Das Ende des irdischen Herakles – ein nicht beabsichtigter Selbstmord

Auf dem mehr als zweitausend Meter hohen Gipfel des Oita, welcher zu einem südöstlichen Ausläufer des Pindos-Gebirges gehört, wehte ein kalter Wind. Unter unsäglichen Schmerzen hatte Herakles alles, was er in der näheren und weiteren Umgebung an brennbarem Material finden konnte, zu einer Art Scheiterhaufen zusammengetragen. Sein Jugendfreund Philoktetes, den die Götter gesandt haben mussten, hatte ihm dabei geholfen. Einige Fetzen des Hemdes, das seine mehr oder weniger ahnungslose Ehefrau Deianeira für ihn genäht und mit dem Blut des Kentauren Nessos beträufelt hatte, klebten noch an Herakles‘ Haut. Lieber wollte er sterben, als diese durch nichts zu lindernden Schmerzen länger ertragen zu müssen. Eine innere Stimme sagte ihm, dass das Brennen am nachhaltigsten homöopathisch, also durch einen anderen Brand zum Verschwinden gebracht werden konnte.

Tue mir bitte einen letzten Gefallen und setze diesen Stapel aus trockenen Ästen und Dornengestrüpp mit einer Fackel in Brand, sobald ich mich der Länge nach auf ihm ausgestreckt habe, sagte Herakles zu Philoktet, nachdem er seinem finalen Lager noch ein paar Kiefernzapfen hinzugefügt hatte. Ich vermache dir dafür meine Keule nebst meinem Bogen mit dem Köcher und den äußerst wirkungsvollen Giftpfeilen darin. Mit einem von ihnen habe ich den Kentauren Nassos oder Nessos oder wie er hieß an seinem linken Pferdefuß erwischt, als er versuchte, meine zukünftige Frau Deianeira zu entführen. Der Sterbende muss ihr dann wohl wahrheitsgemäß weisgemacht haben, ein paar bei Bedarf auf meine Kleidung geträufelte Tropfen seines Blutes würden mir den Appetit auf andere Frauen für immer verderben. Als ich neulich in einem Anfall von Torschlusspanik dieser kleinen Idole oder Iole oder wie sie hieß den Hof machte, hielt Deianeira es offenbar für angezeigt, ihre Geheimwaffe zum Einsatz zu bringen. So wurde sie zum Medium meiner Selbsttötung, da es ja mein eigenes Pfeilgift ist, welches mir nun das Weiterleben unerträglich macht. Auf dem Umweg über Nessos und Deianeira habe ich mich quasi selbst erschossen. Es wäre zum Lachen, wenn es zum Lachen wäre.

Nachdem Philoktet dieser relativ langen und verhältnismäßig tief- und scharfsinnigen Rede seines alten Freundes verwundert gelauscht und endlich den Scheiterhaufen entzündet hatte, mischte sich das Brennen der Flammen mit dem des vergifteten Nessos-Hemdes wie das Wasser eines Rinnsals sich mit den Fluten eines reißenden Stromes mischt. Und als die Sonne hinter den Gipfeln des Pindos-Gebirges verschwand, teilte oder verdoppelte sich Herakles in einen ewig olympischen und einen unendlich astralen Herak- oder Herkules. Der eine wurde zum unsterblichen Halbgott unter Göttern, der andere atypischerweise zu einem eher unauffälligen Sternbild unter Sternbildern.