Wie es kam, dass Erichthonios den Rollstuhl erfinden musste

Mater semper certa est, pater numquam – frei übersetzt: Es steht zweifelsfrei fest, wer deine Mutter ist, aber im Hinblick auf die Vaterschaft deines Vaters kannst du dir nie ganz sicher sein. Wer in der Schule Lateinunterricht hatte, wird sich an diese genealogische Regel Nummer eins wahrscheinlich erinnern. Für Erichthonios gilt, dass die Überlieferer (Hesiod, Homer, Herodot, Pausanias, Köhlmeier) sich weitgehend einig sind, dass Hephaistos sein Vater war. Wer aber war Erichs Mutter? Entweder war es eine Königstochter namens Atthis oder Gaia selbst. Ovid nennt ihn prolem sine mater creatam, einen Nachkommen ohne Mutter, also eine Art Komplement zu Jesus Christus.

Wäre Erichthonios, ohne dass man seinen Namen tatsächlich so übersetzen könnte, der von Gaia Geborene, dann erwiese sich sein Zweitname als kompatibel mit einer halb delikaten, halb unappetitlichen Geschichte, wonach Hephaistos bei Gelegenheit einer Waffenbestellung der Pallas Athene bei ihm ein „wollüstiges Verlangen nach Athena“ (so Apollodor in seiner Mythologischen Bibliothek) ergriffen habe. Die Pallas konnte ihm zwar entwischen, aber nicht verhindern, dass etwas von seinem praecoxitorisch herausspritzenden Ejakulat ihr linkes Bein traf. Angeekelt wischte sie den Lendensaft mit einem Stück Wolle ab, das sie dann auf die Erde, mit anderen Worten: auf Gaia warf. Apollodor: „Jetzt ergriff sie die Flucht, und aus dem zu Boden Geworfenen entstand Erichthonios“, der letztlich, um es kurz zu machen, von Pallas Athene aufgezogen und zum König von Athen gemacht wurde.

Und als wäre das nicht schon Grund genug, sich seiner zu erinnern, erfand Erichthonios nicht nur das Rad, sondern im selben kreativen Akt den für ihn noch wichtigeren Rollstuhl. Denn der von Hephaistos mit Gaia Gezeugte und von Pallas Athene an Kindes statt Großgezogene war zu hundert Prozent gehbehindert. Er war der Mann ohne Unterleib, das heißt: oben Mann, unten Schlange (wobei man sich natürlich fragt, wo genau „oben“ aufhörte und „unten“ anfing). Dass sich das mit den Pflichten eines Königs zu Athen nicht vereinbaren ließ, liegt auf der Hand. Klar sein dürfte auch, dass sein Erzeuger Hephaistos, der olympische Schmied und göttliche Handwerker, ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite stand, auch wenn davon weder bei Hesiod noch bei Apollodor etwas zu lesen, ja noch nicht einmal aus dem Munde von Michael Köhlmeier etwas zu hören ist.