Ero-Politik: Medeas Liebe mit der Brechstange

Eines muss man Medea lassen: zimperlich war sie nicht. Und wenn sie etwas unbedingt haben wollte, dann bekam sie es auch. „Die an Mitteln und Anschlägen reiche, die weise Frau“, so paraphrasierte sie der Mythologe Ludwig Preller. Außerdem, beziehungsweise vor allem anderen, steht sie für die leidenschaftliche, mythologisch nachweislich über Leichen gehende Liebe.

Um Iason, den von ihm geführten Argonauten und sich selbst mit diesen die Flucht aus ihrer Heimat Kolchis am Schwarzen Meer zu ermöglichen, opferte sie ihren eigenen Bruder. Legte seinen zerstückelten Leichnam dem Vater in den Weg. Die Wette, dass ihre Verfolger einige Zeit brauchen würden, ehe sie ihre Fassung zurück gewannen, gewann sie. So half sie dem von ihr ebenso rückhalt- wie rücksichtslos Geliebten das notorisch umkämpfte Goldene Vlies nach Iolkos zu bringen und dort (oder vielleicht auch erst später in Korinth) König zu werden.

Im weiteren Verlauf dieser asymmetrischen Beziehung kommt es zu weiteren Tötungsdelikten. Die Ansicht, dass Medea unter anderem auch ihre und Iasons Kinder umgebracht habe, wird nicht von allen geteilt. Zu schlechter Letzt scheint die Ratwissende sich keinen anderen Rat mehr gewusst zu haben als den, sich nach Athen abzusetzen und dort in zweiter Ehe Theseus‘ Vater Aigeus zu heiraten. Nach einer Affäre mit ihrem Stiefsohn verliert sich die Spur der keinerlei oder doch so gut wie keine Skrupel kennenden Medea in den Weiten Klein- und Großasiens.

Während die einen sagen, Medeas Liebe sei für sie nur ein Vorwand gewesen, um habituell gewalttätig werden zu dürfen, halten viele ihr zugute, dass sie leidenschaftlich für etwas brannte, eine ero-politische Vision hatte. Das scheint wieder im Kommen zu sein.