Ein mörderischer Tanz ums goldene Haar des Pterelaos

Wenn schon ein einziges goldenes Haar unsterblich macht, dann muss die Loreley, die in Heinrich Heines Gedicht „mit goldenem Kamme“ ihr goldenes Haar kämmt, mehr als hunderttausendfach unsterblich gewesen sein, denn es ist kaum anzunehmen, dass mit dem Wort Haar am Ende der vierten Zeile der dritten Strophe jener bekannten Ballade ein einzelnes Haar der Loreley gemeint ist und nicht die blonde Gesamtfülle ihrer Lockenpracht.

Dass aber, wie gesagt, nicht nur eine herausragende künstlerische, wissenschaftliche oder sonstige Leistung, sondern schon das Herausragen eines einzigen goldenen Haares aus seiner Kopfhaut einen Mann unsterblich machen kann, ist eine mythologisch verbürgte Tatsache. Mit dem Vorhandensein eines singulären Gold-Haars waren nämlich im Falle des Pterelaos, König der Taphier, die Eigenschaften der Unbesiegbarkeit und der Immortalität leider Gottes nicht untrennbar, sondern, wie wir sehen werden, ausreißbar verbunden.

Die ganze Sache wäre trotz der üblichen populären Kampfszenen kaum des erzählerischen Hinsehens wert, wenn es sich bei den Mythen nicht um ein mafiöses und korruptionsverdächtiges Beziehungsgestrüpp handeln würde. Jeder kleinste Vorfall, und sei es auch nur der Verlust eines Haares, zieht Kreise, und zwar bis in die höchsten. So muss, wer Pterelaos sagt, eher früher als später auch Poseidon sagen und ihn Pterelaos‘ Vater oder auch Großvater nennen. Einig scheint man sich darüber zu sein, dass der Meeresgott selbst es war, der auf dem Kopf seines Sohns oder Enkels in einer Laune des Olymp das in Rede stehende goldene Haar wachsen ließ. Nicht ganz einig sind sich die Kolporteure, wenn es darum geht, unter welchen genealogischen Voraussetzungen Pterelaos das Haar und sein Leben wieder verloren hat.

Zweifellos war Amphitryon als einer der Haupttöter in den Fall verwickelt. Aber bei der Frage, wer Amphitryon in Wahrheit war, sagen die einen dies, die anderen etwas anderes. War er der Bruder von Elektryon, dem König von Mykene oder war er nicht vielmehr der Bruder von dessen Frau Anaxo, also sein Schwager? Als gesichert kann gelten, dass er irgendwann doch noch seine Nichte Alkmene geheiratet hat, die, auch darüber besteht Einigkeit, die Tochter von Elektryon gewesen ist. Strittig bleibt eben nur, ob Alkmene in der Gestalt ihres Onkels Amphitryon den Bruder ihrer Mutter oder den ihres Vaters zum Mann genommen hat. Ein Sowohl-als-auch kann ausnahmsweise ausgeschlossen werden.

Etwas verfrüht war gerade vom Heiraten die Rede. Verfrüht deshalb, weil zuvor noch Formalitäten zu erledigen waren. So musste eine von Pterelaos, dem Mann mit dem Gold-Haar, gestohlene Viehherde nach Mykene zurückgebracht und der Tod der im Kampf gegen nämlichen Pterelaos gefallenen Söhne des Brautvaters, bei denen es sich zugleich um die Brüder der Braut und die Neffen und zukünftigen verstorbenen Schwäger des Bräutigams handelte, gerächt werden. Ersteres ging dank einer Löse- oder Schmiergeldzahlung relativ reibungslos vonstatten, mit letzterem tat Amphitryon sich verständlicherweise schwer, denn sein Gegner Pterelaos war wegen des goldenen Haars, das ihm Sieg und Leben garantierte, unüberwindlich und unsterblich. Dass das störende Haar von selbst ausfiel, war erst mittel- bis langfristig zu erwarten, also musste es ihm jemand ausreißen.

Das Ausziehen oder Ausreißen oder Abschneiden von Haaren, man denke unter anderem an die etwa zur selben Zeit spielende biblische Geschichte von Samson und Delilah, war damals noch Frauensache. Zum Glück für Amphitryon hatte Pterelaos eine rothaarige Tochter namens Komaitho, das heißt nämlich soviel wie „flammendes Haar“, die sich in den Haupt- und Todfeind ihres Vaters verliebte. So kommst du mir nicht aufs Schlachtfeld, sagte Komaitho zu ihrem Vater Pterelaos, erst muss ich dir noch die Haare schneiden. Anstatt wie gewöhnlich am goldenen Haar der Haare nur die Spitze nachzuschneiden, riss sie es mitsamt der Wurzel aus und behauptete, es sei ein graues gewesen. Den Rest kann man sich denken, es war die übliche mythologische Mischung aus Blut und Schweiß, Sperma und Tränen.

Bleibt zu erwähnen, dass sich diese Ereignisse im Vorfeld der Geburt des Herakles abgespielt haben. Nur um Alkmene, die zukünftige Mutter des Schlagetots zur Frau zu bekommen, hatte Amphitryon den mörderischen Tanz ums goldene Haar des Pterelaos mitgetanzt und im Eifer des Gefechts auch noch die in ihn verschossene Komaitho erschlagen, wahrscheinlich ohne zu ahnen, dass er ihr, wenn nicht sein Leben, so doch den Tod seines Hauptwidersachers verdankte. Und dann geht Alkmene mit Zeus ins Bett, um am Ende der amerikanischen Filmindustrie die Vorlage für Superman zu liefern! Aber das ist eine andere Geschichte, die mit dem goldenen Haar des Pterelaos allenfalls beziehungsgestrüppmäßig etwas zu tun hat.

Wer hat da mit wem (und warum) – eine Zwischenprüfungsfrage

Eine Klausurfrage zum Abschluss einer Einführung in die Genealogie der griechischen Mythologie könnte beispielsweise lauten: Mit welchen möglichen familiären Hintergründen ist zu rechnen, wenn Atreus seine Nichte Pelopeia und deren Sohn Aigisthos bei sich aufnimmt, und dieser Sohn zugleich der Neffe von Atreus ist?

Antwort: Entweder ist Pelopeia die Tochter einer Schwester oder eines Bruders von Atreus, sonst wäre sie nicht seine Nichte. Wenn sie die Tochter einer Schwester ist, dann muss (Inzest-Fall Nr. 1) Atreus einen Bruder haben, der mit Pelopeia, also seiner und Atreus‘ Nichte, Aigisthos gezeugt hat, sonst wäre dieser nicht der Neffe (der Geschwister-Sohn) von Atreus. Wenn Pelopeia dagegen die Tochter eines Bruders von Atreus ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens (Inzest-Fall Nr. 2): Ein dritter Bruder hat mit seiner Nichte Pelopeia (der Tochter seines Bruders, der nicht Atreus ist) Aigisthos gezeugt. Zweitens (Inzest-Fall Nr. 3): Der Bruder, dessen Tochter Pelopeia ist, hat selbst mit dieser seiner Tochter einen Sohn (Aigisthos) gezeugt, der als sein Sohn der Neffe seines Bruders Atreus ist.

Mythologisch verbürgt ist bekanntlich Inzest-Fall Nr. 3, der gravierendste von allen. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Atreus‘ Zwillingsbruder Thyestes, der Vater von Pelopeia und von deren Sohn Aigisthos, die Vergewaltigung seiner Tochter auch als vorweggenommenen Brudermord erlebt haben muss. Der zukünftige Sohn sollte, wie es vom Delphischen Orakel auf Thyestes‘ Anfrage vorhergesagt worden war, zu Ende bringen, was schon im Mutterleib als unversöhnlicher Streit zwischen den heil- und gnadenlosen Zwillingen begonnen hatte. An die zwanzig Jahre Kerkerhaft des Thyestes bei Atreus in Mykene und die vorübergehende, scheinbare Wendung der Prophezeiung in ihr Gegenteil konnten daran am Ende nichts ändern. Wie einer, der am Beginn seiner Karriere wie Orpheus singen wollte, später zu den Klängen seiner spanischen Lyra kantatorisch festgestellt hat: „Alles kommt, wie’s wohl kommen muss.“

Blutige Blutsbande oder Rücksturz ins Chaos

Es waren zwei Königskinder, Atreus und Thyestes, die hatten einander überhaupt nicht lieb. Und hätten sie nicht doch immer wieder beisammen kommen können, wie es in der bekannten Ballade heißt, wären ihrer familiären Umgebung etliche Un- und Gräueltaten erspart geblieben. Aber von Anfang an waren A&T ebenso unzertrennlich wie einander unsterblich (mithin mythologisch) verhasst.

Ihr Aufeinander-fixiert-Sein ergab sich zunächst aus der trivialen Tatsache, dass sie Zwillinge waren. Wer weiß, was in der Psyche eines Embryos vor sich geht. Im Fall von Atreus und Thyestes kann es nichts Gutes gewesen sein, denn bei ihrer Geburt sollen sie wie zwei Ringer ineinander verkrallt gewesen sein, so dass man Mühe hatte, sie zu trennen.

Wie es danach mit den pervers altruistisch Begabten weiterging, ist im Detail nicht zweifelsfrei rekonstruierbar. Dass man sie räumlich voneinander getrennt aufgezogen hat, scheint nichts genützt zu haben. Postnatal gingen sie sich zwar nie wieder unmittelbar an die Gurgel, mittelbar ließen sie aber keine Gelegenheit aus, um einander Ungutes zu tun. Thyestes betrog, wenn man so will, Atreus mit dessen Frau Aërope und stahl ihm darüber hinaus ein goldenes Lammfell, das er dann für einen weiteren Verrat an seinem Zwillingsbruder einsetzte – mit dem Resultat, dass zunächst er, Thyestes, und nicht Atreus König von Mykene wurde. Nachdem Atreus mit Hilfe von Zeus dann seinerseits die Herrschaft ertrickst und Thyestes das Land verlassen hatte, kehrte für kurze Zeit Ruhe ein.

Als Atreus aber, spät genug, dahinterkam, dass seine Frau Aërope ein Verhältnis mit seinem Zwillingsbruder gehabt hatte, war ihm das ein willkommener Anlass, um die pränatale Feindschaft wieder aufleben zu lassen. Angeblich um sich mit ihm zu versöhnen, lud Atreus Thyestes zu einem intimen Mahl der Verbrüderung ein. Aufgetragen und von Thyestes unwissentlich verspeist wurden Thyestes‘ Söhne, die den Vater nach Mykene begleitet hatten. Das Servieren von Jüngling-Fleisch hatte in der Familie Tradition. Schon Pelops, der Vater von Atreus und Thyestes, Großvater der Aufgetischten, war von seinem Vater Tantalos den Göttern kredenzt, von diesen aber nicht verzehrt, sondern repariert worden. Im Falle von Thyestes‘ Söhnen war der Schaden jedoch irreparabel.

Statt seinem Bruder an die Kehle, ging Thyestes nach Delphi, um sich dort von Pythia beraten zu lassen. Und statt zu orakeln, sagte die leitende Priesterin klipp und klar, es wäre wohl das beste, wenn Thyestes mit seiner Tochter Pelopeia einen Sohn zeugte, der werde dann mit Atreus abrechnen, was Aigisthos, wie der geborene Rächer hieß, zu guter oder schlechter Letzt auch tat.

Es war der römische Philosoph und Schriftsteller, der Nero-Berater Seneca, der angesichts der von Atreus und Thyestes zu verantwortenden Gräueltaten in seinem Drama Thyestes einen Rückfall in den Naturzustand vor der Natur, ins noch vorbarbarische Chaos sich abzeichnen sah: „Es zittern, zittern die Herzen, von großer Furcht durchbebt: daß in schicksalhaftem Einsturz das All erschüttert wanke und abermals über Götter und Menschen komme das gestaltlose Chaos, daß abermals Erde, Meer und Feuer und die kreisenden Gestirne des sternenbestickten Firmamentes die Natur überflute.“