Der Mythos ist das Anti-Romantische, das nicht nach Hause, sondern immer zu weit führt

Wer Chimären loswerden will, sollte es einmal mit ungefähr faustgroßen Bleikugeln versuchen. Mit einer solchen hat Bellerophon auf Pegasos reitend die Chimaira, das mythologische Vor- und Urbild aller monströsen Triploid-Wesen, erledigt. Dass Bellerophon nicht Chimärentöter, sondern Töter des Belleros heißt, sei hier am Rande erwähnt, aber nicht weiter erläutert, denn das würde jetzt zu weit führen (wenngleich in der Mythologie grundsätzlich alles stets überallhin, also nicht dem romantischen Novalis folgend „immer nach Hause“, sondern immer zu weit führt).

Blei schmilzt bekanntlich schon bei relativ niedrigen Temperaturen, so dass eine Bleikugel größeren Formats im feuerspeienden Rachen einer Chimäre in der Regel tödliche Folgen haben wird. Löwe, Ziege und Schlange oder Drache sind die drei wesentlichen Komponenten, aus denen sich eine den mythologischen Vorschriften entsprechende Chimäre zusammensetzt. Wobei unter den Experten bezüglich der anatomischen Details der Chimären-Physis keine Einigkeit herrscht. So vertreten Chimairologen in der Nachfolge Hesiods die Ansicht, ein veritables Exemplar einer Chimäre müsse drei Köpfe (den eines Löwen, einer Ziege und einer Schlange) besitzen, während die Homerianer einer Chimäre nur einen einzigen Kopf, nämlich den eines Löwen, zubilligen wollen.

Eine Menagerie der Monstrositäten würde der betreten haben, der die Chimaira einmal in ihrem Zuhause im gleichnamigen Ort Chimaira bei Olympos in Lykien besucht hätte. Ihr Vater Typhon war ein polyglotter Riese mit hundert Drachenköpfen und über die kaum von einer Schlange unterscheidbare Mutter Echidna wird bis heute behauptet, dass ihre Großmutter väterlicherseits Miss Ugly Medusa gewesen sei. Chimairas Geschwister waren die nach ihrem Vater geratene Hydra, der mehrfach hundsköpfige Kerberos und ein geflügelter Löwe mit Frauenantlitz, der unter dem Namen Sphinx reüssierte; schließlich auch noch Orthos, der in jüngeren Jahren häufig mit seinem Bruder Kerberos verwechselt wurde. Er fand später eine Beschäftigung als Hütehund auf der Insel Erytheia, wo er die Rinder des Geryoneus bewachte. Allerdings nur bis Herakles kam und sowohl ihm als auch seinem Arbeitgeber auftragsgemäß den Garaus machte.