À la recherche du père perdu

Telegonos, der in der Ferne Gezeugte,  hatte sich von Aiaia auf den Weg nach Ithaka gemacht, um seinen Vater zu finden und zur Rede zu stellen. Warum hatte er seine Mutter Kirke und damit auch ihn, den schon Gezeugten, aber noch nicht Geborenen, bereits nach einem Jahr wieder verlassen!? Nicht, um ihm sein Leid zu klagen, wie es der Insel-Tradition (nomen est omen) entsprochen hätte, sondern um ihn anzuklagen vor den Göttern und der ganzen alteuropäisch-kleinasiatischen Welt, wollte Telegonos Odysseus gegenübertreten.

In seiner schon auf Aiaia vorbereiteten und während der Reise mit asketischer Beharrlichkeit eingeübten Rede begannen die meisten Sätze mit Warum hast du oder Warum hast du nicht beziehungsweise mit Wie konntest du nur oder Warum konntest du nicht. Dabei stellte er sich als Gegenüber einen noch immer gutaussehenden, sportlich durchtrainierten Endfünfziger mit ein paar männlich-schmissigen Narben im Gesicht vor, der ihn erst geduldig anhören und dann mit einem verständnisvollen Lächeln tröstend in die Arme schließen würde. Komm mit mir ins Arbeitszimmer, mein Sohn, hatte er ihn immer wieder sagen hören, ich glaube, wir haben einander viel zu erzählen.

Als er dann aber am Strand von Ithaka jenen barfüßigen älteren Mann mit dem schütteren grauen Haar und den dünnen Armen sagen hörte, er sei derjenige, welcher hier das Sagen habe, war Telegonos sofort klar, dass es sich bei alledem nur um einen großen Irrtum handeln konnte. Worin genau der Irrtum und Fehler bestand und wem er unterlaufen war, wusste er nicht und wollte er nicht wissen. Jedenfalls durfte das alles nicht wahr sein. Und Telegonos beschloss, fortan keinem kein einziges Wort nicht zu glauben. Nicht seiner Mutter und auch nicht sich selbst. Und erst recht nicht dieser lächerlichen Figur von einem Möchtegern-König und Pseudo-Vater.

Also stellte Kirkes Sohn sich dem Alten in den Weg, zückte seinen Speer und fuhr dem Vater, der nie einer gewesen war und nie einer werden sollte, mit der Speerspitze einmal kreuz und quer durchs Gesicht, um ihm so wenigstens einen Ersatz für die Narben zu verpassen, die der peinliche Ex-Lover seiner Mutter sich im Trojanischen Krieg offensichtlich nicht geholt hatte. Die Folgen dieser Ritzungen sind bekannt. Odysseus starb vermutlich an einem allergischen Schock als Reaktion auf das für Menschen im allgemeinen und für Troja-Veteranen im besonderen relativ ungefährliche Stachelrochen-Gift, mit dem die Speerspitze präpariert worden war.

Jahre später, Telegonos war zusammen mit seinem Halbbruder Telemachos (nun der Ehemann seiner Mutter Kirke) und Penelope (die Witwe seines Vaters, die dann Telegonos‘ Frau geworden war) längst wieder nach Aiaia zurückgekehrt, dichtete der vor wie nach jener unglücklichen Episode auf Ithaka Vaterlose ein Poem, in dem er die Beziehung zu seinem Erzeuger aufzuarbeiten versuchte. Der Text wurde erst in den 1970er Jahren bei Ausgrabungen auf Aiaia gefunden. In der Übersetzung von Howard Carpendale und Thomas Horn lauten die Schlüssel-Zeilen des Werks mit dem Titel Lulelalelula folgendermaßen: „Deine Spuren im Sand, / Die ich gestern noch fand, / Hat die Flut mitgenommen. / Was gehört nur noch mir? / […] / Lu le lu le lu lei, / Lu le lu le lu lei, / Hat die Flut mitgenommen, / Lu le lu le lu lei. / Deine Liebe, sie schwand / Wie die Spuren im Sand. / Was ist mir nur geblieben? / Nur die Sehnsucht nach Dir.“

Der relativ leise Abgang eines alten Schlagetots

Von Odysseus weiß man nicht selten nicht viel mehr, als dass er zehn Jahre im Trojanischen Krieg war und dann noch einmal zehn Jahre gebraucht hat, um den Heimweg nach Ithaka zu finden und dort unter den Bewerbern um seine Nachfolge am Frühstückstisch und im Olivenbaum-Bett von Penelope ein Blutbad anzurichten.

Dass der Krieg zehn Jahre gedauert hat, daran sind die Troer schuld, die die schöne Helena nicht kampflos heraus- oder, wie Menelaos es sah, zurückgeben wollten. Für die schier endlos lange Heimreise macht man, selbst wenn man sie nicht namentlich kennt, automatisch die Kikonen, Lotophagen, Kyklopen, Laistrygonen, Sirenen und Phaiaken verantwortlich, mit denen es Odysseus und seine Gefährten auf die eine oder andere Weise zu tun bekamen. In Wahrheit, falls man das Wort in diesem Zusammenhang verwenden darf, sind es aber erst Kirke und dann vor allem Kalypso gewesen, die dafür sorgten, dass aus einer ebenso abwechslungs- wie verlustreichen Tour de Méditerranée (theoretisch zu bewältigen in mehreren Etappen von jeweils zwei bis drei Monaten Dauer) jene Grand Tour wurde, die, von Homer erzählt, als Odyssee bis vor kurzem zum Kernbestand des abendländischen Kulturguts gehörte.

Bei der zauberhaften Kirke verbrachte Odysseus zwar nur, wie er später zu Penelope sagte, „ein paar Tage oder Wochen“ (es waren genaugenommen zwölf Monate), doch blieb nach dieser ausgedehnten Rast auf der Klage-Insel Aiaia dort ein Sohn zurück, der den Namen Telegonos erhielt. Von dem in der Ferne Geborenen und in ihr Zurückgelassenen wurde Odysseus Jahre später auf schicksalhafte Weise eingeholt. Über die sieben mal zwölf Monate bei Kalypso, der Verborgenen, dagegen schweigt des Sängers Höflichkeit. Homer lässt Odysseus nur schmallippig resümieren: „Sieben Jahre blieb ich bei ihr, und netzte mit Tränen / Stets die ambrosischen Kleider, die mir Kalypso geschenket.“ Dass er die tränennassen ambrosischen (also eigentlich nur von Unsterblichen zu tragenden) Kleider niemals ausgezogen hat, ist nicht anzunehmen. Denn auch aus dieser Begegnung gingen zwei bis sechs Kinder hervor, deren Namen nicht überliefert sind.

Man hat von alledem dieses und jenes irgendwann und -wo einmal gehört oder gelesen. Wer aber kennt schon den alt gewordenen Odysseus, wer weiß schon, wie Odysseus gestorben ist? Auch nach seiner für viele tödlichen Rückkehr zu Penelope und seinem Sohn Telemachos fand der Kriegsveteran keine Ruhe. Vom Seher Teiresias stammte der Rat, Odysseus solle mit einem Ruder unterm Arm oder über der Schulter so lange ins Landesinnere wandern, bis er in eine Gegend komme, wo man ihn stirnrunzelnd frage, was das denn für ein Brett sei, das er da mit sich herumschleppe. Dort solle er Halt machen, das Ruder in den Boden rammen und, von der pathologischen inneren Unruhe befreit, wieder nach Hause zurück gehen.

Der nicht der Ataraxie fähige Wanderer tat, wie Teiresias ihm geraten hatte. Alles ging reibungslos vonstatten, bis Odysseus sich auf den Nachhauseweg machte. Im allgemeinen kommt einem der Hinweg länger vor als der Rückweg. Bei Odysseus verhielt es sich umgekehrt, ganz einfach deshalb, weil er für die Retouren de facto immer wesentlich länger brauchte als für die Anreisen. Dieses Mal war es eine schöne Witwe, bei und in der er hängenblieb. Erst Kirke, dann Kalypso, nun eine Königin namens Kallidike. Eine Dynastie wollte sie begründen – und en passant wurde Odysseus zu deren Stammvater.

Schließlich kam jener Tag, an dem der nach Ithaka Zurückgekehrte barfuß am Strand spazieren ging, dabei wiederholt aufs offene Meer hinaus sah und über die wirklich wichtigen Dinge nachdachte. Hat das Epos als literarische Form eine Zukunft? Ist die Lyra dazu in der Lage, den neuen musikalischen Herausforderungen gerecht zu werden? Wo er den Chef finde, hörte er plötzlich jemanden fragen. Wer das wissen wolle, fragte Odysseus zurück. Telegonos, antwortete Telegonos. Der Chef heißt bei uns nicht Chef, sondern König des Staatswesens, sagte Odysseus, und sowohl der König als auch l’état c’est moi. – Und ich bin die Lieblingstochter von Poseidon, höhnte der junge Angeber und stellte sich dem barfüßigen Ruheständler breitbeinig in den Weg.

Ja, er komme von der Insel Aiaia und er sei der Sohn der Kirke. Und mit der Speerspitze habe er den Toten nur aus Versehen geritzt, sagte Telegonos später aus. Und dass das Gift des Stachelrochens, das sich daran befunden habe, schon in geringer Konzentration tödlich wirke, wundere ihn. Aber ihr Ehemann war ja auch nicht mehr der Jüngste, sagte er zu Penelope, und dass er mein Vater war, konnte ich nicht wirklich wissen. Als ihm einige Jahre zuvor von Teiresias das Rezept für das zu erwandernde Beruhigungsmittel ausgestellt worden war, hatte Odysseus, als er sich schon zum Gehen wandte, eher beiläufig erfahren, sein Tod werde sanft sein und er werde aus dem Meer kommen.