Damit Hemera werden konnte, musste Nyx gewesen sein

Wenn man uns nicht in einem gewissen Alter darüber aufgeklärt hätte, woher wir stammen, und wenn wir dann nicht aufgrund eigener Recherchen zu der Ansicht gelangt wären, dass an dieser Theorie etwas dran sein muss – wir hätten keine Ahnung, wann, wie und warum wir zur Welt gekommen sind. Da wir weder physisch noch psychisch außer in einem absoluten Sinn singulär sind, gilt ergänzend dazu: Die Ontogenese ist empirischer Forschung zugänglich, die Phylogenese nicht oder doch nur bedingt, denn die Gattung Mensch entsteht nicht täglich in gut einer Drittelmillion Exemplaren neu. Gleiches gilt für den Kosmos insgesamt – am Ende, also am Anfang, wird die Sache, wenn man ehrlich ist, undurchschaubar, um nicht zu sagen: chaotisch.

Chaos und nochmals Chaos. Und dann aus dem Chaos zunächst und vor allem anderen die primäre Dunkelheit Erebos und die postchaotisch-uranfängliche Nacht Nyx. So jedenfalls Hesiod. Das Chaos ist demnach so unsäglich chaotisch, dass man in ihm nicht einmal zwischen Hell und Dunkel unterscheiden kann – Chaos ist im Grunde ein Synonym für das, worüber man nichts sagen kann, außer dass es nicht nichts ist.

Damit es aber hell werden kann, muss es zuvor dunkel gewesen sein: „Komm mach mal Licht, damit man sehen kann, ob was da ist“, sang Bertolt Brecht 1928 auf eine Melodie von Kurt Weill und einige tanzten Foxtrott dazu. Erebos, die Dunkelheit, kommt vor Aether (oder Aither), dem Licht – die Nacht Nyx vor dem Tag Hemera. Der Tag und das Licht sind Kinder (übrigens die einzigen gemeinsamen außer vielleicht noch Charon) der Finsternis und der Nacht. Wo die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten, heißt es – das heißt: erst Erebos, dann Aether.

So sollte es sein und so war es wohl auch, jedenfalls nach Hesiod. Andere haben später anderes behauptet. Das können nur Nachkommen von Momos, dem ewigen Besserwisser gewesen sein. Auch er war ein Sohn der Nacht, ein vaterlos erschaffenes Kind der Nyx, eines von Dutzenden. Während Hemera und Aether, die Personifikationen von Tag und Licht, mytho-genealogisch folgenlos geblieben sind.