Lailaps oder: Warum Kunstwerke unsterblich sind

„Bei Fuß, Lailaps!“ Prokris hatte den bis dahin namenlosen Sturmwind von einem Hund von Minos, dem König von Kreta, geschenkt bekommen. Ein Hund, noch dazu ein unsterblicher, der schneller war als alles, was sonst noch vier Beine hatte, um von Zweibeinern und Tausendfüßlern nicht zu reden. Dazu einen Speer, der sein Ziel (also das der Werferin oder des Werfers, kurz: der oder des Werfenden) nie verfehlte. Dafür hatte sie, Prokris, König Minos von einem dubiosen Leiden befreit, falls man den Umstand, dass Minos‘ Körper beim Geschlechtsakt nicht nur das Übliche, sondern auch noch Schlangen, Skorpione und Tausendfüßler entströmten, ein Leiden nennen möchte. Man hätte darin auch eine Gabe oder Fähigkeit sehen können, wenn Minos dazu in der Lage gewesen wäre, diese exklusive Sonder-Begabung willentlich zu steuern.

Mit Lailaps an der Leine und dem Speer über der Schulter kehrte Prokris zu ihrem Mann Kephalos zurück, den sie ein paar Wochen zuvor schwer gekränkt verlassen hatte. Als kränkend hatte sie empfunden, dass Kephalos mit falschem Bart und verstellter Stimme ihre Treue auf die Probe stellen wollte, genauer gesagt: dass er es für möglich gehalten hatte, dass sie ihm, den sie schon von Kindesbeinen an kannte, jemals untreu werden könnte.

Tatsächlich wäre sie dem bärtigen Fremdling wohl auch zu willen gewesen, wenn dieser sich nicht im entscheidenden Moment als Kephalos entpuppt hätte. Aber dass Kephalos‘ Untreue-Bereitschafts-Verdacht begründet gewesen war, wog nach Prokris‘ Dafürhalten ehemoralisch weniger schwer als die Tatsache, dass Kephalos ihn gehabt hatte. Eine logisch wie psychologisch schwierige Situation, der sich Prokris schmollend entzog, indem sie für ein paar Wochen nach Kreta reiste, von wo sie nun mit einem Superdog und einer Wunderwaffe zurückkehrte.

Wie Prokris (die Auserwählte) und Kephalos (der Schönhäuptige) ihre logischen und psychologischen Eheprobleme lösten, ist weniger interessant als das, was später mit Lailaps passierte, der zunächst als Versöhnungsgeschenk von Frauchen zu Herrchen wechselte. Als nämlich eines Tages ein bösartiger Fuchs auftauchte, wurde Lailaps von der Leine gelassen, um diesem den Garaus zu machen, was ihm unter normal unnormalen Umständen auch gelungen wäre. Während aber Lailaps per definitionem deorum ein Jagdhund war, dem keine Beute entging, war der Fuchs nach dem Willen derselben Götter ein Fuchs, den nichts und niemand zu fassen bekam. Ein logisches, besser gesagt: ein ontologisches Dilemma! Zwei Wesen mit diesen einander widersprechenden Eigenschaften können und dürfen eigentlich nicht gleichzeitig existieren.

Solange Fuchs und Lailaps nicht in einen faktischen Interessenkonflikt gerieten, war das Problem zwar theoretisch vorhanden, aber nicht real gegeben. Die onto-logische Implosion, die dem Kosmos nun jedoch drohte, konnte von Zeus, der die Gefahr blitzartig erkannte, im letzten Moment verhindert werden, indem er Jäger und Gejagten geistesgegenwärtig in Marmor-Skulpturen verwandelte.

Sublimation ist besser als Im- oder Explosion. In der Sphäre der Kunst, das war Zeus intuitiv klar, sind Unvereinbarkeiten das Normalste von der Welt, ohne dass deswegen irgendwelche praktischen Unannehmlichkeiten zu gewärtigen wären. Dass dabei Lailaps‘ apriorisch vorhandene Unsterblichkeit berücksichtigt werden musste, ist vermutlich der Grund dafür, dass Kunstwerke bis heute als unsterblich gelten.