Seine Mutter war eine Urenkelin von Zeus – und wer war sein Vater?

Wie schon gesagt: mater semper certa est, pater numquam. Bei Odysseus ist man sich ziemlich sicher, dass seine Mutter die Tochter des Meisterdiebs Autolykos war, der sein Handwerk von keinem Geringeren als seinem Vater Hermes gelernt oder geerbt (oder beides) hatte. Hermes zeigte seinem Sohn außerdem einen Trick, wie man das Diebesgut anschließend in etwas anderes verwandeln kann, um so beim Klauen nicht erwischt oder doch wenigstens nicht als Dieb überführt zu werden. Das heißt, immer wenn Autolykos die von ihm geklauten Äpfel auf der Flucht vor dem Apfelbaum-Besitzer in Birnen verwandeln musste, konnte er von Glück sagen, wenn er eigentlich Birnen hatte klauen wollen und nur deshalb Äpfel geklaut hatte, weil er prima vista weder Äpfel von Birnen noch Apfelbäume von Birnbäumen unterscheiden konnte. Aber zurück zu Odysseus.

Autolykos‘ Tochter Antikleia war also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Mutter von Odysseus, in welchen damit mütterlicherseits die Gerissenheits-Gene zweier Trickbetrüger eingeboren waren. Was er von väterlicher Seite mitbekommen hat, könnte man nur dann mit ähnlich hoher Wahrscheinlichkeit sagen, wenn man certa wüsste, wer sein Vater war.

Homer nennt als Odysseus‘ Vater Laertes, König von Ithaka, Sohn des Arkeisios und damit (nach einer Sage) Enkel von Zeus. Odysseus wäre dann einerseits durch seinen Vater Laertes ein Urenkel von Zeus, durch seine Mutter Antikleia aber ein Ururenkel desselben Zeus – falls Zeus jemals ein und derselbe gewesen ist. Vielleicht ist dies, nebenbei bemerkt, einer der fundamentalen Unterschiede zwischen Zeus und dem monolithischen Gott des Alten Testaments. Während Jahwe von sich sagen konnte und wollte: Ich bin, der ich bin, sagte Zeus ein ums andere Mal: Je suis un autre! Ich bin, der ich nicht bin. Und ward Schwan, Schlange, Stier, Adler und weiß Gott, was sonst noch alles.

Alternativ zu Laertes käme als Vater von Odysseus auch noch Sisyphos in Betracht. Es gab und gibt nämlich Gerüchte, dass Antikleias diebischer Vater Autolykos bei dem Versuch, Sisyphos‘ Vieh zu stehlen, kläglich gescheitert ist und sich in einem Anflug von Reue dazu hinreißen ließ, dem nur beinahe Bestohlenen zur moralischen Wiedergutmachung und getreu dem Motto einmal ist keinmal seine schon mit Laertes verlobte Tochter für eine Nacht zur freien Verfügung zu überlassen. Einmal wäre dann aber nicht keinmal, sondern einmal zu viel gewesen.

Nicht diese eine, ebenso ephemere wie folgenreiche Odysseus-Nacht mit Antikleia, falls es sie denn tatsächlich gegeben hat, ist nach Albert Camus der Grund, weshalb wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen. Sondern die Sache mit dem bis in alle Ewigkeit den Berg hinauf zu rollenden Stein. Aber das ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte.