Am Wadi Inachos: Ios mythographische Spuren im Sand

Now you say you’re lonely, you cried a long night through. Well, you can cry me a river, cry me a river: I cried a river over you – schrieb der amerikanische Songwriter Arthur Hamilton, der eigentlich Stern hieß, 1953. Ein Song, der dann von Julie London zwei Jahre später populär gemacht wurde. Die Sängerin und Schauspielerin hatte ihre Karriere als Fahrstuhlführerin, also quasi als Tellerwäscher begonnen.

Der erste, der einen Fluss zusammengeheult hat, war aber nicht der reuig gewordene Ex-Lover des lyrischen Ichs von Hamilton und London, sondern Inachos, der König von Argos, nachdem er von Zeus aus Mitleid in ein trockenes Flussbett verwandelt worden war. Mitleid oder eine göttliche Geste der Menschlichkeit war die absonderliche Metamorphose deshalb, weil Inachos zuvor unter schweren Anfällen von Angina Pectoris gelitten hatte, angeblich ausgelöst durch einen um sein Herz gewundenen Strick. Den hatte sich Inachos letztlich selbst gedreht, indem er Gott und die Welt und schon im voraus Teile seiner Nachkommenschaft zu verfluchen nicht müde geworden war. Dass die Rachegöttin Tisiphone es gewesen sei, die aus zusammengetragenen Partikeln des von Inachos verfluchten Kosmos‘ ein Seil verfertigt und selbiges dem von Hass Erfüllten ums Herz gelegt habe, ist eine Theorie, die mit dem Fortschritt der medizinischen Aufklärung eigentlich obsolet geworden ist, die aber von ewig Mythologischen bis heute vertreten wird.

Seine Umwandlung in ein Flussbett ohne Fluss war aber nicht der Grund dafür, dass Inachos weinte und, indem er weinte und weinte, in einem Akt autopoietischer Selbstverwirklichung zum fließenden Gewässer mutierte. Nein, seine Tochter Io in Gestalt einer weißen Kuh war es, die ihn zu Tränen rührte. Zur Kuh war sie wegen und durch Zeus geworden. Wenn Zeus jemanden, häufig sich selbst, verwandelte, dann war das nicht selten erotisch motiviert. In Ios Fall wollte er verhindern, dass seine Gemahlin Hera auf die Idee kam, er wolle etwas mit ihr, also mit Io, anfangen. Als ob er noch nie Bock auf eine Kuh gehabt hätte, aber daran wollte Zeus in diesem Moment auch und gerade durch sich selbst nicht erinnert werden. Hera, die im Verdrängen von peinlichen Erinnerungen nicht so routiniert war wie ihr Gemahl, schickte sicherheitshalber eine Bremse los, damit sie die weiße Kuh, die angeblich nicht Io war, fortan vor sich her treibe.

So kamen Io und die Bremse eines Tages auch an ein trockenes Flussbett, das ihrem Vater Inachos zum Verwechseln ähnlich sah. Da sie nicht sprechen und das Flussbett wahrscheinlich nicht hören und antworten, aber möglicherweise lesen konnte, schrieb sie mit ihrer linken Rinder-Klaue, Io war Linkshuferin, die ganze tragische Geschichte von ihrer Zwangsverpflichtung zur Tempel-Priesterin der Hera, ihrer sexuellen Belästigung durch einen Traum, in dem Zeus sie möglicherweise sexuell belästigen wollte, ihrer erzwungenen Um-die-Welt-Flucht nach der Verwandlung in eine Kuh, mithin all das, worüber ihr Vater so allumfassend in Rage geraten war, in den Sand am Rand und also in Sichtweite des Flussbetts. Um ihrem Vater Inachos ein Lebenszeichen zu hinterlassen, hätte ein schlichtes Io was here ja genügt. Aber sie wollte sich das alles einmal von der Seele schreiben und auch ihrer Bremse kam, nach kurzer Rücksprache, eine Verschnaufpause nicht ungelegen.

Nachdem Io den langen Brief zur Erklärung ihres damals überstürzten Abschieds mit einem liebe Grüße, Deine Io beendet hatte, weckte sie die Bremse aus ihrem Schlummer und ließ sich von ihr nach Ägypten treiben, um dort ihren Anspruch auf die noch unbesetzte Stelle der Göttin Isis anzumelden. Wegen des Mythographs im Sand, das mittlerweile von den Tränenfluten des durch seinen Inhalt gerührten Inachos fortgespült worden war, waren sie spät dran und mussten sich, in Ägypten angekommen, hinten anstellen. Direkt vor Io warteten Demeter und Aphrodite, vor diesen Pallas Athene, Artemis und, ausgerechnet, Hera. Die anderen Aspirantinnen waren Io namentlich nicht bekannt.

Wer die Stelle bekommen hat, ist mythologisch umstritten. Daraus, dass Isis häufig mit dem Kopf einer Kuh oder mit Kuhhörnern dargestellt wird, schließen einige, dass es wohl Io gewesen ist, welche die Jury am Ende überzeugen konnte. Zumal die Bewerbungen der oben genannten Göttinnen nur als uneigentliche Gesten zum Zeitvertreib, als eitle Launen ihrer olympischen Natur verstanden werden können. Sie wussten genau, dass Zeus sie niemals aus ihrem auf ewig und drei Tage geschlossenen Vertrag entlassen würde.

Nachbemerkung: Mythische Geschichten sind in der Regel inhaltlich komplex und psychologisch kompliziert. Sie möglichst einfach und der Reihe der Ereignisse nach zu erzählen, würde ihrer semantisch-symbolischen Tiefenstruktur auf der Ebene der äußeren Form durchaus nicht gerecht werden.

Schuld und Sühne als biographisches Muster bei Herakles

Schuld und Sühne, man könnte auch sagen Verbrechen und Strafe, sind die ethisch-kriminologischen Horizonte, zwischen denen sich Herakles‘ Biographie ein gutes Stück weit mäandernd hin und her bewegt. Nachdem er in paranoider Verkennung der Realität seine Frau Megara und die mit ihr gezeugten Kinder erschlagen hatte, sühnte Herakles auf dringende Empfehlung des delphischen Orakels die Tat, indem er zwölf Jahre lang im Dienste des Eurystheus in zehn plus zwei Fällen scheinbar Unmögliches möglich machte. Seinem biographischen Muster folgend, lud Herakles nach Ablauf der Duodekade jedoch erneut Schuld auf sich, als er spontan einen gewissen Iphtios oder Eurytos oder auch beide ans Ufer des Styx sandte, wo Charon immer schon wartete.

Die ungute Rolle, die Hera bei all diesen Bluttaten spielte, wurde als mildernder Umstand erneut in Rechnung gestellt, führte aber auch dieses Mal weder zu einem moralischen noch zu einem delphisch-juridischen Freispruch. Weitere drei Jahre der Unterordnung unter einen fremden Willen waren die Konsequenz, die Herakles zu tragen hatte.

Dass ihm die sechsunddreißig Monate unter der lydischen Königin Omphale in gleicher Weise sauer wurden wie die zwölf Jahre bei Eurystheus, darf allerdings bezweifelt werden. Denn im mythologischen Klatsch und Tratsch wollen die Gerüchte nicht verstummen, wonach Omphale an Herakles im hormonell gesteuerten Rhythmus Forderungen stellte, denen ihr Sklave ohne eine psychophysisch positive Einstellung zum Inhalt des dominalen Begehrens gar nicht hätte nachkommen können.

Wer bitte ist Alkeides oder: Wie einer durch Hera vom Paulus zum Saulus wurde

Alkeides, hol jetzt bitte die Kuh vom Dach und danach pflanzt du die Olivenbäume wieder ein, die du beim Nachbarn gestern ausgerissen hast. Und du weißt selbst, wie lächerlich es ist zu behaupten, das seist nicht du, sondern dein Bruder Iphikles gewesen. Die so zu ihrem achtjährigen Sohn sprach, war Alkmene, deren Name soviel wie „die Starke“ bedeutete. Womit nach Lage der Dinge nur ihre stoische Ruhe, in der ja bekanntlich jede Menge Kraft liegt, gemeint sein konnte, mit welcher sie die angeborene physische Anomalie ihres Sohnes Alkeides seit seiner Geburt hinnahm, da an dieser nun einmal nichts zu ändern war.

Wenn sich der kindliche Kraftprotz bei Alkmene zuhause aufhielt, was allerdings nur selten vorkam, machte sie sich seine Sonderbegabung zunutze, indem sie ihn zum Beispiel bat, die schweren, aus böotischer Eiche gefertigten Wäsche- und Waffenschränke anzuheben, damit sie darunter saubermachen konnte. Oder Alkeides half seiner Mutter beim Ausmisten der Ställe, ohne zu ahnen, dass er bei dieser agrikulturellen Übung etwas für sein späteres Leben lernte.

Dass Alkeides ein Sohn des Zeus war, wussten außer Zeus und der zwar chronisch, doch niemals grundlos eifersüchtigen Hera nur seine Mutter Alkmene und ihr Ehemann Amphitryon, als dessen Sohn Alkeides offiziell galt. Der genealogischen Camouflage diente es auch, dass man den neugeborenen Halbgott nach Amphitryons Vater Alkaios Alkeides oder Alcides und nicht nach Zeus‘ Vater Kronos Krontiados oder Kronides nannte. Erst Jahre später, als sich längst herumgesprochen hatte, wer Alkeides in Wahrheit war, taufte ihn Pythia, die Priesterin des delphischen Orakels, auf seinen eigentlichen, mythologisch korrekten Namen, dessen Sinn umschrieben werden kann mit „der durch seine Verfolgung durch Hera Ruhm erlangt“, also auf den Namen Herakles. Der Umbenennung waren dramatische und folgenreiche Ereignisse vorausgegangen, die eine nominelle Aufrechterhaltung des Scheins bürgerlicher Normalität und Harmlosigkeit nach Pythias Dafürhalten nicht mehr zuließen. Wo ein berechtigtes Interesse am Schutz persönlicher Daten in Zynismus umschlägt, wird es Zeit, dass man die Dinge, sprich: den Heroen beim Namen nennt, soll sie gegenüber Apollon geäußert haben. Was war geschehen?

Nachdem Herakles alias Alkeides im Zuge seiner ontogenetischen Virilisierung in fünfzig aufeinanderfolgenden Nächten fünfzig Jungfrauen, allesamt Töchter von Thespios und Megamede, nicht nur defloriert, sondern bei dieser Gelegenheit auch noch geschwängert hatte, glaubte er, sich das Horn soweit abgestoßen zu haben, dass er desillusioniert genug sein würde, um eine halbwegs normale Ehe führen zu können. Da kam es ihm gerade recht, dass Kreon, König von Theben, ihn aus Dankbarkeit für die rabiate Schlichtung eines alten Streits – eine Schlächterei, die Kreon unterm Strich um ein paar Tausend Rinder reicher machte – seine Tochter Megara zur Gattin gab. Und weil doppelt genäht und geehelicht besser halten soll, heiratete Iphikles, Herakles‘ oben bereits kurz erwähnter Halb-Zwillingsbruder, im festlichen Rahmen einer Doppelhochzeit Kreons jüngste Tochter, deren mythologische Akte wohl verloren gegangen ist, da ihr Name nirgends Erwähnung findet.

Alkeides alias Herakles zeugte mit Megara fürs erste die drei Söhne Therimachos, Kreontiades und Deikoon. Dann aber begab es sich, dass die nach wie vor grollend eifersüchtige Hera das Familienglück, das mit dem Seitensprung ihres Gatten Zeus seinen Ur-Anfang genommen hatte, nicht länger ertragen zu können glaubte. Bevor ich wahnsinnig werde, soll lieber dein Bastard es werden, sagte sie zu Zeus, woraufhin besagter Bastard im Wahn der Hera seine eigenen Kinder und die des Iphikles ins ewig lodernde Feuer der halb-olympischen Kochstelle warf.

Als sich der paranoide Kindsmörder wenig später an das delphische Orakel wandte, um zu erfahren, wie er den Schaden wiedergutmachen könne, bekam er von der Apollon-Priesterin Pythia die erstaunlich unmissverständliche Auskunft, Absolution könne ihm erst erteilt werden, wenn er fortan auf den Namen Herakles höre, und wenn er außerdem und vor allem nach Tiryns in der Nähe von Mykene gehe, um dort im Dienst des Eurystheus zwölf Jahre lang alles zu erledigen, was dieser von ihm verlange, und zwar unverzüglich und ohne Widerrede, selbst wenn er die Aufträge im ersten Moment für unausführbar halte. Für einen Sohn des Zeus sei nichts unmöglich, sagte Pythia, indem sie Herakles zum Abschied auf die starke Schulter klopfte und ihm mit einem Never say never again! den Weg nach Tiryns wies.

Herakles – drei Nächte lang gezeugt und dann durch den Mund einer Dienerin geboren

Sowohl die Zeugung als auch die Geburt des Herakles dauerten länger als selbst in mythischen Zeiten üblich. Zur Begattung der Alkmene nahm sich Zeus, der bei dieser Verrichtung Alkmenens rechtmäßigem Gatten zum Verwechseln ähnlich sah, drei pausenlos aufeinander folgende Nächte, also etwa vierundzwanzig Stunden, Zeit. Dass der olympische Liebhaber während der triadischen Nacht wie Amphitryons Zwilling aussah, diente weniger der Täuschung der Empfängerin des göttlichen Samens, als vielmehr ihrer moralischen Entlastung. Ohne die Unwahrheit sagen zu müssen, konnte Alkmene später zu Protokoll geben, der Mann in ihrem Bett habe genau wie ihr Mann ausgesehen. Dass sie dabei nicht rot wurde, war ein kleines Kunststück, welches sie vollbrachte, indem sie die auratische Differenz, die von ihr sofort bemerkt worden war, konsequent außer Acht und unerwähnt ließ und so tat, als wären es nur die Form der Nase, die Farbe der Augen und die Länge des Bartes, die einen Mann vom anderen unterscheidbar machen.

Der von einem kurzen Auslandsaufenthalt zurückgekehrte Amphitryon tat anderntags seinerseits so, als würde ihn Alkmenes Erklärung überzeugen und zeugte in der darauffolgenden Nacht zur symbolischen Wiederherstellung seines Begattungsmonopols und als reales Gegengewicht zu Herakles dessen Bruder Iphikles. Dass sich die Knaben, obwohl sie ja keine echten Zwillinge waren, nach der Geburt zum Verwechseln ähnlich sahen, wunderte weder ihre Mutter Alkmene noch Amphitryon, den Vater und Stiefvater der beiden.

Bevor es aber zur doppelten Niederkunft kam, musste Alkmene, so wollten es die mit anwesenden schicksalsmächtigen Moiren, neun Tage und Nächte lang in den Wehen liegen. Wer darin eine kollektiv verhängte Strafe der Götter für Alkmenens verdeckten Ehebruch mit Zeus sehen will, neigt wohl auch sonst zu Verschwörungstheorien. Nein, es war Heras Schuld und die ihrer Helferin und deren Helfershelferinnen, dass die Mutter des Helden der Helden und seines relativ unbedeutenden und später im Kampf eher glücklosen Halb-Zwillingsbruders fast eineinhalb Wochen lang kreißen musste.

Hera war natürlich nicht entgangen, mit welcher Endlos-Serie von Geschlechtsakten ihr Götter-Gatte während dieser auffallend langen Nacht zeugend tätig gewesen war. Zumal er anschließend damit geprahlt hatte, nun werde einer zur Welt kommen, der als Stellvertreter Zeusens unter den Erdlingen diesen einmal zeigen werde, wo der Hammer hängt und was ein richtiger Kerl ist. Um der Gespielin ihres Mannes nun doch noch übel mitzuspielen und dem Zeugling von Anfang an zu demonstrieren, dass er unerwünscht war und es immer sein würde, beauftragte Hera ihre Tochter Eileithyia, die Geburt der beiden Uterus-Genossen so lange wie möglich hinauszuzögern. Dazu setzte sich Eileithyia, die für das Ge- oder Misslingen von Geburten zuständige Gottheit, mit ihren Freundinnen, den Morien, und mit gekreuzten Armen und Beinen vor die Tür der Wöchnerin, was dann auch die von Hera gewünschte kontra-natale Wirkung hatte.

Als nach neun Tagen und Nächten die Lage unerträglich geworden war und vollends zu eskalieren drohte, kam endlich Galinthias, eine Hausangestellte Alkmenes, auf die Idee, dass mit den seltsamen Frauen, die in merkwürdig in sich gekrümmter Haltung schon Gott weiß wie lange vor dem Kreißsaal saßen, etwas nicht stimmen könnte. Um die verdächtigen Gestalten aufzuscheuchen, rief sie laut, ihre Brotgeberin habe nun endlich, endlich einem Sohn das Leben geschenkt, was, kurz nachdem sich Eileithyia erstaunt und ungläubig erhoben hatte, auch den Tatsachen entsprach.

Dass Galinthias, die Erlöserin, schon eine Schrecksekunde später von der rachsüchtigen Hera in ein Wiesel verwandelt worden sei, ist wohl ein Ammen- oder Hebammen-Märchen, das auf dem volkszoologischen Irrtum basiert, Wiesel würden ihren Nachwuchs durch das Maul gebären. Herakles wäre demnach nicht nur aus dem Schoß der Alkmene, sondern auch aus dem Mund der Galinthias hervorgegangen.

Aineias als Pontifex Primus

Wenn es eine Brücke zwischen der griechischen und der römischen Mythologie gibt, so ist Aeneas alias Aineias derjenige, der sie in Begleitung seines Vaters Anchises und seines Sohns Askanios als erster betreten und überschritten hat. Falls man nicht sogar so weit gehen will zu sagen, dass Aineias selbst der Pontifex, also der Erbauer jener Brücke gewesen ist, über die dann nicht nur er selbst, sondern auch das olympische Personal zu gehen hatte, um vom griechisch zum römisch benannten obskuren Objekt der religiösen Routinen zu konvertieren.

Auf der römischen Seite angelangt, hieß Aineias‘ Mutter nicht mehr Aphrodite, sondern Venus, seinen Sohn nannte Aeneas fortan Ascanius und sich selbst nicht mehr Aineias, sondern Aeneas. Auch stammte er nicht mehr von Zeus, sondern von Jupiter ab. Und es war nicht mehr Hera, vor der sich die Exil-Trojaner unter Aeneas‘ Führung in Acht nehmen mussten, sondern Juno. Auch wenn es vor Beginn des Trojanischen Kriegs nicht Juno gewesen war, welcher der Trojaner Paris den goldenen Schönheits-Apfel nicht gegeben hatte, sondern Hera. Allein Aineias‘ oder Aeneas‘ Vater Anchises blieb nach wie vor Anchises. Aber der war ja ein Sterblicher durch und durch, woran auch der Umstand nichts änderte, dass sich Aphrodite alias Juno vorübergehend unsterblich in den schönen Hirten verliebt hatte.

Eris und kein Ende

Steh auf, Männchen, sagte Thetis zu Peleus, die ersten Götter werden gleich da sein. Und du weißt ja: keiner hat abgesagt. Tatsächlich kamen alle bis auf die eine, die nicht zur Hochzeit eingeladen worden war: Eris, die Göttin der Zwietracht, Tochter der Nacht Nyx. So sah es jedenfalls eine Zeitlang aus, bis sie dann doch noch aufkreuzte. Offenbar hatte jemand den Mund nicht halten können oder wollen.

Dass die Braut eine Nymphe war, auf die Zeus zu Gunsten von Nemesis, der leiblichen Mutter Helenas, verzichtet hatte, tut eigentlich nichts zur Sache. Erklärt aber, warum Thetis ihren Bräutigam zu dessen Leidwesen eingangs als Männchen angesprochen hat. Verglichen mit Zeus war er für sie ein Mann im Diminutiv, da konnte Peleus sein und haben wie und was er wollte.

Als Göttin der Zwietracht führte Eris stets mindestens einen Zankapfel mit sich. So auch an diesem Abend. Der Apfel war aus Gold und trug die Gravur Für die Schönste. Eris hatte auch welche aus Silber, aber die waren nicht so wirkungsvoll und liefen ständig an. Sie hatte es schon erleben müssen, dass die Leute, anstatt sich um einen ihrer silbernen Äpfel zu zanken, voller Eifer aber durchaus gesittet darüber diskutierten, wie man ihn am besten reinigen könne.

Bei Eris‘ Eintreffen war das Hochzeitsfest in vollem Gang und bei Nektar und Abrosia unterhielt man sich angeregt. Höchste Zeit, für ein wenig böses Blut zu sorgen, was für „die rastlos lechzende Eris“, wie es bei Homer heißt, „wandelnd von Schar zu Schar“ kein Problem war. Hera (der sie es, wie sie ahnte, zu verdanken hatte, dass sie nicht eingeladen worden war), Pallas Athene und Aphrodite – diese drei waren Eris schon immer gegen den Strich gegangen. Als sie das Trio als kleinstmögliche Schar beisammenstehen und ihr wegen ihrer hinkend-kümmerlichen Gestalt abschätzige Blicke zuwerfen sah, ließ sie wie aus Versehen den folgenreich beschrifteten (Für die Schönste) goldenen Apfel fallen. Er rollte vor die Füße der Grazien und blieb mit der Gravur nach oben liegen.

Schon damals galt, was die nicht an Eris glaubenden Eris-Gläubigen, die sogenannten Diskordier, kürzlich in einem ihrer Gebote so formuliert haben: „Jeder goldene Apfel ist das geliebte Heim eines goldenen Wurms.“ Doch sollte, da Zeus es so wollte, erst einige Zeit später der Trojaner Paris den Gold-Wurm stichigen Gold-Apfel in die seiner Meinung nach richtigen Hände legen. Das waren die der Aphrodite, aber nicht, weil Paris diese für die Schönste hielt, sondern weil ihr Bestechungsangebot für ihn das verlockendste war: Die schönste Frau der Welt gegen die Verleihung des Titels einer Miss Olymp.

Zank und Streit waren mit dem Urteil des Paris natürlich nicht beigelegt, sondern erreichten im nun kaum noch vermeidbaren Trojanischen Krieg (Helena, die schönste Frau der Welt, war nämlich schon mit Menelaos verheiratet) einen Höhepunkt nach dem anderen. Demgegenüber ist der astronomische Kategorien-Streit über die Frage, ob Pluto ein Planet „ist“ oder nicht, vergleichsweise harmlos. Der neulich neu entdeckte Himmelskörper, der die Kontroverse ausgelöst hat, erhielt völlig zu Recht den Namen Eris.

Noch immer nichts Neues von Alpha Kentauros?

Im Märchen heißt es am Ende: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Im Mythos leben die Götter fort, solange sich Menschen für die alten Geschichten interessieren, was spätestens seit der Renaissance wieder der Fall ist. Aber was ist mit ihrem Fortleben außerhalb der Mythen und Hörbücher? Betrügt Zeus Hera noch immer und, wenn ja, warum erfahren wir trotz Twitter und Facebook nichts davon?

Oder nehmen wir Hephaistos, den Hera mit oder ohne Zeus‘ Zutun zur Welt brachte. Da sie ihn für eine Missgeburt hielt, warf ihn seine Mutter kurzerhand aus dem Olymp, also quasi auf den Müll. Ob er schon vorher oder erst danach eine Gehbehinderung hatte, ist umstritten. Anstatt sein Schicksal klaglos hinzunehmen, sorgte Hephaistos dafür, dass seiner olympischen Sippe nichts anderes übrig blieb, als ihn wieder aufzunehmen – ein goldener Thron, den er Hera zum Geschenk machte, spielte bei diesem Erpressungsmanöver eine tragende Rolle.

Auch mit zwei weiteren wichtigen Frauen in seinem Leben hatte der hinkende Hephaistos kein Glück. Seine erste Ehefrau, die schöne Aphrodite, betrog ihn bei jeder Gelegenheit – zuletzt mit dem unsympathischen Kriegsgott Ares. Als Zeus Hephaistos in zweiter Ehe mit Pallas Athene verheiraten wollte, entzog diese sich dem Vollzug der Ehe zunächst durch Flucht und dann durch Verweigerung. Da Hephaistos sich zum Ausgleich mit diversen Nymphen und illegitimen Zeus-Töchter einließ, dürfte die Zahl seiner erotischen Begegnungen dennoch nicht an den Fingern einer Hand abzählbar gewesen sein.

Eine andere längere Liste ergibt die Aufzählung der von Hephaistos erfundenen und hergestellten Artefakte, darunter auch Gebäude: Zwei Roboter (mechanische Dienerinnen) aus Gold, das Tor des Palastes und diverse Hallen auf dem Olymp, ein Thron für Hera mit unsichtbarer Fessel, ein Zepter und ein Donnerkeil für Zeus, der Wagen des Helios, der Halsschmuck der Harmonia, ein goldenes Fell zur Erzeugung von Gewittern für Pallas Athene, die feuerspeienden Stiere des Aietes, Pandora als Gattin für Epimetheus, der Bogen der Artemis, Pfeile für Apollon und Artemis, das Fangnetz für Ares und Aphrodite, die Kette, mit der Prometheus an den Kaukasus gefesselt wurde, die Rüstung des Ares, Waffen und Schild des Achilles, Schild des Aeneas, ein Bronzeriese (Talos), der Kreta bewachte, der Zweizack des Hades, der Dreizack des Poseidon.

Das ist nicht wenig, aber war das schon alles? Müsste eine Biographie (falls davon bei Göttern die Rede sein kann) beispielsweise des Hephaistos nicht ad infinitum fortgeschrieben werden und hätten wir heute mit dem Internet-Blog nicht das adäquate Medium dafür? Wir richten die Antennen gen Alpha Centauri, um uns etwaige Signale von intelligenten Wesen aus den Tiefen des Alls nicht entgehen zu lassen. Sucht auch jemand im Webspace nach Überlebenszeichen des Kentauros, den der getäuschte Ixion mit der Wolke Nephele zeugte? Wenn die Götter sich zurückmelden, werden sie sich der Smartphones, i-Pads, Laptops und Notebooks bedienen, um uns zu sagen: Fürchtet euch, denn wir waren niemals tot und jetzt sind wieder da.

Die paranoiden Qualen des Ixion – noch kein Beitrag zu einer Psychologie der mythischen Motive

Und dann gab es da noch diesen Ixion, dessen Verlobte Dia eine Liaison mit Zeus hatte, weshalb die Hochzeit mehrmals verschoben werden musste. Um es Zeus heimzuzahlen, vergewaltigte Ixion, wie er meinte, dessen Gemahlin Hera. In Wahrheit war es nur die eigens zu diesem Täuschungszweck fabrizierte heramorphe Wolke Nephele, an oder in der Ixion sich, auf welche Weise auch immer, verging. Dennoch wurde er von den Olympiern bestraft – also offenbar nicht für etwas, das er tatsächlich getan hatte, sondern für das, was er selbst meinte, getan zu haben. Wer also, weil er rot-grün-blind ist, meint, bei Rot über die Ampel gefahren zu sein, obwohl er Grün hatte, dem wird von den Göttern ebenso der Führerschein entzogen wie demjenige, der unter den nämlichen Voraussetzungen wähnt, noch bei Grün gefahren zu sein, obwohl er bei noch Rot gefahren ist. Das klingt kompliziert und verrückt, ist aber nicht verrückter noch komplizierter als der Großteil der griechischen Mythologie.

Bleibt nachzutragen, worin Ixions Strafe bestand: Er wurde auf ein Rad gebunden und wird bis in alle Ewigkeit bei mittlerer Hitze im Tartaros gegrillt. Das hat insofern seine Richtigkeit, als Ixion selbst seinen Schwiegervater Deioneus in eine Fallgrube mit glühenden Kohlen gelockt und auf diese Weise ermordet hatte. Als Motiv muss paranoid-krankhafte Gekränktheit angenommen werden. Für Ixion stand offenbar fest, dass Deioneus bei der Affäre seiner Tochter Dia mit Zeus die Rolle eines Kupplers, um nicht zu sagen Zuhälters gespielt hatte.

Doch hätte Ixion den Schwiegervater-Mord nicht begangen, wäre er niemals auch nur in die Nähe von Hera gekommen, um sich durch deren vermeintliche Übermannung an Zeus rächen zu können. Nach dem Mord an Deioneus ist Zeus es gewesen, der für die Rehabilitierung Ixions sorgte, indem er ihm Zutritt zur olympischen Tafel der Götter verschaffte. Der monströse Gedanke, Ixion könnte den Mord begangen haben, nur um Gelegenheit zu Heras Vergewaltigung zu bekommen, ist ebenso reizvoll wie gewagt. Es wäre Aufgabe einer Psychologie der mythischen Motive, den Fall Ixion und andere Komplexe zu untersuchen und plausible Verhaltens-Erklärungen auf der Grundlage wissenschaftlicher Modelle anzubieten.

P. S.: Auch die Herkunft Ixions ist umstritten. Unter anderem wird vermutet, er sei der Sohn von Ares, dem Gott des emotional geführten, grausamen Krieges (abzugrenzen von der affektlos-effektiven, rationalen Kriegsführung der Pallas Athene). Ares aber, soviel steht fest, war ein Sohn von Zeus und Hera, Ixion wäre also ein Enkel der beiden gewesen. Was wiederum heißen würde, dass Ixion in der Wolke namens Nephele seine eigene Großmutter Hera zu begatten suchte und glaubte. Versteh einer die Götter und deren Nachkommenschaft.

Eine Kopfgeburt

Hebammen, aber nicht nur diese, wird es vielleicht interessieren: Der erste Geburtshelfer war Hephaistos, der den ersten Kaiserschnitt am Götter-Kaiser Zeus mithilfe einer Axt ausgeführt hat. Die Axt, die von Hephaistos eigens zu diesem Zweck erfunden und hergestellt worden war, diente ihm dazu, Zeus von seinen unerträglichen Kopfschmerzen zu befreien, indem er seinem Stiefvater auf dessen Geheiß den Schädel spaltete. Zur Götter-Welt kam in voller Rüstung, mit dem Speer in der Hand und einem Schlachtruf auf den Lippen, Pallas Athene. Was ging dieser an Dramatik kaum zu überbietenden Kopfgeburt voraus?

Um ihn vor den Nachstellungen seines Vaters Kronos zu schützen, hatte Rhea ihren Jüngsten auf Kreta in Sicherheit gebracht. Dort lernte Zeus Metis, eine Art Seejungfrau oder Okeanide, kennen, wobei von Jungfrau nicht wirklich, vom Ozeanischen dagegen sehr wohl die Rede sein konnte. Denn Metis war es, die Zeus in die Kunst der Liebe und des Liebens einführte. Welche Stellungen und Tricks sie ihrem göttlichen Eleven beigebracht hat, können wir nur ahnen. Das Resultat aber ist allgemein bekannt. Zeus sah sich fortan dazu gezwungen, das von, bei und mit Metis Gelernte ein ums andere Mal an und mit ständig wechselnden Objekten seiner Begierde in einem nicht enden wollenden Trainingsprogramm zu wiederholen und womöglich zu perfektionieren. Doch erst einmal musst er sich den Schädel spalten lassen. Denn Metis war ihm nicht nur ins Gemächt, sondern am Ende auch noch in den Kopf gestiegen. Und das kam so:

Metis war auf Kreta schwanger geworden und kündigte dem Mitverursacher ihrer zukünftigen Mutterschaft an, falls sie einen Buben im Leib trage, würde dieser mächtiger, im Fall einer Tochter jene klüger als der Vater sein. Da Zeus zwar Götter unter und gerade noch neben, aber niemals über sich dulden mochte, beschloss er, sich Metis samt der in ihr enthaltenen Gefahrenquelle einzuverleiben, obwohl er doch hätte wissen müssen, dass das Verschlingen potentieller Widersacher auch für seinen Vater Kronos (noch dazu dank Metis‘ klugem Rat) keine nachhaltige Lösung gewesen war. Metis kam der Absicht ihres Verfolgers insofern entgegen, als sie sich auf ihrer Flucht erst in eine lange Reihe verschiedener Tiere, zuletzt aber in eine Fliege verwandelte, die von Zeus gefangen und verschluckt werden konnte.

Erst als der Fliegenfänger samt Fliege Metis die Insel Kreta längst wieder verlassen, zusammen mit seinen Geschwistern die Titanen besiegt und sich mit Hera als seiner Ehefrau im Olymp etabliert hatte, erst da begannen die Kopfschmerzen. Der Weg aus Zeus‘ Magen bis hinauf unter seine Hirnschale scheint für die Schwangere in Fliegengestalt lang und beschwerlich gewesen zu sein. Als sie es endlich geschafft hatte, brannte alsbald Töchterchen Pallas Athene darauf, seinen Platz im Olymp einzunehmen. Für den Vater, dessen Gedanken-Palast zum anderen Uterus geworden war, muss sich das angefühlt haben, als habe er höllische Kopfschmerzen. Was aus Metis geworden ist, wissen die Götter und vielleicht nicht einmal die.