Die zu erwartende Entscheidung des untersten Gerichts im Fall Linos: Kein Mord, sondern ein zu Recht erfolgter Totschlag

Vor die Wanderjahre haben die Götter und die Handwerkskammern bekanntlich die Lehrjahre gesetzt. Das galt nicht nur für diverse Hand- und Kunsthandwerker sowie für Goethes Wilhelm Meister, sondern auch für Herakles, dem mit mehrtägiger Verspätung von Alkmene geborenen Sohn des Zeus, Stiefsohn des Amphitryon, des „doppelt Geplagten“. Doppelt geplagt als Vater und Vater wider Willen, weil Alkmene zugleich mit Herakles dessen Pseudo-Zwillingsbruder Iphikles, den genetischen Sohn des Amphitryon, geboren hatte? Oder weil Alkmene in Zeus nicht nur Ampitryon erkannt zu haben wähnte, sondern sich quasi im Gegenzug, und wenigstens ohne mit der Wimper zu zucken, von diesem „erkennen“ ließ?

Wie dem auch sei, auch ein Herakles hat einmal klein und untrainiert angefangen. Zwar konnte er praktisch von Geburt an Schlangen erwürgen, woran man ihn unschwer als den von Zeus Gezeugten identifizierte, aber darüber hinaus fehlte es dem kraftstrotzenden Natur-Athleten an so gut wie allen damals für wichtig erachteten Kenntnissen und Fertigkeiten. So wurde er denn von seinem Ziehvater Amphitryon im Wagenlenken unterrichtet, vom Verwandlungskünstler Autolykos im Ringen und von Kastor in der Kunst, in schwerer Rüstung einigermaßen comme il faut zu fechten. Das Bogenschießen brachte ihm Eurytos bei, den Herakles dann Jahre später erschlug, weil er ihm den Hauptpreis in einem von seinem ehemaligen Schüler gewonnen Bogenschieß-Wettbewerb nicht überreichen wollte. Bei der verweigerten Trophäe handelte es sich um Eurytos‘ Tochter.

Aber schon vor Eurytos hatte Herakles einem anderen seiner Lehrer den Garaus gemacht. Linos, ein Bruder von keinem Geringeren als Orpheus selbst, hatte den verhängnisvollen Auftrag erhalten, dem pubertierenden Erz-Heroen das Spielen der Kithara und das Singen zu selbiger beizubringen. „Herakles schlug ihn mit der Kithara tot“, heißt es in der Bibliotheke des Apollodor kurz und bündig. „Jener erzürnte ihn nämlich durch heftiges Schulmeistern und führte so seinen“, also seinen eigenen „Tod herbei“, erläutert Apollodor weiter. Selber schuld, liest man unmissverständlich zwischen den Zeilen und so dachte auch der Untersuchungsrichter, der das Verfahren gegen den Beschuldigten gleich wieder einstellte, als „einige dem Herakles wegen des Mords einen Prozeß an den Hals hängen wollten“. Es greife hier, so die juristische Expertise, das Gesetz des Rhadamanthys, einst König von Kreta, nun neben Minos und Aiakos Richter im Hades, welches besage, dass derjenige, der sich an einem räche, der die Veranlassung zu Händeln gegeben habe, nicht zu bestrafen sei.

Nach seinem mythischen Tod wurde Linos anscheinend in Theben historisch beigesetzt. Denn im Anschluss an die Schlacht von Chaironeia (338 vor Christus) soll Philipp II. die Gebeine des Linos aufgrund eines Traums nach Makedonien überführt haben. Eine weitere, gewissermaßen revisionistische Vision veranlasste ihn jedoch dazu, die Knochen des Linos wieder nach Theben zurückbringen zu lassen. Im Musen-Heiligtum am Helikon wurden dem geradezu (selbst)mörderisch strengen Kithara-Lehrer des Herakles musische Opfer dargebracht. Hier gab es auch ein in den Fels gehauenes Porträt von ihm, das leider nicht erhalten ist.

Glaukos und Polyidos oder: Man sollte seinem Lehrer auch und gerade dann nicht in den Mund spucken, wenn dieser einen dazu auffordert

Damit er die von ihm erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten in der Kunst der Futurospektion niemals wieder vergessen und verlieren werde, müsse er, der Schüler, ihm, dem Lehrer, zu guter Letzt noch in den Mund spucken, sprach der Seher und Lehrer Polyidos zu seinem Adepten Glaukos. Und auch dieses Mal befolgte Glaukos folgsam die Anweisung seines Mentors und spuckte ihm aus geringer Entfernung in den weit geöffneten Mund. Erst als Polyidos schon wieder in seiner Heimatstadt Argos im Nordosten der Peloponnes angekommen war, bemerkten Minos, König von Kreta, und sein Sohn Glaukos, dass der zwangsverpflichtete Meister-Seher die gerade erst erworbenen prospektiven Fähigkeiten seines Schülers zusammen mit dessen Spucke in sich zurück genommen haben musste, denn bei Glaukos war davon keine Spur mehr vorhanden.

Alles hatte damit begonnen, dass der Knabe Glaukos eines Abends von seinen üblichen Streifzügen durch Knossos nicht wieder nach Hause gekommen war. Nachdem man lange vergeblich nach ihm gesucht hatte, ließ Apollon die Eltern – König Minos und seine Frau Pasiphaë – wissen: wer für die in Minos‘ Stall stehende kuriose Kuh, die dreimal am Tag die Farbe wechselte, einen treffenden Vergleich finde, werde auch den Vermissten finden und ihn letztlich unversehrt an seine Eltern zurückgeben.

Die ortsansässigen Schamanen, Veterinäre, Viehtreiber und Philologen zeigten sich der Aufgabe nicht gewachsen. Erst der im antiken Griechenland weltberühmte Geister- und In-die-Zukunft-Seher Polyidos aus dem fernen Argos verglich in einem gleichfalls weit hergeholten Vergleich die Trikolore-Kuh mit einer Brom- oder Maulbeere, was von Minos für treffend genug gehalten wurde, um Polyides in apodiktischer Manier mit der Wieder-Herbeischaffung seines Sohnes zu beauftragen.

Nachdem ein Seeadler und eine Eule ihm den Weg gewiesen hatten, fand der Seher Glaukos‘ leblosen Körper in einem mit Honig und Glaukos gefüllten Honig-Fass. Bei der Verfolgung seines Balls war der Junge erst in einen Keller und dann in das darin befindliche Fass geraten und einen ungeachtet seiner Süße unangenehmen Tod oder Scheintod gestorben. Alle Wiederbelebungsversuche blieben zunächst erfolglos.

Da ihm von Apollon prophezeit worden war, dass er seinen Sohn unversehrt zurückerhalten werde, war für Minos der Auftrag, den er Polyidos erteilt hatte, noch nicht ausgeführt. Um ihm Gelegenheit zu geben, die Sache ordnungsgemäß zu Ende zu bringen, ließ Minos den Seher zusammen mit seinem bis auf weiteres toten Sohn in die Grabkammer einmauern. Als eine von Polyidos im Halbdunkel der Gruft erschlagene Schlange durch eine zweite Schlange unter Verwendung einer Kräuter-Packung wiederbelebt wurde, gelang es Polyidos in analoger Weise auch den tot geglaubten Glaukos zu reanimieren.

Gewissermaßen zur Belohnung wurde Polyidos ein Ausbildungsvertrag zur Unterschrift vorgelegt. Innerhalb von drei Jahren sollte er Glaukos bei freier Kost und Logis zum Futurologen qualifizieren. Als Polyidos fragte, ob er stattdessen vielleicht auch nach Hause gehen dürfe, erhielt er zur Antwort, dies sei eines jener Angebote, die man nicht ablehnen könne. Polyidos schickte sich in sein Schicksal, aß während der Lehrzeit ein ganzes Fass Honig leer und freute sich auf seine Rache, die entweder süß oder Blutwurst, nach soviel Honig wahrscheinlich die bessere Alternative, sein würde.

Über einen noch nicht vorhandenen Brief und ein nicht mehr zustande gekommenes Gerichtsverfahren

Vor dem falschen Vorwurf der sexuellen Belästigung oder der versuchten, wenn nicht vollzogenen Vergewaltigung sind nicht nur Wetter-Moderatoren nicht sicher. Das mythologische Urbild des zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs Bezichtigten ist Hippolytos, Sohn des Theseus und der Amazone Hippolyte oder auch deren Amazonen-Schwester, -Tochter oder -Freundin Antiope. Etwas von einer Amazone hatte auch die Göttin der Jagd Artemis, zu der sich Hippolytos in quasi ödipaler, doch ganz und gar platonischer Verehrung entschieden stärker hingezogen fühlte als zu seiner Stiefmutter Phaidra, von der er so gar und ganz nichts wissen wollte.

Phaidra, die gebürtige Kreterin, war die Schwester von Ariadne, die Theseus, damals noch Prinz von Athen, dabei geholfen hatte, den Minotauros unschädlich zu machen. Anstatt Ariadne, wie es sich wohl gehört hätte, zu heiraten, fuhr Theseus nach einem Halt auf der Insel Naxos ohne die zunächst mit an Bord genommene Tochter des Minos auf und davon.

Zur Hochzeit mit Ariadnes Schwester Phaidra, sie war wohl aus freien Stücken das, was man ein Mauerblümchen nennt, kam es später wahrscheinlich aufgrund außenpolitischer Erwägungen, das heißt, um Feindseligkeiten zwischen Kreta und Athen eher unwahrscheinlich oder doch wenigstens etwas weniger wahrscheinlich zu machen.

Dann aber begegnet Phaidra Hippolytos, Theseus‘ Sohn aus seiner ersten Ehe mit der einen oder der anderen Amazone. Und da ihr die passenden Worte nicht über die Lippen kommen wollen, schreibt sie ihm einen der von Publius Ovidius Naso um die vorvorletzte Jahrtausendwende erfundenen Heroinen-Briefe. Vielleicht ahnte Phaidra immer schon, dass ihre Liebe nicht auf Gegenliebe stoßen würde, da sie gleich in der Einleitung zu bedenken gibt: „Der Feind sieht sich auch ein Schreiben an, das er von einem Feind erhalten hat“ und diagnostiziert gleichwohl bei sich selbst „eine heftige Liebe“, die ihr „tief in den Knochen“ sitze. Hippolyts für andere „hartes und grimmiges Gesicht“ sei in ihren Augen „nicht hart, sondern kraftvoll“. Und: „Fern bleiben sollen mir die wie eine Frau frisierten jungen Männer! Männliche Schönheit verlangt danach, nur in Grenzen gepflegt zu werden. Dir steht deine Strenge und die unordentlich fallenden Haare und der leichte Staub auf deinem erlesenen Gesicht.“

Die, wenn man so will, inzestuös anmutende Mutter-Sohn-Beziehung zwischen ihr und dem unehelichen Sohn ihres Ehemanns hält Phaidra zum einen für moralisch vertretbar und zum anderen für einen Camouflage-Vorteil: „Unsere Schuld wird unter dem Deckmantel der Verwandtschaft verborgen werden können. Selbst wenn jemand unsere Umarmungen sieht, werden wir beide gelobt werden und ich werde eine meinem Stiefsohn in Treue ergebene Stiefmutter genannt werden.“ Ihr neuer, verbotener Verkehr würde dem alten, sozial akzeptierten Umgang zum verwechseln ähnlich sehen: „Wie ein und dasselbe Haus uns beherbergt hat, so wird ein und dasselbe Haus uns weiter beherbergen. Du gabst mir unverhohlene Küsse und du wirst mir weiterhin unverhohlene Küsse geben.“ Die zum Ehebruch Entschlossene geht sogar so weit, ihrem Liebhaber in spe anzukündigen: „Du wirst zusammen mit mir sicher sein und wirst dir noch durch deine Schuld Lob verdienen, selbst wenn man dich in meinem Bett erblicken wird.“

Doch für Phaidra und Hippolyt galt nun einmal nicht, dass sein Anker ihrem Strand versprochen war, wie es in einem anderen Ovid-Brief heißt. Als Phaidra feststellen muss, dass weder ihre (also Ovids) werbenden Worte noch die Aussicht auf einen kretischen Insel-Palast Hippolytos dazu bewegen können, dem erotischen Begehren seiner Stiefmutter leiblich und seelisch entgegen zu kommen, bringt sie sich kurzerhand um – nicht ohne zuvor in einem finalen Brief, adressiert an ihren, Eros oder Amor sei’s geklagt, nicht gehörnten Ehemann, Hippolytos des unziemlichen Verhaltens ihr gegenüber bezichtigt zu haben.

Auf der Flucht vor seinem Vater hat Hippolytos dann zur kreativen Schaden-Freude späterer Maler und Bildhauer einen tragischen Unfall mit seinem Pferde-Rennwagen. Wäre es, wie im Fall des eingangs erwähnten TV-Moderators, stattdessen zu einem Prozess wegen Vergewaltigung oder sexueller Belästigung gekommen, hätte Ovids Brief den Angeklagten entlasten und zu seinem Freispruch führen können. Vorausgesetzt, Hippolyt wäre noch im Besitz des Briefes gewesen und er, der Brief, hätte zum fraglichen Zeitpunkt bereits existiert und wäre nicht erst ein paar hundert Jahre später nicht aus erotischen, sondern aus literarischen oder ero-literarischen Gründen geschrieben worden.

Lailaps oder: Warum Kunstwerke unsterblich sind

„Bei Fuß, Lailaps!“ Prokris hatte den bis dahin namenlosen Sturmwind von einem Hund von Minos, dem König von Kreta, geschenkt bekommen. Ein Hund, noch dazu ein unsterblicher, der schneller war als alles, was sonst noch vier Beine hatte, um von Zweibeinern und Tausendfüßlern nicht zu reden. Dazu einen Speer, der sein Ziel (also das der Werferin oder des Werfers, kurz: der oder des Werfenden) nie verfehlte. Dafür hatte sie, Prokris, König Minos von einem dubiosen Leiden befreit, falls man den Umstand, dass Minos‘ Körper beim Geschlechtsakt nicht nur das Übliche, sondern auch noch Schlangen, Skorpione und Tausendfüßler entströmten, ein Leiden nennen möchte. Man hätte darin auch eine Gabe oder Fähigkeit sehen können, wenn Minos dazu in der Lage gewesen wäre, diese exklusive Sonder-Begabung willentlich zu steuern.

Mit Lailaps an der Leine und dem Speer über der Schulter kehrte Prokris zu ihrem Mann Kephalos zurück, den sie ein paar Wochen zuvor schwer gekränkt verlassen hatte. Als kränkend hatte sie empfunden, dass Kephalos mit falschem Bart und verstellter Stimme ihre Treue auf die Probe stellen wollte, genauer gesagt: dass er es für möglich gehalten hatte, dass sie ihm, den sie schon von Kindesbeinen an kannte, jemals untreu werden könnte.

Tatsächlich wäre sie dem bärtigen Fremdling wohl auch zu willen gewesen, wenn dieser sich nicht im entscheidenden Moment als Kephalos entpuppt hätte. Aber dass Kephalos‘ Untreue-Bereitschafts-Verdacht begründet gewesen war, wog nach Prokris‘ Dafürhalten ehemoralisch weniger schwer als die Tatsache, dass Kephalos ihn gehabt hatte. Eine logisch wie psychologisch schwierige Situation, der sich Prokris schmollend entzog, indem sie für ein paar Wochen nach Kreta reiste, von wo sie nun mit einem Superdog und einer Wunderwaffe zurückkehrte.

Wie Prokris (die Auserwählte) und Kephalos (der Schönhäuptige) ihre logischen und psychologischen Eheprobleme lösten, ist weniger interessant als das, was später mit Lailaps passierte, der zunächst als Versöhnungsgeschenk von Frauchen zu Herrchen wechselte. Als nämlich eines Tages ein bösartiger Fuchs auftauchte, wurde Lailaps von der Leine gelassen, um diesem den Garaus zu machen, was ihm unter normal unnormalen Umständen auch gelungen wäre. Während aber Lailaps per definitionem deorum ein Jagdhund war, dem keine Beute entging, war der Fuchs nach dem Willen derselben Götter ein Fuchs, den nichts und niemand zu fassen bekam. Ein logisches, besser gesagt: ein ontologisches Dilemma! Zwei Wesen mit diesen einander widersprechenden Eigenschaften können und dürfen eigentlich nicht gleichzeitig existieren.

Solange Fuchs und Lailaps nicht in einen faktischen Interessenkonflikt gerieten, war das Problem zwar theoretisch vorhanden, aber nicht real gegeben. Die onto-logische Implosion, die dem Kosmos nun jedoch drohte, konnte von Zeus, der die Gefahr blitzartig erkannte, im letzten Moment verhindert werden, indem er Jäger und Gejagten geistesgegenwärtig in Marmor-Skulpturen verwandelte.

Sublimation ist besser als Im- oder Explosion. In der Sphäre der Kunst, das war Zeus intuitiv klar, sind Unvereinbarkeiten das Normalste von der Welt, ohne dass deswegen irgendwelche praktischen Unannehmlichkeiten zu gewärtigen wären. Dass dabei Lailaps‘ apriorisch vorhandene Unsterblichkeit berücksichtigt werden musste, ist vermutlich der Grund dafür, dass Kunstwerke bis heute als unsterblich gelten.

Im mythologischen Labyrinth

Um an das Sperma eines Zuchtbullen heranzukommen, verkuppelt man ihn in einer sogenannten Sprunghalle mit einer künstlichen Kuh und füllt den Stoff, aus dem die Nachwuchsträume der Züchter sind, in Plastikröhrchen ab. Denn immer nur ein Sprung pro Kuh wäre die reine Verschwendung, vom Aufwand, den man treiben müsste, um für jede Besamung ein natürliches Rendezvous von Spender und kuhwarmer Empfängerin zu arrangieren, einmal ganz abgesehen.

Wo die Besamung Pasiphaës stattgefunden hat, wissen wir nicht – auf einer Majolika-Schale von 1533 ist zu sehen, wie Daidalos im Freien vor irgendwelchen Gebäuden an jener Kuh-Attrappe aus Holz schnitzt, die zur Herstellung physiologischer Kompatibilität angefertigt werden musste. Er gibt sich dabei offensichtlich mehr Mühe als gemäß heutiger Erfahrung nötig gewesen wäre, um den schönen weißen Stier, nach dem es die Gemahlin von König Minos verlangte, zum Besteigen und Begatten der leblosen Kuh samt der in ihr enthaltenen leibhaftigen Königin zu animieren. Sein alter Naturalisten-Ehrgeiz scheint von Daidalos beim Schnitzen an der Kuh-Kopie erneut Besitz ergriffen zu haben.

Denn über die für diese Arbeit erforderlichen holzbildhauerischen Kenntnisse und Fertigkeiten verfügte Daidalos schon während seiner Zeit in Athen. Er war damals ein berühmter Bildhauer gewesen, der das Publikum durch seine hypernaturalistischen Darstellungen in Staunen versetzt hatte. An die Grenzen seiner mimetischen Kunst war Daidalos paradoxerweise gestoßen, als seine Werke so perfekt geworden waren, dass die Betrachter aufhörten, Betrachter zu sein, weil sie Daidalos‘ Kreationen nicht mehr als solche wahrnahmen und seinen Realismus für die Realität hielten.

Anstatt den Weg vom Hypernaturalismus zurück in die Abstraktion zu suchen, fand der frustrierte Nachahmer sein Heil in der Herstellung von Machwerken der technisch-wissenschaftlichen Art. Sein Ziel sei es von jeher gewesen, etwas aus etwas zu machen, gab er einmal zu Protokoll. So wurde Daidalos zum Erfinder und Konstrukteur. Als er aber seinen Neffen und Schüler Perdix in einem Anfall von Eifersucht auf dessen kreative Begabung von der Akropolis stieß, war auch seine zweite Karriere an ein jähes Ende gelangt. Daidalos musste Athen verlassen.

Im Minoischen Exil auf Kreta gelang ihm der berufliche Wiedereinstieg als Chefkonstrukteur und universeller Problemlöser bei Hofe. Und als Pasiphaë ihn um Beihilfe zum Ehebruch bat, kehrte Daidalos sogar zur Bildhauerei zurück. Anders als zuvor in Athen war nun die Verwechslung von Kunst und Wirklichkeit seitens des vierbeinigen Rezipienten durchaus erwünscht und oberstes Ziel des Täuschungsmanövers.

Was dabei herauskam war so monströs wie der ganze Vorgang: ein Wesen mit dem Leib eines Menschen und dem Kopf eines Stiers. Dass das Monstrum früher oder später getötet werden würde, war von Anfang an klar, aber Mythos ist unter anderem ein Synonym für unterhaltsamer erzählerischer Umweg. Bevor dem bastardischen Wesen durch Theseus der Garaus gemacht wurde, musste es noch als sogenannter Minotauros in ein natürlich von Daidalos entworfenes labyrinthisches Gefängnis gesperrt und mit jugendlich frischen Athenerinnen und Athenern gefüttert werden.

Ironischerweise war der im Grunde bedauernswerte Minotauros so etwas wie ein Zerrbild des Minos, seines Stiefvaters wider Willen, welcher selbst in gewisser Weise aus der Vermählung eines Stiers mit einer Phönizierin hervorgegangen war: Zeus hatte sich, um an Europa heranzukommen, in einen Stier verwandelt und sie zwecks Besamung nach Kreta entführt.

Wie man weiß, ist das nicht das Ende der Geschichten um Daidalos, aber wir blenden uns an dieser Stelle aus, um den Ariadne-Faden bei nächster Gelegenheit wieder aufzunehmen, wobei wir nicht hoffen, das mythologische Labyrinth jemals wieder verlassen zu können. Es gibt für den, der einmal hineingeraten ist, keine Aussicht auf Entrinnen.