Die Ausnahme-Göttin Hekate

Triforma war einer der vielen Beinamen der Göttin Hekate. Dreifaltigkeit ist demnach kein exklusives Privileg von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dass Hekate als Göttin respektiert wurde, eher zuerst als zuletzt auch von Zeus, steht außer Frage – „höchste Achtung genießt sie im Kreis der unsterblichen Götter“, schreibt Hesiod. Und doch scheint sie mythologisch eine Außenseiterin gewesen zu sein. Wichtiger als die Kolleginnen und Kollegen Götter und Göttinnen waren ihr die Menschen, von denen sie sich am liebsten junge Hunde als Opfer darbringen ließ. Doch begnügte sie sich ansonsten auch mit einfachen Rauch-Gaben: Man verbrannte, was man beim Kehren zusammengefegt hatte, auf einer Tonscherbe, die man anschließend wegwarf.

Es war Hekate, an die sich viele Menschen in erster Linie wandten, wenn es darum ging, sportliche oder kriegerische Siege zu erringen, große Fische zu fangen, die Oliven wachsen und das Vieh gedeihen zu lassen oder auf andere Weise sein Glück zu machen. Eigentlich logisch, dass eine Göttin, die vom Handel und Wandel mit den Menschen so in Anspruch genommen wird, nur wenig Zeit und Lust hat, sich für die Liebesaffären und Machtkämpfe des Olymps zu interessieren, geschweige denn, sich in diese verwickeln zu lassen, auch wenn solches in Ausnahmefällen vorkam.

Zeus scheint großen Respekt davor gehabt zu haben, dass Hekate ihren göttlichen Beruf als Berufung verstand, jedenfalls liest man bei Hesiod: „Niemals übte Gewalt gegen sie der Kronide, nie rührte er an die Macht, die ihr zukam unter den früheren Göttern“, womit insbesondere die Titanen gemeint sind, von denen sie unmittelbar abstammte.

Denn das Einzelkind Hekate war die Tochter der Titanide Asteria und des Titanen Perses. Wie Zeus war sie ein Enkelkind von Gaia und Uranos, also war das Chaos beider Urgroßvater und -mutter. Nur dass Zeus zu jener Fraktion der Titanen-Sprösslinge gehörte, die den Machtkampf um den Olymp für sich entscheiden konnten und sich anschließend als die eigentlichen und wahren Götter ausgaben – von Einzelfällen wie der Ausnahme-Göttin Hekate einmal abgesehen.

Worin Hekates Triformität, die sie unter anderem zur Göttin der Weggabelungen machte, bestand, ist im Nachhinein nicht eindeutig zu klären. Die bildlichen Darstellungen, die es von ihr gibt, helfen da kaum weiter. William Blake zeigt nur eines ihrer drei Gesichter, auf älteren, schon etwas verblichenen Bildern sieht man junge Frauen, von denen wahrscheinlich eine so schön war wie die andere. Da fällt es nicht leicht zu glauben, dass, wie behauptet wird, in einem ihrer Gesichter das Vergehen, im zweiten die Leere und in ihrem dritten Gesicht das Entstehen zu sehen sei. Oder dass in Hekate die jungfräulich frühen, die reifen mittleren und die ebenso weißen wie weisen Jahre selbdritt präsent sein sollen.

Last not least ist es William Shakespeare, der eine weitere Deutungsmöglichkeit andeutet, wenn er in seinem Macbeth die Trinität von Donner, Blitz und Regenguss ins Spiel bringt, indem er gleich zu Beginn des mörderischen Dramas eine der drei Hexen, die aus drei verschiedenen Richtungen zusammengekommen sind, fragen lässt: „When shall we three meet again / In thunder, lightning, or in rain?“ Auf einer abstrakten Ebene lässt sich daraus womöglich schließen: Wenn sich eine Dreiheit hekatisch zur Einheit amalgamiert, verdient das Phänomen, sei es nun Gott, Göttin oder Drama, unsere besondere Aufmerksamkeit.