Die Gründung von Troja unter Zuhilfenahme einer ergaunerten Kuh

Dass eine hölzerne Statue in Gestalt einer Göttin beziehungsweise eine Göttin in Gestalt einer hölzernen Statue quasi aus dem Nichts vom Himmel fällt, war in jener Zeit, als zwischen dem naturgesetzlich Legalen und dem, was ganz gar nicht geht, noch nicht engstirnig-kompromisslos unterschieden wurde, beinahe eine Art Normal-Fall.

So begab es sich etwa auf der Halbinsel Tauris (heute Krim), dass unversehens eine in Holz geschnitzte Artemis durch die Wolkendecke brach. Da auch Frauen-, Kunst- und anderer Raub zu den landesüblichen Sitten und Gebräuchen gehörte, dachte Orest sich nichts dabei, als er die Hölzerne später nach Athen entführte – zumal er da gerade erst seine Mutter Klytaimnestra und deren Liebhaber getötet, um nicht zu sagen: ermordert hatte. Ein weiterer Figuren-Einschlag ereignete sich bei der Gründung von Troja alias Ilion, wovon im Folgenden berichtet werden soll.

Wahrscheinlich das wenigste von dem, was eine Elle lang ist, ist ellen-, also maßlos übertrieben lang. In der später so genannte Antike maß eine Elle knapp 50 Zentimeter. Die Pallas Athene in Holz, die anlässlich der Gründung der Stadt Ilion von Zeus abgeworfen oder gestiftet wurde, war drei Ellen oder eineinhalb Meter lang oder hoch – ein Standard-Figuren-Maß, dessen ästhetische Belastbarkeit mehr als zweitausend Jahre später von barbarischen Holzschnitzern in Hunderten, wenn nicht Tausenden von vergleichbaren Fällen bestätigt wurde. Nur dass die Göttinnen da nicht Athene oder Artemis, sondern Maria, Maria Magdalena, Anna, Barbara, Katharina oder Johannes Evangelist hießen.

Der Gründer von Ilion hieß Ilios, wobei schwer zu sagen ist, ob Ilios nach Ilion oder Ilion nach Ilios benannt wurde. In der Sphäre des Mythischen ist die Folge nicht selten die Ursache ihrer Ursache und die Ursache eine Folge ihrer Folge, was in der Ambivalenz von Implikation bis heute trefflich zum Ausdruck kommt. Ilios jedenfalls hatte beim Speerwerfen eine Kuh, fünfzig Frauen und fünfzig Männer gewonnen. Das Besondere an der Kuh war, dass man mit ihrer Hilfe eine Stadt mit einer großen Zukunft gründen können sollte. Man musste nur daran glauben, dass eben dort, wo sich die Kuh nach einer kürzeren oder längeren Wegstrecke niederließ, der Ort mit dem nicht zu übertreffenden Standortvorteil war.

Da aber Ilios beim Speerwerfen geschummelt hatte (sein Freund hatte das Wurfgerät nach dessen Aufschlagen versteckt und die offenbar plausible These vertreten, der Speer sei bis in den Himmel geflogen), wollte er sich vergewissern, dass die Götter ihm den Betrug nicht übel nahmen. Hätten sie der Stadtgründung ihren Segen verweigert, wäre die magische Wirkung der Kuh womöglich neutralisiert worden. Also bat Ilios Zeus um ein Zeichen seiner Gunst. Und Zeus antwortete ohne zu zögern mit dem Palladion, einem geschnitztes Abbild seiner Tochter Pallas Athene, „welches auf der Burg von Troja als Unterpfand der öffentlichen Wohlfahrt aufbewahrt wurde“, wie es in einem populären enzyklopädischen Netz-Werk heißt.

Dass Troja dennoch erobert wurde, ist bekannt. Zuvor musste aber erst noch Odysseus das Palladion in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in seinen Besitz bringen. Die in Holz geschnitzte Athene machte zwar die Stadt, in der sie sich befand, uneinnehmbar, nicht aber sich selbst immun gegen Diebstahl.