Über einen noch nicht vorhandenen Brief und ein nicht mehr zustande gekommenes Gerichtsverfahren

Vor dem falschen Vorwurf der sexuellen Belästigung oder der versuchten, wenn nicht vollzogenen Vergewaltigung sind nicht nur Wetter-Moderatoren nicht sicher. Das mythologische Urbild des zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs Bezichtigten ist Hippolytos, Sohn des Theseus und der Amazone Hippolyte oder auch deren Amazonen-Schwester, -Tochter oder -Freundin Antiope. Etwas von einer Amazone hatte auch die Göttin der Jagd Artemis, zu der sich Hippolytos in quasi ödipaler, doch ganz und gar platonischer Verehrung entschieden stärker hingezogen fühlte als zu seiner Stiefmutter Phaidra, von der er so gar und ganz nichts wissen wollte.

Phaidra, die gebürtige Kreterin, war die Schwester von Ariadne, die Theseus, damals noch Prinz von Athen, dabei geholfen hatte, den Minotauros unschädlich zu machen. Anstatt Ariadne, wie es sich wohl gehört hätte, zu heiraten, fuhr Theseus nach einem Halt auf der Insel Naxos ohne die zunächst mit an Bord genommene Tochter des Minos auf und davon.

Zur Hochzeit mit Ariadnes Schwester Phaidra, sie war wohl aus freien Stücken das, was man ein Mauerblümchen nennt, kam es später wahrscheinlich aufgrund außenpolitischer Erwägungen, das heißt, um Feindseligkeiten zwischen Kreta und Athen eher unwahrscheinlich oder doch wenigstens etwas weniger wahrscheinlich zu machen.

Dann aber begegnet Phaidra Hippolytos, Theseus‘ Sohn aus seiner ersten Ehe mit der einen oder der anderen Amazone. Und da ihr die passenden Worte nicht über die Lippen kommen wollen, schreibt sie ihm einen der von Publius Ovidius Naso um die vorvorletzte Jahrtausendwende erfundenen Heroinen-Briefe. Vielleicht ahnte Phaidra immer schon, dass ihre Liebe nicht auf Gegenliebe stoßen würde, da sie gleich in der Einleitung zu bedenken gibt: „Der Feind sieht sich auch ein Schreiben an, das er von einem Feind erhalten hat“ und diagnostiziert gleichwohl bei sich selbst „eine heftige Liebe“, die ihr „tief in den Knochen“ sitze. Hippolyts für andere „hartes und grimmiges Gesicht“ sei in ihren Augen „nicht hart, sondern kraftvoll“. Und: „Fern bleiben sollen mir die wie eine Frau frisierten jungen Männer! Männliche Schönheit verlangt danach, nur in Grenzen gepflegt zu werden. Dir steht deine Strenge und die unordentlich fallenden Haare und der leichte Staub auf deinem erlesenen Gesicht.“

Die, wenn man so will, inzestuös anmutende Mutter-Sohn-Beziehung zwischen ihr und dem unehelichen Sohn ihres Ehemanns hält Phaidra zum einen für moralisch vertretbar und zum anderen für einen Camouflage-Vorteil: „Unsere Schuld wird unter dem Deckmantel der Verwandtschaft verborgen werden können. Selbst wenn jemand unsere Umarmungen sieht, werden wir beide gelobt werden und ich werde eine meinem Stiefsohn in Treue ergebene Stiefmutter genannt werden.“ Ihr neuer, verbotener Verkehr würde dem alten, sozial akzeptierten Umgang zum verwechseln ähnlich sehen: „Wie ein und dasselbe Haus uns beherbergt hat, so wird ein und dasselbe Haus uns weiter beherbergen. Du gabst mir unverhohlene Küsse und du wirst mir weiterhin unverhohlene Küsse geben.“ Die zum Ehebruch Entschlossene geht sogar so weit, ihrem Liebhaber in spe anzukündigen: „Du wirst zusammen mit mir sicher sein und wirst dir noch durch deine Schuld Lob verdienen, selbst wenn man dich in meinem Bett erblicken wird.“

Doch für Phaidra und Hippolyt galt nun einmal nicht, dass sein Anker ihrem Strand versprochen war, wie es in einem anderen Ovid-Brief heißt. Als Phaidra feststellen muss, dass weder ihre (also Ovids) werbenden Worte noch die Aussicht auf einen kretischen Insel-Palast Hippolytos dazu bewegen können, dem erotischen Begehren seiner Stiefmutter leiblich und seelisch entgegen zu kommen, bringt sie sich kurzerhand um – nicht ohne zuvor in einem finalen Brief, adressiert an ihren, Eros oder Amor sei’s geklagt, nicht gehörnten Ehemann, Hippolytos des unziemlichen Verhaltens ihr gegenüber bezichtigt zu haben.

Auf der Flucht vor seinem Vater hat Hippolytos dann zur kreativen Schaden-Freude späterer Maler und Bildhauer einen tragischen Unfall mit seinem Pferde-Rennwagen. Wäre es, wie im Fall des eingangs erwähnten TV-Moderators, stattdessen zu einem Prozess wegen Vergewaltigung oder sexueller Belästigung gekommen, hätte Ovids Brief den Angeklagten entlasten und zu seinem Freispruch führen können. Vorausgesetzt, Hippolyt wäre noch im Besitz des Briefes gewesen und er, der Brief, hätte zum fraglichen Zeitpunkt bereits existiert und wäre nicht erst ein paar hundert Jahre später nicht aus erotischen, sondern aus literarischen oder ero-literarischen Gründen geschrieben worden.

Wie aus einem Mythos durch Weglassen der Umbringerei eine Shakespeare-Komödie wurde

„Wir sollten die ganze Umbringerei weglassen“, sagt Puck, Hofnarr des Elfenkönigs Oberon, in der ersten Szene des dritten Akts von William Shakespeares Ein Sommernachtstraum und erweist damit seinem Zweitnamen Robin Goodfellow die ihm gebührende Ehre. Doch leichter gesagt als getan, wenn es sich bei dem Stoff, der zur Aufführung kommen soll, um einen mythologischen handelt.

Theseus, König oder (bei Shakespeare) Herzog von Athen, beabsichtigt, Hippolyte oder (bei Shakespeare) -ta zu ehelichen. Leichter annonciert als vollzogen, wenn es sich bei der Braut um eine Amazone handelt, könnte man meinen. Doch war von ihrer Seite weder in Shakespeares fiktivem Spiel noch in Wirklichkeit, also im Mythos, mit ernst gemeintem Widerstand zu rechnen. Im Gegenteil: Um Theseus nach Athen zu folgen, hatte Hippolyta oder -te ihre Lebensgefährtin Antiope verlassen. Was diese nicht einfach nur hinnehmen wollte. Denn Amazonen verlässt man oder frau nicht so ohne weiteres. Ob Antiope bei ihrer geplanten Strafaktion gegen Athen auf einen Sinneswandel Hippolytes hoffte, oder ob sie es ihr und ihrem Neuen einfach nur heimzahlen wollte, sei dahingestellt.

Da der Begriff des Mythos ein dehnbarer ist, der für inhaltliche Varianten viel bis allzu viel Spielraum lässt, sollte man weder Shakespeares Bühnen-Fassung noch das vom zeitgenössischen Zeitgeist durchwehte Narrativ von der homoerotischen Beziehung zwischen den streitbaren Damen für die mythologische Wahrheit halten. Wahr ist, was stimmig zu sein scheint.

Auch für wahr gehalten wurden Geschichten, in denen Antiope als Schwester oder Tochter von Hippolyte auftrat (was eine lesbische Verbindung natürlich nicht ausschloss) oder Antiope es war, die von Theseus nach Athen mitgenommen oder entführt wurde. In einem Artikel eines nicht mehr wegzudenkenden Online-Lexikons liest sich das unter der Überschrift „Antiope (Amazone)“ so: „Nach Pausanias ist sie die Schwester der Amazonenkönigin Hippolyte, der Gattin des Theseus. Nach Servius ist sie Hippolytes Tochter, nach Hyginus war sie eine Tochter des Ares und wurde wegen eines Orakelspruchs von Theseus getötet. Theseus überbrachte ihr ein Geschenk von Herakles, woraufhin sie später an seiner Seite gegen die in Attika einfallenden Amazonen kämpfte und ihren Tod fand“ – von wegen: die ganze Umbringerei weglassen.