Eine Kopfgeburt

Hebammen, aber nicht nur diese, wird es vielleicht interessieren: Der erste Geburtshelfer war Hephaistos, der den ersten Kaiserschnitt am Götter-Kaiser Zeus mithilfe einer Axt ausgeführt hat. Die Axt, die von Hephaistos eigens zu diesem Zweck erfunden und hergestellt worden war, diente ihm dazu, Zeus von seinen unerträglichen Kopfschmerzen zu befreien, indem er seinem Stiefvater auf dessen Geheiß den Schädel spaltete. Zur Götter-Welt kam in voller Rüstung, mit dem Speer in der Hand und einem Schlachtruf auf den Lippen, Pallas Athene. Was ging dieser an Dramatik kaum zu überbietenden Kopfgeburt voraus?

Um ihn vor den Nachstellungen seines Vaters Kronos zu schützen, hatte Rhea ihren Jüngsten auf Kreta in Sicherheit gebracht. Dort lernte Zeus Metis, eine Art Seejungfrau oder Okeanide, kennen, wobei von Jungfrau nicht wirklich, vom Ozeanischen dagegen sehr wohl die Rede sein konnte. Denn Metis war es, die Zeus in die Kunst der Liebe und des Liebens einführte. Welche Stellungen und Tricks sie ihrem göttlichen Eleven beigebracht hat, können wir nur ahnen. Das Resultat aber ist allgemein bekannt. Zeus sah sich fortan dazu gezwungen, das von, bei und mit Metis Gelernte ein ums andere Mal an und mit ständig wechselnden Objekten seiner Begierde in einem nicht enden wollenden Trainingsprogramm zu wiederholen und womöglich zu perfektionieren. Doch erst einmal musst er sich den Schädel spalten lassen. Denn Metis war ihm nicht nur ins Gemächt, sondern am Ende auch noch in den Kopf gestiegen. Und das kam so:

Metis war auf Kreta schwanger geworden und kündigte dem Mitverursacher ihrer zukünftigen Mutterschaft an, falls sie einen Buben im Leib trage, würde dieser mächtiger, im Fall einer Tochter jene klüger als der Vater sein. Da Zeus zwar Götter unter und gerade noch neben, aber niemals über sich dulden mochte, beschloss er, sich Metis samt der in ihr enthaltenen Gefahrenquelle einzuverleiben, obwohl er doch hätte wissen müssen, dass das Verschlingen potentieller Widersacher auch für seinen Vater Kronos (noch dazu dank Metis‘ klugem Rat) keine nachhaltige Lösung gewesen war. Metis kam der Absicht ihres Verfolgers insofern entgegen, als sie sich auf ihrer Flucht erst in eine lange Reihe verschiedener Tiere, zuletzt aber in eine Fliege verwandelte, die von Zeus gefangen und verschluckt werden konnte.

Erst als der Fliegenfänger samt Fliege Metis die Insel Kreta längst wieder verlassen, zusammen mit seinen Geschwistern die Titanen besiegt und sich mit Hera als seiner Ehefrau im Olymp etabliert hatte, erst da begannen die Kopfschmerzen. Der Weg aus Zeus‘ Magen bis hinauf unter seine Hirnschale scheint für die Schwangere in Fliegengestalt lang und beschwerlich gewesen zu sein. Als sie es endlich geschafft hatte, brannte alsbald Töchterchen Pallas Athene darauf, seinen Platz im Olymp einzunehmen. Für den Vater, dessen Gedanken-Palast zum anderen Uterus geworden war, muss sich das angefühlt haben, als habe er höllische Kopfschmerzen. Was aus Metis geworden ist, wissen die Götter und vielleicht nicht einmal die.