In dubio pro Idomeneo und die Koloratur-Nudeln von Wolfgang Amadeus Mozart

Was klein geschnittene Nudeln mit dem Trojanischen Krieg zu tun haben? Wolfgang Amadeus Mozart hätte dazu einiges sagen können. Geschnittene Nudeln nannte der Fünfundzwanzigjährige die Koloraturen, die er dem Star-Tenor Anton Raaff, der in Mozarts Oper Idomeneo die Titelrolle singen sollte, sozusagen auf den Leib schneiderte, also in den Kehlkopf komponierte. Indem er den Sechsundsechzigjährigen nämlich das tun ließ, was der stimmlich ein wenig ausgeleierte Tenor noch mit am besten konnte: melismatisch kollern – in gebundenen Tonfolgen oder auch staccato.

Odysseus war nicht der einzige, der nach dem Ende des Trojanischen Kriegs (heldenhaft gesiegt hin, mit List und Tücke gerade so eben gewonnen her) im Verlauf der Heimreise und danach in Schwierigkeiten geriet. Neben einer Odyssee könnte es also zumindest noch eine Agamemnee, eine Diomedee (Diomedes war der Parapsychologe, der die Absichten der am Kampf beteiligten Götter durchschauen konnte) und eine Idomenee geben.

Idomeneus (er wurde in der Münchner Uraufführung von Mozarts ähnlichnamiger Oper 1781 gesungen von Anton Raaff) verlor auf der Rückfahrt von Troja nach Kreta in einem auch damals schon klimatisch bedingten Sturm nach und nach sage und schreibe 79 seiner 80 Schiffe und dann die Nerven. In seiner Not gab er Poseidon das Versprechen, ihm (dem potentiellen Retter) das erste Lebewesen als Opfer darzubringen, das ihm (dem dann Geretteten) auf Kreta begegnen würde. Wer den Göttern solche Blanko-Lizenzen zum Sich-Opfer-bringen-Lassen ausstellt, darf sich nicht wundern, wenn er sich am Tag der Schuldentilgung mit Forderungen konfrontiert sieht, die jedem vernünftigen Menschen maßlos und zynisch erscheinen müssen. Denn als Idomeneus im letzten Schiff seiner Flotte die kretische Heimat erreichte, war das erste Lebewesen, das er als solches wahrnahm (Seetang, Möwen und Strandkrabben hatte er offenbar übersehen), sein Sohn Idamantes (nach Mozarts Anweisung von einem Kastraten zu singen).

Giambattista Varescos Libretto führt die opernhafte Handlung der Oper nach der Tötung eines Ungeheuers durch den zwar testosteronfreien, aber anscheinend im Drachenkampf geübten Idamantes zielstrebig zum Happyend. Mythologisch belegbar ist die vermutlich kinderlose Ehe mit Ilia, einer Varesco zufolge aus Ilion (Troja) nach Kreta verschleppten Prinzessin, nicht. Dass Poseidon sich im letzten Moment umstimmen ließ, sagen allerdings auch andere. Wieder andere behaupten, Idomeneus habe, um seine Schuld bei Poseidon zu begleichen, Idamantes tatsächlich geopfert, sei aber anschließend von den Kretern als angeblicher Verursacher einer Grippe-Epidemie zur Flucht nach Italien gezwungen worden. Das Darbringen von Menschenopfern galt damals noch nicht als Straftat, sondern war anerkannter Bestandteil der religiöse Praxis, so dass Idomeneus, wenn diese Version den mythologischen Tatsachen entspräche, möglicherweise als politisch Verfolgter anerkannt worden wäre.

Aber da bekanntlich alle Kreter Lügner sind und die Geschichte von Idomeneus‘ Flucht nach Italien ebenso wie jede andere Geschichte zunächst nur von Kretern kolportiert worden sein kann, weiß man in Idomeneus‘ Fall noch weniger als sonst, was man glauben soll und was nicht. In dubio pro arte, würde ich sagen, also pro Idomeneo und die Konvergenz von künstlerischer und mythologischer Wahrheit.