Eris und kein Ende

Steh auf, Männchen, sagte Thetis zu Peleus, die ersten Götter werden gleich da sein. Und du weißt ja: keiner hat abgesagt. Tatsächlich kamen alle bis auf die eine, die nicht zur Hochzeit eingeladen worden war: Eris, die Göttin der Zwietracht, Tochter der Nacht Nyx. So sah es jedenfalls eine Zeitlang aus, bis sie dann doch noch aufkreuzte. Offenbar hatte jemand den Mund nicht halten können oder wollen.

Dass die Braut eine Nymphe war, auf die Zeus zu Gunsten von Nemesis, der leiblichen Mutter Helenas, verzichtet hatte, tut eigentlich nichts zur Sache. Erklärt aber, warum Thetis ihren Bräutigam zu dessen Leidwesen eingangs als Männchen angesprochen hat. Verglichen mit Zeus war er für sie ein Mann im Diminutiv, da konnte Peleus sein und haben wie und was er wollte.

Als Göttin der Zwietracht führte Eris stets mindestens einen Zankapfel mit sich. So auch an diesem Abend. Der Apfel war aus Gold und trug die Gravur Für die Schönste. Eris hatte auch welche aus Silber, aber die waren nicht so wirkungsvoll und liefen ständig an. Sie hatte es schon erleben müssen, dass die Leute, anstatt sich um einen ihrer silbernen Äpfel zu zanken, voller Eifer aber durchaus gesittet darüber diskutierten, wie man ihn am besten reinigen könne.

Bei Eris‘ Eintreffen war das Hochzeitsfest in vollem Gang und bei Nektar und Abrosia unterhielt man sich angeregt. Höchste Zeit, für ein wenig böses Blut zu sorgen, was für „die rastlos lechzende Eris“, wie es bei Homer heißt, „wandelnd von Schar zu Schar“ kein Problem war. Hera (der sie es, wie sie ahnte, zu verdanken hatte, dass sie nicht eingeladen worden war), Pallas Athene und Aphrodite – diese drei waren Eris schon immer gegen den Strich gegangen. Als sie das Trio als kleinstmögliche Schar beisammenstehen und ihr wegen ihrer hinkend-kümmerlichen Gestalt abschätzige Blicke zuwerfen sah, ließ sie wie aus Versehen den folgenreich beschrifteten (Für die Schönste) goldenen Apfel fallen. Er rollte vor die Füße der Grazien und blieb mit der Gravur nach oben liegen.

Schon damals galt, was die nicht an Eris glaubenden Eris-Gläubigen, die sogenannten Diskordier, kürzlich in einem ihrer Gebote so formuliert haben: „Jeder goldene Apfel ist das geliebte Heim eines goldenen Wurms.“ Doch sollte, da Zeus es so wollte, erst einige Zeit später der Trojaner Paris den Gold-Wurm stichigen Gold-Apfel in die seiner Meinung nach richtigen Hände legen. Das waren die der Aphrodite, aber nicht, weil Paris diese für die Schönste hielt, sondern weil ihr Bestechungsangebot für ihn das verlockendste war: Die schönste Frau der Welt gegen die Verleihung des Titels einer Miss Olymp.

Zank und Streit waren mit dem Urteil des Paris natürlich nicht beigelegt, sondern erreichten im nun kaum noch vermeidbaren Trojanischen Krieg (Helena, die schönste Frau der Welt, war nämlich schon mit Menelaos verheiratet) einen Höhepunkt nach dem anderen. Demgegenüber ist der astronomische Kategorien-Streit über die Frage, ob Pluto ein Planet „ist“ oder nicht, vergleichsweise harmlos. Der neulich neu entdeckte Himmelskörper, der die Kontroverse ausgelöst hat, erhielt völlig zu Recht den Namen Eris.

Von Zeus gezeugt, von Nemesis gelegt, aber von Leda ausgebrütet

Was machst du, wenn es klingelt und einer von Hermes bringt dir ein Päckchen, in dem sich ein in Noppenfolie eingewickeltes XXL-großes Ei befindet? Als Absender ist nur Olymp angegeben. Woher wissen die, wo ich wohne, wunderst du dich. Denn obwohl die sympathische Dame, bei der du neulich das weiße Olymp-Hemd mit dem aufsehenerregenden Innen-Stoff gekauft hast, sich sehr um dich bemüht und dich ebenso fachkundig wie freundlich bedient hat, wolltest du ihr deine Adresse zwecks regelmäßiger Zusendung von Informationsmaterial dennoch nicht mitteilen. Und hast stattdessen ihren Vorschlag, da er nach deinem Eindruck rein geschäftlich motiviert war, höflich, aber bestimmt abgelehnt. Und warum schicken die mir jetzt trotzdem ein Ei, und noch dazu so ein dickes?

Wenn du dich in der griechischen Mythologie etwas besser auskennen würdest und nicht nur die dubiosen, kaum authentisch zu nennenden Plots aus zweiter und dritter Nachdichter- und -malerhand rezipiert hättest, wüsstest du, was du jetzt zu tun hast: Mit dem Ei ins Bett gehen und mehr oder weniger geduldig darauf warten, dass sich aus ihm, dem Ei, eine schöne Helena herausschält.

Zeus persönlich brachte nämlich ein Ei wie dieses, das Nemesis, die Titanin, schließlich als Gans gelegt hatte, nachdem sie von Zeus in Gestalt eines Schwans, mit Verlaub: gevögelt worden war – Zeus also brachte solch ein Ei nach Lakedaimon (besser unter dem Namen Sparta bekannt) und ließ es vor den Toren der Stadt am Wegrand liegen. Er vertraute darauf, dass binnen kurzem jemand vorbeikommen, das Ei finden und zu Leda, der Gemahlin des spartanischen Königs Tyndareos, bringen würde. Die Moiren gingen mit Zeus d’accord und so fand das Ei seinen Weg in Ledas Haute Cuisine.

Was sie denn mit dem Straußenei vorhabe, fragte Tyndareos, der gerade auf der Suche nach so etwas wie einem Horsd’œuvre war. Das habe bestimmt kein Strauß, sondern wahrscheinlich ein Geier gelegt, mutmaßte Leda, die zu drastischen Vergleichen und gewagten Hypothesen neigte. Sie wolle es mal ausbrüten, dann werde man ja sehen. Leda verzog sich mit der Fundsache ins Bett und gebar, wenn man so will, bereits nach wenigen Tagen das schönste Kleinkind der Welt. Helena, sagte Tyndareos, ohne zu wissen, wie er darauf kam. Unsere Tochter soll Helena heißen.