Romeo und Julia auf dem Schlachtfeld vor Troja

Was Patroklos, einen der prominenten griechischen Kämpfer vor Troja, und Polyxena, die jüngste Tochter des Königs der belagerten Stadt, verbindet, ist die durch Teile der Mythologie voll und ganz verbürgte Tatsache, dass sie wahrscheinlich beide von einem gemeinsamen Dritten, nämlich von Achilleus, geliebt worden sind. Während an Achills Liebe zu Patroklos kaum gezweifelt werden kann, lässt die Beziehung zwischen dem Griechen und der trojanischen Prinzessin unterschiedliche Sichtweisen zu oder, richtiger gesagt, je nach Sichtweise stellt sich diese Beziehung entweder als mehr oder weniger große Liebe oder als nicht existent dar.

Einem Mythen-Kolporteur unserer Tage dürfte es in Anlehnung an kursierende Gerüchte nicht schwer fallen, sich festzulegen und zu fabulieren: Achill war zwar ein monströser Schlächter, aber Polyxena hat ihn rätselhafterweise geliebt und er liebte sie. Und wer eine Tochter des Erzfeinds in sein Herz schließt, kann kein ganz schlechter Mensch sein. Homer dagegen kennt nicht einmal den Namen der Prinzessin und erst recht weiß er nichts von einer Liebe seines Haupt- und Parade-Helden Achilleus zu ihr. Seine Geschichte des trojanischen Kriegs beginnt mit einem Fanfarenstoß, der den Zorn des Achill ob der Tötung seines geliebten Freundes Patroklos annonciert. Die ganze Ilias ist, wenn man so will, nichts anderes als die Transformation dieses initialen Signals einer Zorn gewordenen Freundes-Liebe in episch sich fortpflanzende Hexameter-Wellen.

Betrachtet man demgegenüber die detailreichen paramythologischen Geschichten und bildlichen Darstellungen, die von dem erzählen, was sich zwischen Polyxena und Achill vor, bei und nach dessen Tod abgespielt haben soll, dann drängt sich der Verdacht auf, dass es sich beim Schweigen Homers in Bezug auf Polyxena um ein gleichermaßen beredtes wie poetologisch weises Schweigen handelte, um ein Tot- und Verschweigen von etwas, das nicht sein konnte, weil es (noch) nicht sein durfte. Romeo und Julia auf dem Schlachtfeld vor Troja: Der Konflikt zwischen dem Ethos des heroischen Sippen-Krieges und der höheren Moral der Liebe war für Homer, so wird man vermuten dürfen, ein Stoff, für dessen inhaltliche Auf- und formale Zubereitung er die Zeit noch nicht für gekommen hielt.

„Willst du schon gehn, Achill? Der Tag ist ja noch fern. / Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche, / Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang; / Sie singt des Nachts auf dem Oliv’baum dort. / Glaub‘, Lieber, mir: es war die Nachtigall.“ Um solches oder ähnliches aus dem Munde einer Polyxena zu vernehmen, mussten, das war Homer klar, erst noch etliche Sänger- und andere Kriege gewonnen und verloren werden.