Pan als Instrumentalist: Noch ein Beitrag zu einer mythologischen Musikgeschichte

Nicht an irgendeinem Bach namens Johann oder Sebastian, sondern am Fluss Ladon kam es dazu, dass die Najade Syrinx aus dem keuschen Gefolge der jungfräulichen Artemis ihre Verwandlung in Schilfrohr erwirkte, um sich durch diese Metamorphose der Zu- und Eindringlichkeit ihres Verfolgers nachhaltig zu entziehen. Der Namensgeber der Panik selbst war es gewesen, der sie in eine von diesen versetzt hatte. So leicht entkommst du mir nicht, knurrte Pan und schnitt und baute sich aus Schilfrohr eine andere Syrinx, vulgo: Panflöte, der er mit seinem heißen Atem die geilsten Töne entlockte. Jedenfalls fanden das viele der anderen Nymphen, von denen nicht wenige die Verfolgungsjagd ein wenig neidisch verfolgt hatten.

I am the god of hell and fire, prahlte Pan bei seinen Auftritten in ausverkauften Pan-Tempeln, and I bring you: Fire, I’ll take you to burn! Und dann versetzte er als Präfiguration des christlichen Gottseibeiuns‘ mit seiner Syrinx das Publikum ein ums andere Mal in Ekstase. Man musste lange warten, ehe man in der Crazy World des Arthur Brown Anno Domini 1968 Vergleichbares erneut erleben konnte.

Vor Nymphen bist du recht; allein, die Götter zu vergnügen, ist deine Flöte viel zu schlecht. Es war Phoebus, der Leuchtende, besser unter dem Namen Apoll bekannt, der Pan eines Tages mit diesen einer Bach-Kantate vorweg entnommenen Worten den Fehdehandschuh vor die Hufe warf. Sobald mein Ton die Luft erfüllt, so hüpfen die Berge, so tanzet das Wild, so müssen sich die Zweige biegen, und unter denen Sternen geht ein entzücktes Springen für: Die Vögel setzen sich zu mir und wollen von mir singen lernen, erwiderte Pan ein wenig spitz, indem er zugleich den Handschuh aufhob und seinen Herausforderer damit ohrfeigte.

Geschwinde, geschwinde, ihr wirbelnden Winde, sangen nun sensationslüstern die treulosen Nymphen im Chor, da sie sich schon darauf freuten zu sehen, wie bald wieder jemandem das Fell über die Ohren gezogen würde. Denn warum sollte es Pan mit seiner siebenrohrigen Syrinx anders ergehen als Marsyas mit der Doppelrohrflöte, dem bei lebendigem Leib die Haut abgezogen worden war, nachdem Apoll ihn musikalisch besiegt hatte.

Allein, auch im Mythos wiederholt sich Geschichte nur in Ausnahmefällen. Tmolos, den Apollon in die Jury beordert hatte, erklärte Apollon an der Kithara zum Sieger, Midas, der von Pan in die zweiköpfige Kommission gebeten worden war, meinte dagegen, dass Pan der bessere Instrumentalist sei. Woraufhin Apollon, der Jury-Entscheidungen ohnehin nur dann akzeptierte, wenn sie zu seinen Gunsten ausfielen, die Sache für entschieden und sich selbst zum Sieger erklärte.

Statt dass nun Pan oder Midas oder beiden die Haut abgezogen wurde, verlängerte Apoll eigenhändig die Ohren des Midas auf Esels-Maß, was wohl ironisch gemeint war und witzig sein sollte. Und weil die Willkür notorisch so tut, als gründe sie in Weisheit und Vernunft und sei alles andere als willkürlich, gab man dem Düpierten folgenden Merksatz mit auf den Weg zurück in sein angebliches Hinterwäldlertum: Der Unverstand und Unvernunft will jetzt der Weisheit Nachbar sein, man urteilt in den Tag hinein, und die so tun, gehören all in deine Zunft. Sonst noch jemand ohne Fahrkarte?

Wer bitte ist Alkeides oder: Wie einer durch Hera vom Paulus zum Saulus wurde

Alkeides, hol jetzt bitte die Kuh vom Dach und danach pflanzt du die Olivenbäume wieder ein, die du beim Nachbarn gestern ausgerissen hast. Und du weißt selbst, wie lächerlich es ist zu behaupten, das seist nicht du, sondern dein Bruder Iphikles gewesen. Die so zu ihrem achtjährigen Sohn sprach, war Alkmene, deren Name soviel wie „die Starke“ bedeutete. Womit nach Lage der Dinge nur ihre stoische Ruhe, in der ja bekanntlich jede Menge Kraft liegt, gemeint sein konnte, mit welcher sie die angeborene physische Anomalie ihres Sohnes Alkeides seit seiner Geburt hinnahm, da an dieser nun einmal nichts zu ändern war.

Wenn sich der kindliche Kraftprotz bei Alkmene zuhause aufhielt, was allerdings nur selten vorkam, machte sie sich seine Sonderbegabung zunutze, indem sie ihn zum Beispiel bat, die schweren, aus böotischer Eiche gefertigten Wäsche- und Waffenschränke anzuheben, damit sie darunter saubermachen konnte. Oder Alkeides half seiner Mutter beim Ausmisten der Ställe, ohne zu ahnen, dass er bei dieser agrikulturellen Übung etwas für sein späteres Leben lernte.

Dass Alkeides ein Sohn des Zeus war, wussten außer Zeus und der zwar chronisch, doch niemals grundlos eifersüchtigen Hera nur seine Mutter Alkmene und ihr Ehemann Amphitryon, als dessen Sohn Alkeides offiziell galt. Der genealogischen Camouflage diente es auch, dass man den neugeborenen Halbgott nach Amphitryons Vater Alkaios Alkeides oder Alcides und nicht nach Zeus‘ Vater Kronos Krontiados oder Kronides nannte. Erst Jahre später, als sich längst herumgesprochen hatte, wer Alkeides in Wahrheit war, taufte ihn Pythia, die Priesterin des delphischen Orakels, auf seinen eigentlichen, mythologisch korrekten Namen, dessen Sinn umschrieben werden kann mit „der durch seine Verfolgung durch Hera Ruhm erlangt“, also auf den Namen Herakles. Der Umbenennung waren dramatische und folgenreiche Ereignisse vorausgegangen, die eine nominelle Aufrechterhaltung des Scheins bürgerlicher Normalität und Harmlosigkeit nach Pythias Dafürhalten nicht mehr zuließen. Wo ein berechtigtes Interesse am Schutz persönlicher Daten in Zynismus umschlägt, wird es Zeit, dass man die Dinge, sprich: den Heroen beim Namen nennt, soll sie gegenüber Apollon geäußert haben. Was war geschehen?

Nachdem Herakles alias Alkeides im Zuge seiner ontogenetischen Virilisierung in fünfzig aufeinanderfolgenden Nächten fünfzig Jungfrauen, allesamt Töchter von Thespios und Megamede, nicht nur defloriert, sondern bei dieser Gelegenheit auch noch geschwängert hatte, glaubte er, sich das Horn soweit abgestoßen zu haben, dass er desillusioniert genug sein würde, um eine halbwegs normale Ehe führen zu können. Da kam es ihm gerade recht, dass Kreon, König von Theben, ihn aus Dankbarkeit für die rabiate Schlichtung eines alten Streits – eine Schlächterei, die Kreon unterm Strich um ein paar Tausend Rinder reicher machte – seine Tochter Megara zur Gattin gab. Und weil doppelt genäht und geehelicht besser halten soll, heiratete Iphikles, Herakles‘ oben bereits kurz erwähnter Halb-Zwillingsbruder, im festlichen Rahmen einer Doppelhochzeit Kreons jüngste Tochter, deren mythologische Akte wohl verloren gegangen ist, da ihr Name nirgends Erwähnung findet.

Alkeides alias Herakles zeugte mit Megara fürs erste die drei Söhne Therimachos, Kreontiades und Deikoon. Dann aber begab es sich, dass die nach wie vor grollend eifersüchtige Hera das Familienglück, das mit dem Seitensprung ihres Gatten Zeus seinen Ur-Anfang genommen hatte, nicht länger ertragen zu können glaubte. Bevor ich wahnsinnig werde, soll lieber dein Bastard es werden, sagte sie zu Zeus, woraufhin besagter Bastard im Wahn der Hera seine eigenen Kinder und die des Iphikles ins ewig lodernde Feuer der halb-olympischen Kochstelle warf.

Als sich der paranoide Kindsmörder wenig später an das delphische Orakel wandte, um zu erfahren, wie er den Schaden wiedergutmachen könne, bekam er von der Apollon-Priesterin Pythia die erstaunlich unmissverständliche Auskunft, Absolution könne ihm erst erteilt werden, wenn er fortan auf den Namen Herakles höre, und wenn er außerdem und vor allem nach Tiryns in der Nähe von Mykene gehe, um dort im Dienst des Eurystheus zwölf Jahre lang alles zu erledigen, was dieser von ihm verlange, und zwar unverzüglich und ohne Widerrede, selbst wenn er die Aufträge im ersten Moment für unausführbar halte. Für einen Sohn des Zeus sei nichts unmöglich, sagte Pythia, indem sie Herakles zum Abschied auf die starke Schulter klopfte und ihm mit einem Never say never again! den Weg nach Tiryns wies.

Wie die Oberen in einem gigantischen Gemetzel einmal mehr ihre Herrschaft behaupten konnten

Der Unterschied zwischen der Gigantomanie, von der einer befallen und einer Gigantomachie, in die er hineingeraten ist, gleicht dem zwischen dem Turmbau zu Babel und einem Sturz von der Aussichtsplattform des fertiggestellten Gebäudes. Gigantomachie! Was für ein klangvoller Name für den kläglichen Untergang einer ganzen mythologischen Spezies. Aber was bluttriefend begann, musste offenbar in einem Blutbad enden.

Als in vorolympischen Zeiten Kronos, der Titan, auf Geheiß seiner Erden-Mutter Gaia seinen Himmels-Vater Uranos mit einem Sichelschwert entmannte, tropfte das Blut (und es muss dabei viel Blut geflossen sein) der abgeschnittenen Begattungsteile auf die Erde, wurde von dieser empfangen und verwandelte sich, Ironie des Schicksals, in die Giganten. Merke: Bei empfängnisverhütenden Maßnahmen sollte man darauf achten, dass diese selbst nicht zur Ursache ungewollter Schwangerschaften werden. Andererseits kamen die gigantischen Giganten der Gaia gerade recht, denn, das wusst sie schon jetzt, sie würde mit den kommenden Olympiern eines Tages noch eine Rechnung zu begleichen haben.

Worin genau der Groll der Ge oder Gaia gegen ihre Götter-Kinder seinen Urgrund hatte, ist umstritten. Wahrscheinlich handelte es sich um einen veritablen Kränkungskomplex, dessen Analyse hier nicht geleistet werden kann. Üblicherweise wird behauptet, sie wollte sich rächen für die Verbannung der von den Göttern besiegten Titanen, welche gleichfalls ihre Kinder waren. Möglicherweise ging es auch um die Tötung eines ihr ans Herz gewachsenen Ungeheuers namens Aigis durch Pallas Athene. Oder, wofür psychologisch gesehen einiges spricht, sie konnte den Göttern nicht verzeihen, dass sie in kollektiver Nestflucht zuhause ausgezogen waren und ein Leben auf dem Olymp dem Verbleib bei und auf Mutter Erde vorgezogen hatten. Nicht ganz ausgeschlossen werden kann schließlich eine im Falle Gaias vorliegende Coelophobie, was bedeuten würde, dass alles, was wie der Himmel Uranos über und auf ihr lag, bei Mutter Erde eine Mischung aus Angst und aggressiver Aversion auslöste. Da die Götter nun den himmlischen Sphären angehörten, hätte dies auch für sie gegolten.

Fairerweise muss man zugeben, dass es nicht die Olympier gewesen sind, die den Streit mit den Giganten angezettelt haben. Es ist in mehrfacher Hinsicht eine Verdrehung der mythologischen Tatsachen, wenn der Schriftsteller Peter Weiss in seiner Ästhetik des Widerstands schreibt: „Mit Steinen nur können sie“, die Giganten, „sich wehren gegen die Gepanzerten und Schwerbewaffneten, sie knien, kriechen, sie zerbrechen und fallen ins aufgerissene Straßenpflaster, preisgegeben den Wasserkanonen, Gasgranaten und Maschinengewehren.“

So schwer bewaffnet und olymphoch überlegen wie der antikapitalistische Sänger in seinem pro-proletarischen Furor behauptet waren die Götter keineswegs. Als die Giganten unter Führung von Eurymedon losschlugen und damit die Gigantomachie ihren Anfang nahm, taten sie dies unter Verwendung von gewaltigen Felsbrocken und brennenden Eichen, was den Einsatz der von Peter Weiss monierten Wasserwerfer allemal rechtfertigen würde. Andere mythologische Kriegsberichterstatter wollen in den Händen der Giganten lange Speere gesehen haben, während die Göttinnen und Götter nur mit dem kämpften, was sie gewohnheitsmäßig mit sich führten, also Pfeil und Bogen, Fackeln, rotglühende Eisen und natürlich Blitz und Donner.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass auf Seiten der Götter der von Zeus inkognito gezeugte Herakles am Kampf teilnahm und den Giganten zusammen mit seinem Vater wahrscheinlich die entscheidenden Verluste beibrachte. Alkyoneus wurde von Herakles ebenso mit einem Pfeil niedergestreckt wie Porphyrion. Und zusammen mit Apollon tötete er Ephialtes, indem die beiden in einer Parallelaktion die Augen ihres Gegenübers mit Pfeilen durchbohrten. In einem Orakelspruch war den Göttern nämlich von den Göttern geweissagt worden, sie würden aus der Gigantenschlacht nur dann als Sieger hervorgehen, wenn sie Verstärkung durch einen Sterblichen erhielten, nicht zuletzt deshalb, weil Giganten von Göttern nicht getötet werden könnten, was sich dann aber nur in Einzelfällen als zutreffend erwies. Bei Peter Weiss ist Herakles übrigens ein früher Repräsentant des Proletariats, was bedeuten würde, dass er sich in der Gigantomachie von der herrschenden Götter-Klasse für ihre Zwecke hat korrumpieren und instrumentalisieren lassen – ein Verdacht, der durch Herakles‘ postmortale Entrückung in den Olymp und seine Vermählung mit Hebe, der Göttin der Jugend, bestätigt zu werden scheint.

Glaukos und Polyidos oder: Man sollte seinem Lehrer auch und gerade dann nicht in den Mund spucken, wenn dieser einen dazu auffordert

Damit er die von ihm erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten in der Kunst der Futurospektion niemals wieder vergessen und verlieren werde, müsse er, der Schüler, ihm, dem Lehrer, zu guter Letzt noch in den Mund spucken, sprach der Seher und Lehrer Polyidos zu seinem Adepten Glaukos. Und auch dieses Mal befolgte Glaukos folgsam die Anweisung seines Mentors und spuckte ihm aus geringer Entfernung in den weit geöffneten Mund. Erst als Polyidos schon wieder in seiner Heimatstadt Argos im Nordosten der Peloponnes angekommen war, bemerkten Minos, König von Kreta, und sein Sohn Glaukos, dass der zwangsverpflichtete Meister-Seher die gerade erst erworbenen prospektiven Fähigkeiten seines Schülers zusammen mit dessen Spucke in sich zurück genommen haben musste, denn bei Glaukos war davon keine Spur mehr vorhanden.

Alles hatte damit begonnen, dass der Knabe Glaukos eines Abends von seinen üblichen Streifzügen durch Knossos nicht wieder nach Hause gekommen war. Nachdem man lange vergeblich nach ihm gesucht hatte, ließ Apollon die Eltern – König Minos und seine Frau Pasiphaë – wissen: wer für die in Minos‘ Stall stehende kuriose Kuh, die dreimal am Tag die Farbe wechselte, einen treffenden Vergleich finde, werde auch den Vermissten finden und ihn letztlich unversehrt an seine Eltern zurückgeben.

Die ortsansässigen Schamanen, Veterinäre, Viehtreiber und Philologen zeigten sich der Aufgabe nicht gewachsen. Erst der im antiken Griechenland weltberühmte Geister- und In-die-Zukunft-Seher Polyidos aus dem fernen Argos verglich in einem gleichfalls weit hergeholten Vergleich die Trikolore-Kuh mit einer Brom- oder Maulbeere, was von Minos für treffend genug gehalten wurde, um Polyides in apodiktischer Manier mit der Wieder-Herbeischaffung seines Sohnes zu beauftragen.

Nachdem ein Seeadler und eine Eule ihm den Weg gewiesen hatten, fand der Seher Glaukos‘ leblosen Körper in einem mit Honig und Glaukos gefüllten Honig-Fass. Bei der Verfolgung seines Balls war der Junge erst in einen Keller und dann in das darin befindliche Fass geraten und einen ungeachtet seiner Süße unangenehmen Tod oder Scheintod gestorben. Alle Wiederbelebungsversuche blieben zunächst erfolglos.

Da ihm von Apollon prophezeit worden war, dass er seinen Sohn unversehrt zurückerhalten werde, war für Minos der Auftrag, den er Polyidos erteilt hatte, noch nicht ausgeführt. Um ihm Gelegenheit zu geben, die Sache ordnungsgemäß zu Ende zu bringen, ließ Minos den Seher zusammen mit seinem bis auf weiteres toten Sohn in die Grabkammer einmauern. Als eine von Polyidos im Halbdunkel der Gruft erschlagene Schlange durch eine zweite Schlange unter Verwendung einer Kräuter-Packung wiederbelebt wurde, gelang es Polyidos in analoger Weise auch den tot geglaubten Glaukos zu reanimieren.

Gewissermaßen zur Belohnung wurde Polyidos ein Ausbildungsvertrag zur Unterschrift vorgelegt. Innerhalb von drei Jahren sollte er Glaukos bei freier Kost und Logis zum Futurologen qualifizieren. Als Polyidos fragte, ob er stattdessen vielleicht auch nach Hause gehen dürfe, erhielt er zur Antwort, dies sei eines jener Angebote, die man nicht ablehnen könne. Polyidos schickte sich in sein Schicksal, aß während der Lehrzeit ein ganzes Fass Honig leer und freute sich auf seine Rache, die entweder süß oder Blutwurst, nach soviel Honig wahrscheinlich die bessere Alternative, sein würde.

Apoll wollte Daphne und bekam einen Lorbeerkranz

Als Jerry alias Jack Lemmon alias Daphne am Ende von Billy Wilders Filmklassiker Some Like It Hot die Perrücke abnimmt und sich als Mann zu erkennen gibt, damit der in Liebe zur vermeintlichen Daphne entbrannte Millionär Osgood Fielding III. endlich von ihr, also von ihm ablassen möge, zeigt Osgood sich keineswegs desillusioniert und erotisch ernüchtert, sondern kommentiert die neue Lage nur relativ unbeeindruckt mit dem Satz: „Well, nobody’s perfect!“

Nicht viel anders reagiert Apollon, als Daphne, die Tochter eines Flussgotts, sich vor seinen Augen und unter seinen Händen in einen Lorbeerbaum verwandelt: „An den Stamm hält er die Rechte / und fühlt noch unter der neuen Rinde die zitternde Brust. / Die Zweige, wie Glieder, mit seinen Armen umschlingend / küsst er das Holz, doch das Holz weicht vor den Küssen zurück.“ So schildert Ovid den Moment, in dem der mit einer plötzlich anderen Daphne konfrontierte Gott keineswegs daran denkt, aus seinem jagdfiebrigen Liebes-Traum zu erwachen und unter der kalten Dusche einer veränderten Realität emotional und genital (oder umgekehrt) zu erschlaffen.

Apollons Wolllust würde wohl auch vor einer floralen Daphne nicht Halt gemacht haben, hätte diese sich ihm nicht auch noch als Holz Gewordene konsequent verweigert. An Daphnes entschiedenem Nein wie an Apolls nicht minder entschiedenem Ja waren die Pfeile des Eros schuld, wobei der goldene Pfeil den einen zum Jäger und der bleierne die andere zur Fliehenden und Gejagten machte. Eros ist nämlich nicht nur der Gott des Haben-Wollens, sondern auch der des Sich-nicht-hingeben-Mögens, also der anti-erotischen transitiven Frustration. Transitiv deshalb, weil nicht die vom bleiernen Pfeil der Verneinung Getroffenen die Frustrierten sind, sondern diejenigen, die das Pech haben, sich zu den Bleiernen hingezogen zu fühlen.

Warum überhaupt hat aber Eros das volatile Viagra in Apollon und den Liebes-Töter in Daphne geschossen? Weil Apoll ihn als schlechten Schützen verhöhnt hat, heißt es. Doch vielleicht wollte der ewige Unruhestifter, der zusammen mit Gaia (der Erde), Nyx (der Nacht) und Tartaros (der Unterwelt noch unter der Unterwelt) unmittelbar dem Chaos entstammte, aus einer nostalgischen Laune heraus für eine Renaissance des Chaotischen sorgen. Da das Chaos aber nicht geboren wurde, konnte es auch nicht wiedergeboren werden. Das Ergebnis des erotischen Experiments mit den kontra-versen Pfeilen war dann auch kein neues altes Chaos, sondern eine so noch nicht dagewesene, symbolträchtige und kulinarisch wertvolle Pflanze. Denn Lorbeerbäume gab es erst, nachdem Daphne sich in deren Prototyp verwandelt hatte.

Wir müssen uns den Verlierer vielleicht nicht als glücklichen Menschen, aber doch als eine andere Art von Sieger, den sexuell Frustrierten als einen sublim Erhöhten vorstellen. Sublimation ist Lorbeer statt Liebesakt. Apollon beschloss, das daphnische Blattwerk umzudeuten und von nun an bis in Ewigkeit einen Lorbeerkranz nicht zum Zeichen seiner Niederlage, sondern als Symbol für das Obsiegen der höheren Werte auf dem Haupt zu tragen. Dass er damit einem weit verbreiteten (offenbar rein männlichen) Bedürfnis Ausdruck verliehen hat, belegen die vielen Lorbeerkranz-Träger (Caesar, Dante, Napoleon, Goethe, die Fußball-Ultras, um nur einige zu nennen), die seinem Beispiel seither gefolgt sind.

Marsyas oder: Die Gnadenlosigkeit der zu frühen Geburt

Im Katalog eines Schweizer Blockflöten-Herstellers werden die Flöten der Baureihe Marsyas folgendermaßen beschrieben: „Die Sopranflöten Marsyas sind fein und elegant klingende Instrumente, die eine erstaunliche Flexibilität und Klangstärke aufweisen. Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang. Das Spektrum reicht von warm bis brillant, der Klang bleibt aber immer elegant.“

Der Satyr Marsyas, Namenspatron dieser Schaffhausener Instrumenten-Baureihe, spielte zwar nicht wirklich auf einer Blockflöte, aber unter Berücksichtigung der zeitlichen und räumlichen Distanz mag seine gleichfalls aus Holz gefertigte Doppelflöte auch eine Art Blockflöte (nur eben ohne Block oder Blöcke) gewesen sein. Zudem gilt: Bei Nacht sind alle Katzen grau und in die Sphäre der Mythen und Legenden entrückt, sind alle Flöten in ihrer äußeren Erscheinung wie auch in Bezug auf ihr Hör-Bild universell flautomorph.

Ursprünglich hatte Marsyas‘ Flöte Pallas Athene gehört und war von dieser wohl auch angefertigt worden. Warum Athene sich von ihr trennte, klingt für den intimen Kenner der griechischen Mythologie ebenso fein wie unverkennbar an, wenn es im Katalogtext heißt: „Selbst bei sanftem Blasdruck sind die Marsyas Altblockflöten sehr farbenreich im Klang.“ Das Spielen auf der Flöte hatte ihr nicht gut zu Gesicht gestanden, wie Athene bei einem Blick in den Spiegel eines Teichs feststellen musste. Man darf vermuten, dass die Flötenbauer- und -spielerin wegen des erforderlichen hohen Blasdrucks rot anlief und ihre Augen ein wenig hervorquollen. Nicht nur der Blockflötenbau im engeren Sinn von Blockflöte will eben gelernt sein.

Als Marsyas die von Pallas Athene weggeworfene Flöte fand, hielt er das zunächst für einen Glücksfall. Einen Satyr entstellt so leicht nichts und Marsyas hatte nicht nur kräftige Lungen, sondern offenbar auch musikalisches Talent. Als er in Kleinasien weltberühmt geworden war, kam es zu einem musikalischen Wettstreit zwischen ihm und Apollon. Ob der Gott den vielleicht allzu sehr von sich eingenommenen Satyr oder dieser den Gott herausgefordert hat, wissen die Götter.

Das Ende vom Lied war, dass die Jury, die nur aus Musen bestand, Apollon zum Sieger erklären musste, nachdem dieser seine Lyra oder Kithara umgedreht gespielt hatte und Marsyas es ihm bei aller Virtuosität als Flötist nicht gleichtun konnte. Zur Strafe, wofür auch immer, wurde dem angeblich unterlegenen Marsyas bei lebendigem Leib die Haut abgezogen – das grausame Ende eines der größten antiken Flöten-Talente mit oder ohne Block.

Ein Nachtrag: Neue Musik-Zeiten, andere Spieltechniken. Würde es heute zu einem Wettstreit zwischen Apollon und einem Blockflöten-Virtuosen kommen, hätte letzterer gute Chancen, mit heiler Haut die Arena wieder zu verlassen. Denn im Zuge der Wiederentdeckung der Blockflöte für die missbräuchlichen Zwecke der sogenannten Neuen Musik ist das Spiel auf der umgedrehten Blockflöte eine der leichteren Übungen.

Der fehlende Großvater oder: In der mythologischen Genealogie ist alles anders

Nehmen wir mal an, dass Apollon (und nicht der einsame Jäger Oiagros) der Vater von Orpheus war, dann hatte Orpheus zwar, wie es sich gehört, zwei Großmütter, aber nur einen Großvater, nämlich Zeus, der seinen Vater Apollon mit Leto und seine Mutter Kalliope (die älteste und weiseste der neun klassischen Musen) mit Mnemosyne (der Göttin der Erinnerung) dem Kosmos hinzugefügt hatte. Anders gesagt: Orpheus‘ Eltern Apollon und Kalliope waren Halbgeschwister. Sie setzten damit eine inzestuöse Familientradition fort, denn Orpheus‘ doppelter Großvater Zeus hatte Orpheus‘ Mutter Kalliope mit der eigenen Tante Mnemosyne, der Schwester seines Vaters Kronos gezeugt. Was, noch einmal anders gesagt, hieß, dass eine von Orpheus‘ Großmüttern (Mnemosyne) und einer seiner Urgroßväter (Kronos) Geschwister waren. Man könnte also sagen, auf der Ebene der Großeltern fehlte Orpheus nicht nur ein Großvater (Zeus spielte die Rolle des Doppel-Großvaters), sondern in gewissem Sinn auch eine Großmutter, da Oma Mnemosyne als Schwester des Urgroßvaters Kronos der Generation der Urgroßeltern angehörte. Überlassen wir es den Genealogen und Psychiatern zu entscheiden, ob Orpheus trotz oder gerade wegen dieser familiären Defizite zum Urbild der Sänger und Dichter, Lehrer der Orphiker und Autor der orphischen Schriften geworden ist.