Poseidon – zwischen Mythos und kafkaesker Wirklichkeit

Amphitrite wollte ihn erst nicht haben und lief vor ihm davon zu Atlas, dem Träger der Himmels-Kugel, oder vielleicht auch nur ins Atlas-Gebirge. Als dann ein Delphin oder ein gewisser Delphinos sie zu ihm zurück brachte, überlegte Amphitrite es sich anders und wurde seine Frau. Mag sein, dass der poppig gelbe, submarine Kristallpalast, in dem er wohnte, bei ihrem Sinneswandel eine Rolle gespielt hat.

Die kryptische Rede ist oder war von Poseidon, dem Gott des Meeres, der als großer Pferde-Freund den Beinamen Hippios trug. Derart ausgeprägt war seine Hippophilie, dass er sogar zwei Pferde gezeugt hat, eines davon quasi natürlich in Gestalt eines Hengstes und, wie es sich gehört, mit einer Stute, die aber eigentlich seine Schwester-Göttin Demeter war, möglicherweise auch seine Gattin Amphitrite – als Stuten betrachtet, sehen Frauen, insbesondere aus der Sicht eines Hengstes, einander sehr ähnlich. Areion oder Arion, der aus dieser Besamung hervorging, hätte eigentlich sagen können müssen, wer seine Mutter war, denn es handelte sich bei ihm um ein Pferde-Wunder oder Wunder-Pferd, das sprechen und bis hundert zählen konnte. Wahrscheinlich hat ihn einfach niemand danach gefragt.

Mit Amphitrite, die Poseidons Dreizack nach der Eheschließung nur noch aus der Hand gab, wenn ihr Gemahl von einem Maler oder Bildhauer porträtiert werden sollte, hatte Poseidon den Sohn Triton, man nannte ihn einen Kentauren des Meeres, und die Töchter Rhode und Benthesikyme. Mit dem Dreizack konnte man oder frau übrigens Blitze, Erdbeben und kleinere Sintfluten machen.

Liebschaften hatte Poseidon wie sein Bruder Zeus jede Menge, wobei eine amouröse Drift ins Monströse nicht zu übersehen ist. So zeugte er in einem Tempel der Pallas Athene mit Medusa den Pferde-Vogel Pegasus, der allerdings erst zur Welt kam, nachdem die beim Liebesakt noch schöne Schwangere von Athene, der Herrin der Liebeslaube, wegen deren Verunreinigung in ein Ungeheuer verwandelt worden war, welchem dann Perseus, um Pegasus‘ Geburt einzuleiten, noch den Kopf abschlagen musste.

Mit der Meeresnymphe Thoosa zeugte Poseidon den einäugigen Riesen Polyphem, mit seiner Großmutter Gaia den an die dreißig Meter hohen Riesen Antaios, mit oder ohne Euryale den riesenhaften Jäger Orion, bei dessen Erzeugung neben Poseidon auch noch Zeus und Hermes, vielleicht auch Ares beteiligt gewesen sein sollen.

Als Atlantis noch nicht Atlantis hieß, machte Poseidon dort eine Entdeckung namens Kleito, die ihm danach eine Fünfer-Serie von Zwillingspärchen gebar. Atlas, ein Namensvetter des Sphären-Trägers, wurde als Erstgeborener König des Inselreichs, das von da an den wohlklingenden Namen Atlasantis trug. Was Platon, der mit der Kunst und dem Schönen bekanntlich ein Problem hatte, nicht gefiel, weshalb er Atlasantis zu Atlantis verschliff, eine angeblich sprachergonomisch gebotene Verunstaltung, die bis heute nicht korrigiert worden ist.

Die Affären, die Poseidon darüber hinaus und nebenbei mit etwelchen namenlosen Nymphen hatte, sind Legion und können hier unter ferner liefen rubriziert werden. Noch erwähnenswert ist dagegen vielleicht eine homoerotische Beziehung zu Pelops, den Poseidon als Kleinkind beinahe verspeist hätte, weil sein Vater Tantalos ihn anlässlich einer Einladung der Götter zu sich nach Hause aus dubiosen Gründen als Vorspeise servieren ließ.

Nach Franz Kafka sind diese Amouren, oder wie man es nennen will, frei erfunden, wie auch die Vorstellung, dass Poseidon „immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere“, nichts mit der Wirklichkeit zu tun habe. In Wahrheit nämlich sitzt Kafkas Poseidon in der Tiefe des Meeres und ist mit Berechnungen und der Erstellung von neuerdings vorwiegend klimatologischen Statistiken im Rahmen der Gewässerverwaltung beschäftigt. Unterbrochen wird dieses eintönige Leben nur von gelegentlichen Dienstreisen zu Zeus, von denen er fast immer wütend zurückkehrt. So habe er „die Meere kaum gesehn, nur flüchtig beim eiligen Aufstieg zum Olymp, und niemals wirklich durchfahren.“ Und er pflege zu sagen, sagt Kafka, „er warte damit bis zum Weltuntergang, dann werde sich wohl noch ein stiller Augenblick ergeben, wo er knapp vor dem Ende nach Durchsicht der letzten Rechnung noch schnell eine kleine Rundfahrt werde machen können.“

Blutige Blutsbande oder Rücksturz ins Chaos

Es waren zwei Königskinder, Atreus und Thyestes, die hatten einander überhaupt nicht lieb. Und hätten sie nicht doch immer wieder beisammen kommen können, wie es in der bekannten Ballade heißt, wären ihrer familiären Umgebung etliche Un- und Gräueltaten erspart geblieben. Aber von Anfang an waren A&T ebenso unzertrennlich wie einander unsterblich (mithin mythologisch) verhasst.

Ihr Aufeinander-fixiert-Sein ergab sich zunächst aus der trivialen Tatsache, dass sie Zwillinge waren. Wer weiß, was in der Psyche eines Embryos vor sich geht. Im Fall von Atreus und Thyestes kann es nichts Gutes gewesen sein, denn bei ihrer Geburt sollen sie wie zwei Ringer ineinander verkrallt gewesen sein, so dass man Mühe hatte, sie zu trennen.

Wie es danach mit den pervers altruistisch Begabten weiterging, ist im Detail nicht zweifelsfrei rekonstruierbar. Dass man sie räumlich voneinander getrennt aufgezogen hat, scheint nichts genützt zu haben. Postnatal gingen sie sich zwar nie wieder unmittelbar an die Gurgel, mittelbar ließen sie aber keine Gelegenheit aus, um einander Ungutes zu tun. Thyestes betrog, wenn man so will, Atreus mit dessen Frau Aërope und stahl ihm darüber hinaus ein goldenes Lammfell, das er dann für einen weiteren Verrat an seinem Zwillingsbruder einsetzte – mit dem Resultat, dass zunächst er, Thyestes, und nicht Atreus König von Mykene wurde. Nachdem Atreus mit Hilfe von Zeus dann seinerseits die Herrschaft ertrickst und Thyestes das Land verlassen hatte, kehrte für kurze Zeit Ruhe ein.

Als Atreus aber, spät genug, dahinterkam, dass seine Frau Aërope ein Verhältnis mit seinem Zwillingsbruder gehabt hatte, war ihm das ein willkommener Anlass, um die pränatale Feindschaft wieder aufleben zu lassen. Angeblich um sich mit ihm zu versöhnen, lud Atreus Thyestes zu einem intimen Mahl der Verbrüderung ein. Aufgetragen und von Thyestes unwissentlich verspeist wurden Thyestes‘ Söhne, die den Vater nach Mykene begleitet hatten. Das Servieren von Jüngling-Fleisch hatte in der Familie Tradition. Schon Pelops, der Vater von Atreus und Thyestes, Großvater der Aufgetischten, war von seinem Vater Tantalos den Göttern kredenzt, von diesen aber nicht verzehrt, sondern repariert worden. Im Falle von Thyestes‘ Söhnen war der Schaden jedoch irreparabel.

Statt seinem Bruder an die Kehle, ging Thyestes nach Delphi, um sich dort von Pythia beraten zu lassen. Und statt zu orakeln, sagte die leitende Priesterin klipp und klar, es wäre wohl das beste, wenn Thyestes mit seiner Tochter Pelopeia einen Sohn zeugte, der werde dann mit Atreus abrechnen, was Aigisthos, wie der geborene Rächer hieß, zu guter oder schlechter Letzt auch tat.

Es war der römische Philosoph und Schriftsteller, der Nero-Berater Seneca, der angesichts der von Atreus und Thyestes zu verantwortenden Gräueltaten in seinem Drama Thyestes einen Rückfall in den Naturzustand vor der Natur, ins noch vorbarbarische Chaos sich abzeichnen sah: „Es zittern, zittern die Herzen, von großer Furcht durchbebt: daß in schicksalhaftem Einsturz das All erschüttert wanke und abermals über Götter und Menschen komme das gestaltlose Chaos, daß abermals Erde, Meer und Feuer und die kreisenden Gestirne des sternenbestickten Firmamentes die Natur überflute.“

Wer Laios tötet, weiß niemals wirklich, was er tut

Wie Christus kein Christ und Marx kein Marxist war, so hatte Ödipus keinen Ödipuskomplex. Wenn im Anfang das Wort war, dann war aber schon vor dem Anfang die noch namenlose Tat, und wo keine Tat war, das Chaos. Die chaotische Tat des Ödipus, deren psychischen Hintergrund Sigmund Freud ein paar Generationen später einen Ödipuskomplex nannte, bestand aus zwei Komponenten: aus einem Totschlag und einem Beischlaf. Es liegt in der Natur der Sache, also des Menschen, dass der eine singulär blieb, während der andere notorisch wurde.

Beschlafen wurde von Ödipus seine Mutter Iokaste, totgeschlagen sein Vater Laios. Bekanntermaßen wusste Ödipus in beiden Fällen nicht wirklich, was er tat. Zum vollen Bewusstsein der Wirklichkeit seines Handelns hätte es gehört, dass Ödipus sich beim Vollzug der Taten darüber im klaren gewesen wäre, in welchem genealogischen Verhältnis er zu seinem jeweiligen Gegenüber stand. Auf einer sehr abstrakten Ebene läge ein Ödipuskomplex also immer dann vor, wenn eine handelnde Person nicht im vollen Bewusstsein der situativ-kontextuellen Implikationen agiert – also praktisch immer und überall. Obwohl Freud es wohl etwas anders gemeint hat.

Um wirklich zu wissen, was er tat, als er jenen älteren Mann, mit dem er bei der Überquerung eines Wasserlaufs in Streit geriet, kurzerhand totschlug, hätte Ödipus nicht nur wissen müssen, dass der Mann Laios hieß und sein Vater war. Sondern es hätte ihm zumindest auch noch bekannt und bewusst sein sollen, dass der Vater ihn vor Jahren nur widerwillig gezeugt hatte, weil sein erotisch-sexuelles Hauptinteresse damals dem schönen Jüngling Chrysippos, dem Sohn von Pelops, König von Pisa, galt. Den hatte Laios mit Pelops‘ Einverständnis mit nach Theben genommen, da in Pisa dicke Luft war. Denn Atreus und Thyestes, die beiden älteren Halbbrüder von Chrysippos (dessen Mutter eine Baum-Nymphe war), machten dem von Pelops Bevorzugten das Leben zum Hades. Und so weiter und so fort. Einmal mehr wird deutlich, dass und wie alles mit allem zusammenhängt, anders gesagt: dass ein (wenigstens männliches) Dasein ohne Ödipuskomplex (wenigstens im abstrakten Sinn) praktisch nicht möglich ist.

Wenn er die Wette verloren hätte, hießen die Pelops-Inseln nicht die Peloponnes

Dass es eigentlich die Peloponnes beziehungsweise die Peloponnesos heißen muss, wissen die wenigsten, wobei der Artikel nicht das grammatische Geschlecht im Singular anzeigt, sondern den geschlechtsneutralen Plural. Denn Peloponnes heißt soviel wie Pelops-Inseln, also die Inseln des Pelops, Sohn des Tantalos. Der hatte, warum auch immer, seinen Sohn und späteren Namensgeber des südlichen Teils von Griechenland den Göttern aufgetischt, als diese zum ersten und letzten Mal bei ihm eingeladen waren. Bis auf Demeter, die gedankenverloren ein Schulterstück verzehrte, nahm aber keiner der olympischen Gäste einen einzigen Bissen zu sich. Stattdessen verbannte man Tantalos in den Tartaros und rekonstruierte Pelops als schönen Jüngling mit einer Schulterprothese aus Elfenbein. Offenbar waren die nicht zum möglichen Verzehr vorgesehenen Teile in der Küche oder wo auch immer wiedergefunden worden.

Es ist nicht zu leugnen, dass Pelops von seinem Vater übel mitgespielt worden war. Dies allein rechtfertigt jedoch kaum, dass der von den Göttern Wiederbelebte Jahre später einen üblen Trick anwandte, um Oinomaos, seinen Schwiegervater in spe, bei einem Wagenrennen zu besiegen und damit in den Besitz von dessen Tochter Hippodameia samt Königreich zu gelangen. Ohne die unsportliche Manipulation des königlichen Streitwagens wäre Pelops Kopf aber sehr wahrscheinlich der dreizehnte gewesen, der, an Oinomaos‘ Haustür genagelt, signalisiert hätte: Hier wohnt einer, mit dem man besser nicht um die Wette fährt, falls es sich bei dem, was man bei dieser Wettfahrt aufs Spiel zu setzen bereit ist, um das eigene Leben handelt.

Tantalos – mit den Göttern vermeintlich auf Augenhöhe

An Tantalos scheiden sich die Geister. Sicher scheint nur, dass die Götter an ihm ein Exempel statuiert haben. Im Tartaros, dem Hades im Hades, leidet er an ewig unstillbarem Hunger und Durst, obwohl Wasser und Brot in Reichweite zu sein scheinen – aber nur, solange Tantalos von der scheinbaren Möglichkeit des Essens und Trinkens keinen Gebrauch zu machen sucht. Will er trinken, verschwindet das feuchte Nass, will er essen, entziehen die Früchte sich seinem Zugriff. Dazu leidet er unter der ständigen Angst, von einem über ihm hängenden Stein erschlagen zu werden, weil er nicht weiß, dass die Götter ihn unsterblich gemacht haben. Denn wie alle Lust, so will auch alle Qual, sofern sie von einem Gott herrührt, Ewigkeit.

Worin bestand Tantalos‘ Vergehen? Die einen sagen, er habe mit seinem Reichtum als König von Lydien (an der Westküste Kleinasiens, gegenüber von Lesbos, Chios und Samos) zu sehr angegeben und zu allem Überfluss noch behauptet, sein Vater sei Gott Zeus persönlich. Der sei nämlich, habe Tanatalos nämlich behauptet, seiner Mutter im Traum erschienen und habe sie bei dieser Gelegenheit geschwängert. Andere meinen achselzuckend, wer Herakles beim wettkampfmäßigen Fang den Stein austrickse, brauche sich nicht zu wundern, wenn dessen Vater Zeus ihm bis in alle Ewigkeit zeige, wo der Hammer hängt.

Eine dritte Gruppe von gelehrten Kennern der Götter- und Menschen-Psyche vertritt die zunehmend unpopuläre Ansicht, es könne nicht gutgehen, wenn einer versuche, dem oder den Erhabenen auf Augenhöhe zu begegnen. Sich von den Göttern einladen und bewirten zu lassen, sei fragwürdig genug, sie dann im Gegenzug zu sich einzuladen, der reine Größenwahnsinn. Wenn Tantalos im späteren Verlauf der Gegeneinladung seinen Sohn Pelops für eine geeignete Götterspeise gehalten habe, dann erhärte das den Verdacht, dass er als einer der ersten Modernen ontologische Unterschiede für bloße Konstrukte hielt. Die berühmt-berüchtigten Tantalos-Qualen sind im Lichte dieser Deutung der Ereignisse die göttliche Strafe für die Leugnung des Unterschieds zwischen dem Realen und dem Hypostasierten oder bloß Konstruierten.