Attis und Kybele oder: Erste und letzte Zuckungen

Was Sigmund Freud den Mädchen im Vorschulalter unterstellte, nämlich das bange Leiden unter der furchtbaren Vermutung, sie seien womöglich kastriert worden, war für Kybele schmerzliche Gewissheit: Die Götter hatten sie entmannt, ihr also die Männlichkeit im physiologischen Sinn abgeschnitten – möglicherweise mit derselben Sichel, mit der schon Kronos seinen Vater Uranos kastriert hatte. Wobei man irritierender- aber korrekterweise sagen muss: Eigentlich war es der Hermaphrodit Agdistis gewesen, der von den Olympiern entmannt worden war und hernach als disambiguiertes Wesen unter dem Namen Kybele postphallisch fortexistierte. Da es Agdistis nach der klärenden Operation wahrscheinlich im Wesentlichen nicht mehr gab, konnte allenfalls Kybele von sich sagen, dass sie ihres Gliedes beraubt worden sei, obwohl Kybele als Kybele nie eines besessen hatte. Hier tut sich ein logisch-aporetischer Ur- und Abgrund auf, in den wir lieber nicht blicken wollen, da in mythischen Zeiten das philosophische Organon zur Be- und Verarbeitung der damit einhergehenden gedanklichen Produktion noch nicht zur Verfügung stand.

Agdistis war übrigens durch einen im eigentlichen Wortsinn feuchten Traum des Zeus entstanden. Denn als es Zeus von dem erotisch unwiderstehlichen Zwitterwesen Agdistis träumte, ging ihm (mindestens) einer ab, um es einmal, und warum auch nicht, volkstümlich zu formulieren. So wurde aus dem geträumten utopischen Agdistis unversehens der im damaligen Hier und Jetzt eine Zeitlang real existierende. Bis er sich postoperativ und posthum in Kybele und einen herrenlosen Penis aufgliederte. Letzerer fiel auf fruchtbaren Boden und wurde zum Mandelbaum, der dann die in seinem Schatten ruhende Nana mit einer Mandel befiel und somit schwängerte, wonach dann Attis, welcher alsbald zum schönen Jüngling heranwuchs, geboren wurde – noch einen Moment Geduld bitte, dann schließt sich hoffentlich der Kreis.

Als nämlich Kybele auf der Suche nach dem ungeteilten Selbst eines Tages ihrem verlorenen Gemächt in Gestalt des Attis wiederbegegnete, wähnte sie spontan, dass durch eine Vereinigung mit Attis alles wieder gut werden würde. Attis aber, dem es an nichts mangelte, sträubte sich und wollte seine Familie nicht im Stich lassen, wobei ihm die Beziehung zu seinem Schwiegervater Midas noch wichtiger zu sein schien, als die zu seiner Ehefrau Ia. Kybele trieb daraufhin in ihrem Neid und in ihrer Eifersucht beide, Attis und Midas, in den Wahnsinn und entweder kastrierten die sich dann gegenseitig oder Attis entmannte sich eigenhändig selbst – was so oder so dazu führte, dass er starb, wodurch Agdistis alias Kybele abermals das Nachsehen hatte.

Zeus wollte Kybele und Attis anscheinend keine zweite Chance geben, denn er weigerte sich, Attis vollständig zu reanimieren. Fast könnte man meinen, er wollte die schon wieder um den Penis gebrachte Kybele verhöhnen, als Zeus entschied, Attis in einem auf Dauer gestellten Wachkoma gelegentlich mit dem kleinen Finger zucken zu lassen – mal mit dem der rechten, mal mit dem der linken Hand.

Wie die Oberen in einem gigantischen Gemetzel einmal mehr ihre Herrschaft behaupten konnten

Der Unterschied zwischen der Gigantomanie, von der einer befallen und einer Gigantomachie, in die er hineingeraten ist, gleicht dem zwischen dem Turmbau zu Babel und einem Sturz von der Aussichtsplattform des fertiggestellten Gebäudes. Gigantomachie! Was für ein klangvoller Name für den kläglichen Untergang einer ganzen mythologischen Spezies. Aber was bluttriefend begann, musste offenbar in einem Blutbad enden.

Als in vorolympischen Zeiten Kronos, der Titan, auf Geheiß seiner Erden-Mutter Gaia seinen Himmels-Vater Uranos mit einem Sichelschwert entmannte, tropfte das Blut (und es muss dabei viel Blut geflossen sein) der abgeschnittenen Begattungsteile auf die Erde, wurde von dieser empfangen und verwandelte sich, Ironie des Schicksals, in die Giganten. Merke: Bei empfängnisverhütenden Maßnahmen sollte man darauf achten, dass diese selbst nicht zur Ursache ungewollter Schwangerschaften werden. Andererseits kamen die gigantischen Giganten der Gaia gerade recht, denn, das wusst sie schon jetzt, sie würde mit den kommenden Olympiern eines Tages noch eine Rechnung zu begleichen haben.

Worin genau der Groll der Ge oder Gaia gegen ihre Götter-Kinder seinen Urgrund hatte, ist umstritten. Wahrscheinlich handelte es sich um einen veritablen Kränkungskomplex, dessen Analyse hier nicht geleistet werden kann. Üblicherweise wird behauptet, sie wollte sich rächen für die Verbannung der von den Göttern besiegten Titanen, welche gleichfalls ihre Kinder waren. Möglicherweise ging es auch um die Tötung eines ihr ans Herz gewachsenen Ungeheuers namens Aigis durch Pallas Athene. Oder, wofür psychologisch gesehen einiges spricht, sie konnte den Göttern nicht verzeihen, dass sie in kollektiver Nestflucht zuhause ausgezogen waren und ein Leben auf dem Olymp dem Verbleib bei und auf Mutter Erde vorgezogen hatten. Nicht ganz ausgeschlossen werden kann schließlich eine im Falle Gaias vorliegende Coelophobie, was bedeuten würde, dass alles, was wie der Himmel Uranos über und auf ihr lag, bei Mutter Erde eine Mischung aus Angst und aggressiver Aversion auslöste. Da die Götter nun den himmlischen Sphären angehörten, hätte dies auch für sie gegolten.

Fairerweise muss man zugeben, dass es nicht die Olympier gewesen sind, die den Streit mit den Giganten angezettelt haben. Es ist in mehrfacher Hinsicht eine Verdrehung der mythologischen Tatsachen, wenn der Schriftsteller Peter Weiss in seiner Ästhetik des Widerstands schreibt: „Mit Steinen nur können sie“, die Giganten, „sich wehren gegen die Gepanzerten und Schwerbewaffneten, sie knien, kriechen, sie zerbrechen und fallen ins aufgerissene Straßenpflaster, preisgegeben den Wasserkanonen, Gasgranaten und Maschinengewehren.“

So schwer bewaffnet und olymphoch überlegen wie der antikapitalistische Sänger in seinem pro-proletarischen Furor behauptet waren die Götter keineswegs. Als die Giganten unter Führung von Eurymedon losschlugen und damit die Gigantomachie ihren Anfang nahm, taten sie dies unter Verwendung von gewaltigen Felsbrocken und brennenden Eichen, was den Einsatz der von Peter Weiss monierten Wasserwerfer allemal rechtfertigen würde. Andere mythologische Kriegsberichterstatter wollen in den Händen der Giganten lange Speere gesehen haben, während die Göttinnen und Götter nur mit dem kämpften, was sie gewohnheitsmäßig mit sich führten, also Pfeil und Bogen, Fackeln, rotglühende Eisen und natürlich Blitz und Donner.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass auf Seiten der Götter der von Zeus inkognito gezeugte Herakles am Kampf teilnahm und den Giganten zusammen mit seinem Vater wahrscheinlich die entscheidenden Verluste beibrachte. Alkyoneus wurde von Herakles ebenso mit einem Pfeil niedergestreckt wie Porphyrion. Und zusammen mit Apollon tötete er Ephialtes, indem die beiden in einer Parallelaktion die Augen ihres Gegenübers mit Pfeilen durchbohrten. In einem Orakelspruch war den Göttern nämlich von den Göttern geweissagt worden, sie würden aus der Gigantenschlacht nur dann als Sieger hervorgehen, wenn sie Verstärkung durch einen Sterblichen erhielten, nicht zuletzt deshalb, weil Giganten von Göttern nicht getötet werden könnten, was sich dann aber nur in Einzelfällen als zutreffend erwies. Bei Peter Weiss ist Herakles übrigens ein früher Repräsentant des Proletariats, was bedeuten würde, dass er sich in der Gigantomachie von der herrschenden Götter-Klasse für ihre Zwecke hat korrumpieren und instrumentalisieren lassen – ein Verdacht, der durch Herakles‘ postmortale Entrückung in den Olymp und seine Vermählung mit Hebe, der Göttin der Jugend, bestätigt zu werden scheint.

Kleine Musen-Kunde

Neun Nächte lang schwelgte Zeus an und in der Erinnerung, deren mythischer Name Mnemosyne lautete, und die eine Tochter von Uranos und Gaia, also eine Titanin und Schwester von Zeus‘ Vater Kronos war. Ein Jahr später gebar Mnemosyne ihrem Neffen, aber ebenso uns allen, die neun Musen, als da waren und sind: Klio („die Rühmende“), zuständig für Geschichtsschreibung im Allgemeinen und Helden-Gedenken im Besonderen; Euterpe („die Erfreuende“), Göttin der Lyrik und der Lyra, allgemeiner: der Tonkunst; Thalia („das blühende Glück“) war anscheinend die Komödiantin unter den Musen; Melpomene („die Singende“) hat viel Unglück und Leid gesehen und besungen, vorzugsweise als Tragödin auf der Bühne; Terpsichore („die Tanzfreudige“) – sie soll erst das Tanzen und später den Tanz ums Goldene Kalb der Wissenschaftlichkeit erfunden haben; Erato („die Liebreiche“) – Liebesgedichte, Lovesongs und Balz-Tänze fallen in ihr Resort (da scheinen Konflikte mit Euterpe und Terpsichore vorprogrammiert zu sein); Polyhymnia („die Hymnenreiche“) ist die Spezialistin für Hymnen, also für sakrale und profane Lobgesänge, unter den Musen; Urania ist nach ihrem Groß- und Urgroßvater Uranos (soviel wie „Himmelsgewölbe“) benannt, daher die Muse der Astronomie und damit womöglich auch der Astronomen; Kalliope („die Schönstimmige“) ist die Muse der Wissenschaft, der Philosophie, der Saiteninstrumente sowie der epischen und der elegischen Dichtung – vielleicht ein bisschen viel für eine einzige Muse, zumal schon einige ihrer Schwestern ähnliche Kompetenz-Felder für sich reklamieren. Aber für das Musische im engeren Sinn können niemals zu viele Musen zuständig sein – wenigstens eine wird dann hoffentlich bei Bedarf in Kuss-Laune sein.

Cheiron oder: Ein Händchen für die Erziehung von heroisch Hochbegabten

Bevor Zeus Okyroë wegen unerlaubter Wahrsagerei in eine Stute (eigentlich müsste man sagen: Voll-Stute) verwandelte und sie den Namen Hippo erhielt, war sie eine Art Kentaurin, also eine Stute mit dem Oberkörper einer Frau. Eine Kentaurin war Okyroë alias Hippo allerdings nur der Gestalt nach, weil diese Einschränkung auch für ihren Vater Chiron oder Cheiron galt, der seine genealogisch bedingte morphologische Besonderheit an seine Tochter weitergegeben hatte. Als veritabler Kentaur hätte Cheiron seinen Stammbaum auf den Wolken-Stecher Ixion zurückführen können müssen, dem es in angetrunkenem Zustand gelungen war, eine Nephele (was Wolke heißt), die er für Hera hielt, zu schwängern. Dabei entstand Kentauros und aus Kentauros‘ Verbindung mit diversen Stuten gingen dann die eigentlichen Kentauren hervor.

Die Hand (Cheiron) der Hände aber hatte mit alledem nichts zu tun, denn Cheiron war ein Sohn des Kronos, das heißt ein Enkel von Gaia und Uranos (also gewissermaßen ein Urenkel des Chaos) und als solcher ein Halbbruder von Zeus. Die Kentauromorphie verdankte Cheiron dem Umstand, dass sein Erzeuger Kronos sich weder von seiner Gemahlin Rhea noch von sonst jemandem beim Fremdgehen erwischen lassen wollte und Cheirons Mutter Philyra daher in Pferdegestalt erst den Hof und dann den Hengst machte. Neun, zehn oder elf Monate später mit dem Resultat des im wörtlichen Sinn abartigen Seitensprungs konfrontiert, wollte Philyra fortan lieber am Brunnen vor dem Tore eine Linde (Tilia) als die Mutter dieser (in ihren Augen) Missgeburt sein.

Wie sich später herausstellte, war Philyras Entscheidung für die Metamorphose (also für eine Art postnatal-symbolische Abtreibung) vermutlich voreilig gewesen. Denn Cheiron erwies sich als äußerst patenter Mann (den sie gelegentlich Pferd nannten), auf den so ziemlich jede andere Mutter stolz gewesen wäre. Spätestens beim Lesen des Wikipedia-Eintrags ihres Sohns hätte Philyra ihre Tiliafizierung bedauert: „Er ist ein Freund der Götter, Erzieher der Heroen Jason, Aktaion, Aristaios, Achilleus, Kephalos, Meilanion, Nestor, Amphiaraos, Peleus, Telamon, Meleagros, Theseus, Hippolytos, Palamedes, Menestheus, Odysseus, Diomedes, Kastor, Polydeukes, Machaon, Podaleirios, Antilochos und Aineias, besitzt Kenntnisse in der Arzneikunde, galt gelegentlich als Begründer der Chirurgie und übernahm die Ausbildung des Asklepios zum Arzt.“

Der (im unpräzisen Sinn von Vollständigkeit) Vollständigkeit halber soll nicht ungesagt bleiben, dass Cheirons Tod (im unpräzisen Sinn von tragisch) tragisch, nämlich ein Kollateralschaden war. Ein vergifteter Pfeil des Herakles traf ihn am Knie, nachdem der kraftstrotzende Held sich beim Einfangen des Erymanthischen Ebers mit irgendwelchen Original-Kentauren angelegt hatte. Das ist noch nicht die ganze Geschichte, muss für hier und jetzt aber als Schluss genügen. Mythograph sein heißt vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen und eigentlich kein Ende finden können.

Vom Abphall zur Aphrodite

Wie in Schillers Ballade zu Dionys, dem Tyrannen, Damon – so schlich zu Uranos, dem Titanen, dessen eigener Sohn Kronos. Im Gewand oder offen in der Hand hielt Kronos keinen Dolch, sondern eine Sichel. Auch wollte er nicht „die Stadt vom Tyrannen befreien“, sondern den himmlischen Begatter seiner Erden-Mutter Gaia von dessen Männlichkeit, und zwar während des Vollzugs. Was er dann auch tat – eine ziemliche Sauerei muss das gewesen sein.

Gaia hatte diese drastische Maßnahme der Familienplanung für erforderlich gehalten, weil Uranos, obwohl er unverdrossen fortzeugte, mit den Resultaten des ehelichen Verkehrs zwischen Himmel und Erde immer weniger zufrieden war. Auf eine Zeit der schönen Titanen-Heldinnen und -Helden war eine Periode der hässlichen Kyklopen und der nicht minder abstoßenden Hekatoncheiren (der „Hundertarmigen“, um Namen zu nennen: Kottos, Biareos, Gyes) gefolgt. Als nun Uranos diese in den Schoß der Erde zurückzustoßen begann, befand Gaia, dass etwas getan werden müsse.

Nachdem Kronos (er war als einziger der Söhne dazu bereit gewesen) dem Entmannungs-Wunsch der Mutter nachgekommen war und das Glied, um den grellen Vorgang abzuschließen, rücklings über die Schulter ins Meer geworfen hatte, tanzte dieses dort so lange auf den Wellen, bis aus dem weiß umschäumten Treibgut heraus Aphrodite, „die im Schaum Aufstrahlende“, geboren wurde.

Aus einem vorübergehend nutzlos gewordenen Ding wurde unter Zutun des Meeres die Göttin der Liebe und Schutzherrin der Fortpflanzung und seiner Organe. In der Terminologie des Recycling ein klarer Fall von sogenanntem Upcycling, bei dem es zu einer stofflichen (hier sogar existenziellen) Aufwertung kommt. Vom Abphall zur Göttin: wenn das kein Quantensprung auf der ontologische Karriereleiter ist.

Eine Kopfgeburt

Hebammen, aber nicht nur diese, wird es vielleicht interessieren: Der erste Geburtshelfer war Hephaistos, der den ersten Kaiserschnitt am Götter-Kaiser Zeus mithilfe einer Axt ausgeführt hat. Die Axt, die von Hephaistos eigens zu diesem Zweck erfunden und hergestellt worden war, diente ihm dazu, Zeus von seinen unerträglichen Kopfschmerzen zu befreien, indem er seinem Stiefvater auf dessen Geheiß den Schädel spaltete. Zur Götter-Welt kam in voller Rüstung, mit dem Speer in der Hand und einem Schlachtruf auf den Lippen, Pallas Athene. Was ging dieser an Dramatik kaum zu überbietenden Kopfgeburt voraus?

Um ihn vor den Nachstellungen seines Vaters Kronos zu schützen, hatte Rhea ihren Jüngsten auf Kreta in Sicherheit gebracht. Dort lernte Zeus Metis, eine Art Seejungfrau oder Okeanide, kennen, wobei von Jungfrau nicht wirklich, vom Ozeanischen dagegen sehr wohl die Rede sein konnte. Denn Metis war es, die Zeus in die Kunst der Liebe und des Liebens einführte. Welche Stellungen und Tricks sie ihrem göttlichen Eleven beigebracht hat, können wir nur ahnen. Das Resultat aber ist allgemein bekannt. Zeus sah sich fortan dazu gezwungen, das von, bei und mit Metis Gelernte ein ums andere Mal an und mit ständig wechselnden Objekten seiner Begierde in einem nicht enden wollenden Trainingsprogramm zu wiederholen und womöglich zu perfektionieren. Doch erst einmal musst er sich den Schädel spalten lassen. Denn Metis war ihm nicht nur ins Gemächt, sondern am Ende auch noch in den Kopf gestiegen. Und das kam so:

Metis war auf Kreta schwanger geworden und kündigte dem Mitverursacher ihrer zukünftigen Mutterschaft an, falls sie einen Buben im Leib trage, würde dieser mächtiger, im Fall einer Tochter jene klüger als der Vater sein. Da Zeus zwar Götter unter und gerade noch neben, aber niemals über sich dulden mochte, beschloss er, sich Metis samt der in ihr enthaltenen Gefahrenquelle einzuverleiben, obwohl er doch hätte wissen müssen, dass das Verschlingen potentieller Widersacher auch für seinen Vater Kronos (noch dazu dank Metis‘ klugem Rat) keine nachhaltige Lösung gewesen war. Metis kam der Absicht ihres Verfolgers insofern entgegen, als sie sich auf ihrer Flucht erst in eine lange Reihe verschiedener Tiere, zuletzt aber in eine Fliege verwandelte, die von Zeus gefangen und verschluckt werden konnte.

Erst als der Fliegenfänger samt Fliege Metis die Insel Kreta längst wieder verlassen, zusammen mit seinen Geschwistern die Titanen besiegt und sich mit Hera als seiner Ehefrau im Olymp etabliert hatte, erst da begannen die Kopfschmerzen. Der Weg aus Zeus‘ Magen bis hinauf unter seine Hirnschale scheint für die Schwangere in Fliegengestalt lang und beschwerlich gewesen zu sein. Als sie es endlich geschafft hatte, brannte alsbald Töchterchen Pallas Athene darauf, seinen Platz im Olymp einzunehmen. Für den Vater, dessen Gedanken-Palast zum anderen Uterus geworden war, muss sich das angefühlt haben, als habe er höllische Kopfschmerzen. Was aus Metis geworden ist, wissen die Götter und vielleicht nicht einmal die.

Der fehlende Großvater oder: In der mythologischen Genealogie ist alles anders

Nehmen wir mal an, dass Apollon (und nicht der einsame Jäger Oiagros) der Vater von Orpheus war, dann hatte Orpheus zwar, wie es sich gehört, zwei Großmütter, aber nur einen Großvater, nämlich Zeus, der seinen Vater Apollon mit Leto und seine Mutter Kalliope (die älteste und weiseste der neun klassischen Musen) mit Mnemosyne (der Göttin der Erinnerung) dem Kosmos hinzugefügt hatte. Anders gesagt: Orpheus‘ Eltern Apollon und Kalliope waren Halbgeschwister. Sie setzten damit eine inzestuöse Familientradition fort, denn Orpheus‘ doppelter Großvater Zeus hatte Orpheus‘ Mutter Kalliope mit der eigenen Tante Mnemosyne, der Schwester seines Vaters Kronos gezeugt. Was, noch einmal anders gesagt, hieß, dass eine von Orpheus‘ Großmüttern (Mnemosyne) und einer seiner Urgroßväter (Kronos) Geschwister waren. Man könnte also sagen, auf der Ebene der Großeltern fehlte Orpheus nicht nur ein Großvater (Zeus spielte die Rolle des Doppel-Großvaters), sondern in gewissem Sinn auch eine Großmutter, da Oma Mnemosyne als Schwester des Urgroßvaters Kronos der Generation der Urgroßeltern angehörte. Überlassen wir es den Genealogen und Psychiatern zu entscheiden, ob Orpheus trotz oder gerade wegen dieser familiären Defizite zum Urbild der Sänger und Dichter, Lehrer der Orphiker und Autor der orphischen Schriften geworden ist.