Hypermestra oder: Kleinfamilie statt genealogischer Hypertrophie

Vorbemerkung: Zu den populären mythische Personen-Konstellation gehören die verfeindeten Zwillingsbrüder. Atreus und Thyestes waren so ein prekäres Pärchen, aber auch Danaos und Aigyptos, bei denen das Antipodische darin gipfelte, dass der eine, Danaos, es irgendwann auf fünfzig Töchter und der andere, Aigyptos, auf fünfzig Söhne gebracht hatte. Um eine nachhaltige Versöhnung beziehungsweise Vertöchterung herbeizuführen, schlug Aigyptos vor, die beiden Großfamilien miteinander zu verheiraten, ein genealogisches Zukunftsprojekt mit gigantomanischen Zügen, auf das sich Danaos nach längerem Sträuben doch noch, aber, wie sich herausstellte, nur zum Schein einließ.

Sieben auf einen Streich – der märchenhafte Gruppen-Totschlag des sogenannt tapferen Schneiderleins ist nichts gegen den von Danaos befohlenen Massenmord an den Söhnen seines ihm verhassten Zwillingsbruders Aigyptos, dem König von, ja genau: Ägypten. Sieben mal Sieben in einer Nacht! Und runde Fünfzig wären es gewesen, wenn sich Hypermestra wie ihre neununddvierzig Schwestern an die Weisung ihres Vaters gehalten und ihrem Ehemann Lynkeus in der Hochzeitsnacht vor, während oder nach dem Liebestod den Garaus gemacht hätte – im Falle des während ein Koitus interruptus der besonderen Art.

„Dreimal erhob meine Hand das spitze Schwert, dreimal fiel sie zurück, nachdem sie das Schwert in schlimmer Absicht erhoben hatte“, schrieb Hypermestra in einem von Publius Ovidius Naso erst viele Jahrhunderte später veröffentlichten Brief an ihren gerade noch dem Tode entronnenen Ehemann. Aus dem etwas verworrenen Schreiben geht nicht eindeutig hervor, ob sie Danaos, ihrem Vater und König von Argos, den Gehorsam aus Liebe zu Lynkeus verweigerte, oder weil sie der Meinung war, „aptior est digitis lana colusque meis“, also dass Wolle und Rocken als Waffen des Friedens für ihre Finger angemessener seien als eine Kriegswaffe.

Hypermestras wie auch immer motivierte Kriegsdienstverweigerung führte jedenfalls dazu, dass Lynkeus die Hochzeitsnacht der langen Messer anders als seine neundundvierzig Brüder und Halbbrüder unbeschadet überstand, während Hypermestra wegen ihrer Treue zum falschen Mann zunächst in Ketten gelegt und vor Gericht gestellt wurde. Sehr wahrscheinlich war es die Fürsprache Aphrodites, die zu ihrem Freispruch führte. Da man zwischen Korruption und Götterverehrung schon und gerade in mythischen Zeiten nicht klar unterscheiden konnte noch wollte, ließ Hypermestra im Gegenzug zu Ehren der Liebes-Göttin von einem damals namhaften Bildhauer eine Statue anfertigen und im Tempel des Apollon aufstellen. Anschließend dauerte es dann auch nur noch ein paar Jahre, bis Danaos seinen Schwiegersohn Lynkeus als solchen anerkannte und ihn zu seinem offiziellen Nachfolger auf dem Thron von Argos erklärte.

In einem Gedicht von Horaz wird Hypermestra wegen ihres Verrats am Vater als splendide mendax, als bewundernswert heuchlerisch gepriesen, doch ist das ein Ehrentitel, auf den in diesem wie in anderen Mythen-Thrillern beinahe jeder Akteur und jede Aktrice Anspruch erheben könnte.

Am Wadi Inachos: Ios mythographische Spuren im Sand

Now you say you’re lonely, you cried a long night through. Well, you can cry me a river, cry me a river: I cried a river over you – schrieb der amerikanische Songwriter Arthur Hamilton, der eigentlich Stern hieß, 1953. Ein Song, der dann von Julie London zwei Jahre später populär gemacht wurde. Die Sängerin und Schauspielerin hatte ihre Karriere als Fahrstuhlführerin, also quasi als Tellerwäscher begonnen.

Der erste, der einen Fluss zusammengeheult hat, war aber nicht der reuig gewordene Ex-Lover des lyrischen Ichs von Hamilton und London, sondern Inachos, der König von Argos, nachdem er von Zeus aus Mitleid in ein trockenes Flussbett verwandelt worden war. Mitleid oder eine göttliche Geste der Menschlichkeit war die absonderliche Metamorphose deshalb, weil Inachos zuvor unter schweren Anfällen von Angina Pectoris gelitten hatte, angeblich ausgelöst durch einen um sein Herz gewundenen Strick. Den hatte sich Inachos letztlich selbst gedreht, indem er Gott und die Welt und schon im voraus Teile seiner Nachkommenschaft zu verfluchen nicht müde geworden war. Dass die Rachegöttin Tisiphone es gewesen sei, die aus zusammengetragenen Partikeln des von Inachos verfluchten Kosmos‘ ein Seil verfertigt und selbiges dem von Hass Erfüllten ums Herz gelegt habe, ist eine Theorie, die mit dem Fortschritt der medizinischen Aufklärung eigentlich obsolet geworden ist, die aber von ewig Mythologischen bis heute vertreten wird.

Seine Umwandlung in ein Flussbett ohne Fluss war aber nicht der Grund dafür, dass Inachos weinte und, indem er weinte und weinte, in einem Akt autopoietischer Selbstverwirklichung zum fließenden Gewässer mutierte. Nein, seine Tochter Io in Gestalt einer weißen Kuh war es, die ihn zu Tränen rührte. Zur Kuh war sie wegen und durch Zeus geworden. Wenn Zeus jemanden, häufig sich selbst, verwandelte, dann war das nicht selten erotisch motiviert. In Ios Fall wollte er verhindern, dass seine Gemahlin Hera auf die Idee kam, er wolle etwas mit ihr, also mit Io, anfangen. Als ob er noch nie Bock auf eine Kuh gehabt hätte, aber daran wollte Zeus in diesem Moment auch und gerade durch sich selbst nicht erinnert werden. Hera, die im Verdrängen von peinlichen Erinnerungen nicht so routiniert war wie ihr Gemahl, schickte sicherheitshalber eine Bremse los, damit sie die weiße Kuh, die angeblich nicht Io war, fortan vor sich her treibe.

So kamen Io und die Bremse eines Tages auch an ein trockenes Flussbett, das ihrem Vater Inachos zum Verwechseln ähnlich sah. Da sie nicht sprechen und das Flussbett wahrscheinlich nicht hören und antworten, aber möglicherweise lesen konnte, schrieb sie mit ihrer linken Rinder-Klaue, Io war Linkshuferin, die ganze tragische Geschichte von ihrer Zwangsverpflichtung zur Tempel-Priesterin der Hera, ihrer sexuellen Belästigung durch einen Traum, in dem Zeus sie möglicherweise sexuell belästigen wollte, ihrer erzwungenen Um-die-Welt-Flucht nach der Verwandlung in eine Kuh, mithin all das, worüber ihr Vater so allumfassend in Rage geraten war, in den Sand am Rand und also in Sichtweite des Flussbetts. Um ihrem Vater Inachos ein Lebenszeichen zu hinterlassen, hätte ein schlichtes Io was here ja genügt. Aber sie wollte sich das alles einmal von der Seele schreiben und auch ihrer Bremse kam, nach kurzer Rücksprache, eine Verschnaufpause nicht ungelegen.

Nachdem Io den langen Brief zur Erklärung ihres damals überstürzten Abschieds mit einem liebe Grüße, Deine Io beendet hatte, weckte sie die Bremse aus ihrem Schlummer und ließ sich von ihr nach Ägypten treiben, um dort ihren Anspruch auf die noch unbesetzte Stelle der Göttin Isis anzumelden. Wegen des Mythographs im Sand, das mittlerweile von den Tränenfluten des durch seinen Inhalt gerührten Inachos fortgespült worden war, waren sie spät dran und mussten sich, in Ägypten angekommen, hinten anstellen. Direkt vor Io warteten Demeter und Aphrodite, vor diesen Pallas Athene, Artemis und, ausgerechnet, Hera. Die anderen Aspirantinnen waren Io namentlich nicht bekannt.

Wer die Stelle bekommen hat, ist mythologisch umstritten. Daraus, dass Isis häufig mit dem Kopf einer Kuh oder mit Kuhhörnern dargestellt wird, schließen einige, dass es wohl Io gewesen ist, welche die Jury am Ende überzeugen konnte. Zumal die Bewerbungen der oben genannten Göttinnen nur als uneigentliche Gesten zum Zeitvertreib, als eitle Launen ihrer olympischen Natur verstanden werden können. Sie wussten genau, dass Zeus sie niemals aus ihrem auf ewig und drei Tage geschlossenen Vertrag entlassen würde.

Nachbemerkung: Mythische Geschichten sind in der Regel inhaltlich komplex und psychologisch kompliziert. Sie möglichst einfach und der Reihe der Ereignisse nach zu erzählen, würde ihrer semantisch-symbolischen Tiefenstruktur auf der Ebene der äußeren Form durchaus nicht gerecht werden.

Die Geschichte von Amor und Psyche wie sie von Jupiter rekapituliert wurde, bevor er sie Apuleius in den Stilus diktiert hat

Dass Voluptas, deren Namen man je nach psycho-sozialer Befindlichkeit übersetzen wird oder wird übersetzen wollen mit Geilheit, Wollust oder Freuden beziehungsweise Wonnen der Liebe, dass also Voluptas eine Tochter des Liebes-Gottes und des schönsten aller schönen Seelchen ist, hätte man sich, wenn man es nicht immer schon gewusst oder geahnt hat, eigentlich denken können. Der bis dahin offenbar noch wollustlose und also irgendwie anders erregte und erigierte Amor zeugte Voluptas mit Psyche, spätestens nachdem Zeus alias Jupiter dieser einen Teller Ambrosia vorgesetzt und sie durch gutes Zureden dazu gebracht hatte, die für ihren noch allzu menschlichen Gaumen gewöhnungsbedürftige Götter-Suppe restlos auszulöffeln. Ohne Ambrosia gibt’s keinen Amor und ohne diesen kein Happyend, hatte Zeus lakonisch festgestellt. Nur durch die Einnahme des olympischen Antidots gegen den Tod erlangte Psyche jene göttliche Unsterblichkeit, die sich Amors Mutter Venus Aphrodite als Voraussetzung für ihre Zustimmung zur Verbindung ihres Sohnes mit einer rein von Menschen Geborenen angeblich ausbedungen hatte. Dass es sich in Wahrheit ein wenig anders verhielt, macht im Endeffekt keinen Unterschied. Aber eins nach dem anderen.

Am Anfang war der Neid, spottete Jupiter, daher als erstes ein Löffelchen für deine zukünftige Schwiegermutter Venus, die vor unserer Integration in den römischen Kult- und Kulturraum Aphrodite hieß, und die mit ihrer rasenden Eifersucht auf deine Schönheit die Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Als nächstes ein Löffelchen für Zephyr, der dich, als du nach einem Beschluss des delphischen Orakels angeblich einem Ungeheuer vermählt werden solltest, wie ein milder Westwind sanft vom Warte-Felsen geholt und in Amors Palast geweht hat. Auch je ein Löffelchen für deine beiden törichten Schwestern, ohne deren infektiöse Neugier du noch immer Nacht für Nacht mit Amor amore machen würdest ohne jemals zu erfahren, wer da alle vierundzwanzig Stunden zu sich selbst zu Besuch kommt, um noch vor Morgengrauen wieder zu entschwinden. Zum Glück war das die Nachtigall und nicht die Lerche, murmelte er einmal, bevor er sich aufrappelte und die Tür hinter sich ins Palast-Schloss zog. Aber schon in der nächsten Nacht hast du dem Drängen deiner Schwestern nachgegeben und im Licht einer Öllampe die Gesichtszüge des Schlafenden studiert, wobei ein Tropfen heißen Öls auf seine schöne Schulter gefallen war. Wortlos hatte Amor seine Sandalen angezogen und war für immer gegangen. Es heißt, du habest danach deine Schwestern umgebracht, was ich mir bei dir aber wirklich nicht vorstellen mag, weshalb ich den Gerüchten nie Glauben geschenkt habe.

Das viele Reden hatte Jupiter durstig gemacht. Er ließ sich eine Schale Nektar bringen und fuhr, an Psyche gewandt, fort: Nun aber unbedingt noch ein Löffelchen für die Ameisen, die dir geholfen haben, die schlechten Körner auszulesen, für das Schilf, mit dessen Hilfe du den menschenfressenden Schafen entkommen bist und für den Adler, der dir das Wasser vom Styx gebracht hat. Lauter vermeintlich unlösbare Aufgaben, die dir von der tobenden Venus gestellt worden waren, derweil sie ihren Sohn Amor mit Hausarrest bestraft hatte. Wie konntest du aber auch auf die Idee kommen, bei deiner Suche nach Amor ausgerechnet sie nach seinem Aufenthaltsort zu fragen!

Das vorletzte Löffelchen, sagte Jupiter dann, ist für Proserpina, die Göttin der Unterwelt, die dir bei der Erledigung des vierten und schwersten Auftrags mitleidig entgegengekommen ist. Die an ihrer Schönheit immer verzweifelter zweifelnde Venus hatte von dir verlangt, ihr mindestens sieben Kyathoi von der Schönheit der Proserpina zu bringen. Mit der Bemerkung, dass vier Kyathoi mehr als genug sein dürften, hatte dir Proserpina einen verschließbaren Taschen-Krater in die Hand gedrückt. Wenn du geahnt hättest, dass sich in dem Tongefäß nicht Schönheit, sondern eine große Müdigkeit befand, hättest du auf dem Rückweg der Versuchung, den Krater zu öffnen, vielleicht widerstanden. Du hattest Glück, dass Amor nach Missachtung des ihm auferlegten Hausarrests dich fand und wachküsste, noch bevor die Heckenrosen, in die du gesunken warst, über dir zusammenwachsen konnten. Er hat mich dann gebeten, ein Machtwort zu sprechen und seiner Mutter ein Angebot zu machen, das sie nicht würde ablehnen können. Also schlug ich Venus, von der ja einige sagen, dass sie meine Tochter sei, vor, dich durch das Verabreichen von Ambrosia unsterblich zu machen, damit sie an ihrer Schwiegertochter wenigstens in puncto Unsterblichkeit nichts auszusetzen hätte. Erst genauso schön wie ich und jetzt auch noch unsterblich, zeterte Venus, sah dann aber ein, dass jeder weitere Widerstand zwecklos gewesen wäre.

So, sagte Jupiter, indem er die noch im Teller befindlichen Ambrosia-Reste zusammenkratzte. Und dieses letzte Löffelchen ist für einen, den du noch nicht kennst, aber, da du jetzt unsterblich geworden bist, zu gegebener Zeit kennenlernen wirst. Er wird Apuleius heißen und ein römischer Dichter sein. Ihm werde ich die Geschichte von Amor und Psyche in den Stilus diktieren, während es ihm so vorkommen wird, als würde sie ihm eben gerade einfallen. Dann wird es auch seine Erzählung sein und nicht mehr nur die unsere. Denn nur die Geschichten gehören einem wirklich, die man selbst nacherzählt hat.

Eris und kein Ende

Steh auf, Männchen, sagte Thetis zu Peleus, die ersten Götter werden gleich da sein. Und du weißt ja: keiner hat abgesagt. Tatsächlich kamen alle bis auf die eine, die nicht zur Hochzeit eingeladen worden war: Eris, die Göttin der Zwietracht, Tochter der Nacht Nyx. So sah es jedenfalls eine Zeitlang aus, bis sie dann doch noch aufkreuzte. Offenbar hatte jemand den Mund nicht halten können oder wollen.

Dass die Braut eine Nymphe war, auf die Zeus zu Gunsten von Nemesis, der leiblichen Mutter Helenas, verzichtet hatte, tut eigentlich nichts zur Sache. Erklärt aber, warum Thetis ihren Bräutigam zu dessen Leidwesen eingangs als Männchen angesprochen hat. Verglichen mit Zeus war er für sie ein Mann im Diminutiv, da konnte Peleus sein und haben wie und was er wollte.

Als Göttin der Zwietracht führte Eris stets mindestens einen Zankapfel mit sich. So auch an diesem Abend. Der Apfel war aus Gold und trug die Gravur Für die Schönste. Eris hatte auch welche aus Silber, aber die waren nicht so wirkungsvoll und liefen ständig an. Sie hatte es schon erleben müssen, dass die Leute, anstatt sich um einen ihrer silbernen Äpfel zu zanken, voller Eifer aber durchaus gesittet darüber diskutierten, wie man ihn am besten reinigen könne.

Bei Eris‘ Eintreffen war das Hochzeitsfest in vollem Gang und bei Nektar und Abrosia unterhielt man sich angeregt. Höchste Zeit, für ein wenig böses Blut zu sorgen, was für „die rastlos lechzende Eris“, wie es bei Homer heißt, „wandelnd von Schar zu Schar“ kein Problem war. Hera (der sie es, wie sie ahnte, zu verdanken hatte, dass sie nicht eingeladen worden war), Pallas Athene und Aphrodite – diese drei waren Eris schon immer gegen den Strich gegangen. Als sie das Trio als kleinstmögliche Schar beisammenstehen und ihr wegen ihrer hinkend-kümmerlichen Gestalt abschätzige Blicke zuwerfen sah, ließ sie wie aus Versehen den folgenreich beschrifteten (Für die Schönste) goldenen Apfel fallen. Er rollte vor die Füße der Grazien und blieb mit der Gravur nach oben liegen.

Schon damals galt, was die nicht an Eris glaubenden Eris-Gläubigen, die sogenannten Diskordier, kürzlich in einem ihrer Gebote so formuliert haben: „Jeder goldene Apfel ist das geliebte Heim eines goldenen Wurms.“ Doch sollte, da Zeus es so wollte, erst einige Zeit später der Trojaner Paris den Gold-Wurm stichigen Gold-Apfel in die seiner Meinung nach richtigen Hände legen. Das waren die der Aphrodite, aber nicht, weil Paris diese für die Schönste hielt, sondern weil ihr Bestechungsangebot für ihn das verlockendste war: Die schönste Frau der Welt gegen die Verleihung des Titels einer Miss Olymp.

Zank und Streit waren mit dem Urteil des Paris natürlich nicht beigelegt, sondern erreichten im nun kaum noch vermeidbaren Trojanischen Krieg (Helena, die schönste Frau der Welt, war nämlich schon mit Menelaos verheiratet) einen Höhepunkt nach dem anderen. Demgegenüber ist der astronomische Kategorien-Streit über die Frage, ob Pluto ein Planet „ist“ oder nicht, vergleichsweise harmlos. Der neulich neu entdeckte Himmelskörper, der die Kontroverse ausgelöst hat, erhielt völlig zu Recht den Namen Eris.

Aphrodite kam zu spät

Beim Gang durch die ineinander verschachtelten Räume des Mythologischen begegnen einem immer wieder Akteure, über die man allein schon ihres Namens wegen eine, also ihre Geschichte erzählen möchte. Amphiaraos ist so ein Fall oder, beinahe verheißungsvoller noch: Parthenopaios. Beide Namensträger gehörten zu den Sieben gegen Theben. Und für beide nahm das von Polyneikes, einem der unseligen, da inzestuös gezeugten Söhne des Ödipus, angezettelte thebanische Abenteuer kein gutes Ende.

Weil sie ihn nach seiner Selbst-Blendung und seiner anschließend verfügten Verbannung aus Theben schmählich im Stich gelassen hatten, verfluchte Ödipus seine beiden Söhne Eteokles und Polyneikes: Durch das Schwert des jeweils anderen sollten sie nach Ödipus‘ rachsüchtigem Willen zu Tode kommen. Der Versuch des Polyneikes, mit der Unterstützung der sechs anderen altgriechischen Samurai die Herrschaft in Theben an sich zu reißen, schuf also nur die äußeren Rahmenbedingungen für die Möglichkeit der Realisierung dieser unväterlichen Option. Mitgegangen, mitgehangen: Warum Parthenopaios als einer von sieben Verlierern mit in den Krieg gegen Theben gezogen ist? Eine perikonzeptionale Traumatisierung wäre womöglich ein triftiger Grund, warum einer ein dubioses Angebot wie dieses nicht ablehnen konnte: Komm mit, sagte Polyneikes zu Parthenopaios, etwas besseres als das, was wir gleich zu Beginn unseres Daseins erleben mussten, werden wir überall finden.

Die Zeugungs-Schande des Polyneikes ist hinreichend erörtert worden, ohne sie wäre die Psychotherapie heute nicht das, was sie ist. Worin aber bestand die Schmach bei der Entstehung des Parthenopaios? Auch in seinem Fall wurde eine Grenze überschritten – nicht die zwischen den Generationen, sondern die zwischen den Arten. Wenn ein Löwe eine Löwin begattet, sollte dabei kein Mensch gezeugt werden, was bei Parthenopaios aber quasi geschehen ist.

Mit Hilfe der Aphrodite war es Parthenopaios‘ zu diesem Zeitpunkt noch zweibeinigem Vater gelungen, schneller zu laufen als seine zukünftige Gemahlin Atalante, zu deren Gewohnheiten es gehörte, Heiratskandidaten erst beim Wettrennen zu schlagen und anschließend zu töten. Als Atalante sich gleich nach ihrer Niederlage ein wenig überstürzt im Tempel der Aphrodite von ihrem Bezwinger übermannen ließ, bestrafte die eben noch wohlwollende Aphrodite diesen Verstoß gegen ihre Hausordnung mit Verwandlung in eine andere Spezies. Da sie wie alle antiken Griechinnen und Griechen noch wusste, dass ein Löwe nur mit einer Leopardin kann, fiel ihr trotz der damals noch viel größeren Artenvielfalt die Wahl nicht schwer – bestand Aphroditens perfide Absicht doch darin, das Paar, dessen Paarung sie eben erst ermöglicht hatte, im nächsten Moment erotisch-sexuell für immer getrennte Wege gehen zu lassen und dabei wie zum Hohn den äußeren Schein der Zusammengehörigkeit zu wahren.

Jedoch: Der spätere Mitstreiter des Polyneikes kam zur Welt – psychisch schwer angeschlagen, aber in menschlicher Gestalt. Wofür es nur eine Erklärung gibt: Parthenopaios‘ Vater war noch früh genug und Aphrodite zu spät gekommen.

Noch immer nichts Neues von Alpha Kentauros?

Im Märchen heißt es am Ende: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Im Mythos leben die Götter fort, solange sich Menschen für die alten Geschichten interessieren, was spätestens seit der Renaissance wieder der Fall ist. Aber was ist mit ihrem Fortleben außerhalb der Mythen und Hörbücher? Betrügt Zeus Hera noch immer und, wenn ja, warum erfahren wir trotz Twitter und Facebook nichts davon?

Oder nehmen wir Hephaistos, den Hera mit oder ohne Zeus‘ Zutun zur Welt brachte. Da sie ihn für eine Missgeburt hielt, warf ihn seine Mutter kurzerhand aus dem Olymp, also quasi auf den Müll. Ob er schon vorher oder erst danach eine Gehbehinderung hatte, ist umstritten. Anstatt sein Schicksal klaglos hinzunehmen, sorgte Hephaistos dafür, dass seiner olympischen Sippe nichts anderes übrig blieb, als ihn wieder aufzunehmen – ein goldener Thron, den er Hera zum Geschenk machte, spielte bei diesem Erpressungsmanöver eine tragende Rolle.

Auch mit zwei weiteren wichtigen Frauen in seinem Leben hatte der hinkende Hephaistos kein Glück. Seine erste Ehefrau, die schöne Aphrodite, betrog ihn bei jeder Gelegenheit – zuletzt mit dem unsympathischen Kriegsgott Ares. Als Zeus Hephaistos in zweiter Ehe mit Pallas Athene verheiraten wollte, entzog diese sich dem Vollzug der Ehe zunächst durch Flucht und dann durch Verweigerung. Da Hephaistos sich zum Ausgleich mit diversen Nymphen und illegitimen Zeus-Töchter einließ, dürfte die Zahl seiner erotischen Begegnungen dennoch nicht an den Fingern einer Hand abzählbar gewesen sein.

Eine andere längere Liste ergibt die Aufzählung der von Hephaistos erfundenen und hergestellten Artefakte, darunter auch Gebäude: Zwei Roboter (mechanische Dienerinnen) aus Gold, das Tor des Palastes und diverse Hallen auf dem Olymp, ein Thron für Hera mit unsichtbarer Fessel, ein Zepter und ein Donnerkeil für Zeus, der Wagen des Helios, der Halsschmuck der Harmonia, ein goldenes Fell zur Erzeugung von Gewittern für Pallas Athene, die feuerspeienden Stiere des Aietes, Pandora als Gattin für Epimetheus, der Bogen der Artemis, Pfeile für Apollon und Artemis, das Fangnetz für Ares und Aphrodite, die Kette, mit der Prometheus an den Kaukasus gefesselt wurde, die Rüstung des Ares, Waffen und Schild des Achilles, Schild des Aeneas, ein Bronzeriese (Talos), der Kreta bewachte, der Zweizack des Hades, der Dreizack des Poseidon.

Das ist nicht wenig, aber war das schon alles? Müsste eine Biographie (falls davon bei Göttern die Rede sein kann) beispielsweise des Hephaistos nicht ad infinitum fortgeschrieben werden und hätten wir heute mit dem Internet-Blog nicht das adäquate Medium dafür? Wir richten die Antennen gen Alpha Centauri, um uns etwaige Signale von intelligenten Wesen aus den Tiefen des Alls nicht entgehen zu lassen. Sucht auch jemand im Webspace nach Überlebenszeichen des Kentauros, den der getäuschte Ixion mit der Wolke Nephele zeugte? Wenn die Götter sich zurückmelden, werden sie sich der Smartphones, i-Pads, Laptops und Notebooks bedienen, um uns zu sagen: Fürchtet euch, denn wir waren niemals tot und jetzt sind wieder da.

Vom Abphall zur Aphrodite

Wie in Schillers Ballade zu Dionys, dem Tyrannen, Damon – so schlich zu Uranos, dem Titanen, dessen eigener Sohn Kronos. Im Gewand oder offen in der Hand hielt Kronos keinen Dolch, sondern eine Sichel. Auch wollte er nicht „die Stadt vom Tyrannen befreien“, sondern den himmlischen Begatter seiner Erden-Mutter Gaia von dessen Männlichkeit, und zwar während des Vollzugs. Was er dann auch tat – eine ziemliche Sauerei muss das gewesen sein.

Gaia hatte diese drastische Maßnahme der Familienplanung für erforderlich gehalten, weil Uranos, obwohl er unverdrossen fortzeugte, mit den Resultaten des ehelichen Verkehrs zwischen Himmel und Erde immer weniger zufrieden war. Auf eine Zeit der schönen Titanen-Heldinnen und -Helden war eine Periode der hässlichen Kyklopen und der nicht minder abstoßenden Hekatoncheiren (der „Hundertarmigen“, um Namen zu nennen: Kottos, Biareos, Gyes) gefolgt. Als nun Uranos diese in den Schoß der Erde zurückzustoßen begann, befand Gaia, dass etwas getan werden müsse.

Nachdem Kronos (er war als einziger der Söhne dazu bereit gewesen) dem Entmannungs-Wunsch der Mutter nachgekommen war und das Glied, um den grellen Vorgang abzuschließen, rücklings über die Schulter ins Meer geworfen hatte, tanzte dieses dort so lange auf den Wellen, bis aus dem weiß umschäumten Treibgut heraus Aphrodite, „die im Schaum Aufstrahlende“, geboren wurde.

Aus einem vorübergehend nutzlos gewordenen Ding wurde unter Zutun des Meeres die Göttin der Liebe und Schutzherrin der Fortpflanzung und seiner Organe. In der Terminologie des Recycling ein klarer Fall von sogenanntem Upcycling, bei dem es zu einer stofflichen (hier sogar existenziellen) Aufwertung kommt. Vom Abphall zur Göttin: wenn das kein Quantensprung auf der ontologische Karriereleiter ist.