Wer bitte ist Alkeides oder: Wie einer durch Hera vom Paulus zum Saulus wurde

Alkeides, hol jetzt bitte die Kuh vom Dach und danach pflanzt du die Olivenbäume wieder ein, die du beim Nachbarn gestern ausgerissen hast. Und du weißt selbst, wie lächerlich es ist zu behaupten, das seist nicht du, sondern dein Bruder Iphikles gewesen. Die so zu ihrem achtjährigen Sohn sprach, war Alkmene, deren Name soviel wie „die Starke“ bedeutete. Womit nach Lage der Dinge nur ihre stoische Ruhe, in der ja bekanntlich jede Menge Kraft liegt, gemeint sein konnte, mit welcher sie die angeborene physische Anomalie ihres Sohnes Alkeides seit seiner Geburt hinnahm, da an dieser nun einmal nichts zu ändern war.

Wenn sich der kindliche Kraftprotz bei Alkmene zuhause aufhielt, was allerdings nur selten vorkam, machte sie sich seine Sonderbegabung zunutze, indem sie ihn zum Beispiel bat, die schweren, aus böotischer Eiche gefertigten Wäsche- und Waffenschränke anzuheben, damit sie darunter saubermachen konnte. Oder Alkeides half seiner Mutter beim Ausmisten der Ställe, ohne zu ahnen, dass er bei dieser agrikulturellen Übung etwas für sein späteres Leben lernte.

Dass Alkeides ein Sohn des Zeus war, wussten außer Zeus und der zwar chronisch, doch niemals grundlos eifersüchtigen Hera nur seine Mutter Alkmene und ihr Ehemann Amphitryon, als dessen Sohn Alkeides offiziell galt. Der genealogischen Camouflage diente es auch, dass man den neugeborenen Halbgott nach Amphitryons Vater Alkaios Alkeides oder Alcides und nicht nach Zeus‘ Vater Kronos Krontiados oder Kronides nannte. Erst Jahre später, als sich längst herumgesprochen hatte, wer Alkeides in Wahrheit war, taufte ihn Pythia, die Priesterin des delphischen Orakels, auf seinen eigentlichen, mythologisch korrekten Namen, dessen Sinn umschrieben werden kann mit „der durch seine Verfolgung durch Hera Ruhm erlangt“, also auf den Namen Herakles. Der Umbenennung waren dramatische und folgenreiche Ereignisse vorausgegangen, die eine nominelle Aufrechterhaltung des Scheins bürgerlicher Normalität und Harmlosigkeit nach Pythias Dafürhalten nicht mehr zuließen. Wo ein berechtigtes Interesse am Schutz persönlicher Daten in Zynismus umschlägt, wird es Zeit, dass man die Dinge, sprich: den Heroen beim Namen nennt, soll sie gegenüber Apollon geäußert haben. Was war geschehen?

Nachdem Herakles alias Alkeides im Zuge seiner ontogenetischen Virilisierung in fünfzig aufeinanderfolgenden Nächten fünfzig Jungfrauen, allesamt Töchter von Thespios und Megamede, nicht nur defloriert, sondern bei dieser Gelegenheit auch noch geschwängert hatte, glaubte er, sich das Horn soweit abgestoßen zu haben, dass er desillusioniert genug sein würde, um eine halbwegs normale Ehe führen zu können. Da kam es ihm gerade recht, dass Kreon, König von Theben, ihn aus Dankbarkeit für die rabiate Schlichtung eines alten Streits – eine Schlächterei, die Kreon unterm Strich um ein paar Tausend Rinder reicher machte – seine Tochter Megara zur Gattin gab. Und weil doppelt genäht und geehelicht besser halten soll, heiratete Iphikles, Herakles‘ oben bereits kurz erwähnter Halb-Zwillingsbruder, im festlichen Rahmen einer Doppelhochzeit Kreons jüngste Tochter, deren mythologische Akte wohl verloren gegangen ist, da ihr Name nirgends Erwähnung findet.

Alkeides alias Herakles zeugte mit Megara fürs erste die drei Söhne Therimachos, Kreontiades und Deikoon. Dann aber begab es sich, dass die nach wie vor grollend eifersüchtige Hera das Familienglück, das mit dem Seitensprung ihres Gatten Zeus seinen Ur-Anfang genommen hatte, nicht länger ertragen zu können glaubte. Bevor ich wahnsinnig werde, soll lieber dein Bastard es werden, sagte sie zu Zeus, woraufhin besagter Bastard im Wahn der Hera seine eigenen Kinder und die des Iphikles ins ewig lodernde Feuer der halb-olympischen Kochstelle warf.

Als sich der paranoide Kindsmörder wenig später an das delphische Orakel wandte, um zu erfahren, wie er den Schaden wiedergutmachen könne, bekam er von der Apollon-Priesterin Pythia die erstaunlich unmissverständliche Auskunft, Absolution könne ihm erst erteilt werden, wenn er fortan auf den Namen Herakles höre, und wenn er außerdem und vor allem nach Tiryns in der Nähe von Mykene gehe, um dort im Dienst des Eurystheus zwölf Jahre lang alles zu erledigen, was dieser von ihm verlange, und zwar unverzüglich und ohne Widerrede, selbst wenn er die Aufträge im ersten Moment für unausführbar halte. Für einen Sohn des Zeus sei nichts unmöglich, sagte Pythia, indem sie Herakles zum Abschied auf die starke Schulter klopfte und ihm mit einem Never say never again! den Weg nach Tiryns wies.

Zwei zeitweilige Entführungen und ein noch nicht diagnostizierbarer Fall von paranoider Schizophrenie

Kein Sitzfleisch hat, wie man so sagt, der oder die, die oder der es nicht lange im Sitzen aushält, weshalb die unter einem Mangel an Sitzfleisch Leidenden weder eine Karriere als Akademiker noch eine als Taxifahrer (was in bestimmten Studienfächern mitunter auf dasselbe hinausläuft) anstreben sollten.

Nicht mehr im vollen Besitz seines Sitzfleischs war im wörtlichen Sinn Peirithoos, nachdem er von Herakles unsanft, da notgedrungen gewaltsam von seiner Sitzgelegenheit getrennt, um nicht zu sagen: abgetrennt worden war. Peirithoos‘ halber Hintern blieb an der Meditations-Bank hängen, auf der er eine unbestimmbare Zeit lang neben seinem Freund Theseus gedankenverloren und in unterweltvergessener mentaler Leere gesessen hatte. Nun stand diese Bank aber nicht irgendwo, sondern der Sage und mancherlei Schreibe nach im Hades, gleich links jenseits der Eingangstür.

Herakles war jedoch nicht gekommen, um die beiden Angewachsenen aus Ihrer auf Dauer gestellten meditativen Zwangs-Lage zu befreien – das erledigte er en passant und für ein Vergelt’s Zeus. Der wahre Grund für seinen Abstieg in die Unterwelt war, dass er den dreiköpfigen Höllenhund Kerberos mitnehmen wollte. Hades, der Hundehalter, hatte sein Einverständnis gegeben, nachdem Herakles versprochen hatte, das Tier beziehungsweise Untier nach spätestens drei Tagen wieder zurückzubringen. Was das Ganze eigentlich sollte, war schwer zu sagen. Dass es als unmöglich galt, den Kerberos aus dem Hades zu holen, hatte den arglistigen Eurystheus, König von Argos, wahrscheinlich dazu veranlasst, eben dieses von Herakles zu verlangen.

In insgesamt zwölf Fällen das Unmöglich möglich zu machen, war das, was das Delphische Orakel Herakles in einer Sprechstunde geraten oder verordnet hatte. Konkret gesagt: Zwölf Jahre lang sollte er Eurystheus dienen und in diesem Jahrzwölft zwölfmal das tun, was dieser von ihm verlangte, nämlich einen kaum zu erlegenden Löwen erlegen, den damals schon sprichwörtlich gewordenen Rinder-Saustall des Augias ausmisten und so weiter und so fort bis hin zum Herbeischaffen von Kerberos, dem Wachhund am Eingang zur Unterwelt. Und das alles nur deshalb, weil Herakles in paranoider Verblendung seine Frau Megara und die gemeinsamen Kinder umgebracht hatte. Anstelle von Neuroleptika verschrieb Pythia, die Chef-Priesterin des Orakels, in Vorwegnahme der homöopathischen Behandlungsmethode absurde Taten als Mittel gegen die psychischen Folgen einer absurden Tat.

War es bei Herakles letztlich oder erstlich seine, wie man heute sagen würde, in wiederkehrenden Schüben zum Ausbruch kommende paranoide Schizophrenie gewesen, die ihn in den Hades geführt hatte, so waren Theseus und sein Freund Peirithoos im unterirdischen Jenseits nur deshalb mit dem Hintern an ihren Sitzplätzen angewachsen, weil Peirithoos sich ein Tête-à-Tête mit Persephone, der Gattin des Hades und Co-Göttin desselben, in denselben, also in den Kopf gesetzt hatte. Da der Freund dem Freunde zuvor dabei geholfen hatte, die noch nicht zur Miss Antike avancierte Helena zeitweise und wie zur Gewöhnung ans Entführt-Werden zu entführen, wollte nun auch Theseus Peirithoos zur Seite stehen, wenn dieser im Hades vor Hades trat, um ihn zu fragen, ob er ihm nicht seine Frau für ein oder zwei Stunden zur Verfügung stellen würde. Hades sagte weder ja noch nein, sondern bat die beiden präpotenten Knallköpfe, doch für einen Moment Platz zu nehmen, während er sich bei Persephone erkundigen wolle, was sie von Peirithoos‘ Ansinnen halte.

Aber was heißt es im Jenseits der Unterwelt schon, für einen Moment Platz zu nehmen. Tausend Jahre sind bekanntlich für (einen) Gott wie der gestrige Tag. Und da man im Hades nicht mehr sterben kann, säßen sie dort heute noch, wäre nicht zufällig mit Herakles ein dritter Irrer vorbeigekommen, um der Idiotie ein Ende zu bereiten, indem er die beiden vom Hocker riss. Peirithoos musste dabei Federn in Form von Sitzfleisch lassen, Theseus scheint die Operation unbeschadeter überstanden zu haben, wobei einige Märchenerzähler sagen, es sei genau anders herum gewesen.

Blutige Blutsbande oder Rücksturz ins Chaos

Es waren zwei Königskinder, Atreus und Thyestes, die hatten einander überhaupt nicht lieb. Und hätten sie nicht doch immer wieder beisammen kommen können, wie es in der bekannten Ballade heißt, wären ihrer familiären Umgebung etliche Un- und Gräueltaten erspart geblieben. Aber von Anfang an waren A&T ebenso unzertrennlich wie einander unsterblich (mithin mythologisch) verhasst.

Ihr Aufeinander-fixiert-Sein ergab sich zunächst aus der trivialen Tatsache, dass sie Zwillinge waren. Wer weiß, was in der Psyche eines Embryos vor sich geht. Im Fall von Atreus und Thyestes kann es nichts Gutes gewesen sein, denn bei ihrer Geburt sollen sie wie zwei Ringer ineinander verkrallt gewesen sein, so dass man Mühe hatte, sie zu trennen.

Wie es danach mit den pervers altruistisch Begabten weiterging, ist im Detail nicht zweifelsfrei rekonstruierbar. Dass man sie räumlich voneinander getrennt aufgezogen hat, scheint nichts genützt zu haben. Postnatal gingen sie sich zwar nie wieder unmittelbar an die Gurgel, mittelbar ließen sie aber keine Gelegenheit aus, um einander Ungutes zu tun. Thyestes betrog, wenn man so will, Atreus mit dessen Frau Aërope und stahl ihm darüber hinaus ein goldenes Lammfell, das er dann für einen weiteren Verrat an seinem Zwillingsbruder einsetzte – mit dem Resultat, dass zunächst er, Thyestes, und nicht Atreus König von Mykene wurde. Nachdem Atreus mit Hilfe von Zeus dann seinerseits die Herrschaft ertrickst und Thyestes das Land verlassen hatte, kehrte für kurze Zeit Ruhe ein.

Als Atreus aber, spät genug, dahinterkam, dass seine Frau Aërope ein Verhältnis mit seinem Zwillingsbruder gehabt hatte, war ihm das ein willkommener Anlass, um die pränatale Feindschaft wieder aufleben zu lassen. Angeblich um sich mit ihm zu versöhnen, lud Atreus Thyestes zu einem intimen Mahl der Verbrüderung ein. Aufgetragen und von Thyestes unwissentlich verspeist wurden Thyestes‘ Söhne, die den Vater nach Mykene begleitet hatten. Das Servieren von Jüngling-Fleisch hatte in der Familie Tradition. Schon Pelops, der Vater von Atreus und Thyestes, Großvater der Aufgetischten, war von seinem Vater Tantalos den Göttern kredenzt, von diesen aber nicht verzehrt, sondern repariert worden. Im Falle von Thyestes‘ Söhnen war der Schaden jedoch irreparabel.

Statt seinem Bruder an die Kehle, ging Thyestes nach Delphi, um sich dort von Pythia beraten zu lassen. Und statt zu orakeln, sagte die leitende Priesterin klipp und klar, es wäre wohl das beste, wenn Thyestes mit seiner Tochter Pelopeia einen Sohn zeugte, der werde dann mit Atreus abrechnen, was Aigisthos, wie der geborene Rächer hieß, zu guter oder schlechter Letzt auch tat.

Es war der römische Philosoph und Schriftsteller, der Nero-Berater Seneca, der angesichts der von Atreus und Thyestes zu verantwortenden Gräueltaten in seinem Drama Thyestes einen Rückfall in den Naturzustand vor der Natur, ins noch vorbarbarische Chaos sich abzeichnen sah: „Es zittern, zittern die Herzen, von großer Furcht durchbebt: daß in schicksalhaftem Einsturz das All erschüttert wanke und abermals über Götter und Menschen komme das gestaltlose Chaos, daß abermals Erde, Meer und Feuer und die kreisenden Gestirne des sternenbestickten Firmamentes die Natur überflute.“