er auf zwei Beinen und endlich nimmt er als eine Art drittes Bein einen Stock zur Hilfe, so Ödipus weiter. War er es, der da sprach oder sprach der Mythos aus ihm?

Wie soll ich wissen, was ich weiß, bevor ich höre, was ich sage. Damit der Kreis ein vollständiger Kreis ist, muss er sich schließen. In der Sprache gibt es ein Prinzip der Selbstvervollständigung mit Hilfe des Autors, notiert der Philosoph. Die Prophezeiung des Delphischen Orakels ist erst dann in Erfüllung gegangen, wenn sie in Erfüllung gegangen ist. Die Sphinx hat keine Chance, wenn ihr Obsiegen dem im mythologischen Drehbuch vorgesehenen speziellen Unhappy End der Geschichte im Wege stünde.