Poseidon – zwischen Mythos und kafkaesker Wirklichkeit

Amphitrite wollte ihn erst nicht haben und lief vor ihm davon zu Atlas, dem Träger der Himmels-Kugel, oder vielleicht auch nur ins Atlas-Gebirge. Als dann ein Delphin oder ein gewisser Delphinos sie zu ihm zurück brachte, überlegte Amphitrite es sich anders und wurde seine Frau. Mag sein, dass der poppig gelbe, submarine Kristallpalast, in dem er wohnte, bei ihrem Sinneswandel eine Rolle gespielt hat.

Die kryptische Rede ist oder war von Poseidon, dem Gott des Meeres, der als großer Pferde-Freund den Beinamen Hippios trug. Derart ausgeprägt war seine Hippophilie, dass er sogar zwei Pferde gezeugt hat, eines davon quasi natürlich in Gestalt eines Hengstes und, wie es sich gehört, mit einer Stute, die aber eigentlich seine Schwester-Göttin Demeter war, möglicherweise auch seine Gattin Amphitrite – als Stuten betrachtet, sehen Frauen, insbesondere aus der Sicht eines Hengstes, einander sehr ähnlich. Areion oder Arion, der aus dieser Besamung hervorging, hätte eigentlich sagen können müssen, wer seine Mutter war, denn es handelte sich bei ihm um ein Pferde-Wunder oder Wunder-Pferd, das sprechen und bis hundert zählen konnte. Wahrscheinlich hat ihn einfach niemand danach gefragt.

Mit Amphitrite, die Poseidons Dreizack nach der Eheschließung nur noch aus der Hand gab, wenn ihr Gemahl von einem Maler oder Bildhauer porträtiert werden sollte, hatte Poseidon den Sohn Triton, man nannte ihn einen Kentauren des Meeres, und die Töchter Rhode und Benthesikyme. Mit dem Dreizack konnte man oder frau übrigens Blitze, Erdbeben und kleinere Sintfluten machen.

Liebschaften hatte Poseidon wie sein Bruder Zeus jede Menge, wobei eine amouröse Drift ins Monströse nicht zu übersehen ist. So zeugte er in einem Tempel der Pallas Athene mit Medusa den Pferde-Vogel Pegasus, der allerdings erst zur Welt kam, nachdem die beim Liebesakt noch schöne Schwangere von Athene, der Herrin der Liebeslaube, wegen deren Verunreinigung in ein Ungeheuer verwandelt worden war, welchem dann Perseus, um Pegasus‘ Geburt einzuleiten, noch den Kopf abschlagen musste.

Mit der Meeresnymphe Thoosa zeugte Poseidon den einäugigen Riesen Polyphem, mit seiner Großmutter Gaia den an die dreißig Meter hohen Riesen Antaios, mit oder ohne Euryale den riesenhaften Jäger Orion, bei dessen Erzeugung neben Poseidon auch noch Zeus und Hermes, vielleicht auch Ares beteiligt gewesen sein sollen.

Als Atlantis noch nicht Atlantis hieß, machte Poseidon dort eine Entdeckung namens Kleito, die ihm danach eine Fünfer-Serie von Zwillingspärchen gebar. Atlas, ein Namensvetter des Sphären-Trägers, wurde als Erstgeborener König des Inselreichs, das von da an den wohlklingenden Namen Atlasantis trug. Was Platon, der mit der Kunst und dem Schönen bekanntlich ein Problem hatte, nicht gefiel, weshalb er Atlasantis zu Atlantis verschliff, eine angeblich sprachergonomisch gebotene Verunstaltung, die bis heute nicht korrigiert worden ist.

Die Affären, die Poseidon darüber hinaus und nebenbei mit etwelchen namenlosen Nymphen hatte, sind Legion und können hier unter ferner liefen rubriziert werden. Noch erwähnenswert ist dagegen vielleicht eine homoerotische Beziehung zu Pelops, den Poseidon als Kleinkind beinahe verspeist hätte, weil sein Vater Tantalos ihn anlässlich einer Einladung der Götter zu sich nach Hause aus dubiosen Gründen als Vorspeise servieren ließ.

Nach Franz Kafka sind diese Amouren, oder wie man es nennen will, frei erfunden, wie auch die Vorstellung, dass Poseidon „immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere“, nichts mit der Wirklichkeit zu tun habe. In Wahrheit nämlich sitzt Kafkas Poseidon in der Tiefe des Meeres und ist mit Berechnungen und der Erstellung von neuerdings vorwiegend klimatologischen Statistiken im Rahmen der Gewässerverwaltung beschäftigt. Unterbrochen wird dieses eintönige Leben nur von gelegentlichen Dienstreisen zu Zeus, von denen er fast immer wütend zurückkehrt. So habe er „die Meere kaum gesehn, nur flüchtig beim eiligen Aufstieg zum Olymp, und niemals wirklich durchfahren.“ Und er pflege zu sagen, sagt Kafka, „er warte damit bis zum Weltuntergang, dann werde sich wohl noch ein stiller Augenblick ergeben, wo er knapp vor dem Ende nach Durchsicht der letzten Rechnung noch schnell eine kleine Rundfahrt werde machen können.“

Am Wadi Inachos: Ios mythographische Spuren im Sand

Now you say you’re lonely, you cried a long night through. Well, you can cry me a river, cry me a river: I cried a river over you – schrieb der amerikanische Songwriter Arthur Hamilton, der eigentlich Stern hieß, 1953. Ein Song, der dann von Julie London zwei Jahre später populär gemacht wurde. Die Sängerin und Schauspielerin hatte ihre Karriere als Fahrstuhlführerin, also quasi als Tellerwäscher begonnen.

Der erste, der einen Fluss zusammengeheult hat, war aber nicht der reuig gewordene Ex-Lover des lyrischen Ichs von Hamilton und London, sondern Inachos, der König von Argos, nachdem er von Zeus aus Mitleid in ein trockenes Flussbett verwandelt worden war. Mitleid oder eine göttliche Geste der Menschlichkeit war die absonderliche Metamorphose deshalb, weil Inachos zuvor unter schweren Anfällen von Angina Pectoris gelitten hatte, angeblich ausgelöst durch einen um sein Herz gewundenen Strick. Den hatte sich Inachos letztlich selbst gedreht, indem er Gott und die Welt und schon im voraus Teile seiner Nachkommenschaft zu verfluchen nicht müde geworden war. Dass die Rachegöttin Tisiphone es gewesen sei, die aus zusammengetragenen Partikeln des von Inachos verfluchten Kosmos‘ ein Seil verfertigt und selbiges dem von Hass Erfüllten ums Herz gelegt habe, ist eine Theorie, die mit dem Fortschritt der medizinischen Aufklärung eigentlich obsolet geworden ist, die aber von ewig Mythologischen bis heute vertreten wird.

Seine Umwandlung in ein Flussbett ohne Fluss war aber nicht der Grund dafür, dass Inachos weinte und, indem er weinte und weinte, in einem Akt autopoietischer Selbstverwirklichung zum fließenden Gewässer mutierte. Nein, seine Tochter Io in Gestalt einer weißen Kuh war es, die ihn zu Tränen rührte. Zur Kuh war sie wegen und durch Zeus geworden. Wenn Zeus jemanden, häufig sich selbst, verwandelte, dann war das nicht selten erotisch motiviert. In Ios Fall wollte er verhindern, dass seine Gemahlin Hera auf die Idee kam, er wolle etwas mit ihr, also mit Io, anfangen. Als ob er noch nie Bock auf eine Kuh gehabt hätte, aber daran wollte Zeus in diesem Moment auch und gerade durch sich selbst nicht erinnert werden. Hera, die im Verdrängen von peinlichen Erinnerungen nicht so routiniert war wie ihr Gemahl, schickte sicherheitshalber eine Bremse los, damit sie die weiße Kuh, die angeblich nicht Io war, fortan vor sich her treibe.

So kamen Io und die Bremse eines Tages auch an ein trockenes Flussbett, das ihrem Vater Inachos zum Verwechseln ähnlich sah. Da sie nicht sprechen und das Flussbett wahrscheinlich nicht hören und antworten, aber möglicherweise lesen konnte, schrieb sie mit ihrer linken Rinder-Klaue, Io war Linkshuferin, die ganze tragische Geschichte von ihrer Zwangsverpflichtung zur Tempel-Priesterin der Hera, ihrer sexuellen Belästigung durch einen Traum, in dem Zeus sie möglicherweise sexuell belästigen wollte, ihrer erzwungenen Um-die-Welt-Flucht nach der Verwandlung in eine Kuh, mithin all das, worüber ihr Vater so allumfassend in Rage geraten war, in den Sand am Rand und also in Sichtweite des Flussbetts. Um ihrem Vater Inachos ein Lebenszeichen zu hinterlassen, hätte ein schlichtes Io was here ja genügt. Aber sie wollte sich das alles einmal von der Seele schreiben und auch ihrer Bremse kam, nach kurzer Rücksprache, eine Verschnaufpause nicht ungelegen.

Nachdem Io den langen Brief zur Erklärung ihres damals überstürzten Abschieds mit einem liebe Grüße, Deine Io beendet hatte, weckte sie die Bremse aus ihrem Schlummer und ließ sich von ihr nach Ägypten treiben, um dort ihren Anspruch auf die noch unbesetzte Stelle der Göttin Isis anzumelden. Wegen des Mythographs im Sand, das mittlerweile von den Tränenfluten des durch seinen Inhalt gerührten Inachos fortgespült worden war, waren sie spät dran und mussten sich, in Ägypten angekommen, hinten anstellen. Direkt vor Io warteten Demeter und Aphrodite, vor diesen Pallas Athene, Artemis und, ausgerechnet, Hera. Die anderen Aspirantinnen waren Io namentlich nicht bekannt.

Wer die Stelle bekommen hat, ist mythologisch umstritten. Daraus, dass Isis häufig mit dem Kopf einer Kuh oder mit Kuhhörnern dargestellt wird, schließen einige, dass es wohl Io gewesen ist, welche die Jury am Ende überzeugen konnte. Zumal die Bewerbungen der oben genannten Göttinnen nur als uneigentliche Gesten zum Zeitvertreib, als eitle Launen ihrer olympischen Natur verstanden werden können. Sie wussten genau, dass Zeus sie niemals aus ihrem auf ewig und drei Tage geschlossenen Vertrag entlassen würde.

Nachbemerkung: Mythische Geschichten sind in der Regel inhaltlich komplex und psychologisch kompliziert. Sie möglichst einfach und der Reihe der Ereignisse nach zu erzählen, würde ihrer semantisch-symbolischen Tiefenstruktur auf der Ebene der äußeren Form durchaus nicht gerecht werden.

Wie die Oberen in einem gigantischen Gemetzel einmal mehr ihre Herrschaft behaupten konnten

Der Unterschied zwischen der Gigantomanie, von der einer befallen und einer Gigantomachie, in die er hineingeraten ist, gleicht dem zwischen dem Turmbau zu Babel und einem Sturz von der Aussichtsplattform des fertiggestellten Gebäudes. Gigantomachie! Was für ein klangvoller Name für den kläglichen Untergang einer ganzen mythologischen Spezies. Aber was bluttriefend begann, musste offenbar in einem Blutbad enden.

Als in vorolympischen Zeiten Kronos, der Titan, auf Geheiß seiner Erden-Mutter Gaia seinen Himmels-Vater Uranos mit einem Sichelschwert entmannte, tropfte das Blut (und es muss dabei viel Blut geflossen sein) der abgeschnittenen Begattungsteile auf die Erde, wurde von dieser empfangen und verwandelte sich, Ironie des Schicksals, in die Giganten. Merke: Bei empfängnisverhütenden Maßnahmen sollte man darauf achten, dass diese selbst nicht zur Ursache ungewollter Schwangerschaften werden. Andererseits kamen die gigantischen Giganten der Gaia gerade recht, denn, das wusst sie schon jetzt, sie würde mit den kommenden Olympiern eines Tages noch eine Rechnung zu begleichen haben.

Worin genau der Groll der Ge oder Gaia gegen ihre Götter-Kinder seinen Urgrund hatte, ist umstritten. Wahrscheinlich handelte es sich um einen veritablen Kränkungskomplex, dessen Analyse hier nicht geleistet werden kann. Üblicherweise wird behauptet, sie wollte sich rächen für die Verbannung der von den Göttern besiegten Titanen, welche gleichfalls ihre Kinder waren. Möglicherweise ging es auch um die Tötung eines ihr ans Herz gewachsenen Ungeheuers namens Aigis durch Pallas Athene. Oder, wofür psychologisch gesehen einiges spricht, sie konnte den Göttern nicht verzeihen, dass sie in kollektiver Nestflucht zuhause ausgezogen waren und ein Leben auf dem Olymp dem Verbleib bei und auf Mutter Erde vorgezogen hatten. Nicht ganz ausgeschlossen werden kann schließlich eine im Falle Gaias vorliegende Coelophobie, was bedeuten würde, dass alles, was wie der Himmel Uranos über und auf ihr lag, bei Mutter Erde eine Mischung aus Angst und aggressiver Aversion auslöste. Da die Götter nun den himmlischen Sphären angehörten, hätte dies auch für sie gegolten.

Fairerweise muss man zugeben, dass es nicht die Olympier gewesen sind, die den Streit mit den Giganten angezettelt haben. Es ist in mehrfacher Hinsicht eine Verdrehung der mythologischen Tatsachen, wenn der Schriftsteller Peter Weiss in seiner Ästhetik des Widerstands schreibt: „Mit Steinen nur können sie“, die Giganten, „sich wehren gegen die Gepanzerten und Schwerbewaffneten, sie knien, kriechen, sie zerbrechen und fallen ins aufgerissene Straßenpflaster, preisgegeben den Wasserkanonen, Gasgranaten und Maschinengewehren.“

So schwer bewaffnet und olymphoch überlegen wie der antikapitalistische Sänger in seinem pro-proletarischen Furor behauptet waren die Götter keineswegs. Als die Giganten unter Führung von Eurymedon losschlugen und damit die Gigantomachie ihren Anfang nahm, taten sie dies unter Verwendung von gewaltigen Felsbrocken und brennenden Eichen, was den Einsatz der von Peter Weiss monierten Wasserwerfer allemal rechtfertigen würde. Andere mythologische Kriegsberichterstatter wollen in den Händen der Giganten lange Speere gesehen haben, während die Göttinnen und Götter nur mit dem kämpften, was sie gewohnheitsmäßig mit sich führten, also Pfeil und Bogen, Fackeln, rotglühende Eisen und natürlich Blitz und Donner.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass auf Seiten der Götter der von Zeus inkognito gezeugte Herakles am Kampf teilnahm und den Giganten zusammen mit seinem Vater wahrscheinlich die entscheidenden Verluste beibrachte. Alkyoneus wurde von Herakles ebenso mit einem Pfeil niedergestreckt wie Porphyrion. Und zusammen mit Apollon tötete er Ephialtes, indem die beiden in einer Parallelaktion die Augen ihres Gegenübers mit Pfeilen durchbohrten. In einem Orakelspruch war den Göttern nämlich von den Göttern geweissagt worden, sie würden aus der Gigantenschlacht nur dann als Sieger hervorgehen, wenn sie Verstärkung durch einen Sterblichen erhielten, nicht zuletzt deshalb, weil Giganten von Göttern nicht getötet werden könnten, was sich dann aber nur in Einzelfällen als zutreffend erwies. Bei Peter Weiss ist Herakles übrigens ein früher Repräsentant des Proletariats, was bedeuten würde, dass er sich in der Gigantomachie von der herrschenden Götter-Klasse für ihre Zwecke hat korrumpieren und instrumentalisieren lassen – ein Verdacht, der durch Herakles‘ postmortale Entrückung in den Olymp und seine Vermählung mit Hebe, der Göttin der Jugend, bestätigt zu werden scheint.

Die Gründung von Troja unter Zuhilfenahme einer ergaunerten Kuh

Dass eine hölzerne Statue in Gestalt einer Göttin beziehungsweise eine Göttin in Gestalt einer hölzernen Statue quasi aus dem Nichts vom Himmel fällt, war in jener Zeit, als zwischen dem naturgesetzlich Legalen und dem, was ganz gar nicht geht, noch nicht engstirnig-kompromisslos unterschieden wurde, beinahe eine Art Normal-Fall.

So begab es sich etwa auf der Halbinsel Tauris (heute Krim), dass unversehens eine in Holz geschnitzte Artemis durch die Wolkendecke brach. Da auch Frauen-, Kunst- und anderer Raub zu den landesüblichen Sitten und Gebräuchen gehörte, dachte Orest sich nichts dabei, als er die Hölzerne später nach Athen entführte – zumal er da gerade erst seine Mutter Klytaimnestra und deren Liebhaber getötet, um nicht zu sagen: ermordert hatte. Ein weiterer Figuren-Einschlag ereignete sich bei der Gründung von Troja alias Ilion, wovon im Folgenden berichtet werden soll.

Wahrscheinlich das wenigste von dem, was eine Elle lang ist, ist ellen-, also maßlos übertrieben lang. In der später so genannte Antike maß eine Elle knapp 50 Zentimeter. Die Pallas Athene in Holz, die anlässlich der Gründung der Stadt Ilion von Zeus abgeworfen oder gestiftet wurde, war drei Ellen oder eineinhalb Meter lang oder hoch – ein Standard-Figuren-Maß, dessen ästhetische Belastbarkeit mehr als zweitausend Jahre später von barbarischen Holzschnitzern in Hunderten, wenn nicht Tausenden von vergleichbaren Fällen bestätigt wurde. Nur dass die Göttinnen da nicht Athene oder Artemis, sondern Maria, Maria Magdalena, Anna, Barbara, Katharina oder Johannes Evangelist hießen.

Der Gründer von Ilion hieß Ilios, wobei schwer zu sagen ist, ob Ilios nach Ilion oder Ilion nach Ilios benannt wurde. In der Sphäre des Mythischen ist die Folge nicht selten die Ursache ihrer Ursache und die Ursache eine Folge ihrer Folge, was in der Ambivalenz von Implikation bis heute trefflich zum Ausdruck kommt. Ilios jedenfalls hatte beim Speerwerfen eine Kuh, fünfzig Frauen und fünfzig Männer gewonnen. Das Besondere an der Kuh war, dass man mit ihrer Hilfe eine Stadt mit einer großen Zukunft gründen können sollte. Man musste nur daran glauben, dass eben dort, wo sich die Kuh nach einer kürzeren oder längeren Wegstrecke niederließ, der Ort mit dem nicht zu übertreffenden Standortvorteil war.

Da aber Ilios beim Speerwerfen geschummelt hatte (sein Freund hatte das Wurfgerät nach dessen Aufschlagen versteckt und die offenbar plausible These vertreten, der Speer sei bis in den Himmel geflogen), wollte er sich vergewissern, dass die Götter ihm den Betrug nicht übel nahmen. Hätten sie der Stadtgründung ihren Segen verweigert, wäre die magische Wirkung der Kuh womöglich neutralisiert worden. Also bat Ilios Zeus um ein Zeichen seiner Gunst. Und Zeus antwortete ohne zu zögern mit dem Palladion, einem geschnitztes Abbild seiner Tochter Pallas Athene, „welches auf der Burg von Troja als Unterpfand der öffentlichen Wohlfahrt aufbewahrt wurde“, wie es in einem populären enzyklopädischen Netz-Werk heißt.

Dass Troja dennoch erobert wurde, ist bekannt. Zuvor musste aber erst noch Odysseus das Palladion in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in seinen Besitz bringen. Die in Holz geschnitzte Athene machte zwar die Stadt, in der sie sich befand, uneinnehmbar, nicht aber sich selbst immun gegen Diebstahl.

Eris und kein Ende

Steh auf, Männchen, sagte Thetis zu Peleus, die ersten Götter werden gleich da sein. Und du weißt ja: keiner hat abgesagt. Tatsächlich kamen alle bis auf die eine, die nicht zur Hochzeit eingeladen worden war: Eris, die Göttin der Zwietracht, Tochter der Nacht Nyx. So sah es jedenfalls eine Zeitlang aus, bis sie dann doch noch aufkreuzte. Offenbar hatte jemand den Mund nicht halten können oder wollen.

Dass die Braut eine Nymphe war, auf die Zeus zu Gunsten von Nemesis, der leiblichen Mutter Helenas, verzichtet hatte, tut eigentlich nichts zur Sache. Erklärt aber, warum Thetis ihren Bräutigam zu dessen Leidwesen eingangs als Männchen angesprochen hat. Verglichen mit Zeus war er für sie ein Mann im Diminutiv, da konnte Peleus sein und haben wie und was er wollte.

Als Göttin der Zwietracht führte Eris stets mindestens einen Zankapfel mit sich. So auch an diesem Abend. Der Apfel war aus Gold und trug die Gravur Für die Schönste. Eris hatte auch welche aus Silber, aber die waren nicht so wirkungsvoll und liefen ständig an. Sie hatte es schon erleben müssen, dass die Leute, anstatt sich um einen ihrer silbernen Äpfel zu zanken, voller Eifer aber durchaus gesittet darüber diskutierten, wie man ihn am besten reinigen könne.

Bei Eris‘ Eintreffen war das Hochzeitsfest in vollem Gang und bei Nektar und Abrosia unterhielt man sich angeregt. Höchste Zeit, für ein wenig böses Blut zu sorgen, was für „die rastlos lechzende Eris“, wie es bei Homer heißt, „wandelnd von Schar zu Schar“ kein Problem war. Hera (der sie es, wie sie ahnte, zu verdanken hatte, dass sie nicht eingeladen worden war), Pallas Athene und Aphrodite – diese drei waren Eris schon immer gegen den Strich gegangen. Als sie das Trio als kleinstmögliche Schar beisammenstehen und ihr wegen ihrer hinkend-kümmerlichen Gestalt abschätzige Blicke zuwerfen sah, ließ sie wie aus Versehen den folgenreich beschrifteten (Für die Schönste) goldenen Apfel fallen. Er rollte vor die Füße der Grazien und blieb mit der Gravur nach oben liegen.

Schon damals galt, was die nicht an Eris glaubenden Eris-Gläubigen, die sogenannten Diskordier, kürzlich in einem ihrer Gebote so formuliert haben: „Jeder goldene Apfel ist das geliebte Heim eines goldenen Wurms.“ Doch sollte, da Zeus es so wollte, erst einige Zeit später der Trojaner Paris den Gold-Wurm stichigen Gold-Apfel in die seiner Meinung nach richtigen Hände legen. Das waren die der Aphrodite, aber nicht, weil Paris diese für die Schönste hielt, sondern weil ihr Bestechungsangebot für ihn das verlockendste war: Die schönste Frau der Welt gegen die Verleihung des Titels einer Miss Olymp.

Zank und Streit waren mit dem Urteil des Paris natürlich nicht beigelegt, sondern erreichten im nun kaum noch vermeidbaren Trojanischen Krieg (Helena, die schönste Frau der Welt, war nämlich schon mit Menelaos verheiratet) einen Höhepunkt nach dem anderen. Demgegenüber ist der astronomische Kategorien-Streit über die Frage, ob Pluto ein Planet „ist“ oder nicht, vergleichsweise harmlos. Der neulich neu entdeckte Himmelskörper, der die Kontroverse ausgelöst hat, erhielt völlig zu Recht den Namen Eris.

Marsyas oder: Die Gnadenlosigkeit der zu frühen Geburt

Im Katalog eines Schweizer Blockflöten-Herstellers werden die Flöten der Baureihe Marsyas folgendermaßen beschrieben: „Die Sopranflöten Marsyas sind fein und elegant klingende Instrumente, die eine erstaunliche Flexibilität und Klangstärke aufweisen. Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang. Das Spektrum reicht von warm bis brillant, der Klang bleibt aber immer elegant.“

Der Satyr Marsyas, Namenspatron dieser Schaffhausener Instrumenten-Baureihe, spielte zwar nicht wirklich auf einer Blockflöte, aber unter Berücksichtigung der zeitlichen und räumlichen Distanz mag seine gleichfalls aus Holz gefertigte Doppelflöte auch eine Art Blockflöte (nur eben ohne Block oder Blöcke) gewesen sein. Zudem gilt: Bei Nacht sind alle Katzen grau und in die Sphäre der Mythen und Legenden entrückt, sind alle Flöten in ihrer äußeren Erscheinung wie auch in Bezug auf ihr Hör-Bild universell flautomorph.

Ursprünglich hatte Marsyas‘ Flöte Pallas Athene gehört und war von dieser wohl auch angefertigt worden. Warum Athene sich von ihr trennte, klingt für den intimen Kenner der griechischen Mythologie ebenso fein wie unverkennbar an, wenn es im Katalogtext heißt: „Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang.“ Das Spielen auf der Flöte hatte ihr nicht gut zu Gesicht gestanden, wie Athene bei einem Blick in den Spiegel eines Teichs feststellen musste. Man darf vermuten, dass die Flötenbauer- und -spielerin wegen des erforderlichen hohen Blasdrucks rot anlief und ihre Augen ein wenig hervorquollen. Nicht nur der Blockflötenbau im engeren Sinn von Blockflöte will eben gelernt sein.

Als Marsyas die von Pallas Athene weggeworfene Flöte fand, hielt er das zunächst für einen Glücksfall. Einen Satyr entstellt so leicht nichts und Marsyas hatte nicht nur kräftige Lungen, sondern offenbar auch musikalisches Talent. Als er in Kleinasien weltberühmt geworden war, kam es zu einem musikalischen Wettstreit zwischen ihm und Apollon. Ob der Gott den vielleicht allzu sehr von sich eingenommenen Satyr oder dieser den Gott herausgefordert hat, wissen die Götter.

Das Ende vom Lied war, dass die Jury, die nur aus Musen bestand, Apollon zum Sieger erklären musste, nachdem dieser seine Lyra oder Kithara umgedreht gespielt hatte und Marsyas es ihm bei aller Virtuosität als Flötist nicht gleichtun konnte. Zur Strafe, wofür auch immer, wurde dem angeblich unterlegenen Marsyas bei lebendigem Leib die Haut abgezogen – das grausame Ende eines der größten antiken Flöten-Talente mit oder ohne Block.

Ein Nachtrag: Neue Musik-Zeiten, andere Spieltechniken. Würde es heute zu einem Wettstreit zwischen Apollon und einem Blockflöten-Virtuosen kommen, hätte letzterer gute Chancen, mit heiler Haut die Arena wieder zu verlassen. Denn im Zuge der Wiederentdeckung der Blockflöte für die missbräuchlichen Zwecke der sogenannten Neuen Musik ist das Spiel auf der umgedrehten Blockflöte eine der leichteren Übungen.

Wie es kam, dass Erichthonios den Rollstuhl erfinden musste

Mater semper certa est, pater numquam – frei übersetzt: Es steht zweifelsfrei fest, wer deine Mutter ist, aber im Hinblick auf die Vaterschaft deines Vaters kannst du dir nie ganz sicher sein. Wer in der Schule Lateinunterricht hatte, wird sich an diese genealogische Regel Nummer eins wahrscheinlich erinnern. Für Erichthonios gilt, dass die Überlieferer (Hesiod, Homer, Herodot, Pausanias, Köhlmeier) sich weitgehend einig sind, dass Hephaistos sein Vater war. Wer aber war Erichs Mutter? Entweder war es eine Königstochter namens Atthis oder Gaia selbst. Ovid nennt ihn prolem sine mater creatam, einen Nachkommen ohne Mutter, also eine Art Komplement zu Jesus Christus.

Wäre Erichthonios, ohne dass man seinen Namen tatsächlich so übersetzen könnte, der von Gaia Geborene, dann erwiese sich sein Zweitname als kompatibel mit einer halb delikaten, halb unappetitlichen Geschichte, wonach Hephaistos bei Gelegenheit einer Waffenbestellung der Pallas Athene bei ihm ein „wollüstiges Verlangen nach Athena“ (so Apollodor in seiner Mythologischen Bibliothek) ergriffen habe. Die Pallas konnte ihm zwar entwischen, aber nicht verhindern, dass etwas von seinem praecoxitorisch herausspritzenden Ejakulat ihr linkes Bein traf. Angeekelt wischte sie den Lendensaft mit einem Stück Wolle ab, das sie dann auf die Erde, mit anderen Worten: auf Gaia warf. Apollodor: „Jetzt ergriff sie die Flucht, und aus dem zu Boden Geworfenen entstand Erichthonios“, der letztlich, um es kurz zu machen, von Pallas Athene aufgezogen und zum König von Athen gemacht wurde.

Und als wäre das nicht schon Grund genug, sich seiner zu erinnern, erfand Erichthonios nicht nur das Rad, sondern im selben kreativen Akt den für ihn noch wichtigeren Rollstuhl. Denn der von Hephaistos mit Gaia Gezeugte und von Pallas Athene an Kindes statt Großgezogene war zu hundert Prozent gehbehindert. Er war der Mann ohne Unterleib, das heißt: oben Mann, unten Schlange (wobei man sich natürlich fragt, wo genau „oben“ aufhörte und „unten“ anfing). Dass sich das mit den Pflichten eines Königs zu Athen nicht vereinbaren ließ, liegt auf der Hand. Klar sein dürfte auch, dass sein Erzeuger Hephaistos, der olympische Schmied und göttliche Handwerker, ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite stand, auch wenn davon weder bei Hesiod noch bei Apollodor etwas zu lesen, ja noch nicht einmal aus dem Munde von Michael Köhlmeier etwas zu hören ist.

Noch immer nichts Neues von Alpha Kentauros?

Im Märchen heißt es am Ende: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Im Mythos leben die Götter fort, solange sich Menschen für die alten Geschichten interessieren, was spätestens seit der Renaissance wieder der Fall ist. Aber was ist mit ihrem Fortleben außerhalb der Mythen und Hörbücher? Betrügt Zeus Hera noch immer und, wenn ja, warum erfahren wir trotz Twitter und Facebook nichts davon?

Oder nehmen wir Hephaistos, den Hera mit oder ohne Zeus‘ Zutun zur Welt brachte. Da sie ihn für eine Missgeburt hielt, warf ihn seine Mutter kurzerhand aus dem Olymp, also quasi auf den Müll. Ob er schon vorher oder erst danach eine Gehbehinderung hatte, ist umstritten. Anstatt sein Schicksal klaglos hinzunehmen, sorgte Hephaistos dafür, dass seiner olympischen Sippe nichts anderes übrig blieb, als ihn wieder aufzunehmen – ein goldener Thron, den er Hera zum Geschenk machte, spielte bei diesem Erpressungsmanöver eine tragende Rolle.

Auch mit zwei weiteren wichtigen Frauen in seinem Leben hatte der hinkende Hephaistos kein Glück. Seine erste Ehefrau, die schöne Aphrodite, betrog ihn bei jeder Gelegenheit – zuletzt mit dem unsympathischen Kriegsgott Ares. Als Zeus Hephaistos in zweiter Ehe mit Pallas Athene verheiraten wollte, entzog diese sich dem Vollzug der Ehe zunächst durch Flucht und dann durch Verweigerung. Da Hephaistos sich zum Ausgleich mit diversen Nymphen und illegitimen Zeus-Töchter einließ, dürfte die Zahl seiner erotischen Begegnungen dennoch nicht an den Fingern einer Hand abzählbar gewesen sein.

Eine andere längere Liste ergibt die Aufzählung der von Hephaistos erfundenen und hergestellten Artefakte, darunter auch Gebäude: Zwei Roboter (mechanische Dienerinnen) aus Gold, das Tor des Palastes und diverse Hallen auf dem Olymp, ein Thron für Hera mit unsichtbarer Fessel, ein Zepter und ein Donnerkeil für Zeus, der Wagen des Helios, der Halsschmuck der Harmonia, ein goldenes Fell zur Erzeugung von Gewittern für Pallas Athene, die feuerspeienden Stiere des Aietes, Pandora als Gattin für Epimetheus, der Bogen der Artemis, Pfeile für Apollon und Artemis, das Fangnetz für Ares und Aphrodite, die Kette, mit der Prometheus an den Kaukasus gefesselt wurde, die Rüstung des Ares, Waffen und Schild des Achilles, Schild des Aeneas, ein Bronzeriese (Talos), der Kreta bewachte, der Zweizack des Hades, der Dreizack des Poseidon.

Das ist nicht wenig, aber war das schon alles? Müsste eine Biographie (falls davon bei Göttern die Rede sein kann) beispielsweise des Hephaistos nicht ad infinitum fortgeschrieben werden und hätten wir heute mit dem Internet-Blog nicht das adäquate Medium dafür? Wir richten die Antennen gen Alpha Centauri, um uns etwaige Signale von intelligenten Wesen aus den Tiefen des Alls nicht entgehen zu lassen. Sucht auch jemand im Webspace nach Überlebenszeichen des Kentauros, den der getäuschte Ixion mit der Wolke Nephele zeugte? Wenn die Götter sich zurückmelden, werden sie sich der Smartphones, i-Pads, Laptops und Notebooks bedienen, um uns zu sagen: Fürchtet euch, denn wir waren niemals tot und jetzt sind wieder da.

Eine Kopfgeburt

Hebammen, aber nicht nur diese, wird es vielleicht interessieren: Der erste Geburtshelfer war Hephaistos, der den ersten Kaiserschnitt am Götter-Kaiser Zeus mithilfe einer Axt ausgeführt hat. Die Axt, die von Hephaistos eigens zu diesem Zweck erfunden und hergestellt worden war, diente ihm dazu, Zeus von seinen unerträglichen Kopfschmerzen zu befreien, indem er seinem Stiefvater auf dessen Geheiß den Schädel spaltete. Zur Götter-Welt kam in voller Rüstung, mit dem Speer in der Hand und einem Schlachtruf auf den Lippen, Pallas Athene. Was ging dieser an Dramatik kaum zu überbietenden Kopfgeburt voraus?

Um ihn vor den Nachstellungen seines Vaters Kronos zu schützen, hatte Rhea ihren Jüngsten auf Kreta in Sicherheit gebracht. Dort lernte Zeus Metis, eine Art Seejungfrau oder Okeanide, kennen, wobei von Jungfrau nicht wirklich, vom Ozeanischen dagegen sehr wohl die Rede sein konnte. Denn Metis war es, die Zeus in die Kunst der Liebe und des Liebens einführte. Welche Stellungen und Tricks sie ihrem göttlichen Eleven beigebracht hat, können wir nur ahnen. Das Resultat aber ist allgemein bekannt. Zeus sah sich fortan dazu gezwungen, das von, bei und mit Metis Gelernte ein ums andere Mal an und mit ständig wechselnden Objekten seiner Begierde in einem nicht enden wollenden Trainingsprogramm zu wiederholen und womöglich zu perfektionieren. Doch erst einmal musst er sich den Schädel spalten lassen. Denn Metis war ihm nicht nur ins Gemächt, sondern am Ende auch noch in den Kopf gestiegen. Und das kam so:

Metis war auf Kreta schwanger geworden und kündigte dem Mitverursacher ihrer zukünftigen Mutterschaft an, falls sie einen Buben im Leib trage, würde dieser mächtiger, im Fall einer Tochter jene klüger als der Vater sein. Da Zeus zwar Götter unter und gerade noch neben, aber niemals über sich dulden mochte, beschloss er, sich Metis samt der in ihr enthaltenen Gefahrenquelle einzuverleiben, obwohl er doch hätte wissen müssen, dass das Verschlingen potentieller Widersacher auch für seinen Vater Kronos (noch dazu dank Metis‘ klugem Rat) keine nachhaltige Lösung gewesen war. Metis kam der Absicht ihres Verfolgers insofern entgegen, als sie sich auf ihrer Flucht erst in eine lange Reihe verschiedener Tiere, zuletzt aber in eine Fliege verwandelte, die von Zeus gefangen und verschluckt werden konnte.

Erst als der Fliegenfänger samt Fliege Metis die Insel Kreta längst wieder verlassen, zusammen mit seinen Geschwistern die Titanen besiegt und sich mit Hera als seiner Ehefrau im Olymp etabliert hatte, erst da begannen die Kopfschmerzen. Der Weg aus Zeus‘ Magen bis hinauf unter seine Hirnschale scheint für die Schwangere in Fliegengestalt lang und beschwerlich gewesen zu sein. Als sie es endlich geschafft hatte, brannte alsbald Töchterchen Pallas Athene darauf, seinen Platz im Olymp einzunehmen. Für den Vater, dessen Gedanken-Palast zum anderen Uterus geworden war, muss sich das angefühlt haben, als habe er höllische Kopfschmerzen. Was aus Metis geworden ist, wissen die Götter und vielleicht nicht einmal die.