Manege frei für die Psychopompoi

„Farewell the neighing steed, and the shrill trump, / The spirit-stirring drum, th‘ ear-piercing fife; / The royal banner, and all quality, / Pride, pomp, and circumstance of glorious war!“ Mit diesen Worten verabschiedet sich Othello in der dritten Szene des dritten Aktes des nach ihm benannten Shakespeare-Dramas nicht nur von seinem fassungslos aufwiehernden Ross, sondern er verzichtet zugleich auf alles, was sein ruhmreiches Kriegshandwerk an Stolz, Pomp und sonstigem Drumherum bisher für ihn bereitgehalten hat. Wenn Desdemona ihn betrogen hat, wie der ausgekochte Jago dem Feldherrn weismachen konnte, verliert alles seinen Wert, was Othellos Dasein bis jetzt Sinn und Glanz verliehen hat – last not least eben auch der militärische Pomp und dessen Begleitumstände.

Pompös im abschätzigen Sinn ist der Pomp nur für den, der festlichen Auf- und Geleitzügen, noch dazu im militärischen Rahmen, beispielsweise dem eines sogenannten Großen Zapfenstreich, nichts Erhebendes abgewinnen kann. Sieht man von den negativen Bedeutungsanteilen des Wortes ab, bedeutet Pomp soviel wie Sendung, Geleit, feierlicher Aufzug. Ein Psychopompos ist daher kein Gemütsprotz, sondern ein Seelenführer oder feierlicher, um nicht zu sagen pompöser: ein Seelengeleiter.

Hermes war beispielsweise einer. Als Psychopompos bestand seine Aufgabe darin, die Seelen der Verstorbenen ins Totenreich zu führen. Da er auch der Schutzgott der Reisenden war, entsprach dieser Spezial-Service seinen hermetisch-natürlichen Neigungen und Fähigkeiten. Werfen wir im folgenden aber ausnahmsweise einen kurzen Blick auf Hermes‘ Kolleginnen und Kollegen in den anderen Mythen-Kreisen.

Bevor Anubis im Neuen Reich des Alten Ägypten zum hauptamtlichen Totengeleiter ernannt wurde, waren es die Caniden, insbesondere die Schakale, die als kreatürliche Seelenführer ins Land der Toten, welches übrigens im Westen lag, fungierten. Davon übrig blieb Anubis‘ äußere Gestalt, denn man muss sich den ägyptischen Gott als Hund oder Schakal oder als eine Art Mensch mit Caniden-Kopf vorstellen.

Im mittleren und höheren Norden übernahmen oder übernehmen es die Walküren, die Schlacht- und Schild-Jungfern, die auf dem Schlachtfeld ehrenvoll Gefallenen, man nennt sie die Einherjer, nach Walhall zu bringen. Dort dürfen die Toten dann bis in alle Ewigkeit und jeweils bis zum erneuten Umfallen tagsüber weiterkämpfen und abends Met trinken. Die geschlechtlich-erotischen Beziehungen zwischen Einherjern und Walküren beschränken sich auf einen sachlich motivierten Kuss zum Zweck der rechtzeitigen Wiederbelebung vor dem allabendlichen Zechgelage. Mehr wäre der Erhaltung der Kampfkraft hier und der Jungfräulichkeit dort nicht zuträglich.

In der christlichen Mythologie wird anscheinend derjenige zum Seelen- oder Totenführer, der gerade zur Verfügung steht. In der Apokalypse des Moses etwa, die nicht Teil des biblischen Kanons ist, erhält der Erzengel Michael von Gott den Auftrag, Adam in den dritten Himmel zu bringen und ihn dort mit einem bequemen Hausanzug und Toilettenartikeln zu versehen. Eine eher umstrittene Geleit-Figur ist dagegen diejenige des Christophorus, des Christus-Trägers. Wie eine Mischung aus Hermes und dem ägyptischen Anubis kommt er einem vor, wenn man erfährt, dass er nicht nur als Schutzheiliger der Reisenden gilt, sondern im Bereich der Ostkirche als Kynokephalos, als Hundsköpfiger, dargestellt wurde. Dass er anbetungswürdig sei, wurde wiederholt negiert oder zumindest infrage gestellt. Wer die Seelen zwar nicht ans Himmelstor geleitet, dort aber empfängt und nach ihrem Begehr fragt, ist bekanntlich der mit dem Schlüssel aller Schlüssel ausgestattete Simon Petrus. Zwar ist ein Türsteher kein Fremdenführer, aber wer, nachdem er Zutritt zum Paradies erhalten hat, von Petrus wissen möchte, wo es denn nun zum Baum der Erkenntnis und zum Schlangen-Terrarium gehe, dem wird der um Auskunft Gebetene diese sicher nicht verweigern.

Im Fall jenes tödlich getroffenen Sheriffs in Bob Dylans Song „Knocking on Heaven’s Door“ scheint es dessen eigene Frau gewesen zu sein, die den Dahinscheidenden bis an die Himmelstür begleitet hat. An sie wendet er sich mit der letzten Bitte, ihn von seiner Dienstmarke und seiner Waffe zu befreien. Die säkular-menschlichen Seelengeleiter und -geleiterinnen sind am Ende womöglich die, auf die man sich bei aller Unzulänglichkeit noch am zuverlässigsten verlassen kann.