Schuld und Sühne als biographisches Muster bei Herakles

Schuld und Sühne, man könnte auch sagen Verbrechen und Strafe, sind die ethisch-kriminologischen Horizonte, zwischen denen sich Herakles‘ Biographie ein gutes Stück weit mäandernd hin und her bewegt. Nachdem er in paranoider Verkennung der Realität seine Frau Megara und die mit ihr gezeugten Kinder erschlagen hatte, sühnte Herakles auf dringende Empfehlung des delphischen Orakels die Tat, indem er zwölf Jahre lang im Dienste des Eurystheus in zehn plus zwei Fällen scheinbar Unmögliches möglich machte. Seinem biographischen Muster folgend, lud Herakles nach Ablauf der Duodekade jedoch erneut Schuld auf sich, als er spontan einen gewissen Iphtios oder Eurytos oder auch beide ans Ufer des Styx sandte, wo Charon immer schon wartete.

Die ungute Rolle, die Hera bei all diesen Bluttaten spielte, wurde als mildernder Umstand erneut in Rechnung gestellt, führte aber auch dieses Mal weder zu einem moralischen noch zu einem delphisch-juridischen Freispruch. Weitere drei Jahre der Unterordnung unter einen fremden Willen waren die Konsequenz, die Herakles zu tragen hatte.

Dass ihm die sechsunddreißig Monate unter der lydischen Königin Omphale in gleicher Weise sauer wurden wie die zwölf Jahre bei Eurystheus, darf allerdings bezweifelt werden. Denn im mythologischen Klatsch und Tratsch wollen die Gerüchte nicht verstummen, wonach Omphale an Herakles im hormonell gesteuerten Rhythmus Forderungen stellte, denen ihr Sklave ohne eine psychophysisch positive Einstellung zum Inhalt des dominalen Begehrens gar nicht hätte nachkommen können.

Die zu erwartende Entscheidung des untersten Gerichts im Fall Linos: Kein Mord, sondern ein zu Recht erfolgter Totschlag

Vor die Wanderjahre haben die Götter und die Handwerkskammern bekanntlich die Lehrjahre gesetzt. Das galt nicht nur für diverse Hand- und Kunsthandwerker sowie für Goethes Wilhelm Meister, sondern auch für Herakles, dem mit mehrtägiger Verspätung von Alkmene geborenen Sohn des Zeus, Stiefsohn des Amphitryon, des „doppelt Geplagten“. Doppelt geplagt als Vater und Vater wider Willen, weil Alkmene zugleich mit Herakles dessen Pseudo-Zwillingsbruder Iphikles, den genetischen Sohn des Amphitryon, geboren hatte? Oder weil Alkmene in Zeus nicht nur Ampitryon erkannt zu haben wähnte, sondern sich quasi im Gegenzug, und wenigstens ohne mit der Wimper zu zucken, von diesem „erkennen“ ließ?

Wie dem auch sei, auch ein Herakles hat einmal klein und untrainiert angefangen. Zwar konnte er praktisch von Geburt an Schlangen erwürgen, woran man ihn unschwer als den von Zeus Gezeugten identifizierte, aber darüber hinaus fehlte es dem kraftstrotzenden Natur-Athleten an so gut wie allen damals für wichtig erachteten Kenntnissen und Fertigkeiten. So wurde er denn von seinem Ziehvater Amphitryon im Wagenlenken unterrichtet, vom Verwandlungskünstler Autolykos im Ringen und von Kastor in der Kunst, in schwerer Rüstung einigermaßen comme il faut zu fechten. Das Bogenschießen brachte ihm Eurytos bei, den Herakles dann Jahre später erschlug, weil er ihm den Hauptpreis in einem von seinem ehemaligen Schüler gewonnen Bogenschieß-Wettbewerb nicht überreichen wollte. Bei der verweigerten Trophäe handelte es sich um Eurytos‘ Tochter.

Aber schon vor Eurytos hatte Herakles einem anderen seiner Lehrer den Garaus gemacht. Linos, ein Bruder von keinem Geringeren als Orpheus selbst, hatte den verhängnisvollen Auftrag erhalten, dem pubertierenden Erz-Heroen das Spielen der Kithara und das Singen zu selbiger beizubringen. „Herakles schlug ihn mit der Kithara tot“, heißt es in der Bibliotheke des Apollodor kurz und bündig. „Jener erzürnte ihn nämlich durch heftiges Schulmeistern und führte so seinen“, also seinen eigenen „Tod herbei“, erläutert Apollodor weiter. Selber schuld, liest man unmissverständlich zwischen den Zeilen und so dachte auch der Untersuchungsrichter, der das Verfahren gegen den Beschuldigten gleich wieder einstellte, als „einige dem Herakles wegen des Mords einen Prozeß an den Hals hängen wollten“. Es greife hier, so die juristische Expertise, das Gesetz des Rhadamanthys, einst König von Kreta, nun neben Minos und Aiakos Richter im Hades, welches besage, dass derjenige, der sich an einem räche, der die Veranlassung zu Händeln gegeben habe, nicht zu bestrafen sei.

Nach seinem mythischen Tod wurde Linos anscheinend in Theben historisch beigesetzt. Denn im Anschluss an die Schlacht von Chaironeia (338 vor Christus) soll Philipp II. die Gebeine des Linos aufgrund eines Traums nach Makedonien überführt haben. Eine weitere, gewissermaßen revisionistische Vision veranlasste ihn jedoch dazu, die Knochen des Linos wieder nach Theben zurückbringen zu lassen. Im Musen-Heiligtum am Helikon wurden dem geradezu (selbst)mörderisch strengen Kithara-Lehrer des Herakles musische Opfer dargebracht. Hier gab es auch ein in den Fels gehauenes Porträt von ihm, das leider nicht erhalten ist.