Marsyas oder: Die Gnadenlosigkeit der zu frühen Geburt

Im Katalog eines Schweizer Blockflöten-Herstellers werden die Flöten der Baureihe Marsyas folgendermaßen beschrieben: „Die Sopranflöten Marsyas sind fein und elegant klingende Instrumente, die eine erstaunliche Flexibilität und Klangstärke aufweisen. Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang. Das Spektrum reicht von warm bis brillant, der Klang bleibt aber immer elegant.“

Der Satyr Marsyas, Namenspatron dieser Schaffhausener Instrumenten-Baureihe, spielte zwar nicht wirklich auf einer Blockflöte, aber unter Berücksichtigung der zeitlichen und räumlichen Distanz mag seine gleichfalls aus Holz gefertigte Doppelflöte auch eine Art Blockflöte (nur eben ohne Block oder Blöcke) gewesen sein. Zudem gilt: Bei Nacht sind alle Katzen grau und in die Sphäre der Mythen und Legenden entrückt, sind alle Flöten in ihrer äußeren Erscheinung wie auch in Bezug auf ihr Hör-Bild universell flautomorph.

Ursprünglich hatte Marsyas‘ Flöte Pallas Athene gehört und war von dieser wohl auch angefertigt worden. Warum Athene sich von ihr trennte, klingt für den intimen Kenner der griechischen Mythologie ebenso fein wie unverkennbar an, wenn es im Katalogtext heißt: „Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang.“ Das Spielen auf der Flöte hatte ihr nicht gut zu Gesicht gestanden, wie Athene bei einem Blick in den Spiegel eines Teichs feststellen musste. Man darf vermuten, dass die Flötenbauer- und -spielerin wegen des erforderlichen hohen Blasdrucks rot anlief und ihre Augen ein wenig hervorquollen. Nicht nur der Blockflötenbau im engeren Sinn von Blockflöte will eben gelernt sein.

Als Marsyas die von Pallas Athene weggeworfene Flöte fand, hielt er das zunächst für einen Glücksfall. Einen Satyr entstellt so leicht nichts und Marsyas hatte nicht nur kräftige Lungen, sondern offenbar auch musikalisches Talent. Als er in Kleinasien weltberühmt geworden war, kam es zu einem musikalischen Wettstreit zwischen ihm und Apollon. Ob der Gott den vielleicht allzu sehr von sich eingenommenen Satyr oder dieser den Gott herausgefordert hat, wissen die Götter.

Das Ende vom Lied war, dass die Jury, die nur aus Musen bestand, Apollon zum Sieger erklären musste, nachdem dieser seine Lyra oder Kithara umgedreht gespielt hatte und Marsyas es ihm bei aller Virtuosität als Flötist nicht gleichtun konnte. Zur Strafe, wofür auch immer, wurde dem angeblich unterlegenen Marsyas bei lebendigem Leib die Haut abgezogen – das grausame Ende eines der größten antiken Flöten-Talente mit oder ohne Block.

Ein Nachtrag: Neue Musik-Zeiten, andere Spieltechniken. Würde es heute zu einem Wettstreit zwischen Apollon und einem Blockflöten-Virtuosen kommen, hätte letzterer gute Chancen, mit heiler Haut die Arena wieder zu verlassen. Denn im Zuge der Wiederentdeckung der Blockflöte für die missbräuchlichen Zwecke der sogenannten Neuen Musik ist das Spiel auf der umgedrehten Blockflöte eine der leichteren Übungen.