Pan als Instrumentalist: Noch ein Beitrag zu einer mythologischen Musikgeschichte

Nicht an irgendeinem Bach namens Johann oder Sebastian, sondern am Fluss Ladon kam es dazu, dass die Najade Syrinx aus dem keuschen Gefolge der jungfräulichen Artemis ihre Verwandlung in Schilfrohr erwirkte, um sich durch diese Metamorphose der Zu- und Eindringlichkeit ihres Verfolgers nachhaltig zu entziehen. Der Namensgeber der Panik selbst war es gewesen, der sie in eine von diesen versetzt hatte. So leicht entkommst du mir nicht, knurrte Pan und schnitt und baute sich aus Schilfrohr eine andere Syrinx, vulgo: Panflöte, der er mit seinem heißen Atem die geilsten Töne entlockte. Jedenfalls fanden das viele der anderen Nymphen, von denen nicht wenige die Verfolgungsjagd ein wenig neidisch verfolgt hatten.

I am the god of hell and fire, prahlte Pan bei seinen Auftritten in ausverkauften Pan-Tempeln, and I bring you: Fire, I’ll take you to burn! Und dann versetzte er als Präfiguration des christlichen Gottseibeiuns‘ mit seiner Syrinx das Publikum ein ums andere Mal in Ekstase. Man musste lange warten, ehe man in der Crazy World des Arthur Brown Anno Domini 1968 Vergleichbares erneut erleben konnte.

Vor Nymphen bist du recht; allein, die Götter zu vergnügen, ist deine Flöte viel zu schlecht. Es war Phoebus, der Leuchtende, besser unter dem Namen Apoll bekannt, der Pan eines Tages mit diesen einer Bach-Kantate vorweg entnommenen Worten den Fehdehandschuh vor die Hufe warf. Sobald mein Ton die Luft erfüllt, so hüpfen die Berge, so tanzet das Wild, so müssen sich die Zweige biegen, und unter denen Sternen geht ein entzücktes Springen für: Die Vögel setzen sich zu mir und wollen von mir singen lernen, erwiderte Pan ein wenig spitz, indem er zugleich den Handschuh aufhob und seinen Herausforderer damit ohrfeigte.

Geschwinde, geschwinde, ihr wirbelnden Winde, sangen nun sensationslüstern die treulosen Nymphen im Chor, da sie sich schon darauf freuten zu sehen, wie bald wieder jemandem das Fell über die Ohren gezogen würde. Denn warum sollte es Pan mit seiner siebenrohrigen Syrinx anders ergehen als Marsyas mit der Doppelrohrflöte, dem bei lebendigem Leib die Haut abgezogen worden war, nachdem Apoll ihn musikalisch besiegt hatte.

Allein, auch im Mythos wiederholt sich Geschichte nur in Ausnahmefällen. Tmolos, den Apollon in die Jury beordert hatte, erklärte Apollon an der Kithara zum Sieger, Midas, der von Pan in die zweiköpfige Kommission gebeten worden war, meinte dagegen, dass Pan der bessere Instrumentalist sei. Woraufhin Apollon, der Jury-Entscheidungen ohnehin nur dann akzeptierte, wenn sie zu seinen Gunsten ausfielen, die Sache für entschieden und sich selbst zum Sieger erklärte.

Statt dass nun Pan oder Midas oder beiden die Haut abgezogen wurde, verlängerte Apoll eigenhändig die Ohren des Midas auf Esels-Maß, was wohl ironisch gemeint war und witzig sein sollte. Und weil die Willkür notorisch so tut, als gründe sie in Weisheit und Vernunft und sei alles andere als willkürlich, gab man dem Düpierten folgenden Merksatz mit auf den Weg zurück in sein angebliches Hinterwäldlertum: Der Unverstand und Unvernunft will jetzt der Weisheit Nachbar sein, man urteilt in den Tag hinein, und die so tun, gehören all in deine Zunft. Sonst noch jemand ohne Fahrkarte?

Die Marsyas-Suite des Altphilologen Alphonsus Diepenbrock

Nicht umsonst hatte sein Vater ihn Alphonsus und nicht einfach nur Alphons genannt. Dirigent werden kam daher nicht in Frage – ab 1880 studierte Diepenbrock auf Wunsch des Vaters in seiner Geburtsstadt Amsterdam klassische Philologie und schloss das Studium mit einer Dissertation über Seneca ab. Danach unterrichtete er alte Sprachen, also vermutlich auch Altgriechisch und Mythologisch. Und wurde dann doch noch einer der bekanntesten holländischen Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er starb 1921 in seinem neunundfünfzigsten Lebensjahr. Zeus hab ihn selig.

Marsyas oder: Die Gnadenlosigkeit der zu frühen Geburt

Im Katalog eines Schweizer Blockflöten-Herstellers werden die Flöten der Baureihe Marsyas folgendermaßen beschrieben: „Die Sopranflöten Marsyas sind fein und elegant klingende Instrumente, die eine erstaunliche Flexibilität und Klangstärke aufweisen. Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang. Das Spektrum reicht von warm bis brillant, der Klang bleibt aber immer elegant.“

Der Satyr Marsyas, Namenspatron dieser Schaffhausener Instrumenten-Baureihe, spielte zwar nicht wirklich auf einer Blockflöte, aber unter Berücksichtigung der zeitlichen und räumlichen Distanz mag seine gleichfalls aus Holz gefertigte Doppelflöte auch eine Art Blockflöte (nur eben ohne Block oder Blöcke) gewesen sein. Zudem gilt: Bei Nacht sind alle Katzen grau und in die Sphäre der Mythen und Legenden entrückt, sind alle Flöten in ihrer äußeren Erscheinung wie auch in Bezug auf ihr Hör-Bild universell flautomorph.

Ursprünglich hatte Marsyas‘ Flöte Pallas Athene gehört und war von dieser wohl auch angefertigt worden. Warum Athene sich von ihr trennte, klingt für den intimen Kenner der griechischen Mythologie ebenso fein wie unverkennbar an, wenn es im Katalogtext heißt: „Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang.“ Das Spielen auf der Flöte hatte ihr nicht gut zu Gesicht gestanden, wie Athene bei einem Blick in den Spiegel eines Teichs feststellen musste. Man darf vermuten, dass die Flötenbauer- und -spielerin wegen des erforderlichen hohen Blasdrucks rot anlief und ihre Augen ein wenig hervorquollen. Nicht nur der Blockflötenbau im engeren Sinn von Blockflöte will eben gelernt sein.

Als Marsyas die von Pallas Athene weggeworfene Flöte fand, hielt er das zunächst für einen Glücksfall. Einen Satyr entstellt so leicht nichts und Marsyas hatte nicht nur kräftige Lungen, sondern offenbar auch musikalisches Talent. Als er in Kleinasien weltberühmt geworden war, kam es zu einem musikalischen Wettstreit zwischen ihm und Apollon. Ob der Gott den vielleicht allzu sehr von sich eingenommenen Satyr oder dieser den Gott herausgefordert hat, wissen die Götter.

Das Ende vom Lied war, dass die Jury, die nur aus Musen bestand, Apollon zum Sieger erklären musste, nachdem dieser seine Lyra oder Kithara umgedreht gespielt hatte und Marsyas es ihm bei aller Virtuosität als Flötist nicht gleichtun konnte. Zur Strafe, wofür auch immer, wurde dem angeblich unterlegenen Marsyas bei lebendigem Leib die Haut abgezogen – das grausame Ende eines der größten antiken Flöten-Talente mit oder ohne Block.

Ein Nachtrag: Neue Musik-Zeiten, andere Spieltechniken. Würde es heute zu einem Wettstreit zwischen Apollon und einem Blockflöten-Virtuosen kommen, hätte letzterer gute Chancen, mit heiler Haut die Arena wieder zu verlassen. Denn im Zuge der Wiederentdeckung der Blockflöte für die missbräuchlichen Zwecke der sogenannten Neuen Musik ist das Spiel auf der umgedrehten Blockflöte eine der leichteren Übungen.