Von Artemis zu Maria: Gestaltwandel einer Göttin

Dass Maria, die Mutter Jesu, wie eine Göttin angebetet und verehrt wurde und wird, ist ein offenes Geheimnis und eine der Merkwürdigkeiten der christlichen Variante des sogenannten Monotheismus. Will man den Kult um Maria mit einem Ort und einem Datum in Verbindung bringen, so ist als Ort Ephesus und als Zeitpunkt das Jahr 431 zu nennen. Beim dritten ökumenischen Konzil in einer der bedeutendsten Städte Kleinasiens wurde Maria zur Gottesgebärerin und zum legitimen Objekt der Anbetung und Verehrung erklärt. Dass die amtliche Aufnahme Mariens in den christlichen Olymp gerade in Ephesus oder Ephesos bekanntgegeben wurde, kam nicht von ungefähr, gab es doch an gleicher Stelle über viele Jahrhunderte hin einen oder mehrere Tempel der Artemis, als deren Reinkarnation wir Maria bezeichnen dürften, wenn so etwas wie Reinkarnation unter Göttinnen infrage käme. Denn wie Maria war Artemis die personifizierte Jungfräulichkeit, wie sie war sie eine Mutter der Mutterschaft und für beide wurde eine nicht gleichgültige Beziehung zum Mond festgestellt. Selbst die bei Artemis in markant extrovertierter Weise hervortretenden kriegerisch-jägerischen Wesenszüge müssen bei Maria in verinnerlichter, möglicherweise auto-aggressiver Form vorhanden gewesen sein: Man betrachte nur die zahllosen Porträts als Mater Dolorosa, auf denen Marias Herz von bis zu sieben Schwertern gleichzeitig durchbohrt wird.