Aphrodite kam zu spät

Beim Gang durch die ineinander verschachtelten Räume des Mythologischen begegnen einem immer wieder Akteure, über die man allein schon ihres Namens wegen eine, also ihre Geschichte erzählen möchte. Amphiaraos ist so ein Fall oder, beinahe verheißungsvoller noch: Parthenopaios. Beide Namensträger gehörten zu den Sieben gegen Theben. Und für beide nahm das von Polyneikes, einem der unseligen, da inzestuös gezeugten Söhne des Ödipus, angezettelte thebanische Abenteuer kein gutes Ende.

Weil sie ihn nach seiner Selbst-Blendung und seiner anschließend verfügten Verbannung aus Theben schmählich im Stich gelassen hatten, verfluchte Ödipus seine beiden Söhne Eteokles und Polyneikes: Durch das Schwert des jeweils anderen sollten sie nach Ödipus‘ rachsüchtigem Willen zu Tode kommen. Der Versuch des Polyneikes, mit der Unterstützung der sechs anderen altgriechischen Samurai die Herrschaft in Theben an sich zu reißen, schuf also nur die äußeren Rahmenbedingungen für die Möglichkeit der Realisierung dieser unväterlichen Option. Mitgegangen, mitgehangen: Warum Parthenopaios als einer von sieben Verlierern mit in den Krieg gegen Theben gezogen ist? Eine perikonzeptionale Traumatisierung wäre womöglich ein triftiger Grund, warum einer ein dubioses Angebot wie dieses nicht ablehnen konnte: Komm mit, sagte Polyneikes zu Parthenopaios, etwas besseres als das, was wir gleich zu Beginn unseres Daseins erleben mussten, werden wir überall finden.

Die Zeugungs-Schande des Polyneikes ist hinreichend erörtert worden, ohne sie wäre die Psychotherapie heute nicht das, was sie ist. Worin aber bestand die Schmach bei der Entstehung des Parthenopaios? Auch in seinem Fall wurde eine Grenze überschritten – nicht die zwischen den Generationen, sondern die zwischen den Arten. Wenn ein Löwe eine Löwin begattet, sollte dabei kein Mensch gezeugt werden, was bei Parthenopaios aber quasi geschehen ist.

Mit Hilfe der Aphrodite war es Parthenopaios‘ zu diesem Zeitpunkt noch zweibeinigem Vater gelungen, schneller zu laufen als seine zukünftige Gemahlin Atalante, zu deren Gewohnheiten es gehörte, Heiratskandidaten erst beim Wettrennen zu schlagen und anschließend zu töten. Als Atalante sich gleich nach ihrer Niederlage ein wenig überstürzt im Tempel der Aphrodite von ihrem Bezwinger übermannen ließ, bestrafte die eben noch wohlwollende Aphrodite diesen Verstoß gegen ihre Hausordnung mit Verwandlung in eine andere Spezies. Da sie wie alle antiken Griechinnen und Griechen noch wusste, dass ein Löwe nur mit einer Leopardin kann, fiel ihr trotz der damals noch viel größeren Artenvielfalt die Wahl nicht schwer – bestand Aphroditens perfide Absicht doch darin, das Paar, dessen Paarung sie eben erst ermöglicht hatte, im nächsten Moment erotisch-sexuell für immer getrennte Wege gehen zu lassen und dabei wie zum Hohn den äußeren Schein der Zusammengehörigkeit zu wahren.

Jedoch: Der spätere Mitstreiter des Polyneikes kam zur Welt – psychisch schwer angeschlagen, aber in menschlicher Gestalt. Wofür es nur eine Erklärung gibt: Parthenopaios‘ Vater war noch früh genug und Aphrodite zu spät gekommen.

Warum Ödipus das Rätsel der Sphinx lösen musste, ob er konnte oder nicht

Als Ödipus auf dem Weg nach Theben an der Sphinx vorbei musste, blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als die rätselhafte Frage, die sie ihm stellte, richtig zu beantworten. Denn die Prophezeiung des apollinischen Orakels zu Delphi war erst zur Hälfte in Erfüllung gegangen. Schon (und eben erst) hatte Ödipus, freilich ohne zu wissen, was er tat, seinen Vater Laios erschlagen. Doch noch hatte er nicht versehentlich (auch vorsehentlich) mit seiner Mutter zwei Söhne und zwei Töchter als die eigenen Halbbrüder und -schwestern gezeugt.

Wer oder was das wohl sein könne, welches, mit einer Stimme begabt, erst vierbeinig sich fortbewege, bald darauf zweibeinig und dreibeinig werde, wollte die Sphinx von ihm wissen. Der Mensch, hörte Ödipus sich sagen, während er sich fragte, wen oder was er da eigentlich vor sich hatte: Eine leomorphe Femme fatale? Eine vom Aussterben bedrohte Großkatze? Einen misslungenen Vogel Greif? Am Anfang krabbelt er auf allen Vieren, dann geht er auf zwei Beinen und endlich nimmt er als eine Art drittes Bein einen Stock zur Hilfe, so Ödipus weiter. War er es, der da sprach oder sprach der Mythos aus ihm?

Wie soll ich wissen, was ich weiß, bevor ich höre, was ich sage. Damit der Kreis ein vollständiger Kreis ist, muss er sich schließen. In der Sprache gibt es ein Prinzip der Selbstvervollständigung mit Hilfe des Autors, notiert der Philosoph. Die Prophezeiung des Delphischen Orakels ist erst dann in Erfüllung gegangen, wenn sie in Erfüllung gegangen ist. Die Sphinx hat keine Chance, wenn ihr Obsiegen dem im mythologischen Drehbuch vorgesehenen speziellen Unhappy End der Geschichte im Wege stünde.

Wer Laios tötet, weiß niemals wirklich, was er tut

Wie Christus kein Christ und Marx kein Marxist war, so hatte Ödipus keinen Ödipuskomplex. Wenn im Anfang das Wort war, dann war aber schon vor dem Anfang die noch namenlose Tat, und wo keine Tat war, das Chaos. Die chaotische Tat des Ödipus, deren psychischen Hintergrund Sigmund Freud ein paar Generationen später einen Ödipuskomplex nannte, bestand aus zwei Komponenten: aus einem Totschlag und einem Beischlaf. Es liegt in der Natur der Sache, also des Menschen, dass der eine singulär blieb, während der andere notorisch wurde.

Beschlafen wurde von Ödipus seine Mutter Iokaste, totgeschlagen sein Vater Laios. Bekanntermaßen wusste Ödipus in beiden Fällen nicht wirklich, was er tat. Zum vollen Bewusstsein der Wirklichkeit seines Handelns hätte es gehört, dass Ödipus sich beim Vollzug der Taten darüber im klaren gewesen wäre, in welchem genealogischen Verhältnis er zu seinem jeweiligen Gegenüber stand. Auf einer sehr abstrakten Ebene läge ein Ödipuskomplex also immer dann vor, wenn eine handelnde Person nicht im vollen Bewusstsein der situativ-kontextuellen Implikationen agiert – also praktisch immer und überall. Obwohl Freud es wohl etwas anders gemeint hat.

Um wirklich zu wissen, was er tat, als er jenen älteren Mann, mit dem er bei der Überquerung eines Wasserlaufs in Streit geriet, kurzerhand totschlug, hätte Ödipus nicht nur wissen müssen, dass der Mann Laios hieß und sein Vater war. Sondern es hätte ihm zumindest auch noch bekannt und bewusst sein sollen, dass der Vater ihn vor Jahren nur widerwillig gezeugt hatte, weil sein erotisch-sexuelles Hauptinteresse damals dem schönen Jüngling Chrysippos, dem Sohn von Pelops, König von Pisa, galt. Den hatte Laios mit Pelops‘ Einverständnis mit nach Theben genommen, da in Pisa dicke Luft war. Denn Atreus und Thyestes, die beiden älteren Halbbrüder von Chrysippos (dessen Mutter eine Baum-Nymphe war), machten dem von Pelops Bevorzugten das Leben zum Hades. Und so weiter und so fort. Einmal mehr wird deutlich, dass und wie alles mit allem zusammenhängt, anders gesagt: dass ein (wenigstens männliches) Dasein ohne Ödipuskomplex (wenigstens im abstrakten Sinn) praktisch nicht möglich ist.