Die Heilige mit den zwei Köpfen – ein Ausflug in die postmythische Mythologie

Bevor du dich mit deinen Freundinnen triffst, wischst du bitte noch die Tische ab und fegst die Scherben auf dem Boden zusammen, Helena. Der so sprach, war nicht König Tyndareos, der Adoptivvater jener aus einem Schwanen-, womöglich auch Gänseei geborenen Spartanerin, um die dann der Trojanische Krieg geführt werden sollte. Sondern es war ein heute namenloser Gastwirt im Weiler Drepanon, gelegen am östlichen Zipfel des Marmarameers, schräg gegenüber von Byzantion, dem späteren Constantinopolis und dem noch späteren Istanbul.

Als die Tochter des Kneipenbesitzers 249 Jahre nach Christi Geburt geboren wurde, deutete nichts darauf hin, dass sie einmal die Mutter des römischen Kaisers Konstantin I. oder des Großen sein würde, dem zu Ehren Byzantion 337, einige Jahre nach Helenas Tod, in Constantinopolis umbenannt werden sollte, und dass der Portugiese João da Nova im Jahr 1502 einer heute nur noch mit Gras, Büschen und ein paar Häusern bedeckten Insel im Südatlantik ihren Namen geben würde.

Vielleicht hat die Plünderung und Zerstörung Byzantions durch die Goten im Jahre des im Aufstieg begriffenen Herrn 258, also um Helenas neunten Geburtstag herum, ihre Eltern veranlasst, Drepanon zu verlassen und ins 800 Kilometer entfernte Naissus im heutigen Serbien überzusiedeln, um dort erneut gastronomisch tätig zu werden. In Naissus jedenfalls begegnete die gleichfalls schöne Helena als Betreiberin einer Herberge um das Jahr 275 herum dem Römer Constantius, der erst der Vater ihres Sohnes Constantinus und einige Jahre später römischer Kaiser wurde, weshalb er sich beizeiten nach einer standesgemäßeren Frau an seiner Seite umsehen musste. Das hinderte Helena aber nicht daran, mit ihm und ihrem gemeinsamen Sohn nach Trier zu gehen, wo sich heute noch (beziehungsweise wieder) ihr Kopf oder, wie es diskreter heißt, ihre Kopfreliquie befinden soll. Einen anderen ihrer Köpfe verehrt man seit dem neunten Jahrhundert in Hautevillers bei Epernay in der Diözese Reims. Heute ist Helena eine Heilige, ohne dass sie je heilig gesprochen worden wäre – im ersten Jahrtausend nach Christus war Heiligkeit noch etwas Naturwüchsiges: theomorph war, wer gewohnheitsmäßig angebetet wurde.

Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte, die hier nicht erzählt werden soll. Der bald nach Helenas Tod in Trier geborene Kirchenvater und Bischof von Mailand Ambrosius sagt, Christus habe sie „von der Miste auf den Thron erhoben“. Kam die profan geborene christliche Helena den höheren Sphären im Lauf ihres Lebens und erst recht nach ihrem Tod immer näher, kann bei ihrer mythologisch bezeugten Namensschwester eine Art Gegenbewegung nicht gänzlich in Abrede gestellt werden. Gezeugt von Zeus, dem Gott unter den Göttern, dann aufgewachsen als Königstochter, wurde sie schon bald zum umkämpften Beutegut im üblichen Rahmen viril-martialischer Auseinandersetzungen, um in späteren Jahren ein mythologisch unauffälliges Leben an der Seite ihres ersten Mannes Menelaos zu führen – sowohl in mythischen als auch in frühchristlichen Tagen wahrscheinlich nicht die schlechteste Art, die Zeit zu verbringen, die auf Erden uns gegeben ist.

Während die spartanische Helena anscheinend keine übernatürlichen Fähigkeiten besaß, geschweige denn besitzt, heißt es von der zur Halbgöttin avancierten Gastwirts-Tochter aus Drepanon in Melchers‘ Großem Buch der Heiligen: „Sie beschützt uns vor Blitz und Feuersgefahr; sie hilft bei der Entdeckung von Diebstählen.“

Die Sau Phaia oder: Was darf ich essen und was nicht?

Von Theseus‘ Geburtsstadt Troizen nach Athen sind es auf dem Landweg 160 Kilometer. Für einen, der gut zu Fuß war, sollte das in einer Woche zu schaffen gewesen sein. Hätte Theseus übers Wasser gehen könne, wären es von A (also T.) nach B (also A.) kaum mehr als sechs Stunden gewesen. Wie an anderer Stelle in Ansätzen berichtet, hat der junge Held dabei fünf oder sechs mehr oder weniger menschliche Wegelagerer und ein Tier in Form einer Sau zur Strecke gebracht – „clearing the highway of assorted bandits and miscreants“ nennt das ein Internet-Lexikon zur griechischen Mythologie.

Das zu dieser gemischten oder auch schlecht sortierten („assorted“) Gesellschaft gehörige Schwein hörte auf den gar nicht so unschönen Namen Phaia, wobei, wer das oben zitierte Lexikon konsultiert, die Auskunft erhält, nicht das Schwein selbst, sondern dessen in die Jahre gekommene Halterin habe so geheißen und beide, die ältere Dame und ihr wahrscheinlich einziges Haustier, seien von Theseus mir nichts, dir nichts erschlagen worden. Träfe dies zu, wären Zweifel an der moralischen Integrität des später vergleichsweise populären Königs von Athen durchaus angebracht. Musste der Tod der Greisin als Kollateralschaden in Kauf genommen werden? Was konnte diese dafür, dass ihr wählerisches Schwein nur Menschen fraß? Oder hatte die Alte selbst es ihm beigebracht? Und, wenn ja, warum?

Wirft man allerdings einen Blick auf den Stammbaum des getöteten Tieres, wird die Berechtigung der ethisch begründeten Zweifel an Theseus in Zweifel gezogen durch das Bild des Schreckens, das sich dem genealogisch informierten Auge bietet.

Mütterlicherseits stammte Phaia (die Sau) möglicherweise von Chrysaor ab, der zusammen mit Pegasos dem Rumpf der durch Perseus enthaupteten Medusa entwichen war. Über Phaias Großvater Chrysaor selbst kann nichts Nachteiliges berichtet werden. Der Umstand, dass er, wie sein Name schon sagt, mit einem goldenen Schwert in der Hand zur Welt kam, spricht per se noch nicht gegen ihn. Anders sieht die Sache bei Chrysaors Tochter Echidna aus. Um wenigstens eine Ahnung davon zu vermitteln, mit wem man es zu tun bekam, wenn man es mit ihr zu tun bekam, wird hier der griechische Dichter Hesiod zitiert, der in seiner Theogonie schreibt, Echidna sei „ein unsagbares Scheusal, halb schönäugiges Mädchen, halb grausige Schlange, riesig, buntgefleckt und gefräßig“ gewesen. Da findet man es dann auch kaum noch befremdlich, dass Echidna in Phaias Fall keine Tochter geboren, sondern ein Ferkel geworfen hat.

Vollends suspekt wird einem die von Theseus erschlagene Sau, wenn man sich nach ihrem Vater Typhon erkundigt. Dass der zugleich als Vater aller Taifune bezeichnet werden kann, wird zur Nebensächlichkeit, sobald man erfährt, dass die erdige Urmutter Gaia sich mit dem höllischen Tartaros eingelassen hat, nur um ein Monster zu kreieren, das als ihr Stellvertreter im Himmel Rache nehmen sollte an Zeus und den anderen Göttern wegen deren Unterwerfung der Titanen und Giganten. Warum letztere der Mutter aller Mütter lieber waren als ihre Enkel, die es immerhin zu Göttern gebracht hatten, wussten nicht einmal die Götter.

Allein Typhon tat, was von Anfang an seine Bestimmung gewesen war und verschreckte mit seinen zahllosen Gliedmaßen und Köpfen die Götter so sehr, dass sie sich erst nach Ägypten und, dort angekommen, in die Gestalt von Tieren flüchteten. Typhons polyglottes Kriegsgeschrei mag dazu beigetragen haben, dass Zeus‘ Schrecksekunde länger dauerte, als es seinem Ruf gut getan hätte, wäre seine Flucht nach Ägypten in gleicher Weise publik geworden wie die gleichnamige Flucht des christlichen Drittels seines späteren Nachfolgers.

Gott sei Dank gelang es Zeus dann doch noch, Typhon zu besiegen und einigermaßen unschädlich zu machen, indem er ihn unter der Insel Sizilien begrub, wo Phaias Vater seither mit den Aktivitäten des Ätna in Verbindung gebracht wird. Bevor es dazu kam, muss Typhon noch Zeit gefunden haben, mit dem gefräßigen Schlangen-Weib Echidna ein nicht minder gefräßiges, aber insgesamt relativ normale Schwein zu zeugen.

Als die Sau endlich tot war, soll es in Krommyon, wo Phaia bis kurz vor Theseus‘ Eintreffen ihr Unwesen getrieben hatte, nach Schweinebraten gerochen haben. Obwohl ja Tiere, die sich hauptsächlich oder auch nur bei sich bietender Gelegenheit von Menschen ernähren, im Sinne einer onto- und ökologisch korrekten Nahrungskette für den menschlichen Verzehr eher nicht infrage kommen. Aber wenn es in der mythologischen Antike schon nichts wirklich Ungewöhnliches war, dass man mit der eigenen Tochter oder Mutter schlief, warum sollte man dann nicht auch das Filetstück eines Schweins genießen, das ein paar Monate zuvor den Vater oder den Sohn des Nachbarn gefressen hatte.

Wie es kam, dass Erichthonios den Rollstuhl erfinden musste

Mater semper certa est, pater numquam – frei übersetzt: Es steht zweifelsfrei fest, wer deine Mutter ist, aber im Hinblick auf die Vaterschaft deines Vaters kannst du dir nie ganz sicher sein. Wer in der Schule Lateinunterricht hatte, wird sich an diese genealogische Regel Nummer eins wahrscheinlich erinnern. Für Erichthonios gilt, dass die Überlieferer (Hesiod, Homer, Herodot, Pausanias, Köhlmeier) sich weitgehend einig sind, dass Hephaistos sein Vater war. Wer aber war Erichs Mutter? Entweder war es eine Königstochter namens Atthis oder Gaia selbst. Ovid nennt ihn prolem sine mater creatam, einen Nachkommen ohne Mutter, also eine Art Komplement zu Jesus Christus.

Wäre Erichthonios, ohne dass man seinen Namen tatsächlich so übersetzen könnte, der von Gaia Geborene, dann erwiese sich sein Zweitname als kompatibel mit einer halb delikaten, halb unappetitlichen Geschichte, wonach Hephaistos bei Gelegenheit einer Waffenbestellung der Pallas Athene bei ihm ein „wollüstiges Verlangen nach Athena“ (so Apollodor in seiner Mythologischen Bibliothek) ergriffen habe. Die Pallas konnte ihm zwar entwischen, aber nicht verhindern, dass etwas von seinem praecoxitorisch herausspritzenden Ejakulat ihr linkes Bein traf. Angeekelt wischte sie den Lendensaft mit einem Stück Wolle ab, das sie dann auf die Erde, mit anderen Worten: auf Gaia warf. Apollodor: „Jetzt ergriff sie die Flucht, und aus dem zu Boden Geworfenen entstand Erichthonios“, der letztlich, um es kurz zu machen, von Pallas Athene aufgezogen und zum König von Athen gemacht wurde.

Und als wäre das nicht schon Grund genug, sich seiner zu erinnern, erfand Erichthonios nicht nur das Rad, sondern im selben kreativen Akt den für ihn noch wichtigeren Rollstuhl. Denn der von Hephaistos mit Gaia Gezeugte und von Pallas Athene an Kindes statt Großgezogene war zu hundert Prozent gehbehindert. Er war der Mann ohne Unterleib, das heißt: oben Mann, unten Schlange (wobei man sich natürlich fragt, wo genau „oben“ aufhörte und „unten“ anfing). Dass sich das mit den Pflichten eines Königs zu Athen nicht vereinbaren ließ, liegt auf der Hand. Klar sein dürfte auch, dass sein Erzeuger Hephaistos, der olympische Schmied und göttliche Handwerker, ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite stand, auch wenn davon weder bei Hesiod noch bei Apollodor etwas zu lesen, ja noch nicht einmal aus dem Munde von Michael Köhlmeier etwas zu hören ist.