Glaukos und Polyidos oder: Man sollte seinem Lehrer auch und gerade dann nicht in den Mund spucken, wenn dieser einen dazu auffordert

Damit er die von ihm erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten in der Kunst der Futurospektion niemals wieder vergessen und verlieren werde, müsse er, der Schüler, ihm, dem Lehrer, zu guter Letzt noch in den Mund spucken, sprach der Seher und Lehrer Polyidos zu seinem Adepten Glaukos. Und auch dieses Mal befolgte Glaukos folgsam die Anweisung seines Mentors und spuckte ihm aus geringer Entfernung in den weit geöffneten Mund. Erst als Polyidos schon wieder in seiner Heimatstadt Argos im Nordosten der Peloponnes angekommen war, bemerkten Minos, König von Kreta, und sein Sohn Glaukos, dass der zwangsverpflichtete Meister-Seher die gerade erst erworbenen prospektiven Fähigkeiten seines Schülers zusammen mit dessen Spucke in sich zurück genommen haben musste, denn bei Glaukos war davon keine Spur mehr vorhanden.

Alles hatte damit begonnen, dass der Knabe Glaukos eines Abends von seinen üblichen Streifzügen durch Knossos nicht wieder nach Hause gekommen war. Nachdem man lange vergeblich nach ihm gesucht hatte, ließ Apollon die Eltern – König Minos und seine Frau Pasiphaë – wissen: wer für die in Minos‘ Stall stehende kuriose Kuh, die dreimal am Tag die Farbe wechselte, einen treffenden Vergleich finde, werde auch den Vermissten finden und ihn letztlich unversehrt an seine Eltern zurückgeben.

Die ortsansässigen Schamanen, Veterinäre, Viehtreiber und Philologen zeigten sich der Aufgabe nicht gewachsen. Erst der im antiken Griechenland weltberühmte Geister- und In-die-Zukunft-Seher Polyidos aus dem fernen Argos verglich in einem gleichfalls weit hergeholten Vergleich die Trikolore-Kuh mit einer Brom- oder Maulbeere, was von Minos für treffend genug gehalten wurde, um Polyides in apodiktischer Manier mit der Wieder-Herbeischaffung seines Sohnes zu beauftragen.

Nachdem ein Seeadler und eine Eule ihm den Weg gewiesen hatten, fand der Seher Glaukos‘ leblosen Körper in einem mit Honig und Glaukos gefüllten Honig-Fass. Bei der Verfolgung seines Balls war der Junge erst in einen Keller und dann in das darin befindliche Fass geraten und einen ungeachtet seiner Süße unangenehmen Tod oder Scheintod gestorben. Alle Wiederbelebungsversuche blieben zunächst erfolglos.

Da ihm von Apollon prophezeit worden war, dass er seinen Sohn unversehrt zurückerhalten werde, war für Minos der Auftrag, den er Polyidos erteilt hatte, noch nicht ausgeführt. Um ihm Gelegenheit zu geben, die Sache ordnungsgemäß zu Ende zu bringen, ließ Minos den Seher zusammen mit seinem bis auf weiteres toten Sohn in die Grabkammer einmauern. Als eine von Polyidos im Halbdunkel der Gruft erschlagene Schlange durch eine zweite Schlange unter Verwendung einer Kräuter-Packung wiederbelebt wurde, gelang es Polyidos in analoger Weise auch den tot geglaubten Glaukos zu reanimieren.

Gewissermaßen zur Belohnung wurde Polyidos ein Ausbildungsvertrag zur Unterschrift vorgelegt. Innerhalb von drei Jahren sollte er Glaukos bei freier Kost und Logis zum Futurologen qualifizieren. Als Polyidos fragte, ob er stattdessen vielleicht auch nach Hause gehen dürfe, erhielt er zur Antwort, dies sei eines jener Angebote, die man nicht ablehnen könne. Polyidos schickte sich in sein Schicksal, aß während der Lehrzeit ein ganzes Fass Honig leer und freute sich auf seine Rache, die entweder süß oder Blutwurst, nach soviel Honig wahrscheinlich die bessere Alternative, sein würde.

Im mythologischen Labyrinth

Um an das Sperma eines Zuchtbullen heranzukommen, verkuppelt man ihn in einer sogenannten Sprunghalle mit einer künstlichen Kuh und füllt den Stoff, aus dem die Nachwuchsträume der Züchter sind, in Plastikröhrchen ab. Denn immer nur ein Sprung pro Kuh wäre die reine Verschwendung, vom Aufwand, den man treiben müsste, um für jede Besamung ein natürliches Rendezvous von Spender und kuhwarmer Empfängerin zu arrangieren, einmal ganz abgesehen.

Wo die Besamung Pasiphaës stattgefunden hat, wissen wir nicht – auf einer Majolika-Schale von 1533 ist zu sehen, wie Daidalos im Freien vor irgendwelchen Gebäuden an jener Kuh-Attrappe aus Holz schnitzt, die zur Herstellung physiologischer Kompatibilität angefertigt werden musste. Er gibt sich dabei offensichtlich mehr Mühe als gemäß heutiger Erfahrung nötig gewesen wäre, um den schönen weißen Stier, nach dem es die Gemahlin von König Minos verlangte, zum Besteigen und Begatten der leblosen Kuh samt der in ihr enthaltenen leibhaftigen Königin zu animieren. Sein alter Naturalisten-Ehrgeiz scheint von Daidalos beim Schnitzen an der Kuh-Kopie erneut Besitz ergriffen zu haben.

Denn über die für diese Arbeit erforderlichen holzbildhauerischen Kenntnisse und Fertigkeiten verfügte Daidalos schon während seiner Zeit in Athen. Er war damals ein berühmter Bildhauer gewesen, der das Publikum durch seine hypernaturalistischen Darstellungen in Staunen versetzt hatte. An die Grenzen seiner mimetischen Kunst war Daidalos paradoxerweise gestoßen, als seine Werke so perfekt geworden waren, dass die Betrachter aufhörten, Betrachter zu sein, weil sie Daidalos‘ Kreationen nicht mehr als solche wahrnahmen und seinen Realismus für die Realität hielten.

Anstatt den Weg vom Hypernaturalismus zurück in die Abstraktion zu suchen, fand der frustrierte Nachahmer sein Heil in der Herstellung von Machwerken der technisch-wissenschaftlichen Art. Sein Ziel sei es von jeher gewesen, etwas aus etwas zu machen, gab er einmal zu Protokoll. So wurde Daidalos zum Erfinder und Konstrukteur. Als er aber seinen Neffen und Schüler Perdix in einem Anfall von Eifersucht auf dessen kreative Begabung von der Akropolis stieß, war auch seine zweite Karriere an ein jähes Ende gelangt. Daidalos musste Athen verlassen.

Im Minoischen Exil auf Kreta gelang ihm der berufliche Wiedereinstieg als Chefkonstrukteur und universeller Problemlöser bei Hofe. Und als Pasiphaë ihn um Beihilfe zum Ehebruch bat, kehrte Daidalos sogar zur Bildhauerei zurück. Anders als zuvor in Athen war nun die Verwechslung von Kunst und Wirklichkeit seitens des vierbeinigen Rezipienten durchaus erwünscht und oberstes Ziel des Täuschungsmanövers.

Was dabei herauskam war so monströs wie der ganze Vorgang: ein Wesen mit dem Leib eines Menschen und dem Kopf eines Stiers. Dass das Monstrum früher oder später getötet werden würde, war von Anfang an klar, aber Mythos ist unter anderem ein Synonym für unterhaltsamer erzählerischer Umweg. Bevor dem bastardischen Wesen durch Theseus der Garaus gemacht wurde, musste es noch als sogenannter Minotauros in ein natürlich von Daidalos entworfenes labyrinthisches Gefängnis gesperrt und mit jugendlich frischen Athenerinnen und Athenern gefüttert werden.

Ironischerweise war der im Grunde bedauernswerte Minotauros so etwas wie ein Zerrbild des Minos, seines Stiefvaters wider Willen, welcher selbst in gewisser Weise aus der Vermählung eines Stiers mit einer Phönizierin hervorgegangen war: Zeus hatte sich, um an Europa heranzukommen, in einen Stier verwandelt und sie zwecks Besamung nach Kreta entführt.

Wie man weiß, ist das nicht das Ende der Geschichten um Daidalos, aber wir blenden uns an dieser Stelle aus, um den Ariadne-Faden bei nächster Gelegenheit wieder aufzunehmen, wobei wir nicht hoffen, das mythologische Labyrinth jemals wieder verlassen zu können. Es gibt für den, der einmal hineingeraten ist, keine Aussicht auf Entrinnen.