Poseidon – zwischen Mythos und kafkaesker Wirklichkeit

Amphitrite wollte ihn erst nicht haben und lief vor ihm davon zu Atlas, dem Träger der Himmels-Kugel, oder vielleicht auch nur ins Atlas-Gebirge. Als dann ein Delphin oder ein gewisser Delphinos sie zu ihm zurück brachte, überlegte Amphitrite es sich anders und wurde seine Frau. Mag sein, dass der poppig gelbe, submarine Kristallpalast, in dem er wohnte, bei ihrem Sinneswandel eine Rolle gespielt hat.

Die kryptische Rede ist oder war von Poseidon, dem Gott des Meeres, der als großer Pferde-Freund den Beinamen Hippios trug. Derart ausgeprägt war seine Hippophilie, dass er sogar zwei Pferde gezeugt hat, eines davon quasi natürlich in Gestalt eines Hengstes und, wie es sich gehört, mit einer Stute, die aber eigentlich seine Schwester-Göttin Demeter war, möglicherweise auch seine Gattin Amphitrite – als Stuten betrachtet, sehen Frauen, insbesondere aus der Sicht eines Hengstes, einander sehr ähnlich. Areion oder Arion, der aus dieser Besamung hervorging, hätte eigentlich sagen können müssen, wer seine Mutter war, denn es handelte sich bei ihm um ein Pferde-Wunder oder Wunder-Pferd, das sprechen und bis hundert zählen konnte. Wahrscheinlich hat ihn einfach niemand danach gefragt.

Mit Amphitrite, die Poseidons Dreizack nach der Eheschließung nur noch aus der Hand gab, wenn ihr Gemahl von einem Maler oder Bildhauer porträtiert werden sollte, hatte Poseidon den Sohn Triton, man nannte ihn einen Kentauren des Meeres, und die Töchter Rhode und Benthesikyme. Mit dem Dreizack konnte man oder frau übrigens Blitze, Erdbeben und kleinere Sintfluten machen.

Liebschaften hatte Poseidon wie sein Bruder Zeus jede Menge, wobei eine amouröse Drift ins Monströse nicht zu übersehen ist. So zeugte er in einem Tempel der Pallas Athene mit Medusa den Pferde-Vogel Pegasus, der allerdings erst zur Welt kam, nachdem die beim Liebesakt noch schöne Schwangere von Athene, der Herrin der Liebeslaube, wegen deren Verunreinigung in ein Ungeheuer verwandelt worden war, welchem dann Perseus, um Pegasus‘ Geburt einzuleiten, noch den Kopf abschlagen musste.

Mit der Meeresnymphe Thoosa zeugte Poseidon den einäugigen Riesen Polyphem, mit seiner Großmutter Gaia den an die dreißig Meter hohen Riesen Antaios, mit oder ohne Euryale den riesenhaften Jäger Orion, bei dessen Erzeugung neben Poseidon auch noch Zeus und Hermes, vielleicht auch Ares beteiligt gewesen sein sollen.

Als Atlantis noch nicht Atlantis hieß, machte Poseidon dort eine Entdeckung namens Kleito, die ihm danach eine Fünfer-Serie von Zwillingspärchen gebar. Atlas, ein Namensvetter des Sphären-Trägers, wurde als Erstgeborener König des Inselreichs, das von da an den wohlklingenden Namen Atlasantis trug. Was Platon, der mit der Kunst und dem Schönen bekanntlich ein Problem hatte, nicht gefiel, weshalb er Atlasantis zu Atlantis verschliff, eine angeblich sprachergonomisch gebotene Verunstaltung, die bis heute nicht korrigiert worden ist.

Die Affären, die Poseidon darüber hinaus und nebenbei mit etwelchen namenlosen Nymphen hatte, sind Legion und können hier unter ferner liefen rubriziert werden. Noch erwähnenswert ist dagegen vielleicht eine homoerotische Beziehung zu Pelops, den Poseidon als Kleinkind beinahe verspeist hätte, weil sein Vater Tantalos ihn anlässlich einer Einladung der Götter zu sich nach Hause aus dubiosen Gründen als Vorspeise servieren ließ.

Nach Franz Kafka sind diese Amouren, oder wie man es nennen will, frei erfunden, wie auch die Vorstellung, dass Poseidon „immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere“, nichts mit der Wirklichkeit zu tun habe. In Wahrheit nämlich sitzt Kafkas Poseidon in der Tiefe des Meeres und ist mit Berechnungen und der Erstellung von neuerdings vorwiegend klimatologischen Statistiken im Rahmen der Gewässerverwaltung beschäftigt. Unterbrochen wird dieses eintönige Leben nur von gelegentlichen Dienstreisen zu Zeus, von denen er fast immer wütend zurückkehrt. So habe er „die Meere kaum gesehn, nur flüchtig beim eiligen Aufstieg zum Olymp, und niemals wirklich durchfahren.“ Und er pflege zu sagen, sagt Kafka, „er warte damit bis zum Weltuntergang, dann werde sich wohl noch ein stiller Augenblick ergeben, wo er knapp vor dem Ende nach Durchsicht der letzten Rechnung noch schnell eine kleine Rundfahrt werde machen können.“

Wie die Oberen in einem gigantischen Gemetzel einmal mehr ihre Herrschaft behaupten konnten

Der Unterschied zwischen der Gigantomanie, von der einer befallen und einer Gigantomachie, in die er hineingeraten ist, gleicht dem zwischen dem Turmbau zu Babel und einem Sturz von der Aussichtsplattform des fertiggestellten Gebäudes. Gigantomachie! Was für ein klangvoller Name für den kläglichen Untergang einer ganzen mythologischen Spezies. Aber was bluttriefend begann, musste offenbar in einem Blutbad enden.

Als in vorolympischen Zeiten Kronos, der Titan, auf Geheiß seiner Erden-Mutter Gaia seinen Himmels-Vater Uranos mit einem Sichelschwert entmannte, tropfte das Blut (und es muss dabei viel Blut geflossen sein) der abgeschnittenen Begattungsteile auf die Erde, wurde von dieser empfangen und verwandelte sich, Ironie des Schicksals, in die Giganten. Merke: Bei empfängnisverhütenden Maßnahmen sollte man darauf achten, dass diese selbst nicht zur Ursache ungewollter Schwangerschaften werden. Andererseits kamen die gigantischen Giganten der Gaia gerade recht, denn, das wusst sie schon jetzt, sie würde mit den kommenden Olympiern eines Tages noch eine Rechnung zu begleichen haben.

Worin genau der Groll der Ge oder Gaia gegen ihre Götter-Kinder seinen Urgrund hatte, ist umstritten. Wahrscheinlich handelte es sich um einen veritablen Kränkungskomplex, dessen Analyse hier nicht geleistet werden kann. Üblicherweise wird behauptet, sie wollte sich rächen für die Verbannung der von den Göttern besiegten Titanen, welche gleichfalls ihre Kinder waren. Möglicherweise ging es auch um die Tötung eines ihr ans Herz gewachsenen Ungeheuers namens Aigis durch Pallas Athene. Oder, wofür psychologisch gesehen einiges spricht, sie konnte den Göttern nicht verzeihen, dass sie in kollektiver Nestflucht zuhause ausgezogen waren und ein Leben auf dem Olymp dem Verbleib bei und auf Mutter Erde vorgezogen hatten. Nicht ganz ausgeschlossen werden kann schließlich eine im Falle Gaias vorliegende Coelophobie, was bedeuten würde, dass alles, was wie der Himmel Uranos über und auf ihr lag, bei Mutter Erde eine Mischung aus Angst und aggressiver Aversion auslöste. Da die Götter nun den himmlischen Sphären angehörten, hätte dies auch für sie gegolten.

Fairerweise muss man zugeben, dass es nicht die Olympier gewesen sind, die den Streit mit den Giganten angezettelt haben. Es ist in mehrfacher Hinsicht eine Verdrehung der mythologischen Tatsachen, wenn der Schriftsteller Peter Weiss in seiner Ästhetik des Widerstands schreibt: „Mit Steinen nur können sie“, die Giganten, „sich wehren gegen die Gepanzerten und Schwerbewaffneten, sie knien, kriechen, sie zerbrechen und fallen ins aufgerissene Straßenpflaster, preisgegeben den Wasserkanonen, Gasgranaten und Maschinengewehren.“

So schwer bewaffnet und olymphoch überlegen wie der antikapitalistische Sänger in seinem pro-proletarischen Furor behauptet waren die Götter keineswegs. Als die Giganten unter Führung von Eurymedon losschlugen und damit die Gigantomachie ihren Anfang nahm, taten sie dies unter Verwendung von gewaltigen Felsbrocken und brennenden Eichen, was den Einsatz der von Peter Weiss monierten Wasserwerfer allemal rechtfertigen würde. Andere mythologische Kriegsberichterstatter wollen in den Händen der Giganten lange Speere gesehen haben, während die Göttinnen und Götter nur mit dem kämpften, was sie gewohnheitsmäßig mit sich führten, also Pfeil und Bogen, Fackeln, rotglühende Eisen und natürlich Blitz und Donner.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass auf Seiten der Götter der von Zeus inkognito gezeugte Herakles am Kampf teilnahm und den Giganten zusammen mit seinem Vater wahrscheinlich die entscheidenden Verluste beibrachte. Alkyoneus wurde von Herakles ebenso mit einem Pfeil niedergestreckt wie Porphyrion. Und zusammen mit Apollon tötete er Ephialtes, indem die beiden in einer Parallelaktion die Augen ihres Gegenübers mit Pfeilen durchbohrten. In einem Orakelspruch war den Göttern nämlich von den Göttern geweissagt worden, sie würden aus der Gigantenschlacht nur dann als Sieger hervorgehen, wenn sie Verstärkung durch einen Sterblichen erhielten, nicht zuletzt deshalb, weil Giganten von Göttern nicht getötet werden könnten, was sich dann aber nur in Einzelfällen als zutreffend erwies. Bei Peter Weiss ist Herakles übrigens ein früher Repräsentant des Proletariats, was bedeuten würde, dass er sich in der Gigantomachie von der herrschenden Götter-Klasse für ihre Zwecke hat korrumpieren und instrumentalisieren lassen – ein Verdacht, der durch Herakles‘ postmortale Entrückung in den Olymp und seine Vermählung mit Hebe, der Göttin der Jugend, bestätigt zu werden scheint.

Kleine Musen-Kunde

Neun Nächte lang schwelgte Zeus an und in der Erinnerung, deren mythischer Name Mnemosyne lautete, und die eine Tochter von Uranos und Gaia, also eine Titanin und Schwester von Zeus‘ Vater Kronos war. Ein Jahr später gebar Mnemosyne ihrem Neffen, aber ebenso uns allen, die neun Musen, als da waren und sind: Klio („die Rühmende“), zuständig für Geschichtsschreibung im Allgemeinen und Helden-Gedenken im Besonderen; Euterpe („die Erfreuende“), Göttin der Lyrik und der Lyra, allgemeiner: der Tonkunst; Thalia („das blühende Glück“) war anscheinend die Komödiantin unter den Musen; Melpomene („die Singende“) hat viel Unglück und Leid gesehen und besungen, vorzugsweise als Tragödin auf der Bühne; Terpsichore („die Tanzfreudige“) – sie soll erst das Tanzen und später den Tanz ums Goldene Kalb der Wissenschaftlichkeit erfunden haben; Erato („die Liebreiche“) – Liebesgedichte, Lovesongs und Balz-Tänze fallen in ihr Resort (da scheinen Konflikte mit Euterpe und Terpsichore vorprogrammiert zu sein); Polyhymnia („die Hymnenreiche“) ist die Spezialistin für Hymnen, also für sakrale und profane Lobgesänge, unter den Musen; Urania ist nach ihrem Groß- und Urgroßvater Uranos (soviel wie „Himmelsgewölbe“) benannt, daher die Muse der Astronomie und damit womöglich auch der Astronomen; Kalliope („die Schönstimmige“) ist die Muse der Wissenschaft, der Philosophie, der Saiteninstrumente sowie der epischen und der elegischen Dichtung – vielleicht ein bisschen viel für eine einzige Muse, zumal schon einige ihrer Schwestern ähnliche Kompetenz-Felder für sich reklamieren. Aber für das Musische im engeren Sinn können niemals zu viele Musen zuständig sein – wenigstens eine wird dann hoffentlich bei Bedarf in Kuss-Laune sein.

Die Sau Phaia oder: Was darf ich essen und was nicht?

Von Theseus‘ Geburtsstadt Troizen nach Athen sind es auf dem Landweg 160 Kilometer. Für einen, der gut zu Fuß war, sollte das in einer Woche zu schaffen gewesen sein. Hätte Theseus übers Wasser gehen könne, wären es von A (also T.) nach B (also A.) kaum mehr als sechs Stunden gewesen. Wie an anderer Stelle in Ansätzen berichtet, hat der junge Held dabei fünf oder sechs mehr oder weniger menschliche Wegelagerer und ein Tier in Form einer Sau zur Strecke gebracht – „clearing the highway of assorted bandits and miscreants“ nennt das ein Internet-Lexikon zur griechischen Mythologie.

Das zu dieser gemischten oder auch schlecht sortierten („assorted“) Gesellschaft gehörige Schwein hörte auf den gar nicht so unschönen Namen Phaia, wobei, wer das oben zitierte Lexikon konsultiert, die Auskunft erhält, nicht das Schwein selbst, sondern dessen in die Jahre gekommene Halterin habe so geheißen und beide, die ältere Dame und ihr wahrscheinlich einziges Haustier, seien von Theseus mir nichts, dir nichts erschlagen worden. Träfe dies zu, wären Zweifel an der moralischen Integrität des später vergleichsweise populären Königs von Athen durchaus angebracht. Musste der Tod der Greisin als Kollateralschaden in Kauf genommen werden? Was konnte diese dafür, dass ihr wählerisches Schwein nur Menschen fraß? Oder hatte die Alte selbst es ihm beigebracht? Und, wenn ja, warum?

Wirft man allerdings einen Blick auf den Stammbaum des getöteten Tieres, wird die Berechtigung der ethisch begründeten Zweifel an Theseus in Zweifel gezogen durch das Bild des Schreckens, das sich dem genealogisch informierten Auge bietet.

Mütterlicherseits stammte Phaia (die Sau) möglicherweise von Chrysaor ab, der zusammen mit Pegasos dem Rumpf der durch Perseus enthaupteten Medusa entwichen war. Über Phaias Großvater Chrysaor selbst kann nichts Nachteiliges berichtet werden. Der Umstand, dass er, wie sein Name schon sagt, mit einem goldenen Schwert in der Hand zur Welt kam, spricht per se noch nicht gegen ihn. Anders sieht die Sache bei Chrysaors Tochter Echidna aus. Um wenigstens eine Ahnung davon zu vermitteln, mit wem man es zu tun bekam, wenn man es mit ihr zu tun bekam, wird hier der griechische Dichter Hesiod zitiert, der in seiner Theogonie schreibt, Echidna sei „ein unsagbares Scheusal, halb schönäugiges Mädchen, halb grausige Schlange, riesig, buntgefleckt und gefräßig“ gewesen. Da findet man es dann auch kaum noch befremdlich, dass Echidna in Phaias Fall keine Tochter geboren, sondern ein Ferkel geworfen hat.

Vollends suspekt wird einem die von Theseus erschlagene Sau, wenn man sich nach ihrem Vater Typhon erkundigt. Dass der zugleich als Vater aller Taifune bezeichnet werden kann, wird zur Nebensächlichkeit, sobald man erfährt, dass die erdige Urmutter Gaia sich mit dem höllischen Tartaros eingelassen hat, nur um ein Monster zu kreieren, das als ihr Stellvertreter im Himmel Rache nehmen sollte an Zeus und den anderen Göttern wegen deren Unterwerfung der Titanen und Giganten. Warum letztere der Mutter aller Mütter lieber waren als ihre Enkel, die es immerhin zu Göttern gebracht hatten, wussten nicht einmal die Götter.

Allein Typhon tat, was von Anfang an seine Bestimmung gewesen war und verschreckte mit seinen zahllosen Gliedmaßen und Köpfen die Götter so sehr, dass sie sich erst nach Ägypten und, dort angekommen, in die Gestalt von Tieren flüchteten. Typhons polyglottes Kriegsgeschrei mag dazu beigetragen haben, dass Zeus‘ Schrecksekunde länger dauerte, als es seinem Ruf gut getan hätte, wäre seine Flucht nach Ägypten in gleicher Weise publik geworden wie die gleichnamige Flucht des christlichen Drittels seines späteren Nachfolgers.

Gott sei Dank gelang es Zeus dann doch noch, Typhon zu besiegen und einigermaßen unschädlich zu machen, indem er ihn unter der Insel Sizilien begrub, wo Phaias Vater seither mit den Aktivitäten des Ätna in Verbindung gebracht wird. Bevor es dazu kam, muss Typhon noch Zeit gefunden haben, mit dem gefräßigen Schlangen-Weib Echidna ein nicht minder gefräßiges, aber insgesamt relativ normale Schwein zu zeugen.

Als die Sau endlich tot war, soll es in Krommyon, wo Phaia bis kurz vor Theseus‘ Eintreffen ihr Unwesen getrieben hatte, nach Schweinebraten gerochen haben. Obwohl ja Tiere, die sich hauptsächlich oder auch nur bei sich bietender Gelegenheit von Menschen ernähren, im Sinne einer onto- und ökologisch korrekten Nahrungskette für den menschlichen Verzehr eher nicht infrage kommen. Aber wenn es in der mythologischen Antike schon nichts wirklich Ungewöhnliches war, dass man mit der eigenen Tochter oder Mutter schlief, warum sollte man dann nicht auch das Filetstück eines Schweins genießen, das ein paar Monate zuvor den Vater oder den Sohn des Nachbarn gefressen hatte.

Apoll wollte Daphne und bekam einen Lorbeerkranz

Als Jerry alias Jack Lemmon alias Daphne am Ende von Billy Wilders Filmklassiker Some Like It Hot die Perrücke abnimmt und sich als Mann zu erkennen gibt, damit der in Liebe zur vermeintlichen Daphne entbrannte Millionär Osgood Fielding III. endlich von ihr, also von ihm ablassen möge, zeigt Osgood sich keineswegs desillusioniert und erotisch ernüchtert, sondern kommentiert die neue Lage nur relativ unbeeindruckt mit dem Satz: „Well, nobody’s perfect!“

Nicht viel anders reagiert Apollon, als Daphne, die Tochter eines Flussgotts, sich vor seinen Augen und unter seinen Händen in einen Lorbeerbaum verwandelt: „An den Stamm hält er die Rechte / und fühlt noch unter der neuen Rinde die zitternde Brust. / Die Zweige, wie Glieder, mit seinen Armen umschlingend / küsst er das Holz, doch das Holz weicht vor den Küssen zurück.“ So schildert Ovid den Moment, in dem der mit einer plötzlich anderen Daphne konfrontierte Gott keineswegs daran denkt, aus seinem jagdfiebrigen Liebes-Traum zu erwachen und unter der kalten Dusche einer veränderten Realität emotional und genital (oder umgekehrt) zu erschlaffen.

Apollons Wolllust würde wohl auch vor einer floralen Daphne nicht Halt gemacht haben, hätte diese sich ihm nicht auch noch als Holz Gewordene konsequent verweigert. An Daphnes entschiedenem Nein wie an Apolls nicht minder entschiedenem Ja waren die Pfeile des Eros schuld, wobei der goldene Pfeil den einen zum Jäger und der bleierne die andere zur Fliehenden und Gejagten machte. Eros ist nämlich nicht nur der Gott des Haben-Wollens, sondern auch der des Sich-nicht-hingeben-Mögens, also der anti-erotischen transitiven Frustration. Transitiv deshalb, weil nicht die vom bleiernen Pfeil der Verneinung Getroffenen die Frustrierten sind, sondern diejenigen, die das Pech haben, sich zu den Bleiernen hingezogen zu fühlen.

Warum überhaupt hat aber Eros das volatile Viagra in Apollon und den Liebes-Töter in Daphne geschossen? Weil Apoll ihn als schlechten Schützen verhöhnt hat, heißt es. Doch vielleicht wollte der ewige Unruhestifter, der zusammen mit Gaia (der Erde), Nyx (der Nacht) und Tartaros (der Unterwelt noch unter der Unterwelt) unmittelbar dem Chaos entstammte, aus einer nostalgischen Laune heraus für eine Renaissance des Chaotischen sorgen. Da das Chaos aber nicht geboren wurde, konnte es auch nicht wiedergeboren werden. Das Ergebnis des erotischen Experiments mit den kontra-versen Pfeilen war dann auch kein neues altes Chaos, sondern eine so noch nicht dagewesene, symbolträchtige und kulinarisch wertvolle Pflanze. Denn Lorbeerbäume gab es erst, nachdem Daphne sich in deren Prototyp verwandelt hatte.

Wir müssen uns den Verlierer vielleicht nicht als glücklichen Menschen, aber doch als eine andere Art von Sieger, den sexuell Frustrierten als einen sublim Erhöhten vorstellen. Sublimation ist Lorbeer statt Liebesakt. Apollon beschloss, das daphnische Blattwerk umzudeuten und von nun an bis in Ewigkeit einen Lorbeerkranz nicht zum Zeichen seiner Niederlage, sondern als Symbol für das Obsiegen der höheren Werte auf dem Haupt zu tragen. Dass er damit einem weit verbreiteten (offenbar rein männlichen) Bedürfnis Ausdruck verliehen hat, belegen die vielen Lorbeerkranz-Träger (Caesar, Dante, Napoleon, Goethe, die Fußball-Ultras, um nur einige zu nennen), die seinem Beispiel seither gefolgt sind.

Die Ausnahme-Göttin Hekate

Triforma war einer der vielen Beinamen der Göttin Hekate. Dreifaltigkeit ist demnach kein exklusives Privileg von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dass Hekate als Göttin respektiert wurde, eher zuerst als zuletzt auch von Zeus, steht außer Frage – „höchste Achtung genießt sie im Kreis der unsterblichen Götter“, schreibt Hesiod. Und doch scheint sie mythologisch eine Außenseiterin gewesen zu sein. Wichtiger als die Kolleginnen und Kollegen Götter und Göttinnen waren ihr die Menschen, von denen sie sich am liebsten junge Hunde als Opfer darbringen ließ. Doch begnügte sie sich ansonsten auch mit einfachen Rauch-Gaben: Man verbrannte, was man beim Kehren zusammengefegt hatte, auf einer Tonscherbe, die man anschließend wegwarf.

Es war Hekate, an die sich viele Menschen in erster Linie wandten, wenn es darum ging, sportliche oder kriegerische Siege zu erringen, große Fische zu fangen, die Oliven wachsen und das Vieh gedeihen zu lassen oder auf andere Weise sein Glück zu machen. Eigentlich logisch, dass eine Göttin, die vom Handel und Wandel mit den Menschen so in Anspruch genommen wird, nur wenig Zeit und Lust hat, sich für die Liebesaffären und Machtkämpfe des Olymps zu interessieren, geschweige denn, sich in diese verwickeln zu lassen, auch wenn solches in Ausnahmefällen vorkam.

Zeus scheint großen Respekt davor gehabt zu haben, dass Hekate ihren göttlichen Beruf als Berufung verstand, jedenfalls liest man bei Hesiod: „Niemals übte Gewalt gegen sie der Kronide, nie rührte er an die Macht, die ihr zukam unter den früheren Göttern“, womit insbesondere die Titanen gemeint sind, von denen sie unmittelbar abstammte.

Denn das Einzelkind Hekate war die Tochter der Titanide Asteria und des Titanen Perses. Wie Zeus war sie ein Enkelkind von Gaia und Uranos, also war das Chaos beider Urgroßvater und -mutter. Nur dass Zeus zu jener Fraktion der Titanen-Sprösslinge gehörte, die den Machtkampf um den Olymp für sich entscheiden konnten und sich anschließend als die eigentlichen und wahren Götter ausgaben – von Einzelfällen wie der Ausnahme-Göttin Hekate einmal abgesehen.

Worin Hekates Triformität, die sie unter anderem zur Göttin der Weggabelungen machte, bestand, ist im Nachhinein nicht eindeutig zu klären. Die bildlichen Darstellungen, die es von ihr gibt, helfen da kaum weiter. William Blake zeigt nur eines ihrer drei Gesichter, auf älteren, schon etwas verblichenen Bildern sieht man junge Frauen, von denen wahrscheinlich eine so schön war wie die andere. Da fällt es nicht leicht zu glauben, dass, wie behauptet wird, in einem ihrer Gesichter das Vergehen, im zweiten die Leere und in ihrem dritten Gesicht das Entstehen zu sehen sei. Oder dass in Hekate die jungfräulich frühen, die reifen mittleren und die ebenso weißen wie weisen Jahre selbdritt präsent sein sollen.

Last not least ist es William Shakespeare, der eine weitere Deutungsmöglichkeit andeutet, wenn er in seinem Macbeth die Trinität von Donner, Blitz und Regenguss ins Spiel bringt, indem er gleich zu Beginn des mörderischen Dramas eine der drei Hexen, die aus drei verschiedenen Richtungen zusammengekommen sind, fragen lässt: „When shall we three meet again / In thunder, lightning, or in rain?“ Auf einer abstrakten Ebene lässt sich daraus womöglich schließen: Wenn sich eine Dreiheit hekatisch zur Einheit amalgamiert, verdient das Phänomen, sei es nun Gott, Göttin oder Drama, unsere besondere Aufmerksamkeit.

Wie es kam, dass Erichthonios den Rollstuhl erfinden musste

Mater semper certa est, pater numquam – frei übersetzt: Es steht zweifelsfrei fest, wer deine Mutter ist, aber im Hinblick auf die Vaterschaft deines Vaters kannst du dir nie ganz sicher sein. Wer in der Schule Lateinunterricht hatte, wird sich an diese genealogische Regel Nummer eins wahrscheinlich erinnern. Für Erichthonios gilt, dass die Überlieferer (Hesiod, Homer, Herodot, Pausanias, Köhlmeier) sich weitgehend einig sind, dass Hephaistos sein Vater war. Wer aber war Erichs Mutter? Entweder war es eine Königstochter namens Atthis oder Gaia selbst. Ovid nennt ihn prolem sine mater creatam, einen Nachkommen ohne Mutter, also eine Art Komplement zu Jesus Christus.

Wäre Erichthonios, ohne dass man seinen Namen tatsächlich so übersetzen könnte, der von Gaia Geborene, dann erwiese sich sein Zweitname als kompatibel mit einer halb delikaten, halb unappetitlichen Geschichte, wonach Hephaistos bei Gelegenheit einer Waffenbestellung der Pallas Athene bei ihm ein „wollüstiges Verlangen nach Athena“ (so Apollodor in seiner Mythologischen Bibliothek) ergriffen habe. Die Pallas konnte ihm zwar entwischen, aber nicht verhindern, dass etwas von seinem praecoxitorisch herausspritzenden Ejakulat ihr linkes Bein traf. Angeekelt wischte sie den Lendensaft mit einem Stück Wolle ab, das sie dann auf die Erde, mit anderen Worten: auf Gaia warf. Apollodor: „Jetzt ergriff sie die Flucht, und aus dem zu Boden Geworfenen entstand Erichthonios“, der letztlich, um es kurz zu machen, von Pallas Athene aufgezogen und zum König von Athen gemacht wurde.

Und als wäre das nicht schon Grund genug, sich seiner zu erinnern, erfand Erichthonios nicht nur das Rad, sondern im selben kreativen Akt den für ihn noch wichtigeren Rollstuhl. Denn der von Hephaistos mit Gaia Gezeugte und von Pallas Athene an Kindes statt Großgezogene war zu hundert Prozent gehbehindert. Er war der Mann ohne Unterleib, das heißt: oben Mann, unten Schlange (wobei man sich natürlich fragt, wo genau „oben“ aufhörte und „unten“ anfing). Dass sich das mit den Pflichten eines Königs zu Athen nicht vereinbaren ließ, liegt auf der Hand. Klar sein dürfte auch, dass sein Erzeuger Hephaistos, der olympische Schmied und göttliche Handwerker, ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite stand, auch wenn davon weder bei Hesiod noch bei Apollodor etwas zu lesen, ja noch nicht einmal aus dem Munde von Michael Köhlmeier etwas zu hören ist.

Vom Abphall zur Aphrodite

Wie in Schillers Ballade zu Dionys, dem Tyrannen, Damon – so schlich zu Uranos, dem Titanen, dessen eigener Sohn Kronos. Im Gewand oder offen in der Hand hielt Kronos keinen Dolch, sondern eine Sichel. Auch wollte er nicht „die Stadt vom Tyrannen befreien“, sondern den himmlischen Begatter seiner Erden-Mutter Gaia von dessen Männlichkeit, und zwar während des Vollzugs. Was er dann auch tat – eine ziemliche Sauerei muss das gewesen sein.

Gaia hatte diese drastische Maßnahme der Familienplanung für erforderlich gehalten, weil Uranos, obwohl er unverdrossen fortzeugte, mit den Resultaten des ehelichen Verkehrs zwischen Himmel und Erde immer weniger zufrieden war. Auf eine Zeit der schönen Titanen-Heldinnen und -Helden war eine Periode der hässlichen Kyklopen und der nicht minder abstoßenden Hekatoncheiren (der „Hundertarmigen“, um Namen zu nennen: Kottos, Biareos, Gyes) gefolgt. Als nun Uranos diese in den Schoß der Erde zurückzustoßen begann, befand Gaia, dass etwas getan werden müsse.

Nachdem Kronos (er war als einziger der Söhne dazu bereit gewesen) dem Entmannungs-Wunsch der Mutter nachgekommen war und das Glied, um den grellen Vorgang abzuschließen, rücklings über die Schulter ins Meer geworfen hatte, tanzte dieses dort so lange auf den Wellen, bis aus dem weiß umschäumten Treibgut heraus Aphrodite, „die im Schaum Aufstrahlende“, geboren wurde.

Aus einem vorübergehend nutzlos gewordenen Ding wurde unter Zutun des Meeres die Göttin der Liebe und Schutzherrin der Fortpflanzung und seiner Organe. In der Terminologie des Recycling ein klarer Fall von sogenanntem Upcycling, bei dem es zu einer stofflichen (hier sogar existenziellen) Aufwertung kommt. Vom Abphall zur Göttin: wenn das kein Quantensprung auf der ontologische Karriereleiter ist.

Es atmet durch mich, also bin ich

Im Anfang war übrigens ein einziges Chaos. Aber als es in diesem form- und gestaltlosen Nichts zu atmen begann, entstand bei jedem Ausatmen der Himmel und bei jedem Wiedereinatmen Zug um Zug die Erde. So etwa könnte es gewesen sein. Ein folgenreicher Anfang war demnach erst gemacht, als das Atmen zu atmen begonnen hatte und damit Gaia, die Erde war, die beim Ausatmen über sich den Himmel Uranos exspirierte oder auch gebar. Als alles anfing, war es mit der Gestaltlosigkeit vorbei. Und mit dem Ende der allgemeinen Formlosigkeit begann das fortan Strukturierte sein Eigenleben zu führen, wovon sich Geschichten erzählen lassen. Der mythische, der erzählbare Kosmos ist der Kosmos, der zu atmen begonnen hat.